Skandiblog 8: Durchs wilde Schweden

Nachdem ich relativ viel Zeit in Südschweden verbracht habe, soll es heute endlich nach Norwegen gehen. Da aber das stundenlange reine Kilometerfressen auf Autobahnen in Schweden ebenso langweilig ist wie in Deutschland, will ich von Borås aus einen großen Schlenker über Joenkoeping nach Osten machen und die beiden größten schwedischen Seen umrunden, Vaenern und Vaettern.

Schnell stellt sich heraus, dass dieser Teil Schwedens zwar landschaftlich durchaus angenehm ist, aber immer noch arg reizarm und flach. Vielleicht lag es auch an meiner sehr groben Straßenkarte (die hochdetaillierte habe ich anscheinend in Malmoe liegenlassen), auf der interessantere kleine Seitenstraßen nicht verzeichnet waren, sofern es denn welche gab. Die Seen dagegen enttauschen mich etwas: Sie sind einfach nur sehr, sehr groß und ihre Ufer gerade.

Schwedenstrasse_1024

Auf der Plusseite kommt man auf solchen gut ausgebauten Landstraßen wenigstens schnell voran. Das Wetter ist auch – endlich – mal gut, es ist also ein recht angenehmer Trip.

Headlines_1024

Kurze Pause in einem Dorf irgendwo nördlich von Motala. Am Kiosk hängen die Schlagzeilen der Lokalpresse: „Barnens Kanin brutalt doedad“ meldet die Vadsteda Tidning – Kinderkaninchen brutal getötet. Hier möchte man Polizist sein. Journalist dagegen lieber nicht. Wie bekommen die Kollegen hier wohl jeden Tag die Zeitung voll?

Calibra_1024

Hinter diesem Bild verbirgt sich denn auch bestimmt eine mehrseitige Sensationsreportage. Auch in der schwedischen Provinz ist es offenbar nicht ratsam, sein Auto nachts auf einem unbewachten Parkplatz abzustellen. Aber wahrscheinlich war dieser Opel Calibra an der Landstraße 50 schon tot, als er am Straßenrand entsorgt wurde.

Hammarsundet_1024

Die Brücke über den Hammarsund an der Nordspitze des Vaetternsees. Von dort aus geht es wieder durch bewaldetes Gebiet nach Westen, am Vaenernsee vorbei – von dem ich praktisch gar nichts sehe – in Richtung norwegische Grenze.

Karlstad-Sandwich_1024

Rast in Karlstad, nach etwa 380 Kilometern. Mein Versuch, mich der schwedischen Küche anzunähern, bringt mich in den Besitz eines Koettbullar-Sandwiches mit Rote-Bete-Salat, sowie eines Marabou-Schokoriegels und einer Flasche Trinkjoghurt. Mal ehrlich: Das kriegt man auch bei Ikea in Heerlen.

Etwa eine Stunde später bin ich in Norwegen. Eine Grenzkontrolle gibt es nicht. Dafür setzt beinahe metergenau hinterm Schlagbaum Regen ein. Endlich wieder. Von jetzt an kann nicht mehr fotografiert werden. Außerdem ist der Verkehr zu dicht. Mit einem drängelnden Volvo-Sattelschlepper im Nacken hält man nicht mehr einfach so am Straßenrand.

Mit ängstlich genau eingehaltenen 80 Stundenkilometern – die Strafen in Norwegen sind drakonisch und liegen schnell bei vielen hundert Euro schon bei geringen Überschreitungen – geht es über die E18 Richtung Oslo. Auf der überfüllten und verschlungenen Stadtautobahn macht sich das Navigationsstystem ein weiteres Mal bezahlt. Nur mit der Straßenkarte im Sichtfach des Tankrucksacks kommt man nicht weit, wenn man ständig den Verkehr im Auge behalten muss.

Von Oslo aus sind es noch einmal rund 50 Kilometer weiter nach Hønefoss, meiner nächsten Station. Ausgekühlt und nass komme ich an. Puh.

Rund 660 Kilometer waren es heute insgesamt. Was die Schlussfrage des letzten Artikels angeht: Das Zweirad hat die lange Strecke klaglos mitmacht. Das Sitzfleisch des Fahrers ist ganz froh, dass der Tag zu Ende ist.

Skandiblog 7: Tiere, Kunst und Chrom

Meine naechste Station ist das oestlich von Goeteborg gelegene Borås. Kennt Ihr nicht? Macht nichts, ich auch nicht. Die groesste Stadt Vaestergoetlands (63.000 Einwohner) ist auch vor allem unter Experten fuer Textilien ein Begriff. PENTAX Image

Hier lag einmal das Zentrum von Skandinaviens Textilindustrie. Wie es der Stadt in den vergangenen Jahrzehnten gegangen ist, als dieser Wirtschaftszweig den Bach runterging, kann man sich ausmalen.

PENTAX Image

Doch die „Stadt der Vielfalt“, wie sie sich nennt, gefaellt mir besser als erwartet. An der Palmenpromenade am Stadsparken weht sogar ein Hauch von Karibik durch die Luft.

PENTAX Image

Sogar in die Zukunft konnten sie gucken, die Einwohner: Am Wasserbecken am Radhaus kriecht ein die Krise der Textilwirtschaft symbolisierender Drache auf das Stadtwappen mit den Scheren zu. Wenn das mal nicht prophetisch war.

PENTAX Image

Wasserschildkroeten am Brunnen auf dem Store Torget, dem Grossen Platz vor dem Rathaus. Die Boråsianer haben eine Schwaeche fuer Tiere, aber dazu gleich mehr.

PENTAX Image

Denn im Moment haben sie vor allem eine Schwaeche fuer Kunst. So wie diese moderne Adaption von Stonehenge hier. Sie ist zwar nicht so gross wie das Original, dafuer kann man drauf sitzen.

PENTAX Image

Manchmal macht Kunst schwindelig. Schlimm, wenn dann kein Steinstuhl in der Naehe ist.

PENTAX Image

Dies dagegen ist Kunst im Stadtbild, wie man sie mag: Farbenfroh und abwaschbar. Eine Plastik im schoensten Sinne des Wortes.

PENTAX Image

Doch Kunst muss gar nicht immer schwer verstaendlich sein. Was dieses Werk hier vor der Hochschule ist, erkennt jeder auf den ersten Blick. Ein typischer Student.

PENTAX Image

Keine Kunst: Topaktuelles Tastentelefon in historischer Huelle.

PENTAX Image

Doch zurueck zu den versprochenen Tieren. Borås hat naemlich auch einen Zoo. Den groessten in Westschweden und einen der ersten ueberhaupt, in dem die Tiere in grossen Freigehegen zusammen frei herumlaufen durften.

Zwei Stunden lang laufe ich selbst zwischen ihnen frei herum. In der schweren Motorradmontur schwitze ich mir abwechselnd einen Wolf (sagt man das so? Woelfe gibt es jedenfalls auch hier im Zoo) oder lasse mich vom obligatorischen Regen nassmachen.

0138_Falthirsch_1024

Dieser etwas melancholisch dreinblickende Falthirsch markiert leider (oder gottseidanke) meine einzige Begegnung mit skandinavischem Rotwild.

PENTAX Image

Diese Tierchen erinnern daran, dass es bis zum Polarkreis nicht mehr weit ist. Hach, das Nordkap…

PENTAX Image

Wesentlich naeher, naemlich nur 16 Kilometer vor der Stadt, liegt in Hedared die einzige erhaltene Stabkirche Schwedens. Dass sie nicht wirklich stabfoermig ist, sagt viel aus.

0167_Kirchenfahne_1024

In den winzigen Innenraum des Holzbaus gehen mit etwas gutem Willen rund 70 Personen hinein. Das reicht fuer eine Hochzeitsgesellschaft, wenn sich beide Familien gut verstehen.

PENTAX Image

Wie mir die freundliche Fremdenfuehrerin erklaert, kann man sich in dem rund 500 Jahre alten Gotteshaus tatsaechlich trauen lassen.

6361_Buick_1024

Abends gibt es dann noch etwas andere Altes zu bewundern, naemlich Chrom. Auf dem Store Torget findet ein Treffen von zwei- und vierraedrigen Oldtimern statt.

Indian_1024

Mit Chrom ist es bei dieser uralten unrestaurierten Indian allerdings nicht weit her. Dafuer kann sie mit der wohl imposantesten Handschaltung aufwarten, die ich je an einem Motorrad gesehen habe. Die Biker damals muessen dermassen harte Kerle gewesen sein, dass es heute einem Harley-Fahrer die Traenen ins baertige Gesicht treiben muesste.

Cavalcade_1024

Suzukis Antwort auf die Gold Wing. Es geht eben alles auch immer noch ein bisschen vulgaerer.

6373_Sechszylinder_1024

„Eins… zwei… drei… vier Zylinder… fuenf… SECHS ZYLINDER, HA HA HA!“ (Donnergeraeusch, Blitzezucken). Frage: Welche adlige Figur aus der Sesamstrasse sollte das sein?

Victoria_1024

Doch es gibt nicht nur schweres Geraet zu belach-, aeh, bestaunen. Diese schmucke kleine Victoria Lux haelt die stolze Fahne der Einzylinder hoch.

6364_Zuendapp_1024

Von dieser Zuendapp kann man sogar behaupten, dass sie stolz ihre Zuendkerze hochhaelt.

6371_Apollo_1024

Weniger Motorrad als diese Apollo ist kaum noch vorstellbar.

6372_Monkeybikes_1024

Natuerlich kann man das Untertreiben auch uebertreiben…

6366_James_1024

Mit meinem eigenen Eintopf werde ich morgen frueh aufbrechen. Ich moechte um Vaettern- und Vaenernsee fahren und ueber Oslo nach Hønefoss. Das werden mehr als 600 Kilometer. Mal sehen, wie die Freewind das mitmacht. Und wie es mit dem Sitzfleisch der harten Fahrer von heute aussieht.

Skandiblog 6: Die Spur des Kommissars

Als sich der Plan herauskristallisierte, nach Schweden zu fahren, hatte ich eine ganz, ganz originelle Idee: Man könnte doch mal in Ystad vorbeischauen. Dort, wo die Wallander-Romane von Henning Mankell spielen.

PENTAX Image

Sagen wir’s mal so. Ich war nicht der allererste, der diesen Einfall hatte. Ähnliche Gedanken hatten bereits die einen oder anderen Krimi-Leser. So viele, dass es inzwischen in Ystad Wallander-Stadtfuehrungen gibt. Auch auf deutsch. Vier Stueck pro Tag.

PENTAX Image

Es war trotzdem eine gute Idee, herzukommen, auch wenn die Stadtfuehrungen nur von Juli bis August abgehalten werden. Doch das Städtchen selber ist die dreiviertelstuendige Fahrt von Malmö aus wirklich wert.

PENTAX Image

Das alte Zollgebäude.

Polenfaehre_800

Erinnerungsfoto vor der Polenfähre.

PENTAX Image

Der Bahnhof, direkt am Hafen gebaut.

PENTAX Image

„Gäller ej behörig trafik“ war und ist der einzige schwedische Satz, den ich kann – seit einem Familienurlaub auf der Insel Öland 1979. Er bedeutet „Nur fuer Anliegerverkehr“.

PENTAX Image

Ystads Einkaufsmeile, die Stora Östergatan.

PENTAX Image

Bunte Fachwerkhäuser in einer Seitenstrasse.

PENTAX Image

Das Nya Rådhuset, das neue Rathaus.

PENTAX Image

Nun aber endlich der Moment, auf den wir alle gewartet haben: Mariagatan 10, das Haus von Kriminalkommissar Kurt Wallander!

PENTAX Image

Dies ist seine Arbeitsstätte: das Polizeipräsidium. Ich hatte es mir höher und hässlicher vorgestellt. Aber so richtig hässlich können die Schweden anscheinend nicht.

Skandiblog 4: Klarer Punkt fuer Flensburg

Flensburg-Altstadt_800

Am nächsten Morgen hat Ben noch Zeit, mir die Stadt zu zeigen. Flensburg, im Rest der Republik vor allem fuer Punkte bekannt, hat eine ueberraschend huebsche Innenstadt.

Flensburg-City_800

Vom Wasserturm aus hat man einen wunderbaren Blick auf die Innenstadt mit ihren Backsteinkirchen…

Flensburg-Dampfer_800

…und die Förde, auf der gerade der Salondampfer „Alexandra“ seine Runden dreht.

Schindler-1874_800

Auf dem Weg nach unten fällt mir auf, dass ein winziger und offensichtlich betagter Aufzug einer der ganz wenigen Orte auf der Welt ist, wo man definitiv keine Jahreszahl am Firmenschild des Herstellers lesen möchte.

Wir sind heil gelandet. Und ich bin gleich danach gestartet. Um in vier Stunden bis nach Schweden zu fahren. Vor zehn Jahren wäre das noch Illusion gewesen.

0028_Zugbruecke_1024

Seit 1998 aber gibt es die Storebælt-Bruecke, die die dänischen Inseln Fuenen und Seeland verbindet.

PENTAX Image

Mit ueber 1600 Metern Spannweite die längste Hängebruecke Europas und die zweitlängste der Welt. Zunächst geht es über eine lange Rampe, die man sich mit der Bahnstrecke teilt. Dann endlich kommt die eigentliche Bruecke. Die Ueberfahrt dauert ewig.

0039_Brueckenende_1024

Land in Sicht!

Die Storebælt-Bruecke ist nicht das einzige technische Wunderwerk auf dem Weg. Hinter Kopenhagen fährt man seit dem Jahr 2000 ueber die Öresundbruecke. Kopenhagen-Malmö in einer halben Stunde. Ist schon toll. A propos Toll (engl.): Die Maut lag fuer Motorräder bei etwa 15 Euro. Pro Bruecke natuerlich.

Gut, in vier Stunden habe ich es nicht ganz durch Dänemark geschafft. Direkt hinter der Grenze wartete erstmal ein Stau, den ich langwierig umfahren musste. Auf Seeland gab es ein fieses Gewitter mit Hagelschauern, das ich unter einer Bruecke abwarten musste. Aber in fuenf Stunden ist Dänemark zu schaffen.

Skandiblog 5: Die zwei Gesichter von Malmö

Malmö. Drittgrösste Stadt Schwedens. Tor zu Europa. Altehrwuehrdiges Zentrum von Schonen (Skåne). Lange Zeit Zankapfel zwischen Dänemark und Schweden. Heute eine Stadt mit zwei Gesichtern.

Malmoe-Stadt_800

Da ist zuerst das alte Malmö. Die gemuetliche Innenstadt lädt zum Bummeln ein.

Malmoe-Schloss_800

Trutzig lauert das alte Schloss auf Besucher, einst eine Festung dänischer Könige.

Malmoe-Tram_800

Durch die Stadt fährt noch die alte Strassenbahn, heute als Museumszug fuer Touristen…

Malmoe-Enten_800

…und auf den Kanälen drehen die schonischen Gänse ihre Runden, denen Selma Lagerlöf in der „Reise des kleinen Nils Holgersson“ ein Denkmal gesetzt hat.

Schoner_800

Draussen auf dem Öresund arbeitet sich ein Segelschiff auf Suedkurs gegen den Wind vor (wäre es ein wenig grösser und seine Flagge blau-gelb statt rot-weiss, könnte man von einem schonischen Schoner sprechen). Eine skandinavische Idylle also.

Aber es gibt auch das moderne Malmö, und das ist mindestens genau so interessant.

Oeresundbruecke_800

Denn ein Stueck weit vom alten Segler entfernt liegt die neue Öresundbruecke, ein Symbol fuer das neue Malmö. Schweden ist näher an das uebrige Europa herangerueckt. Kopenhagen ist nur noch einen Katzensprung entfernt.

Malmoe-Turm_800

Dreht sich der Betrachter vom Strand weg, blickt er auf das neue Stadtviertel Västra Hamnen (Westhafen). Hier sind seit 2001 auf dem ehemaligen Gelände der Kockums-Werft Neubauten entstanden, die architektonisch und ökologisch neue Wege aufzeigen sollen.

Turning-Torso_800

Einer dieser Wege fuehrt ganz offensichtlich nach oben. Dies ist nicht der Burj-al-Arab in Dubai, sondern der Turning Torso, mit 190 Metern das höchste Gebäude Nordeuropas.

Da haben Sie Mut gezeigt, die Malmöer. So fantasievolle und abwechslungsreiche Bauten kann ich mir in Deutschland kaum vorstellen. Die Architekten hätten sich gar nicht erst getraut, so etwas vorzulegen, kleinbuergerliche Kommunalpolitiker hätten im Stadtrat jede Spur von Individualität aus den Entwuerfen gestrichen, den Rest hätten Buergerinitiativen verhindert. Das ist der Unterschied zwischen Provinzialität und Weitsicht. Ich mag Malmö.

Skandiblog 3: Nach Norden und dann immer geradeaus

Freewind-Packesel_800

Die Kamera am Lenker. Das Navi in der Huelle. Strassenkarten im Tankrucksack.

Freewind-Kamera_800

Zeltrolle und Packtasche auf dem Gepäckträger. Satteltaschen an den Kofferträgern verzurrt. Los geht’s. Von Oldenburg ueber Bremen, am Buchholzer Dreieck links ab nach Norden.

PENTAX Image

Hamburg! Die Kräne des Containerhafens sind immer wieder beeindruckend. Die Bilder vom Elbtunnel werden dagegen leider nicht so gut.

Brav frisst die Freewind die Kilometer. Auf der A7 nördlich von Hamburg fängt es dann leider wieder an zu regnen. Ruckzuck ist es eiskalt in den durchweichten Textilklamotten.

Flensburg-Sonne_800

Erst kurz vor Flensburg bricht die Sonne wieder durch. Gegen 22 Uhr treffe ich bei Ben ein, den ich vor ein paar Tagen ueber ein Schwedenforum kennengelern habe. Er hat spontan angeboten, mich bei ihm uebernachten zu lassen und mir Tipps fuer die Reise zu geben. Es gibt schon wirklich nette Menschen auf der Welt. Bei einem gemuetlichen Bierchen klingt der Tag aus.

Morgen geht es durch Dänemark nach Malmö. Ich hatte mehrere CouchSurfer in Suedschweden auf Uebernachtungsmöglichkeiten angemailt, einer hat Gruenes Licht gegeben: Seine Gästecouch ist frei.

An seinem Rechner sitze ich in dieser Sekunde uebrigens. Was man daran sieht, dass ich derzeit kein Ue schreiben kann, weil schwedische Tastaturen nur ä und ö haben. Dafuer kann ich ein å anbieten, was aber kein wirklich adaequater Ersatz ist.

Skandiblog 2: Der erste Schritt

Aufbruch299_1024

Um 18 Uhr hörte der Regen zum ersten Mal auf. Meine Chance! Nur raus aus dem Regenloch Aachen, weiter nördlich wird es schon besser sein. Eine Stunde später verlasse ich die Stadt. Es wird eine sehr, sehr unangenehme Fahrt. Der Regen bleibt mir erhalten, bei Köln, im Bergischen Land, an der Ewigen Baustelle von Hagen, im Stau am Westhofener Kreuz. Um 21.20 Uhr schaue ich auf den Kilometerzähler: 170 sind erst gefahren. Zweieinhalb Stunden gefahren, nicht mal die Hälfte geschafft.

Erst nach dem ersten Tankstopp am Autohof in Osnabrück reißen die Wolken auf. Den Rest der Strecke fahre ich im Trockenen und kann bis 130 hochziehen. Um Mitternacht bin ich endlich in Oldenburg – nach fünf Stunden und knapp 370 sehr nassen und kalten Kilometern. Erster Verlust: Eine Satteltasche hat ihre Regenhaube verloren.

Am Rande eines umfangreichen Tiefdrucksystems mit Schwerpunkten über Skandinavien und Südosteuropa wird von Nordwesten her an den kommenden Tagen sehr kühle Luft nach Mitteleuropa gelenkt und sorgt hier für einen wechselhaften Witterungsabschnitt. (Wetter Online)

Das kann ja heiter werden. Beziehungsweise das Gegenteil.

Skandiblog 1: Eigentlich…

…wollte ich ja am Mittwoch, 11. Juni, zu meiner Skandinavientour aufbrechen

…sollte der Reißverschluss an der Bodenplatte des Tankrucksacks normal auf- und zugehen

…hätte ich die erste Nacht schon in Oldenburg verbracht

…wäre ich dort am Donnerstagmorgen bei bestem Wetter nach Flensburg aufgebrochen

…wäre ich um diese Zeit schon an der dänischen Grenze.

Wetter-Screenshot

Aber erstens hat es gestern Abend nach stundenlangem Packen noch ungefähr zwei Stunden länger als erwartet gedauert, die Karten für Schweden und Norwegen aufs Navi zu laden. Als ich dann endlich spätabends loskam, riss beim ersten Tankstopp an der Jülicher Straße der Reißverschluss des Tankrucksacks. Bis er repariert war, war es schon viel zu spät zum Losfahren. Und heute hat es den ganzen Tag über in Strömen geschüttet und war schweinekalt. Das muss ich denn doch nicht haben.

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbeso müd geworden, daß er nichts mehr hält.Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbeund hinter tausend Stäben keine Welt.

Genau so bin ich den ganzen Tag in der Wohnung auf- und abge<s>tigert</s>panthert. Was für ein Frust.

Neues aus Baesweiler

Stufen. Viele Stufen. Irgendjemand meint, es wären vierhundertsoundso. Hilft jedenfalls nichts, wir müssen sie hoch. Alle. Oben wartet die Aussichtsplattform, hoch über dem Carl-Alexander-Park. Da wollen wir hin, Baesweiler von oben begucken. Das frisch eingeweihte Ausflugsziel im Nordkreis persönlich testen.

232_Steg_800

Aber der Reihe nach. Vor den Stufen – Himmelstiege genannt – kommt nämlich erst einmal der Schwebesteg.

235_Treppe_800

Dann die Treppe. Wenn man beim Fotografieren etwas in die Knie geht, so wie der Fotograf dieser Bilder, ähnelt sie noch stärker der Nordwand des Karakorum 2. Sind es wirklich nur 80 Höhenmeter bis nach oben? Oder ist die Luft hier schon so dünn, dass sie uns so sehr nach ihr schnappen lässt?

271_Stahlstueck_800

Der Weg führt entlang an alten Zeugnissen der 75-jährigen Bergbaugeschichte der Carl-Alexander-Zeche. Rostige Eisenträger, Schienenstücke, Überreste alter Loren…

268_Eisentraeger_800

…und anderes Altmetall, von dem man als Besucher nicht recht weiß, ob es schon seit Jahrzehnten dort lag oder eigens zur Ablenkung der keuchenden Besucher neben die Treppe gekippt wurde.

274_Kohlebrocken_800

Einträchtig daneben: Schlacke- und Kohlereste auf dem Boden.

237_Plattenweg_800

Endlich oben! Über den Gratweg geht es quer über das Bergplateau…

239_Plattform_800

…an dessen Ende die Besucherplattform über die Klippe der Halde ragt…

Skywalk

…von wo aus sich ein spektakulärer Blick in das Wurmtal – halt, nein, falsches Foto.

248_Aussicht1_800

Hier haben wir die richtige Aussicht nach Süden, Richtung Aachen. Mindestens genauso beeindruckend, oder?

241-Aussicht-Nord_800

Und so sieht es im Norden aus. An weniger diesigen Tagen ist die Aussicht noch schöner.

254_Fernglas_800

Wer den Blick gezielter in die dunstige Ferne schweifen lassen will, der greift zum Fernglast – entweder dem mitgebrachten oder dem fest installierten.

Genug gestaunt, jetzt wäre ein Kaltgetränk genau das Richtige. Ein schickes Drehrestaurant fehlt hier noch. Gab es nicht Gastronomie unten am Bergfoyer?

258_Abstieg_800

Das entscheidende Wort des vergangenen Satzes war „unten“. Also zurück zu den Stufen, den vielen…

281_Rotbau_800

…bis uns die Erde wieder hat, wo das versprochene kühle Nass auf uns wartet.

Das war er also, der Carl-Alexander-Park. Nicht ganz der Grand Canyon, aber aus der tristen Industrieruine ist ein wirklich schöner Farbtupfer im Landschaftsbild des nördlichen Kreises Aachen geworden. Hübsche Anlage, hübsches Ausflugsziel. Vor allem: kostenlos. Kann man sich merken. Vor allem natürlich für weniger diesige Tage.

Foto Skywalk/Grand Canyon: Wikipedia/Purple