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Von Leere und von Lieblichkeit (Im Venn IV)

Es ist ein ruhiger Samstagnachmittag im Hohen Venn. Der Winter lastet noch schwer auf dem Hochmoor, die Nächte sind noch frostig, die Bäume noch kahl. Schwarz und blattlos ragen ihre Äste in den Himmel, braun und tot liegen Gras und Schilf am Boden. Aber zum ersten Mal seit vielen Tagen ist die Sonne herausgekommen, geht ein warmer Wind über die Ebene. Ein paar Halme, die sich nicht unter der Schneelast des zu Ende gehenden Winters weggeduckt haben, ragen mutig in den Wolkenhimmel. Es scheint, als ginge ein leichtes Beben des Erwachens durch die kahle Landschaft, als blinzele sie nach den Wintermonaten zum ersten Mal in etwas Wärme und Sonnenlicht.

Auch für die Besucher ist es der erste Spaziergang in etwas, das eine Ahnung von Frühling in sich trägt.

Was für eine stille, einsame Landschaft. Der Weg schlängelt sich durch niedrige Sträucher, immer wieder geht es lange Strecken über die typischen Holzstege. Die Landschaft ist in dunkle Braun- und Gelbtöne getaucht.

Allerdings: Wer ganz genau hinschaut, der sieht hier und da noch andere Farben.

Für den Spaziergang habe ich mir einen ganz besonderen Objektiv-Oldie aus der Vitrine geholt: ein Meyer Optik Primoplan 1.9 58, ein silbern glänzendes DDR-Spitzenobjektiv der 50er Jahre. Es ist sozusagen der Luxusbruder vom Brot-und-Butter-Primotar 3.5 50, das ich im letzten Beitrag vorgestellt hatte. (Das Personenbild und die Heideblüte habe ich allerdings mit dem Carl Zeiss Jena Prakticar 3.5 135 gemacht, alle anderen mit dem Primoplan.)

Das Primoplan ist legendär für sein Bokeh. Heute teste ich das zum ersten Mal, nachdem das Objektiv bei Foto Olbrich zum Reinigen und Justieren war. Und tatsächlich ist die Hintergrundunschärfe so cremig-künstlerisch wie bei einem Ölgemälde.

Scharf kann es allerdings auch (jedenfalls, seit Frau Schönfelder es gerichtet und feinjustiert hat).

Eigentlich hatte ich vor, mit dem Primoplan nur Detailaufnahmen mit verschwommenem Hintergrund zu machen und für alles andere das 30 Jahre jünger Prakticar zu nehmen, aber da der Oldtimer zumindest abgeblendet auch mit einer brauchbaren Randschärfe aufwartet, spare ich mir das Wechseln.

Die teilweise groteske Landschaft des Venns kommt jedenfalls gut zur Geltung…

…und die immer höher aufziehenden Wolken verstärken noch die dramatische Stimmung.

Was für eine Landschaft. Welche Worte passen da? Rauh? Romantisch? Öde? Leer? Lieblich?

Ja, es gibt Ecken im Venn, die wirken düster wie eine Mondlandschaft. Bevor hier Straßen gebaut wurden wie die in der Nähe verlaufende belgische Nationalstraße N67, war das Hochmoor südöstlich von Aachen gefürchtet. Menschen verirrten sich im Einerlei von Waldstücken und kahler Ebene, kamen von den schmalen Pfaden ab und landeten im Moor, erfroren im Winter in der windumtosten Eiseskälte. Die Glocke und das Leuchtfeuer von Baraque Michel sollten Wanderern Orientierung bieten. Mehr als 100 Menschen wurden so gerettet – wie viele im Venn ums Leben kamen, wird man nie wissen.

Heute machen asphaltierte Straßen, Holzstege, Wegweiser, Handy-Apps und GPS-Signale einen Ausflug ins Venn zu einem bequemen Wochenenderlebnis. Das schlimmste, was dem Ausflügler an so einem Tag drohen kann, ist ein Wolkenbruch. Der Spaziergang ist schon fast zu Ende, da fallen die ersten Tropfen. Schnell ins Auto – die Türen fallen zu, Minuten später öffnet der Himmel seine Schleusen. Während der Wagen über den rissigen Asphalt der N67 zhurück in Richtung Aachen fährt und die Scheibenwischer gegen den Wolkenbruch anpinseln, denkt der Besucher: Gut, dass ich jetzt nicht mehr draußen im Venn bin!

Kunst mit vielen Gesichtern: Besuch im Töpfereimuseum Raeren

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Es gibt Krüge, die lachen und tragen Sonnenbrille. Das ist eine der nettesten Erkenntnisse eines Besuchs im Töpfereimuseum Raeren. Die andere ist: Gerade mal ein Dutzend Kilometer vom Aachener Dom entfernt lag einmal einer der bedeutendsten mitteleuropäischen Herstellungsorte von Keramik, genauer: von Steinzeug. Waren, die schon im 16. und 17. Jahrhundert Exportschlager in aller Herren Länder waren. Zu Hunderttausenden wurden die begehrten Stücke alljährlich produziert.

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Rund fünf Jahrhunderte lang formten und brannten die Raerener Töpfer alles, was überall in Mittel- und Nordosteuropa auf die Tischen und Tafeln der Bürgerhäuser und Königspaläste gestellt wurde, um Ess- und Trinkbares zu kredenzen. Vom einfachen Essgeschirr über elegant verzierte Becher bis zu überreichlich geschmückten Prachtkrügen. Könige, Edelleute und Kirchenfürsten schätzten das Steingute made in Raeren.

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Wer also ein Stück einzigartige Heimatgeschichte kennenlernen möchte, der setze sich an einem freien Tag ins Auto oder auf den Fahrradsattel. Hinter den dicken Mauern der Raerener Wasserburg aus dem 14. Jahrhundert ist die Geschichte des Steinzeugs vom Mittelalter bis in die Neuzeit aufbereitet. Gegenüber, vor der Museumsgaststätte Café Haus Zahlepohl (die so heißt, weil dort wohl einmal eine Art mittelalterliche Mautstation stand), lässt sich das Verkehrsmittel der Wahl parken.

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Im 15. Jahrhundert begann der Aufstieg des Raerener Steinzeugs: Die Krüge und Kannen aus dem kleinen Ort nahe Aachen – das damals neben Santiago de Compostela und Rom der drittwichtigste Pilgerort des Kontinents war – verbreiteten sich in ganz Nordosteuropa. Im 16. Jahrhundert schließlich standen die über und über mit Wappen, szenischen Bildern und Ornamenten verzierten Prunkkrüge auf den Tischen von Königen, Fürsten und Bischöfen in ganz Europa. Das bei hohen Temperaturen gebrannte Raerener Steinzeug war geschätzt, weil es absolut wasserdicht war und so hart, dass es als fast unzerbrechlich galt.

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Auf vielen Bildern flämischer Künstler im 16. und 17. Jahrhundert ist Raerener Ware abgebildet, etwa auf dem „Bauerntanz“ von Pieter Brueghel dem Älteren, das im Museum als Wandbild mit Tisch sehr nett in Szene gesetzt ist.

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Aber halt, wir greifen vor. Eigentlich sollte unser Rundgang ja im Keller anfangen, wo wir im wörtlichen Sinne auf den Hinterlassenschaften der Töpfer stehen – auf Keramikscherben nämlich, die eine Art Bodenmosaik bilden.

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Im Untergeschoss wird auch die Förderung des Tons dargestellt, für die tiefe Schächte gegraben werden mussten. Wer zu ungeduldig ist, vor dem Videomonitor stehenzubleiben, um die Geschichte des Ortes im Film kennenzulernen, kann sie einfach in die Hand nehmen. In der App mGuide des Töpfereimuseums (für iOS und Android) führt der große Töpfermeister Jan Emens Mennicken (es gab ihn wirklich – heißt der Museumsdirektor Ralph Mennicken eigentlich nur zufällig genauso?) höchstpersönlich durch die Ausstellung.

Steinzeug – das sind dann eben keine leblosen, alten Töpfe und Schüsseln mehr. Mit Hilfe des mGuides erzählen sie von abenteuerlichen Kaufmannsreisen auf See und zu Lande, von weitsichtiger Planung und menschlicher Gier, von Erfolg und katastrophalen Niederlagen. Sie erzählen von Massenproduktion und Globalisierung bereits im 16. Jahrhundert, von Pilgerfahrten, Trinkgelagen und erotischem Spielzeug. Das Töpfereimuseum Raeren eröffnet dem Besucher mit dem mGuide all diese spannenden Geschichten aus dem prallen Leben der Frühen Neuzeit.
(Auf der mGuide-Homepage)

Wer vergessen hat, sie sich vorab zu Hause herunterzuladen und in Belgien ohne Netzempfang dasteht, kann sich auch bei der freundlichen Museumsmitarbeiterin ein iPad ausleihen.

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Die gewaltigen, mehrere Stockwerke hohen Raerener Öfen erreichten Produktionszahlen von bis zu 600.000 Stück pro Jahr. Das Brennen des Steinguts war eine Wissenschaft für sich: Da es keine Thermometer gab, konnten die Ofenheizer nur auf überliefertes Wissen zurückgreifen, um die Temperatur über die gesamte Brennzeit hinweg konstant zu halten. Dabei waren etliche Variablen einzuberechnen, etwa Außentemperatur, Luftfeuchtigkeit, die Art des Brennholzes und vieles mehr.

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Bei aller Kunstfertigkeit: Es wird so manche komplette Ofenladung danebengegangen sein. Der mehrere Meter hohe Scherbenturm versinnbildlicht, welche Mengen von Ausschuss die Töpfer produzierten. Was nicht den Qualitätskriterien entsprach, landete in den Gruben.

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Und blieb dort – oft für Hunderte von Jahren. Doch schon kurz nach dem Auslaufen der Produktion gegen 1850 ging der Hype los. Hobbyarchäologen, und in ihrem Gefolge Grundbesitzer und Sammler, begannen auf dem Gelände früherer Töpfereien zu buddeln. Überall wurden Krüge und Keramiken aus dem Boden geholt und für teuer Geld verkauft.

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Der Düsseldorfer Kunstsammler Laurenz Heinrich Hetjens ließ dann von 1870 bis 1882 in Raeren systematisch graben. Was dabei ans Licht kam, bildet den Grundstock des Deutschen Keramikmuseums. Der Mann war übrigens clever: Er vererbte seiner Heimatstadt seine Sammlung plus 150.000 Goldmark mit der Auflage, damit ein Museum zu bauen, das auf ewig nach ihm benannt werden sollte. Andernfalls werde das Erbe hinfällig – dann ginge die Sammlung statt nach Düsseldorf nach Köln. Das Hetjens-Museum gibt es noch heute.

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Dass es dagegen heute in Raeren die auch immerhin 2000 Exponate starke Sammlung des Töpfereimuseums gibt, verdanken wir Otto Eugen Mayer. Er begann kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, die Geschichte des Raerener Steinzeugs zu erforschen. Seine Funde bilden den Kern der Sammlung des Museums, das 1963 in der Burg eröffnet wurde.

In der Blütezeit der Raerener Töpferei arbeitete ein Drittel der Dorfbevölkerung als Töpfer, also rund 50 Familien. Fast ebenso viele waren im zweiten großen örtlichen Gewerbe tätig: als Fuhrleute. Um die Massen von bruchempfindlichen Tonerzeugnissen über die damals kaum ausgebauten Wege und Pfade zu transportieren, brauchte man Profis. Wie anspruchsvoll das war, kann der Besucher ahnen, wenn er ein paar Schritte einen Trampfelpfad hinter der Burg entlanggeht, der schließlich über eine sechs Meter hohe Brücke führt. Sie überquert das Bett des Iterbachs – und den nutzten die Spediteure der Renaissance, um ihre Fuhrwerke mit der kostbaren Fracht vergleichsweise rüttelfrei auf die Krönungsstraße über Köln nach Frankfurt zu bringen.

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Aber Raerener Krüge blieben nicht in Europa. Einige Exemplare wurden sogar in nordamerikanischen Indianergräbern und in untergegangenen niederländischen Schiffen vor Australiens Küste gefunden. Und heute steht Raerener Töpferhandwerk in allen großen europäischen Museen vom Louvre in Paris über das British Museum in London bis zur Eremitage in St. Petersburg.

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Das Raerener Museum zeigt allerdings nicht nur historisches Keramik, sondern auch ganz moderne – hier die Preisträger des Euregio-Keramikwettbewerbs 2015. Das Vogelmotiv oben gestaltete die Niederländerin Noortje Meijerink, das, äh, ebenfalls Vögeln gewidmete Werk unten Andrea Bielicki-Helms aus Deutschland.

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Wer nach derlei Inspiration Lust bekommen hat, selbst zum Tonkünstler zu werden, kann im Atelier im Burghof unter Anleitung von Museumspädagogin Melanie Keifens die Begegnung mit dem so vielfältig gestaltbaren Material auf eine ganz praktische Ebene wuppen. So etwa beim Tonmarathon. Die Erzeugnisse wurden beim Euregio-Keramikmarkt im September versteigert.

Genug gesehen? Dann ist es Zeit, in die urige Gaststube im Haus Zahlepohl einzukehren und sich von Nelly Luchte einen ostbelgischen Imbiss servieren zu lassen, etwa einen Schwarzen Fladen aus kleinen Birnen, Äpfelchen, Anis und anderen Gewürzen. Dazu passt ein süffig süßes, dunkles Abteibier. Natürlich aus einem standesgemäßem Glaspokal – wenn schon nicht aus einem Raerener Steinkrug.

Disclosure: Das Töpfereimuseum wurde mir und anderen Bloggern aus der Region im Rahmen einer eintägigen Bloggerreise gezeigt.

Im Brackvenn

Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Flektogon 2.8 20, ca. F22, 1/250s, ISO 160
Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Flektogon 2.8 20, ca. F22, 1/250s, ISO 160

Und wo wir gerade bei alten Weisheiten sind: Den Spruch, dass ein gutes Foto weh tun muss, kann ich seit gestern Abend um die Variante ergänzen, dass ein gutes Foto auch durchaus mal längere Zeit jucken und brennen kann. Von den Jungs vom Fotostammtisch Eifel hatte ich mich leichtsinnigerweise verleiten lassen, nach Feierabend nochmal ins Brackvenn zu stiefeln – Sonnenuntergang knipsen. Was als Idee auch toll gewesen wäre, wir hatten schönes Licht und einige Wolken, perfekte Voraussetzungen für einen dramatischen Himmel, wenn wir denn allein gewesen wären.

Waren wir aber nicht: Myriaden von Mücken (gibt es eigentlich eine andere Quantität für Mücken en gros? Und gibt es andere Dinge auf diesem Planeten, deren Zu-Vielzahl in Myriaden gemessen wird?) schwärmten geradezu für uns und unsere Arbeit. Es war zum Davonlaufen, was angesichts der bekannten Bohlenwege durchs Venn leider nur eingeschränkt möglich war. Es hatte etwas von Folter: Nebeneinander eingezwängt auf dem schmalen Holzsteg über den Teich mit den Armen wild um den Kopf zu wedeln, während man zur selben Zeit versuchte, weder das Stativ ins Wasser zu werfen, noch das Gleichgewicht auf den Planken zu verlieren. Es wären sicher noch mehr schöne Motive drin gewesen, aber wir alle waren froh, der ungewollten Schwärmerei entkommen zu können.

Immerhin: Der Himmel spielte mit. Und im Bild war das Gefleuch ja später dankenswerterweise auch nicht.

Auf neuen Wegen (Im Venn II)

83-Bueschel

Der Wind weht scharf, aber erträglich, als wir über den von Touristenfüßen plattgetretenen, überfrorenen und spiegelglatten Schnee mehr rutschen als stapfen. Hinter Baraque Michel führt der Wanderweg erst durch ein kleines Waldstück – und dann steht man schon im Venn.

95-Kraniche

Fast zwei Jahre ist es her, dass ich – allerdings ein paar Kilometer weiter, auf deutscher Seite – auf einem Spaziergang an dieser so ungewöhnlichen Landschaft trotz guter Kamera und ebensolchen Objektiven verzweifelte. Viel Himmel, viel Horizont, versprenkelte Bäume, in der Mitte der Weg. Was sollte man da fotografieren?

16-Zweige

Heute weht ein anderer Wind. Wörtlich genommen. Ein Dutzend verschiedenster Fotokurse und noch deutlich mehr Objektive später fällt die Motivwahl nun etwas leichter. Da hätte es den großen Schwarm Kraniche gar nicht gebraucht, der über uns zurück nach Norden zog.

45-Plaetschergras

Eine eigenartige Landschaft ist das Venn. Riesenhaft leer und offen wirkt es und versperrt sich gleichzeitig mit seinem sumpfigen Boden der Eroberung durch den Besucher. Nur auf geradezu homöopathisch schmalen Pfaden lässt es sich erkunden.

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Gerade einmal meterbreite Holzstege führen über die morastige Ebene. Die Warnung „Als het weer regenachtig is, zijn de houtstegen glibberig“ ist berechtigt. Wenn das Wetter dagegen eisig ist, sind die Planken nicht nur glibberig, sondern geradezu mörderisch glatt.

20-Gelaenderblick

27-Winterbaum

Schließlich führt der Weg wieder an einem Bach entlang in ein Waldstück, wo es vor lauter Bächlein regelrecht murmelt.

36-Schildrot

54-Plaetscherbach

Das Fortkommen wird immer schwieriger. Der spiegelglatte Steg bietet kaum Halt und in den Planken klaffen große Lücken.

61-Stegluecke

Das Geländer, wenn es denn eins gibt, ist höchlichst willkommen. Auch, wenn das rauhe Holz an den Handschuhen zupft.

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80-Plaetscher

Motive zum Fotografieren gibt es in diesem stillen Winterwald allerdings reichlich. Ich habe zwei Objektive für die Sony A7 II in der Tasche: mein sehr geschätztes Minolta MD 3.5 35-70 mm Zoom und die jüngste Neuerwerbung, ein MD 4 75-150 mm Zoom von 1981. Beide Brennweiten ergänzen sich sehr angenehm. Und beide überzeugen mit knackiger Schärfe und angenehmem Bokeh.

67-Truemmersteg

Zugegeben, das Wechseln der Objektive auf den ebenso schmalen wie glatten Holzstegen ist kein Vergnügen. Auch reicht die Zeit heute nicht, mit Stativ und langem Hin- und Herprobieren das perfekte Bild zu komponieren. Dafür ist es auch einfach zu zugig – also muss es zügig gehen.

56-Plaetscherbaum

87-Hochsitz

Aber als uns der Weg schließlich wieder zurückführt, bin ich glücklich. Über den schönen Spaziergang – und das Gefühl, im Venn diesmal fotografisch nicht am Ende gewesen zu sein, sondern am Anfang.

86-Krummbaum

In der Janusstadt

Lüttich, so erkläre ich Freunden immer, die zum ersten Mal im Maasland sind, Lüttich müsst ihr euch vorstellen wie eine beschauliche mittelgroße französische Stadt aus dem 18. Jahrhundert, auf die in den 60er Jahren eine bulgarische Trabantensiedlung aus Betonhochhäusern gefallen ist.

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Und wenn man dann gemeinsam am Boulevard Frère-Orban die Maas in Richtung Stadtmitte hochschlendert, wird mit jedem Schritt klarer, wie das gemeint ist.

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Irgendwann in den 60ern muss ein zukunftsgläubiger Stadtrat beschlossen haben, dass Traufhöhenbegrenzungen etwas für Spießer sind, am Ende gar etwas für Deutsche. Ergo brach in der einstigen Wiege der europäischen Stahlindustrie eine Abriss- und Neubauwut aus, die beim heutigen Betrachter die Erkenntnis weckt, dass die alliierten Flächenbombardements des Zweiten Weltkriegs nicht das Schlimmste waren, das einer mitteleuropäischen Stadt im 20. Jahrhundert widerfahren konnte. Verloren quetschen sich seitdem die wenigen übriggebliebenen einst so imposanten Fassaden der alten, drei- und vierstöckigen Bürgerhäuser zwischen die gewaltigen, gerne mal elfgeschossigen Klötze, die es überall ins Weichgebiet der Stadt gehagelt hat.

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Abgerundet wurde das architektonische Grauen in den folgenden Jahrzehnten vom rapiden Verfall der Schwerindustrie, grassierender Arbeitslosigkeit, fehlenden Mitteln für Restaurierung und Instandhaltung – et voilá, fertig war eine Melange der Tristesse. Die Stadt wurde zum Januskopf – und ihre beiden Gesichter starren in entgegengesetzte Richtungen. Was für ein Kontrast zum nur wenige Kilometer weiter flußabwärts gelegenen, atemberaubend schönen – und dabei historisch vollkommen stimmigen – Maastricht. Was für ein Kontrast auch zum ebenfalls schwer verwundeten, aber danach mit viel gutem Willen wieder zusammengeflickten Aachen. Lüttich wollte ganz nach oben und blieb auf halbem Weg stecken. Die Stadt hatte einst eine Seele – und verlor sie, schrieb der Blogger Don Alphonso, leider finde ich den Link nicht mehr.

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Ist das immer noch so? Ja, die Skyline der wallonischen Regionalhauptstadt ist, sagen wir mal zurückhaltend, einzigartig (jedenfalls wünscht man das den anderen Städten dieses Planeten). Aber es ist nicht die einzige Wahrheit. Nicht nur der 2009 fertigestellte Bahnhof Liège-Guillemins von Santiago Calatrava fügt den zwei Seiten der Medaille eine neue Facette hinzu.

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Der Humor der Bewohner tut das Seinige…

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…selbst wenn der China-Imbiss mal zu hat.

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Und dann sind da natürlich noch die Juwelen. Für die man manchmal ein paar Schritte abseits des Weges gehen muss. Etwa in die „Impasses“ nördlich der Prachtstraße Hors-Château in der Altstadt. Hier fristeten einst die Dienstboten und Angestellten der Bewohner der Reichen und Schönen der Stadt ihr bescheidenes Dasein. Wer sich durch die teils winzigen Durchgänge an der Hauptstraße…

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…in diese Labyrinthe aus Hinterhöfen und Sackgässchen quetscht – nirgendwo gibt es eine Verbindung zwischen diesen Stichwegen, stets muss man wieder zurück zur Straße -, wird belohnt durch den Anblick liebevoll geschmückter Gärten und schrullig auf- und aneinandergestapelter Häuser.

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Am Nordende der Rue Hors-Château liegt die Stiftskirche Saint-Barthélemy aus dem 11. und 12. Jahrhundert.

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Das Bauwerk aus Grauwacke war Ende der 90er Jahre stark verwittert und wurde nach der Jahrtausendwende mit gewaltigem Aufwand innen und außen saniert.

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Dabei wurde nicht nur der gesamte Boden erneuert, um eine moderne Heizungsanlage einzubauen – wobei zahlreiche Gräber entdeckt wurden -, sondern auch alle Außenwände neu verputzt und das Kirchenschiff neu vermörtelt und gestrichen.

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Im Inneren steht man vor dem Taufbecken des Bronzegießers Reiner von Huy aus der Zeit um 1110, eines der „Sieben Wunder Belgiens“.

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Die einzelnen Taufszenen werden durch Abbildungen von Bäumen voneinander getrennt. Man erkennt die Taufe Jesu im Jordan, die Predigt Johannes’ des Täufers in der Wüste, die Taufe von zwei Katechumenen, die Taufe des römischen Hauptmanns Kornelius und die Taufe des griechischen Philosophens Craton. (Wikipedia)

Aber auf uns wartet noch die ganz große Herausforderung – am anderen Ende der Straße.

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Nämlich die Montagne de Bueren, der berühmten Treppenstraße.

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Dieses Bauwerk verbindet die Altstadt mit der auf dem Berg gelegenen Kaserne der Zitadelle…

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…und sorgt seit dem 19. Jahrhundert bei Bewohnern wie Touristen für definierte Waden.

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Nein, aus Spaß keucht man nicht sämtliche 374 Stufen bis nach oben. Man tut das für die Aussicht, denn die ist grandios. Und natürlich, um sich selbst in eitler Pose auf dem Gipfel für die Nachwelt zu verewigen. Einmal lächeln, auch wenn’s nicht leicht fällt. (Endlich hat es sich einmal gelohnt, stundenlang das Stativ durch die Gegend zu schleppen.)

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Und schließlich, um nach erfolgreichem Abstieg schnurstracks hinter der Ecke in die Brasserie Curtius abzubiegen, einen ebenso schnuckeligen wie abgelegenen Biergarten im ehemaligen Ursulinenkonvent mit angeschlossener Mikrobrauerei.

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Und während man das traulich im Glas leuchtende, vor Ort gebraute Lütticher Bier die durstigen Kehlen herunterlaufen lässt, stellt man fest, dass sich die Frage nach der Seele dieser merkwürdigen Stadt längst erledigt hat. Lüttich, die Janusstadt, hat eben einfach: mehr als nur eine.

Belgien rüstet auf

Mächtig aufgerüstet hat zum Jahreswechsel meine Leib- und Magentankstelle an der belgischen Grenze bei Eynatten. Vier flamm nagelneue Säulen statt einer klapprigen. Unter regenschützendem Dach. Mit schnelleren Pumpen als je zuvor. Und dank doppelter Stellplatzzahl weniger Notwendigkeit, nach dem Einhaken des Tankrüssels wieder ins Auto steigen zu müssen, um vor dem Bezahlen nochmal ein Stück vorzusetzen, damit der hinter einem stehende Depp mit dem seit zwanzig Minuten laufendem Motor schon mal anfangen kann. Nicht mal teurer ist das Gas geworden.

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Fehlt eigentlich nur noch freies WLAN, damit man seine Begeisterung auch ohne Roamingkosten in die Welt hinaustwittern kann.

Da fällt mir ein, dass ich ganz vergessen habe, euch zu zeigen, wie meine Lieblingszapfstelle noch vor Weihnachten aussah:

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Wochenlang war die Glastür mit Holzplatten provisorisch verrammelt, man musste durch den seitlichen Restauranteingang ins Gebäude. Der Tankwart erklärte mir, warum: Ein paar belgische Crashkiddies hatten in der Nacht einen geklauten Opel Corsa mit Wucht in die Tür gesetzt. Durch die Splitter kletterten sie in den Shop, plünderten die Zigarettenregale und machten sich dann mit dem Wagen davon.

Die Freude am erfolgreichen Bruch dauerte nicht allzulang. Ein paar Minuten später rasten die euphorisierten Möchtegernkriminellen schon in eine Geschwindigkeitskontrolle der Polizei.

Mit etwas Glück hätte es bei einer gebührenpflichtigen Verwarnung wegen zu schnellen Fahrens bleiben können – wenn die kriminellen Großhirne nicht ihre schwarzen Skimasken auf dem Armaturenbrett liegengelassen hätten.

Luxemburg

Es ist ein schöner sonniger Morgen an diesem Sonntag, 12. August 2012, gegen 9 Uhr 15. Auf dem Gelände der Esso-Tankstelle am Aachener Europaplatz steht eine Gruppe jüngerer Menschen um eine Gruppe älterer Autos herum. Karten werden auf ausgebreitet, gute Ratschläge erteilt, Gepäck umgeräumt. Wohlgefüllte Picknickkörbe und Packtaschen lassen Großes erahnen.

Tankenplanung am Europaplatz
Kartenwälzen an der Tankstelle

Irgendwann ist alles geklärt, gepackt, besprochen – Abfahn! Vorweg Dirks 280 TE, dahinter Sebastians frisch restaurierter 230 C, gefolgt vom 600 SEL von Lars. Am Schluss der kleinen Kolonne dasjenige Fahrzeug, das heute zwar die mit Abstand niedrigsten Kilometerkosten haben wird, aus ebendiesem Grunde aber auch ganz hinten fahren muss: mein 240 CD, proudly powered bei Rapsöl. Unser Ziel: Luxemburg. Sebastian hat die ganze Sache angeleiert, die Route gelant und alle eingeladen. Es ist, wenn man den Erinnerungen der Mitfahrer glauben schenken darf, gerade einmal die zweite offizielle Ausfahrt des Aachener Stammtischs des VdH (Verein der Heckflossenfreunde).

Melkerin
Fragt sich, wer vom anderen begeisterter war: die Melkerin oder wir Youngtimer-Fahrer

Über Lichtenbusch geht es die E40 herunter, dann die E42 an Verviers vorbei, wo wir der Autobahn Lebewohl sagen und uns auf schmalen belgischen Landstraßen durch die herrliche Ardennenlandschaft nach Süden vorarbeiten. Da unser Kolonnenführer netterweise nicht gar so aufs Tempo drückt, bleibt Gelegenheit für den einen oder anderen Schnappschuss – etwa von dieser fröhlichen jungen Dame, die hinter einem artig aufgestellten Warndreieck eine Kuh am Straßenrand von ihrer Milch befreit und den vorbeirauschenden Altfahrzeugen begeistert zuwinkt.

Dorfkirche
Wuchtige Bauwerke des 14. und 20. Jahrhunderts

Meine Fahrposition am Ende der Gruppe birgt bei der gegebenen Fahrzeugwahl den Nachteil, dass hochaufragende Kirchen und mächtige Natursteinhöfe mit einem nicht minder ausladenden Fahrzeugheck um die vorhandenen Pixel auf meinem Kamerachip konkurrieren müssen. Aber sehen wir’s positiv: Immerhin ist es nicht die Coupé-Version des W140, die da vor uns die Szenerie befährt…

Allee
Eine schnurgerade Allee – hatten Napoleons Straßenbauer hier ihre Finger im Spiel?

Die schmalen Straßen führen uns abwechselnd über solch offenes Weideland und romantisch gewundene, bewaldete Täler. Sie sind manchmal kurvig und manchmal schnurgerade, manchmal bequem und manchmal, äh, belgisch. Manchmal überholen Motorradfahrer uns, manchmal wir ein Rudel Radsportler. Eins aber sehen wir nie, fällt uns im Nachhinein auf: Ampeln.

Schließlich überqueren wir die Grenze zu Luxemburg (was sich, wie um das Vorurteil zu bestätigen, von einem Meter auf den anderen an der Qualität der Straßendecke bemerkbar macht). In Wiltz steigt ein alter Studienfreund von Dirk zu, der uns zu einem kaum zugänglichen, aber umso reizvolleren Aussichtspunkt lotsen will. Über schmale Feldwege und vorbei an gestikulierenden Bauern geht es in einen Wald, wo die Aachener Sternenflottille zwischen schattenspendenen Bäumen vor Anker geht. Ein an den Heckwischer geklemmter Zettel mit einer Erklärung in Lëtzebuergesch macht etwaigen Ordnungskräften deutlich, dass wir die Erlaubnis des örtlichen Landwirts haben, zu sein wo wir sind.

Waldparkplatz
Parken im Wald

Etwa 200 Meter Fußweg dahinter öffnet sich der Wald und wir erreichen die kleine Lichtung des Aussichtspunktes Tempelskamp, wo ein hölzerner Aussichtsturm und einige Bänke mit Tischen die müden Reisenden begrüßen. Was für eine Aussicht!

Der Obersauerstausee
Der Obersauerstausee

Nach Süden hin ringelt sich der Obersauerstausee durch die Landschaft, ein künstliches Gewässer, das fast drei Viertel Luxemburgs mit Trinkwasser versorgt. A propos Wasser: Jetzt ist es Zeit…

Picknick am Aussichtspunkt Tempelskamp
Sachen raus, jetzt wird gepicknickt

…für unser Picknick, nachdem wir gut zweieinhalb Stunden in den weitgehend unklimatisierten Wägen gesessen haben. Dirks Bekannter Adrian zeigt uns, was luxemburgische Gastfreundschaft bedeutet und verteilt kühles luxemburgisches „Simons“-Bier in hübschen weißen Blechflaschen, Riesling-Pasteten und Küchlein. Wir würden am liebsten gar nicht mehr weg…

Strandbad
Unten im Tal wird derweil gebadet

…und beneiden die Badenden unten am Seeufer kein bisschen. Doch nach einer guten Stunde sind wir bereit zu neuen Abenteuern.

Noch eine Ruine
Nennt man so etwas eine Luxemburgruine?

Auch Luxemburg hat reichlich landschaftliche Reize, von den gepflegten hübschen Dörfchen und den diversen Burgruinen ganz zu schweigen.

Noch eine Burg
Noch eine. Ist das Burgenland nicht in Österreich?

Hinter jeder Kurve scheint eine neue Burg vom Berg zu dräuen. Doch es gibt noch andere faszinierende Bauwerke, etwa zwei Stahlträgerbrücken älteren Baujahrs. Es rumpelt mächtig, als unsere vier Stuttgarter Schwermobile über die schmale einspurige Fahrbahn zockeln.

Stahlträgerbrücke
Historisches Brückenbauwerk

Nach mehreren Kilometern durch bewaldete Berglandschaft zeigt sich hinter einer Linkskurve dieser Anblick.

Burg Vianden
So muss eine Burg aussehen. Nimm das, Disney!

Es ist die Burg Vianden, eine imposante Stauferfestung aus dem 12. und 13. Jahrhundert, die in den 80er-Jahren in ihren heutigen Zustand restauriert wurde. Wir halten im kleinen Dorf zu ihren Füßen, doch mit freien Parkplätzen sieht es in diesem Touristenmagnet mau aus. Nach kurzer Fotopause müssen wir uns notgedrungen wieder auf den Weg machen. Doch ein Ziel haben wir noch vor uns, auch wenn es von außen weit weniger eindrucksvoll aussieht.

Eingang zum Pumpspeicherkraftwerk
Eingang zum Pumpspeicherwerk

Das nahegelegene Pumpspeicherwerk Vianden, mit über 1000 Megawatt Leistung eines der stärksten in Europa. Dabei handelt es sich nicht nur um ein normales Wasserkraftwerk, sondern um eine Art Stromspeicher: Wenn wenig Strom benötigt wird, zum Beispiel nachts, wird Wasser in einen Stausee gepumpt. Dieses hochgepumpte Wasser ist nichts anderes als gespeicherte Energie, die zu Spitzenzeiten wieder abgerufen werden kann. Weil sich mit solchen Pumpspeicherwerken der erzeugte Strom speichern lässt, sind sie ein wichtiger Bestandteil bei der Energieerzeugung aus Sonne und Wind.

Das Werk Vianden an der Ourtalsperre wurde 1964 eingeweiht. Heute halten der Staat Luxemburg und die deutsche RWE je 40 Prozent der Anteile. Der erzeugte Strom wird ins europäische Verbundnetz eingespeist.

Unterirdische Turbinenhalle
Blick in die Kaverne mit den Turbinen

Der Eingang ist offen. Über einen langen unterirdischen Schacht gelangt man in einen Besucherraum, von dem aus man in die 330 Meter lange und 25 Meter hohe Kaverne mit den neun gewaltigen Turbinen sehen kann. Eine zehnte befindet sich in einem Seitental, eine elfte ist gerade in Arbeit.

Leitstand
Kommandozentrale in Sechziger-Jahre-Holzoptik

Der Leitstand mit seiner Holzverkleidung, den mechanischen Schaltern und analogen Anzeigen erinnert ein wenig an Kernkraftwerke aus dem früheren Ostblock.

Coupéduo
Kraftpakete vor Kraftwerk

Draußen auf dem Besucherparkplatz bietet sich noch Gelegenheit für dieses aussagekräftige Foto: Kraftpakete vor einem Kraftwerk. Dann trennen sich die Wege unserer Gruppe: Dirk und Lars machen einen Schlenker durch Luxemburg, Sebastian und mich zieht es heim gen Aachen beziehungsweise Köln.

Coupé und Coupé
Auf der Autobahn

Wir fahren hinter Weiswampach über die Grenze, schließlich bei St. Vith auf die Autobahn und zurück nach Aachen. Unterwegs schießt Sebastians Freundin dieses schöne Foto meines Dieselboliden. Gegen 18.30 Uhr kurvt der Moorbraune auf den Europaplatz ein, eine Stunde darauf bin ich zurück in Köln – und reichlich geschlaucht von einer kurzen Nacht und vielen hundert schönen Kilometern Straße durch drei Länder.

Soviel ist aber sicher: In Luxemburg waren wir nicht zum letzten Mal. Das kleine Land verdient, dass man es mit viel Zeit im Kofferraum erkundet. Und irgendwann gibt es auch bestimmt mal einen freien Parkplatz an Burg Vianden.

Autobahngold

Der Wagen steht an der Autobahnabfahrt Eynatten, warnblinkend, in der Kurve, die hinauf zur Landstraße nach Aachen führt. Ein dunkler Kombi, offenbar liegengeblieben und mit letzter Kraft gerade noch von der Autobahn gerollt. Eine Frau mit Kopftuch ist ausgestiegen, ein Mann mit dunklem Teint winkt hilfesuchend. Es ist gegen 20.30 Uhr, ich habe nach Feierabend noch rasch am Autohof hinter der belgischen Grenze LPG getankt und beschleunige gerade auf die Zufahrt zur Autobahn. Kaum habe ich das gestrandete Pärchen wahrgenommen, bin ich auch schon an ihnen vorbei, man bremst ja aus voller Beschleunigung nicht ohne weiteres, zumal mit weiteren Autos im Rücken.Auf den folgenden Kilometern wächst das schlechte Gewissen mit jedem Meter: Hattest du nicht auch schon mal eine Panne? Wie lange wird so ein südländisches Pärchen mit Autopanne in dieser Gegend auf Hilfe warten müssen? Bis Aachen-Brand ist das schlechte Gewissen so stark geworden, dass ich mit innerem Seufzen abfahre und wieder umkehre. Der Kombi steht immer noch in der Abfahrt.Ich halte auf dem Seitenstreifen. Der Mann tritt ans Beifahrerfenster. Er sei liegengeblieben, mit leerem Tank und ohne Geld. Ob ich ihm etwas leihen könnte? Er schwört, es zurückzuüberweisen,faltet die Hände, Verzweiflung in der Stimme. Ich werfe einen Blick ins Portemonnaie – mehr als zehn Euro sind nicht drin. Er nimmt das Geld, dankt traurig. Weit wird ihn das nicht bringen. Wo er hin will? „To Paris.“ – „Good luck to you.“ Ich fahre wieder los.In der folgenden Dreiviertelstunde bis Köln legt das schlechte Gewissen erst so richtig los. Du hättest den armen Kerl wenigstens zur Tankstelle fahren können, schimpfe ich mit mir. Oder ihn besser gleich dahin abbeschleppt. Was soll er mit zehn Euro, wenn er sich davon erstmal einen Reservekanister kaufen muss? Man hätte unter den wartenden Autofahrern an der Tankstelle den Hut herumgehen lassen können. Wenn jeder fünf Euro gegeben hätte… wie weit ist es eigentlich nach Paris?

Zu Hause angekommen, erzähle ich von meinem Treffen mit dem ärmsten Autofahrer in ganz Belgien. Meine Freundin bleibt ungerührt. „Du weißt, dass das eine ganz gängige Betrugsmasche ist?“ Böses ahnend, werfe ich Google an. Schnell ist das Stichwort gefunden: „Autobahngold„. Ein verbreiteter Trick, vor allem in der Reisezeit. Die Betrüger – meist aus Osteuropa – simulieren eine Panne, winken mit leeren Kanistern oder Abschleppseilen, leihen sich von hilfreichen Autofahrern Bargeld und bieten als Pfand scheinbar wertvollen Goldschmuck, Lederjacken oder ähnliches. Die Ware ist reiner Tinnef, das geliehene Geld sieht der Geneppte nie wieder. Polizei und Medien warnen seit Jahren vor der Masche.

Kalte Ernüchterung. Ich rufe die Autobahnpolizei am Grenzübergang Lichtenbusch an. Ich sei da einem angeblich liegengebliebenen Pärchen begegnet… „Haben die Ihnen Gold angeboten?“, fragt der Beamte. „So weit sind wir nicht gekommen“, erwidere ich zerknirscht. Für meine zehn Euro gab’s ja nicht mal ein echtes Goldkettchen aus Messing. „Sobald die ihr Geld bekommen haben, sind die gleich über alle Berge“, erklärt der Polizist. Fahndung zwecklos.

Man hätte von selbst drauf kommen können. Wer nach Paris will, bleibt schließlich nicht auf der Strecke von Lüttich nach Aachen mit leerem Tank liegen.

Ich ärgere mich. Über meine Leichtgläubigkeit, über die zehn Euro, aber vor allem darüber, dass ich beim nächsten liegengebliebenen Auto mit dunkelhäutigem Fahrer und/oder Kopftuchfrau wohl noch weniger zum spontanen Hilfshalt geneigt sein werde. Womit das Betrügerpärchen dann noch mehr Opfer auf dem Kerbholz hätte.

Andererseits: Zehn Euro sind kein allzu hoher Preis für eine nachhaltige Lektion Lebenshilfe. So ein falsches Goldkettchen hätte ich trotzdem gerne gehabt – als Andenken. Ob ich es beim nächsten Mal mit 20 Euro versuche? 15! Letztes Wort!

Der Mensch denkt: Gott, Gent.

Einerseits ist da Brügge. Venedig des Nordens, Unesco-Weltkulturerbe und berühmt als Perle Flanderns, spätestens seit Martin McDonaghs Kinokracher „Brügge sehen… und sterben?“ (trotz des fürchterlich übersetzten Titels).

Andererseits gibt es Gent. Doppelt so groß, doch von den Touri-Horden gefühltermaßen nur halb so heimgesucht. Und schnelle 200 Kilometer nah an Aachen, 50 weniger als Brügge. „Brügge ist ein Museum, aber Gent lebt“, schwärmt die Betreiberin unseres Bed-and-Breakfasts. Da sie als Genterin möglicherweise nicht ganz unvoreingenommen ist, bedarf diese These einer Überprüfung. Auf ins Leben der drittgrößten Stadt Belgiens also – wenn’s denn existiert.

Erster Eindruck: Auch wenn die Unesco der ostflandrischen Provinzhauptstadt bislang die kalte Schulter zeigt, das Panorama der Altstadt kann mit dem Brügges durchaus konkurrieren. (Die Bilder lassen sich großklicken.)

Gent. Einfach nur Gent.
Gent. Einfach nur Gent.

Graslei heißt die Uferpromenade links im Bild. Wie die gut gemachte und sogar deutschsprachige Besucher-Webseite Visitgent.be behauptet, würden neun von zehn Gentern bestätigen, dass ihre Stadt dort am schönsten sei. Umfragen sind etwas Wunderbares: Schließt man sich der Mehrheit an, fühlt man sich sofort in warmer Masse wunderbar geborgen.

Grasleigiebelgebäude
Grasleigiebelgebäude

Das fällt allerdings auch nicht schwer. Wer beim Anblick der alten Giebelhäuser nicht in Schwärmen gerät, wird wahrscheinlich auf einer Bahre an ihnen vorbeigetragen und hat eine Decke über den Kopf gezogen, wie Douglas Adams einmal schrieb (allerdings nicht über Gent).

Draußen vom Meer, da komm ich her
Draußen vom Meer, da komm ich her

Die Zeit der stolzen Dreimaster ist hier m Zusammenfluss von Lieve und Leie zwar schon längere Zeit vorbei…

Hausboot mit üppigem Deckbewuchs
Hausboot mit üppigem Deckbewuchs

…geblieben sind dafür solch sympathische Hausboote mit üppigem Deckbewuchs. Das ist wirklich eher Leben als Museum. Der Genter hat’s anscheinend gerne gemütlich, wenn auch ein klein wenig Rebell in ihm steckt:

In jedem Belgier steckt ein kleiner Rebell
In jedem Belgier steckt ein kleiner Rebell

Überhaupt, Schilder. Mit der Skurrilität Büdingens in puncto Schilderwald können die Genter zwar nicht konkurrieren. Was sie von Falschparkern auf Behindertenparkplätzen halten, machen sie aber sehr deutlich:

Nimmst du meinen Parkplatz, nimm dann auch meine Behinderung!
Nimmst du meinen Parkplatz, nimm dann auch meine Behinderung!

„Neem je mijn parkeerplaats, neem dan ook mijn handicap!“ Nimmst du meinen Parkplatz, dann nimm auch meine Behinderung. Gut gegeben, Gent. Das ist ebenfalls Leben, nicht Museum.

Französische Schräghecklimousinen? Hier bitte nicht.
Französische Schräghecklimousinen? Hier bitte nicht.

Auch sonst herrscht im Straßenverkehr Ordnung. Französische Schräghecklimousinen zum Beispiel – das Auto am Haken ist eindeutig ein Citroën DS – scheinen nicht gerne gesehen zu sein. Man ist hier schließlich nicht in der Wallonie. Gut, dass wir mit einem klassischen Stufenheckmodell Stuttgarter Herkunft angereist sind, da hat man gleich eine Sorge weniger.

Es folgen ein paar der üblichen touristischen Highlights.

Stadttheater
Stadttheater

Das Stadttheater am Sint-Baafsplein (zu deutsch: Sankt-Bavo-Platz).

Genter Türme: St. Nikolaus, Belfried, St. Bavo
Genter Türme: St. Nikolaus, Belfried, St. Bavo

Das Turm-Trio: In der Bildmitte die St.-Nikolauskirche am Korenmarkt, rechts davon der Belfried-Glockenturm, dahinter der Turm der Sankt-Bavo-Kathedrale. In letzerer ist normalerweise der Genter Altar von Jan van Eyck aus dem Jahr 1432 zu sehen, auch bekannt als „Die Anbetung des Lamm Gottes“. Leider befindet sich dieser Meilenstein der Kunstgeschichte (dessen Geschichte übrigens ein Krimi für sich ist) derzeit in Restauration. Man darf aber Geld dafür ausgeben, ersatzweise in einer Seitenkapelle eine Nachbildung mit der Anmutung einer Baumarkts-Fototapete zu betrachten. Müssen muss man gottseidank nicht. Ansonsten ist das Innenleben der Kathedrale schlichtweg wunderschön. Schade, dass man es nicht fotografieren darf. Dafür einen Museumsminuspunkt.

Little Big Ben
Little Big Ben

Einen Big Ben haben sie auch, die Genter.

Waffeltraum mit Traumwaffel
Ein Waffeltraum mit Traumwaffel

Und das Wichtigste: Sie können Waffeln. Außen hauchknusprig, innen zartweich. Selbst wenn Gent am Ende doch ein Museum ist – das Museumscafé ist vom Feinsten.

Haus mit Seeblick
Haus mit Seeblick

Glücklich, wer ein Haus mit Seeblick hat…

Meerbalkon
Meerbalkon

…und das Ambiente seiner Terrasse entsprechend zu gestalten weiß.

Zahnmordender Geheimtipp: die Confiserie Temmermann
Zahnmordender Geheimtipp: die Confiserie Temmermann

Ein Muss für jeden Besucher und längst kein Geheimtipp mehr: die Confiserie Temmerman an der Kraanlei im Patershol-Viertel, seit acht Generationen im Familienbesitz (zweites Haus von rechts). Unbedingt die lokale Spezialität „Neuzekes“ (Näschen) probieren, rote Bonbons in Kegelform mit Geleefüllung.

Der Vrijdagmarkt mit dem Denkmal...
Der Vrijdagmarkt mit dem Denkmal…

Auf dem Vrijdagmarkt…

Haltet ein! Nehmt mich mit!
Haltet ein! Nehmt mich mit!

…prangt das Denkmal des stehengelassenen Straßenbahnpassagiers.

"Unser Haus" - aber die Heizkostenrechnung zahlt bitte wer anders
„Unser Haus“ – aber die Heizkostenrechnung zahlt bitte wer anders

1910 gönnte sich die Sozialistische Arbeitervereinigung diesen Prachtbau: „Ons Huis“ (Unser Haus) zeigt Merkmale des sogenannten eklektischen Stils und des Jugendstils.

Casteel Gravensteen
Casteel Gravensteen…

Die Grafensteinburg (Gravensteen), eine der größten Wasserburgen Europas, stammt aus der Zeit um 1200 herum und sollte dereinst die Herrschaft der Grafen von Flandern sichern.

Der Grafen Latrine
…ist berühmt für seine gravitationsgesteuerten sanitären Anlagen

Die in die Außentürme eingelassenen, äh, sanitären Anlagen zeigen deutlich, was die Burgherren auf die Rechte der Stadtbewohner gaben.

An der Spiegelgracht
Spiegelgracht

Nacht in Gent. Der Tourist sucht sich im Patershol ein nicht völlig überteuertes Restaurant, was leider nicht ganz so leicht ist. Eine Mahlzeit unter 20 Euro? Ich bitte Sie. Das flämische Nationalgericht, der Waterzooi-Eintopf, ist fast unbezahlbar.

Genter Nacht
Genter Nacht

Irgendwann findet sich doch noch ein annehmbares Gasthaus. Und so geht der Tag zu Ende, die Füße schmerzen, doch im Glas glänzt beste belgische Braukunst. Zeit für die Entscheidung: museale Metropole oder lebendige Stadt?

Das Grinsen von Gent
Das Grinsen von Gent

Kein Zweifel, Gent lebt. Man könnte sogar sagen: Gent grinst. Eigentlich ganz gut, dass die Unesco noch nicht hier war. Wer weiß, was ein Bier sonst kosten würde.

Bilstain

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Mit „ai“. Nicht Bilstein, wie die Stoßdämpfer. Obwohl es passen würde. In Bilstain, einem kleinen Nest zwei Autobahnabfahrten hinter der belgischen Grenze, liegt dieses Endurogelände. Freunde von mir tollen dort jedes Wochenende im Wald herum. Auch wenn sich Marit, meine Freewind, bei derlei Kindereien nicht die Tauchrohre dreckig machen mag – neugierig war ich schon. Und bin am vergangenen Wochenende einfach mal hingefahren. (Sorry für die schlechte Bildqualität, ich hatte nur die Handykamera dabei.)

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Das Fahrerlager. Hier wird gezeltet, gegrillt, an den Moppeds geschraubt und abends der eine oder andere Kamillentee getrunken.

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Dahinter: der Wald. Das Licht des späten Sommers bricht sich in den Baumkronen. Ach, ist das ruhig zwischen den steilen Hängen wie diesem…

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…und trockenen Bachbetten wie diesen.

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Huch – was war das?

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Plötzlich ist es gar nicht mehr ruhig. Es knattert, öttelt und sprotzt, dass es nur so seine Bewandnis hat. In der Waldesluft liegt Zweitaktduft.

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Wer fürchtet sich vorm steilen Hang? Niemand! Geronimoooo!

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Nach dem Einsatz: Fahrerpalaver. Also, das mit Baumwurzeln funktioniert so…

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Am Ende des Tages ist von den schmucken Sportgeräte dann ein wenig der Glanz ab. Aber wie heißt es so schön? Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass Motorräder sauber sind, wäre Spülmittel im Regen.

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Egal, wofür hat er den Kärcher geschaffen?

Hm. Das ist alles ziemlich witzig. Die Leute waren auch supernett (ich durfte sogar mal als Sozius mit über Stock und Stein hoppeln).

Aber ich weiß nicht, ob ich noch ein weiteres Hobby brauche. Ganz billig ist der Spaß ja auch nicht – was allein an dem Wochenende in der Gruppe an neuen Auspuffen, Bremsscheiben und sonstigen Teilen fällig war, ist kein Pappenstiel. Aber Spaß macht’s sicher.

Man kann ja mal ein Probetraining machen… ganz unverbindlich selbstverständlich… nur so. Zum Spaß.