Archiv der Kategorie: Und sonst so?

Auf der Straße

Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Biotar 2 58, 30s, ca. F11, ISO 100
Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Biotar 2 58, 30s, ca. F11, ISO 100

Blick aus dem Zimmer meines Hotels. Remscheid, Bismarckstraße.

Es war ein Freitag, an den ich mich wohl bis an mein Lebensende erinnern werde. Ein Freitag, der damit begann, dass wir auf dem Aachener Westfriedhof eine Freundin zu Grabe trugen. Danach Redaktionsalltag, gefolgt von anderthalb Stunden Hetzen über die Autobahn. Abends die Hochzeitsfeier meines Cousins in Remscheid. Die volle Breitseite an Emotionen, gepackt in nicht mal ein Dutzend Stunden.

Ein Tag, der in Trauer begann und in Freude endete – was sicher besser war als andersherum. Als er vorbei war, als ich aus dem achten Stock des MK Hotels am Hauptbahnhof auf die von Straßenlaternen beleuchteten Windungen des Asphalts weiter unten schaute, kam mir wieder einmal der Gedanke, dass das ganze Leben nur eine Straße ist. Als kleines Kind fahren in irgendeinem Wohngebiet auf, wir wechseln das Kettcar gegen ein Fahrrad, wir fahren zusammen mit Freunden, wir biegen an dieser und jener Kreuzung ab, neue Städte, die Straße wird breiter, mehrspurig, irgendwann sitzen wir in einem Auto, vielleicht finden wir jemanden, der eine Weile mit uns mitfährt. Dann wird schließlich die Autobahn des Lebens wieder zu einer einspurigen Straße, die Verkehrsmittel werden bescheidener, die Zahl der neben uns fahrenden Freunde kleiner, die Weggabelungen immer weniger und am Schluss wandern wir alleine auf einem schmalen Pfad. Was wartet am Ende? Ein Krankenhaus? Ein Heim? Ein Haus voller Kinder? Vielleicht eine Parkbank mit schöner Aussicht aufs Tal?

Wir wissen es nicht. Wir sehen nur, dass einige Straßen kürzer sind als andere. Und hoffen, dass die Menschen, die wir lieben, noch etwas länger unterwegs sein dürfen.

Die Stadttwittererin

Sie das Herz und die Seele der Aachener Twitterszene zu nennen, ist keine Übertreibung. Sabine Nowak alias @missmarple76 war @wirlebenac, sie war ungezählte Burger-, Pizza-, Schnitzel– und sonstige Testessen Aachen und sie war der ebenso grandios komische wie historisch fundierte @Karl_derGrosse, der als Knochengerippe das Aachener Tagesgeschehen kommentierte, vom traditionellen Öcher Regen bis jüngst zur Durchfahrt der Tour de France.

Außerhalb von Twitter war sie der Gastroführer Aachen geht essen und gerade im Begriff, www.schlemmerbumms.de zu werden, was immer das auch sein sollte – sie wusste es anfangs selbst noch nicht genau, aber die Webadresse war zu schön, um sie nicht zu konnektieren. Und wahrscheinlich war sie noch ein paar Dutzend weitere Grundpfeiler im digitalen Weichbild Aachens, die mir gerade nicht in den Sinn kommen.

Nicht viele Menschen haben die Identität der Kaiserstadt im Internet so geprägt wie die Germanistin und gelernte Buchhändlerin Sabine Nowak. Zweimal hatte ich die Ehre, ihr Herzensprojekt Wirleben.ac jeweils eine Woche lang mit meiner persönlichen Sicht auf Aachen bespielen zu dürfen, im April 2013, und – das mit der Ehre meine ich ernst – als letzter Kurator des dritten Jahres, im August 2016. Voller Begeisterung hatte ich Wirleben.ac damals in Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten der nicht-twitternden Zeitungsleserschaft vorgestellt.

Über Jahre hat Sabine mit ihren Testessen-Treffen die lokale Internetszene zusammengeführt. Wenn sie eine Doodle-Liste für ein #teAC ins Netz stellte, führte das einige Wochen später dazu, dass Menschen ihr Essen in Restaurants fotografierten, die sie normalerweise nie einer Bestellung gewürdigt hätten. Freundschaften wurden geschlossen, Beziehungen entstanden, „Folgen“-Links wurden geklickt, Privatnachrichten und Handynummern ausgetauscht. Lebenswege änderten sich durch sie. Ihre Twitterstatistik weist seit ihrem ersten Tweet im Jahre 2009 rund 37.000 Beiträge auf – man kann wohl sagen, dass sie in ihrem geliebten Aachen wohnte, aber auf Twitter lebte.

In dem, was weniger digital-affine Menschen das „reale Leben“ nennen, trug Sabines Organisationstalent ihr den Spitznamen „Entenmama“ ein, was im Grunde mehr über die Küken aussagt als über deren Anführerin. Sabine war die, die machte. Die fragte, telefonierte, buchte und einlud. Als „Ordnende Hand und Projekt-Mama vom Dienst“ beschrieb sie selbst ihre Rolle auf ihrem Xing-Profil. Ohne sie hätte es die Testessen-Runde nicht gegeben. Dass nebenbei ein paar Restaurants auf der Strecke blieben, genauer gesagt: zufällig nur kurze Zeit nach einem #teAC-Treffen den Betrieb einstellten, wurde zum Running Gag. Leider ist nie etwas aus der Idee geworden, von örtlichen Gastronomen für einen Nicht-Besuch Geld zu kassieren. Wie viele Burger hätte man davon – aber lassen wir das.

Am Dienstag hat Sabine völlig überraschend alle irdischen Accounts schließen müssen. Vor ein paar Tagen erst hatte ich ihr noch zum Geburtstag gratuliert – es müsste der 41. gewesen sein, wenn sie ihrer Umwelt mit ihrem Twitternamen nicht einen Scherz gespielt hat (war ihr zuzutrauen gewesen wäre!). Und erst vor ein paar Wochen haben wir in netter Runde beim Twittagessen im Café Orient Expresso am Templergraben gesessen. Es sollte das letzte Treffen gewesen sein.

Auf Twitter breiteten sich in den Stunden nach Bekanntwerden der Nachricht von ihrem Tod Schockwellen der Fassungslosigkeit aus. Fast vier Jahre lang hat @wirlebenAC mit wohl mehr als 100 Kuratoren das Geschehen in der Stadt auf einzigartig vielfältige Weise begleitet, hat @Karl_derGrosse es auf seine ganz spezielle Weise aus 1200 Jahren Distanz kommentiert. Es ist ein bitterer Zufall, dass der letzte Eintrag auf Schlemmerbumms.de ausgerechnet ein Rezept für Aachener Beerdigungsfladen wurde.

Aachens vielleicht scharfsinnigste Stimme im schnellsten Sozialen Netzwerk der Welt schweigt. Noch kann niemand ahnen, wie sehr sie uns von nun an fehlen wird. Welche Bonmots nicht mehr verfasst, was für Pointen nicht mehr gesetzt, welche Restaurants nicht mehr von hungrigen Horden mit Smartphones heimgesucht werden. Wir ahnen nur: Aachen hat eine große Frau verloren. Gäbe es die Position einer Stadttwittererin, sie hätte sie ausgefüllt, mit Tiefgang, Humor und Bravour.

Lebe wohl, Sabine. Und: danke. Für alle Tweets, für alle Burger, für Karl und den ganzen Rest. Wir sind unendlich traurig.

Nächtliche Begegnung

Sony A7II mit Pentacon Prakticar 2.8 28, F16, 30s, ISO 100
Sony A7II mit Pentacon Prakticar 2.8 28, F16, 30s, ISO 100

Die Körbergasse ist das hübscheste der mittelalterliche Sträßchen im Aachener Domviertel. Vom Büchel her grüßt den Besucher die Printenmädchenfigur am altehrwürdigen Café Van den Daele, dahinter führt ihn das Kopfsteinpflaster vorbei an allerlei hübschen Lädchen zur Rechten, in deren Schaufenstern sich die gegenüberliegenden Alt-Aachener Kaffeestuben mit ihrem prächtigen Wandbild spiegeln, bis er schließlich zwischen Domkeller und der ältesten deutschen Kaffeerösterei Plum’s auf dem Hof steht und vor sich, hoch über den Hausdächern, den gewaltigen gotischen Chor des Domes sieht.

Ein bei Touristen und Einheimischen beliebtes Fotomotiv ist diese kurze Gasse, und jetzt, eine halbe Stunde vor Mitternacht an diesem kalten Januartag des Jahres 2017, steht denn auch wieder ein selbsternannter Fotokünstler hinter den Metallpollern, die den Autos den Weg in Richtung Dom versperren. Immer wieder verschiebt er sein Stativ auf dem Pflaster um ein paar Zentimeter und visiert aufs Neue sein Ziel an. Immer wieder wartet er geduldig, bis wieder ein paar Nachtschwärmer aus seinem Bild geschlendert sind, Gesprächsfetzen und gelegentlich eine Alkoholfahne in der Luft hinter sich herziehend. Wo denn die Kneipe „Kasten“ wäre, spricht ihn ein junger Mann an. Der Fotograf überlegt, zuckt bedauernd mit den Schultern und zeigt vage hinunter Richtung Büchel. Erst als der Fragende schon verschwunden ist, fällt ihm ein, dass es dem späten Spaziergänger wohl um die „Kiste“ ging – immerhin, diese Studentenkneipe liegt tatsächlich am Büchel.

„Entschuldigen Sie der Herr, haben Sie vielleicht mal eine kleine Spende für ne warme Mahlzeit?“ Unbemerkt hat sich von hinten ein Mann mit wilder Mähne, wildem Bart und dazu passender Kleidung genähert. Der Fotograf blickt in ein Gesicht, das nur zu deutlich verrät, dass es seit vielen Jahren auf der Straße zu Hause ist. Trotz der Kälte trägt der Fragende die Hosenbeine hochgekrempelt, seine weißen Waden leuchten regelrecht in der Nacht. Mit hängenden Schultern und leerem Blick starrt er an dem Fotografen vorbei, der zuerst erneut bedauernd die Schultern zuckt und dann, als sich der Fragende schon wieder zum Gehen wenden will, sich besinnt, etwas murmelt und doch noch sein Portemonnaie aus der Hosentasche fingert.

Es sind nicht seine nackten Beine, geht es dem Angesprochenen durch den Kopf, als er die Geldbörse öffnet. Es ist auch nicht das, was er sagt. Es ist die Art, wie er es sagt. Diese Unterwürfigkeit. Dieses Hoffnungslose, dieses Demütige. Niemand, der das Vierzigste Lebensjahr überschritten hat, sollte andere Menschen in diesem Tonfall um etwas bitten müssen, denkt der Fotograf, der seinerseits das vierzigste Lebensjahr hinter sich gelassen hat. Waren Bettler früher nicht selbstbewusster?

Eine Münze wechselt den Besitzer, eine Dankesformel wird mechanisch erwidert. Der Mann mit den hängenden Schultern tappt hinunter in Richtung Büchel, von wo ihm ein Pärchen entgegenkommt. „Entschuldigen Sie die Dame der Herr, hätten Sie vielleicht…“

Die Schritte verklingen. Dann ist es still. Die Straße ist leer. Der Fotograf drückt auf den Auslöser, ein Klacken hallt zwischen den Hauswänden. Der Moment ist festgehalten. Endlich. Aber der Mann mit der Kamera sieht nicht so aus, als ob er glücklich ist.

In die Pilze

_dsc4722„Am Sonntag bin ich in die Pilze!“ – Diesen Satz, geschrieben von einem schon etwas angejahrten Mitbürger auf einer öffentlichen Plattform, allerdings in etwas weniger fehlerfreiem Deutsch, diesen Satz musste ich mehrere Male lesen, um ihn zu verstehen.

_dsc4725Was meinte der gute Mann? Er  war natürlich zum Pilzsuchen im Wald gewesen, im Volksmund auch „in die Pilze gehen“ genannt. Wenn man diese schöne Redewendung nicht kennt, starrt man auf der Suche nach Sinn und Grammatik auf die Worte, die ersteren nicht zu ergeben scheinen und letzterer ermangeln.

_dsc4726Andere Leute dagegen gehen in den Wald und landen in den Pilzen, ganz ohne es geplant zu haben. So wie ich am vorletzten Wochenende.

_dsc4729Seit fast zehn Jahren bin ich regelmäßig im Öcher Bösch zu Gast (hartnäckigen Lesern dieser Seite sind meine Schwärmereien ür dieses Fleckchen Aachen ja mittlerweile sattsam bekannt). Aber ich kann mich nicht erinnern, jemals einen so unglaublichen Reichtum an Pilzen gesehen zu haben wie an diesem Sonntagnachmittag.

_dsc4733Pilze aller Sorten, aller Größen, aller Farben streckten ihre Kappen aus den Blättern am Boden heraus, an abgefallenen Ästen vorbei, an vermodernden Baumstämmen hinauf.

_dsc4740Hinter jeder Wegbiegung versteckten sich neue Formen, bei jedem Blick zwischen die Bäume leuchteten andere Hüte aus dem Zwielicht des Waldbodens.

_dsc4743Mancher Einzelkämpfer drückte seine Kappe an vermodernden Ästen vorbei, ein paar Schritte weiter quollen ganze Pilzwolken aus dem Moos.

_dsc4748Noch einen Schritt weiter – puh, der Kollege hier ist nicht nur zu sehen, sondern auch zu riechen: eine dicke Stinkmorchel.

_dsc4755Es gibt fröhlich-bunte Fliegenpilze in Rot und diesen eleganten Genossen in zartem Pastell.

_dsc4758Mancher Pilz fiel selbst schon wieder seinem weniger imposanten Cousin, dem Schimmel, zum Opfer.

_dsc4762Dieser mächtige Zunderschwamm wird schon den einen oder anderen Winter überstanden haben.

_dsc4765Ich war froh, an diesem Tag ein Makroobjektiv dabei gehabt zu haben: ein Carl Zeiss Jena Prakticar 2.8 55. Es war die Premiere für dieses erste und einzige Makroobjektiv aus der ehemaligen DDR.

_dsc4768Keine einfache Premiere, denn bei den schwierigen Lichtverhältnissen an diesem Nachmittag war, weil ich kein Stativ dabei hatte (und auch nicht die Zeit gehabt hätte, eines aufzubauen),  jedes Bild ein Kompromiss: Zwischen möglichst kurzer Belichtung, um noch aus der freien Hand zu fotografieren, und möglichst kleiner Blende, um wenigstens noch ein paar Millimeter mehr Tiefenschärfe zu bekommen.

_dsc4775Bequem ist das Ganze nicht gewesen. Wer Makrofotos im Wald machen will, nimmt besser Kniepolster, ein Kissen oder sowieso ein kleines Stativ mit. Dazu gutes, stabiles Schuhwerk und eine Hose von verzichtbarer Reinlichkeit.

_dsc4781Der Variantenreichtum der Motive entschuldigt hoffentlich für die technischen Schwächen der Bilder. Schwarze Pilze, weiße Pilze, rotbraune Pilze, schlanke und knollige, mit abgeflachten Hüten oder runden – schon verrückt, was die Natur an diesem Tag alles aufgeboten hatte.

_dsc4785Die Frage kam auf, ob irgendwas davon essbar sei? Aber nein, die Chance, die neue Woche gekrümmt im Bereich Sanitärkeramik zu beginnen, hielt von spontanen kulinarischen Selbstverwirklichungen ab. Überhaupt, ich kann ja gar nicht kochen.

_dsc4792Muss ja auch nicht sein – schließlich ist auch der Anblick der mal zierlichen, mal knubbeligen kurzlebigen Zeitgenossen schon ein Genuss für sich.

_dsc4798Sind gerade Pilzexperten hier? Ich bin dankbar für jede Artbestimmung. Das erspart mir das Googeln und Vergleichen. Erzählen könnt ihr mir sowieso alles.

_dsc4801Der Spätherbst ist grundsätzlich ja eher nicht so meine Jahreszeit. An diesem Tag aber hat er mich überrascht – diese Farbenvielfalt hatte ich so noch nicht erlebt.

_dsc4811Danke dafür, lieber November. Bist doch nicht ganz so trüb und übel, wie ich dachte. Nächstes Jahr gerne wieder. Und jetzt – sorry für den Kalauer – lass dir die Sporen geben. Damit es fix endlich richtig Winter wird. Über Pilze freue ich mich dann auf dem Teller…

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Im Jagdfieber

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Während im Aachener Westpark heute die Schnäppchenjäger über den Flohmarkt stromerten, lauerte nur ein paar Meter weiter im Teich ein ganz anderer Jäger auf Beute.

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Ein Blick nach rechts …

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… ein Blick nach links …

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… und – happs! – zugeschlagen.

Glückwunsch, Kollege. Andere Jäger gingen mit einer für fünf Euro ergatterten, originalverpackten Gegenlichtblende für das nagelneue Rollei 2.8 85 samt Filtersatz nach Hause. Die Zufriedenheit dürfte vergleichbar gewesen sein.

Fotos: Carl Zeiss Jena Sonnar 3.5 135 „Zebra“, 1/125, ISO 320, freihändig

Wasserspeier

Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Sonnar 2.8 200, ca. F11, 1/80s, ISO 125
Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Sonnar 2.8 200, ca. F11, 1/80s, ISO 125

Kann man den Aachener Dom eigentlich zu oft fotografieren, fragte ich mich selbst, als ich das ofenrohrgroße und wagenheberschwere Carl Zeiss Jena Sonnar 2.8 200 (Gewicht: 1,2 Kilogramm, Filterdurchmesser 77 Millimeter!) zu seinem ersten Außeneinsatz auf das Stativ wuchtete. Schließlich war es nicht ganz das erste Mal, dass ich Aachens Wahrzeichen in den Sucher nahm.

Und die Antwort, während die letzten Strahlen der Abendsonne eben noch über die Dächer lugten und die Wasserspeier am Dach des gotischen Chores in ein warmes Licht tauchten, lautet natürlich: Nein, auf keinen Fall. Weil jeder Tag anders ist, weil kein Moment wiederholbar ist, weil man kein Foto zweimal schießen kann. Nicht einmal an etwas 1200 Jahre Alten wie dem Aachener Dom.