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Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Prakticar 1.8 80, 15s, ISO 100
Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Prakticar 1.8 80, 15s, ISO 100

Da steht er am Bordstein und glänzt im Scheinwerferlicht der vorbeifahrenden Autos. Mein neuer Wagen.

Ihr seht recht: Er hat keinen Stern.

Mercedes ist für mich die einzig wahre Automarke gewesen, seit die schlammigen Sohlen meiner Kinderstiefel die Rückseite des Fahrersitzes in meines Vaters weißem Strichachter verdreckten. Es wird ja auch das moorbraune Dieselcoupé zeitlebens das einzig wahre Auto für mich sein. Auch wenn mein erster Wagen ein Opel Corsa, der dritte ein Kadett, der sechste und siebte VW Golfs waren. Die anderen vier waren alle Made in Stuttgart-Untertürkheim, und ihr könnt mir glauben: Wirklich persönliche Beziehungen kann man nur zu Autos mit Stern auf der Kühlerhaube haben. Glaubte ich jedenfalls.

Und jetzt steht da ein Saab 900. Auch noch einer der zweiten Generation, der mit dem Schuss General Motors – sprich: Opel – in den Genen.

Wie das kam? So. Auf dem Weg zum diesjährigen Aachener Non Profit Camp endete die fünfjährige innige Beziehung zu meiner C-Klasse abrupt: Der Motor ging während der Fahrt aus. Die Zeitrafferversion der folgenden Wochen: ADAC, Werkstatt, Diagnose, Motorsteuergerät. Neuteil 1700 Euro, zu teuer, Tauschteil 700 Euro, zu teuer, Reparatur in Würselen 500 Euro, zu teuer, Reparatur im Internet 350 Euro, zu teuer, Gebrauchtteil vom Schrott 250 Euro, funktioniert aber nicht, Gebrauchtteil von Ebay 150 Euro, funktioniert aber nicht, Gebrauchtteil von Ebay 160 Euro, funktioniert.

Da allerdings war es dann zu spät. Denn während sich die Suche nach dem passenden und funktionierenden PMS 0185450232 immer länger hinzog, kam Facebook ins Spiel, wo ich einen geduldigen Freundes- und Bekanntenkreis fleißig über die Widrigkeiten meiner Individualmotorisierung auf dem Laufenden hielt. Und Facebook-Freund Martin, ebenfalls Liebhaber schöner und älterer Autos und ebenfalls Blogger, kannte da jemanden in Luxemburg, der ein Auto loswerden wollte: jenen Saab nämlich.

Saab?

An sich ist der Gedanke an eine Fremdmarke für einen eingefleischten Sternenkreuzerfahrer geradezu absurd. Doch dann kamen Erinnerungen hoch. An die ADAC Motorwelt meines Vaters, als der Saab 900 der ersten Generation vorgestellt wurde. „Wir haben da ein paar ganz pfiffige Autos, die vielleicht etwas unterschätzt werden“ – an das Zitat des Saab-Pressesprechers im Text kann ich mich heute noch erinnern. Und dass ich den eckigen, H-förmigen Kühlergrill cool fand. Und die kantige Linie.

Aber ist das ein Grund, mehr als 30 Jahre später einen 20 Jahre alten Wagen eines Herstellers zu kaufen, den es inzwischen schon gar nicht mehr gibt?

Ich sah die Fotos des Blauen auf der Webseite des Verkäufers. Und je länger ich sie mir ansah, desto besser gefiel mir der Wagen. Martins Einflüsterungen taten ihr Übriges: Die Heckklappe – so praktisch. Der Stauraum – gigantisch. Der Motor – unzerstörbar. Die Sitze – viel besser als im Mercedes. Ersatzteile? Da gibt es spezialisierte Online-Versender.

Manchmal überrascht man sich selbst. Irgendwann fiel die Entscheidung, ließ ich mich von einer hilfsbereiten Freundin in ein fremdes Land fahren, machte mit einem fremden Menschen in einem fremden Auto einer fremden Marke eine zehnminütige Probefahrt im Dunkeln – und unterschrieb den Kaufvertrag. Es folgten etwas Papierkrieg, eine neue Frontscheibe wegen Steinschlags (habt ihr gewusst, dass die Preisunterschiede bei neuen Windschutzscheiben bis zu 600 Euro betragen können?), etwas Warterei, dann lag eines Tages die ersehnte Zulassung aus Luxemburg im Briefkasten.

Jetzt steht er da unten an der Ecke, mein neuer alter 900. Ein Auto ohne Stern, aber mit Pedigree. Auch wenn GM der zweiten Auflage des Erfolgsrenners reichlich Vectra ins Bodenblech presste, ist er unverkennbar noch ein Saab. Mit Zündschloss in der Mittelkonsole (um das rechte Fahrerknie im Un-Fall zu schonen). Mit dem typischen Saab-Gesicht und der „Hockeyschläger“-Fensterlinie an der C-Säule. Und mit reichlich Goodies: Klimaautomatik. Glasschiebedach. Scheinwerfer-Wischwasch. Vier Fensterhebern. Black Panel, der Nacht-Verdunkelung für die Armaturenbeleuchtung. Zentralverriegelung mit Fernbedienung. Alarmanlage mit Glasbruchsensor. Bordcomputer mit Verbrauchs- und Reichweitenanzeige. Außenthermometer. Anhängerkupplung. Beheizten Außenspiegeln. Warnung bei offenen Türen. Bei defekter Beleuchtung. Bei sich leerendem Tank. Bei zuwenig Wischwasser. Und, und, und.

Kaum etwas davon hatte je eines meiner bisherigen Autos – und wenn es noch eines letzten Anstupsers bedurft hätte, mich weich zu machen, die Ausstattung war es.

Ach ja, und er hat ein Automatikgetriebe. Mit Winter- und Sportmodus. Auch Automatik wollte ich nach fiesen Erfahrungen mit einem der Gölfe nie wieder haben. Aber ich wollte ja auch eigentlich nie wieder ein Auto ohne Stern fahren, weil man doch nur zu Autos mit Stern eine persönliche Beziehung aufbauen kann.

Manchmal überrascht man sich eben selbst. Er heißt übrigens Bengt.

Unaufschiebbares

Es gibt Dinge, die kann man nicht aufschieben. Geburtstage von Menschen, die man liebt, zum Beispiel. Dafür setzt man sich auch dann am Wochenende ins Auto, wenn in fünf Bundesländern die Sommerferien beginnen und sich die Stauprognose des ADAC liest, als träfen sich die Reiter der Apokalypse mit Dischingis Khans Goldener Horde zum munteren Schädelkegeln am Kamener Kreuz:

„Gewaltige Staus erwartet Autofahrer auf dem Weg in den Sommerurlaub an diesem Wochenende. An diesem Wochenende starten die Bundesländer Berlin, Brandenburg, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern sowie der Süden der Niederlande in die Ferien. Aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und der Mitte der Niederlande rollt die zweite Reisewelle. Es gibt kaum mehr Strecken ohne Staus. Wer kann, sollte für den Start in den Urlaub auf einen Tag unter der Woche ausweichen.“

Aber, wie gesagt, es gibt Dinge, die kann man nicht verschieben, denen kann man nicht ausweichen. Ein Trost bleibt dem Schreiber dieser Zeilen, während er am Sonntagnachmittag in seiner frisch polierten C-Klasse vom elterlichen Oldenburg aus in Richtung Süden brummt: Er hat es nicht eilig. Keine Deadline dräut, kein Minutenzeiger sitzt ihm im Nacken. Die linke Spur darf heute gerne denen gehören, die nicht so gut dran sind wie er. Manchmal ist es auch die Mittlere, wenn sie ihn in ihrer Eile rechts überholen, um sich ein, zwei Autos weiter vorne im Pulk einzusortieren.

Denn ein Pulk ist es, der sich da über die A1 ab dem Autobahnkreuz Alhorn in Richtung Osnabrück/Münster schiebt. Selten geht es schneller als 120 Stundenkilometer voran, meist deutlich drunter, immer wieder zieharmonikat sich die Blechschlange bis auf 60 km/h zusammen. Kurz hinter Vechta – der beim Volltanken in Oldenburg auf Null gestellte Tageskilometerzähler zeigt gerade erst 50 zurückgelegte Kilometer an – ist dann zum ersten Mal Schluss. Stau.

Auf drei Spuren stehen wir da, im leichten Nieselregen unter trübem Himmel, und warten, kriechen ein paar Meter weiter, stoppen, warten, fahren wieder an, kriechen ein, zwei Wagenlängen voran, stoppen wieder, warten. Bis es irgendwann, erst zögerlich, dann merkbar und schließlich endgültig wieder weitergeht. Eine Stunde ist da schon vergangen, eine Stunde für 50 Kilometer Strecke. Von knapp 400 nach Aachen oder gut 300 nach Köln – je nachdem, wie weit ich heute noch komme.

Fürs erste sind das gerade mal weitere 50 Kilometer. Bei Osnabrück staut es sich zum zweiten Mal. Und wieder ist eine Stunde vergangen, als der Kilometerzähler endlich die 100 voll macht. Und so in etwa bleibt es auch.

Bis kurz hinterm Kamener Kreuz.

Es sind keine Mongolischen Reiterhorden, die da die Autobahn dichtmachen, es ist nur eine zufällige Zusammenkunft zahlreicher Sommerfrischler aus verschiedenen Ecken Deutschlands. Trotzdem geht in Sekundenschnelle gar nichts mehr, und die Geschwindigkeit und Gründlichkeit, mit denen der Verkehr zum Erliegen kommt, verraten dem auf unzähligen Autobahnkilometern durchgewalkten Hintern des Erfahrenfahrers, dass es diesmal etwas Ernsteres ist. Keine Spurverengung wegen einer Baustelle, kein Wohnmobil mit Motorradanhänger, dem an einer Steigung beim Überholen die PS ausgegangen sind. Das hier wird länger dauern. Minuten vergehen. Nach und nach werden Motoren abgestellt. Es wird still. Türen klappern, Fahrer steigen aus. Zigaretten werden angezündet. Menschen versuchen, nach vorne zu spähen, schirmen die Augen mit der Hand ab. Ist da etwas zu sehen, hinter dem blauen Hinweisschild auf das Autobahnkreuz Dortmund/Unna?

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Das Martinshorn ist zuerst ganz leise, kaum zu hören. Dann: bläuliches Aufblitzen im Rückspiegel. Einige Autofahrer beginnen, ihre Mobile auf den wenigen zur Verfügung stehenden Metern Asphalt aus dem Weg zu rangieren. Schon rauscht der erste Rettungswagen vorbei. Der Zweite. Jetzt ein knallrotes Löschfahrzeug der Feuerwehr. Noch eins. Schließlich Polizei.

Kaum jemanden hält es jetzt im Wagen. Auch mich nicht. Ist das Gafferei? Ist es Anteilnahme? Wir Menschen sind so gepolt, dass wir wissen wollen, was vor sich geht. Was passiert da vorne? In der Kurve hinterm Hinweisschild verharren die vielen winzigen Blaulichter, flackern statisch vor sich hin. Steigt da Rauch auf?

Immer mehr Minuten kriechen ins Land. Hätte man die Fahrt nicht doch verschieben sollen? Lieber später am Abend fahren? Oder ganz früh am Morgen? Eine andere Route nehmen?

Über der stehenden Kolonne kreist ein Greifvogel. Auch wenn er kaum Ähnlichkeit mit einem Geier hat, er lenkt die Gedanken unwillkürlich auf das, was sich da vorne ereignet hat. Sind Menschen verletzt worden? Einer, mehrere? Schreit in diesen Minuten jemand vor unerträglichen Schmerzen, eingeklemmt in einem zerquetschten Haufen Blech? Kämpfen Mediziner um einen Sterbenden? Vermutlich ist es eine Gnade, außer den blauen Lichtpunkten da hinten in der Kurve nichts erkennen zu können.

Plötzlich ein Knattern. Ein Rettungshubschrauber steigt auf. Der Pilot senkt die Nase der Maschine, die schnell Fahrt aufnimmt, tief über unsere Köpfe donnert. Ob im Innenraum jemand auf der Bahre liegt?

Ein anderes Geräusch – lautes Hupen von hinten. Ein großer, leuchtend gelber Abschlepp-Lkw schlängelt sich durch die Rettungsgasse, im Sekundenrythmus lässt der Fahrer die Fanfaren dröhnen. Wenige Meter dahinter ein zweiter.

Es dauert noch lange – eine Viertelstunde? Eine Halbe? -, ehe die Autotüren wieder klappern. Ehe die Wartenden in ihre Wagen steigen. Dann werden Motoren angelassen. Bewegung kommt in die Schlange. Anfahren. Langsam. Im Kriechtempo voran. Vorbei an Polizisten in gelben Neonwesten, die den Verkehr mit Kellen ganz nach rechts auf den Standstreifen dirigieren, vorbei an einem Abschleppwagen mit einem zerbeulten gelben Kombi auf der Ladefläche, vorbei an einem Kastenwagen der Polizei mit flackerndem Blaulicht, in dem Menschen sitzen, vorbei an einem zerschrammten BMW links an der Leitplanke.

Dann ist die Bahn vor mir frei. Und zwar völlig frei, weil der Verkehr sich nur tröpfchenweise aus der Engstelle befreien kann. Als wollte die Autobahn sich für das Warten entschuldigen, lädt sie jetzt zum Gasgeben ein: Alle drei Spuren für dich! Doch mir ist nicht danach, ein paar der vielen verlorenen Minuten wieder hereinzuholen.

Es gibt Dinge, die man nicht verschiebt, weil man sie unbedingt tun möchte. Und dann gibt es Dinge, die kann man nicht verschieben, weil sie einem passieren. Weil sie sie einem im wahrsten Sinne des Wortes wider-fahren, wie zwei Tonnen Auto auf Kollisionskurs auf einer Autobahn. Dinge, die einen aus der Spur werfen, aus aller Planung katapultieren, vielleicht sogar aus dem Leben.

Mir ist heute auf der A1 bei Unna etwas Lebenszeit abhanden gekommen. Lebenszeit, die ich lieber anders verbracht hätte. Doch es gab jemanden, der hätte sicherlich gerne mit mir die Plätze im Stau getauscht. Jemand, der näher am Geschehen hinter dem blauen Autobahnschild war als ich. Ganz nah. Zu nah.

Sechs Stunden nach dem Losfahren stelle ich in Köln den Motor ab. Sechs Stunden für gut 300 Kilometer. Und trotzdem habe ich das Gefühl, Glück gehabt zu haben.

Einmal runderneuern, bitte

„Ja, lohnt das denn überhaupt noch?“, wird so mancher fragen. Mehr als 1000 Euro in ein Auto zu stecken, dessen Auslieferungstag sich gerade zum 20. Mal jährt – und das in diesem Zustand schon für irgendwas um die 2000 Euro auf dem Markt zu haben ist. Ein Auto ohne Beifahrerairbag, ohne Kopfstützen hinten, ohne elektrische Fensterheber, ohne Klimaanlage, Tempomat und selbstverständlich ohne Ledersitze, Edelholzarmaturenbrett, Chrom in den Stoßleisten, fünften und sechsten Zylinder und was die Aufpreisliste damals sonst noch hergab. Und das auch noch schon fast 300.000 Kilometerchen auf der Uhr hat.

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Man kann natürlich sagen: Das Geld hättest du mal lieber auf Seite gelegt und demnächst einen halben Neuen damit bezahlt. Was einerseits wahr ist. Aber andererseits negiert, dass dieser unscheinbare classicweiße Geselle in seiner Basismotorisierung und (Fast-)Buchhalterausstattung eine Gasanlage in sich trägt, für deren Einbau 2500 Euro auf den Werkstatttisch zu blättern sind. Und man sich ein Auto, das pro 100 Kilometer gerade mal läppische 4,50 Euro wegnuckelt, auch erstmal basteln muss.

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Und: Dass ich ihn inzwischen mag. Sehr sogar. Seit er mir im Juni 2011 zugelaufen – und dem Verschrotter gerade noch von der Presse gesprungen – ist, hat er mich in einer so unaufgeregten Weise durch die Welt gefahren, wie man sie sich von einem professionellen Butler nicht schöner wünschen könnte. Stolze 120.000 Kilometer ist das jetzt her – dreimal um die Erde. Klar, der Butler ist längst im gesegneten Rentenalter, hier und da hat es auch schon mal etwas geknirscht. Da war das heulende Radlager letztes Jahr auf dem Weg nach Feurs (aber wessen Kniescheibe knackt nicht gelegentlich?), da war das neue Getriebe im Herbst (aber setzt man einen Hausdiener vor die Tür, weil er einen Herzschrittmacher braucht?). Stehengeblieben ist er nie, wenn man die gestorbene Batterie auf dem Campingplatz in Frankreich bei der Portugalreise 2011 mal wegdenkt (und wer hat morgens nicht schon mal verschlafen?). Nicht ein einziges Mal habe ich ihn verflucht, weil er musste und nicht mehr wollte. Was ihn positiv von einigen anderen Autos unterscheidet, die zu fahren ich das manchmal zweifelhafte Vergnügen hatte. Und 120.000 Kilometer, das ist schon ein komplettes Autoleben, verbracht größtenteils auf der A4 zwischen Köln-Eifeltor und Aachen-Rothe Erde. Es waren 120.000 entspannte und angenehme Kilometer.

Ich mag sogar sein Äußeres, das die Unaufgeregtheit seines Charakters so stimmig widerspiegelt. Diese klaren Linien ohne wirr hineingebügelte Kanten oder wild gefletschte Lufteinlässe, dieses abgrundtief nüchterne und dabei so grundsolide Innere ohne jedes verchromte Bling-Bling (den Ausruf „boah, was für ein cooles Retro-Auto!“ einer Mitfahrererin werde ich nie vergessen). Als dieses Design entwickelt wurde, war gerade die Mauer gefallen, und trotzdem wirken die im automobilen Alltag immer noch allgegenwärtigen W202 so vertraut wie zeitlos. Und die Käseecken-Rücklichter, Anfang der Neunziger das Höchstdenkbare an Stuttgarter Schrillheit, fallen heute ungefähr so auf wie gefärbte Männerhaare in einer Fußgängerzone. Nämlich gar nicht.

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Also hat er sie bekommen, die nochmal ganz große Rundumrenovierung. Zwei neue gebrauchte Kotflügel vorne, einer frisch lackiert. Den Rempelschaden im Stoßfänger vorne rechts gespachtelt und gelackt. Die Rostansätze aus den hinteren Radläufen getilgt. Kantenschäden an der Fahrertür beseitigt und übertüncht. Ein neuer Antennenstab. Neue Stabilisatorgummis. Eine neue Wasserpumpe. Und, nur fürs Auge, aber dafür um so schöner: Endlich verstärkte hintere Federn, weil unserem treuen Diener dank LPG-Tank und Anhängerkupplung der Hintern doch immer etwas tief hing. Jetzt sieht es aus, als ob das Mini-Muscle-Car vor lauter Drehmoment kaum die Räder auf die Straße bekommt.

Und das Beste: Alles ist noch vor Feurs 2014 fertiggeworden. Wie ein Brett liegt der Wagen wieder auf der Straße, die frische Optik scheint sogar auf die Motorleistung heilende Auswirkungen gehabt zu haben. Der Butler strahlt. Eine neue Lackschicht ist wie ein neues Leben.

Tankentreffen

Und als ich am Abend nach dieser ganz persönlichen Geburtstagsüberraschung mal wieder an meiner Stammtanke in Eynatten für 48 Cent pro Liter den Gastank vollmache, da tut mir der ebenfalls bestens gepflegte C200 an der Zapfsäule rechts neben mir, trotz seiner 14 Mehr-PS, sogar etwas leid. Hängt ja doch etwas tief, der Hintern.

Mitfahrgelegenheit VI: Der Freund

Ich habe mir angewöhnt, meine Mitfahrer gleich nach der Kontaktaufnahme mit Namen im Telefonbuch zu speichern. Das ist hilfreich, wenn sich etwa während der 11.30-Uhr-Redaktionskonferenz nacheinander vier Leute auf der Mailbox für die abendliche Fahrt anmelden, von denen man zweien dann sofort wieder absagen muss, weil der Wagen schon längst voll ist, der dritte einem am Nachmittag per SMS selbst cancelt und man schließlich abends am Bahnhof Rothe Erde auf der Suche nach Nummer Vier ist, der möglicherweise einfach nur auf der falschen Seite des Gebäudes wartet. Es ist also immer gut, zu wissen, wer hinter welcher Nummer steckt.

Außerdem, und das ist fast noch wichtiger, kann man sich kleine Hinweise und Gedächtnisstützen zu den Fahrern wegspeichern. Jener Thorsten etwa, der mich beim ersten Mal versetzt hatte und zur Abfahrtszeit auch auf mehrfaches Anrufen und SMS nicht reagierte, fand als „Thorsten WARNICHTDA“ Aufnahme in die Kontaktwelt meines Schlaufons. Was mir einige Wochen später, als er erneut anrief, um eine Fahrt zu buchen, die Entscheidung leichter machte, das Gesspräch anzunehmen oder nicht. Ist schon blöd, wenn man jemanden anruft, und keiner geht ran, gell, Thorsten?

So hatte ich denn auch gleich eine schlechte Vorahnung, als mich eine SMS informierte, dass Lina (tatsächlicher Name dem Verfasser bekannt) einen Platz auf der abendlichen Fahrt von Aachen nach Köln gebucht hatte, die um 22.20 Uhr nach meinem donnerstäglichen Sport beginnen sollte. Lina erschien als „Lina FÜRFREUNDGEBUCHT“ auf dem Display, und ich erinnerte mich gleich an die Dame mit der wenig einnehmenden Stimme, die erst den Platz sicherte und dann mitteilte, dass es für ihren Freund sei. Ein Blick auf ihre Profilseite bei der Mitfahrzentrale hatte enthüllt, dass sie das Kunststück fertiggebracht hatte, trotz einer ganzen Reihe gebuchter Fahrten nur mit durchschnittlich zwei von fünf Sternen bewertet zu werden. Meist war’s, weil sie nicht zur Fahrt erschienen war oder für jemand anderen gebucht hatte (der dann nicht erschienen war). In meinem Fall war die Mitfahrt ebenfalls nicht zustande gekommen, weil der Freund angeblich den Bus zum Treffpunkt verpasst hatte. Nun ja, kann passieren.

Auch diesmal sollte ich letztlich wieder ihren Freund mitnehmen – ich frage mich in solchen Fällen immer, warum nicht der Herr Partner selbst die Fahrt bucht? Vertrauensbildung geht irgendwie anders. Letztlich kam aber doch noch ein telefonischer Direktkontakt zwischen besagtem Partner und seinem angehenden, zusehends un-enthusiastischer werdenden Chauffeur zustande. So einfach wie sonst war die Sache nämlich nicht: Es gab an jenem Abend das Problem, dass sowohl in Aachen als auch in Köln der Öffentliche Personennahverkehr ruhte. Streikbedingt. Der Mitfahrpartner sah sich folglich außerstande, zu einem meiner üblichen Abfahrtspunkte in Aachen zu kommen, auch zu keinem halbwegs am Weg liegenden. Stattdessen bat er um Abholung bei sich zu Hause. Sowie um Hinbringung zu seinem Zielort, der Burgstraße in Köln – wo auch immer die sein mochte. Obwohl mir solche Extratouren wegen ihres meist immensen Zeitbedarfs nicht sonderlich liegen, erklärte ich mich schließlich bereit, trotz Nach-Sport-Müdigkeit und später Stunde für jeweils einen Extra-Euro den Mann a) an seinem Zuhause in Walheim („das sind echt nur vier Minuten von der Autobahn!“) abzuholen und ihn b) nach Köln zu seiner Freundin (ob es dieselbe war, die die Fahrt gebucht hatte…?) zu transportieren.

Wie man es innerhalb von vier Minuten von der Autobahnabfahrt Lichtenbusch nach Walheim schaffen soll, blieb im Dunkel der Nacht verborgen. Mit einer basismotorisierten C-Klasse ginge das jedenfalls höchstens, wenn sie von vier Porsches gezogen würde. Nach zehn Minuten Fahrt über ländlich-hügelige Schleichwege schließlich fand ich mich um 22.45 Uhr in einer ghettoartigen Hochhauslandschaft wieder, in der pittoresk gekleidete Personen jüngeren Baujahrs auf Skateboards um mein Auto herumrollerten. Die Türen von innen fest verriegelt, informierte ich Mr. Freund über mein Eintreffen. „Ich bin in fünf Minuten bei Ihnen!“, versprach er. Es vergingen ihrer etwa zwölf, innerhalb derer mein Adrenalinspiegel nicht sank. Als ich gerade den Motor anlassen wollte, klopfte es an der Beifahrertür.

Herr Freund nahm Platz und machte zunächst einige Punkte wieder gut, indem er mir spontan etwas Kuchen anbot – was ich allerdings dankend ablehnte, da es mit meiner aktuellen Diät kollidierte. Während wir uns mühsam über Bodenwellen und um verkehrsberuhigende Ausbuchtungen aus dem Ghetto herauskurbelten, hielt Mr. Freund nach einem Kumpel Ausschau, dem er noch etwas zu übergeben hatte. Vielleicht war es mein Kuchen. Zwanzig endlose Landstraßenkilometer und ebenso viele Minuten später erreichten wir schließlich die Autobahnauffahrt Brand – die eigentliche Heimfahrt konnte beginnen. Mister Freund sorgte derweil für die Bordunterhaltung, indem er seinem Handy erst eine Vielzahl von schrillen Piepstönchen entlockte und schließlich eine Reihe endloser Telefonate in einer mir trotz erheblicher Sprechlautstärke unverständlichen Sprache einleitete. Ich halte mich für einen durchaus geduldigen Mitfahrfahrer, aber zwei Dinge schätze ich an meinen Gästen nicht: sich nach dem Einsteigen sofort die Ohren mit Lautsprechern zu verstöpseln – oder im Gegenteil um so lauter stundenlange Telefonate zu führen. Beides stempelt mich zum bloßen Dienstleister ab, dessen Gegenwart man getrost ignorieren kann.

Da ich Mister Freund in die Kategorie von Mitfahrern einsortierte, die das Thema Fahrtvorbereitung eher entspannt angehen, erkundigte ich mich in der ersten Sprechpause nach rund Dreivierteln der Strecke höflich, ob er den Fahrtbetrag passend dabei habe. Er hatte nicht. „Können Sie nicht wechseln?“ Ich verneinte. Kurzzeitig erwog ich einen Zwischenstopp an der Raststätte Frechen, denn nach der Visite in Walheim hatte ich wenig Neigung, stundenlang durch Kölns mitternächtlichen Osten zu schleichen auf der Suche nach einem Etablissement, das erstens noch geöffnet und zweitens willens war, Mister Freund einen Schein klein zu machen. Man hört ja so einiges von der Schääl Sick, und dass die Burgstraße nicht in der Südstadt liegt, sondern im tiefsten Vingst, hatte mir in der Walheimpause bereits ein Blick auf die Skobbler-App verraten. Auch war ich zu meiner schier ins Bodenlose wachsenden Begeisterung mittlerweile im Bilde, dass mich der kleine Abstecher auf die andere Rheinseite mit seinen fast 30 Kilometern hin und zurück bestenfalls eine halbe Stunde kostbare Lebens- und Schlafenszeit kosten würde. Andererseits ist in Streikzeiten ja Solidarität erste Bürgerpflicht.

Es kam, wie es kommen musste. Das künstlerisch inander verschlungene Doppel-Autobahnkreuz Gremberg ist schon bei Tageslicht für Unkölner schwer zu meistern, und wer sich bei Nacht zu sehr aufs Display seines Navis konzentriert, der wird schon am ersten Kleeblatt flugs in Richtung Bonn herauszentrifugiert. Mister Freund muss befürchtet haben, an der nächsten Abfahrt der A559 schlichtweg aus dem Wagen geworfen zu werden, so still wurde er ob meiner Flüche – deren Saftigkeit sogar noch steigerbar war, als mich das Navi nach dem Verlassen der Autobahn nicht wieder auf selbige zurücklotste, sondern über Landstraßen stadteinwärts schickte.

Viele, viele Ampeln, Abzweigungen und Kreuzungen später kurvten wir tatsächlich durch ein schlafendes, bodenwellenreiches Wohngebiet auf der Suche nach einem noch offenen Kiosk („ich muss auch noch Zigaretten kaufen und Sahne“ – eine Einkaufsliste, die meine Fantasie zu tollsten Blüten trieb). Doch, was soll ich sagen? Am Ende der Fahrt bekam ich mein Geld und Mister Freund ein „schönen Abend noch“ nachgerufen, eh er in die Nacht verschwand.

Eine weitere Ehrenrunde am Gremberger Kreuz in Richtung Bonn – meine mittlerweile erlangte Ortskenntnis half immerhin dabei, diesmal direkt wieder zurück auf die Autobahn zu finden – und nur etwa zwanzig zusätzliche Fahrtminuten trat ich, weit nach Mitternacht, todmüde vor der eigenen Haustür auf die Parkbremse. Daheim. Fast zwei Stunden hatte die zweifache Odyssee durchs Aachener und Kölner Umland gedauert.

Ehe ich zehn Minuten später im Bett todmüde die Augen schloss, hatte ich noch die Kraft, einen neuen Kontakt im Telefonbuch anzulegen. Vorname: Freundvonlina. Nachname: NIEWIEDER.

Belgien rüstet auf

Mächtig aufgerüstet hat zum Jahreswechsel meine Leib- und Magentankstelle an der belgischen Grenze bei Eynatten. Vier flamm nagelneue Säulen statt einer klapprigen. Unter regenschützendem Dach. Mit schnelleren Pumpen als je zuvor. Und dank doppelter Stellplatzzahl weniger Notwendigkeit, nach dem Einhaken des Tankrüssels wieder ins Auto steigen zu müssen, um vor dem Bezahlen nochmal ein Stück vorzusetzen, damit der hinter einem stehende Depp mit dem seit zwanzig Minuten laufendem Motor schon mal anfangen kann. Nicht mal teurer ist das Gas geworden.

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Fehlt eigentlich nur noch freies WLAN, damit man seine Begeisterung auch ohne Roamingkosten in die Welt hinaustwittern kann.

Da fällt mir ein, dass ich ganz vergessen habe, euch zu zeigen, wie meine Lieblingszapfstelle noch vor Weihnachten aussah:

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Wochenlang war die Glastür mit Holzplatten provisorisch verrammelt, man musste durch den seitlichen Restauranteingang ins Gebäude. Der Tankwart erklärte mir, warum: Ein paar belgische Crashkiddies hatten in der Nacht einen geklauten Opel Corsa mit Wucht in die Tür gesetzt. Durch die Splitter kletterten sie in den Shop, plünderten die Zigarettenregale und machten sich dann mit dem Wagen davon.

Die Freude am erfolgreichen Bruch dauerte nicht allzulang. Ein paar Minuten später rasten die euphorisierten Möchtegernkriminellen schon in eine Geschwindigkeitskontrolle der Polizei.

Mit etwas Glück hätte es bei einer gebührenpflichtigen Verwarnung wegen zu schnellen Fahrens bleiben können – wenn die kriminellen Großhirne nicht ihre schwarzen Skimasken auf dem Armaturenbrett liegengelassen hätten.

Feurs 2013

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Leise rostet die Fouga. Kaum ein Bild gibt so passend die triste Stimmung wieder, die das FVA-Fluglager in Feurs im April 2013 über weite Teile in ihren nasskalten Krallen hatte. Denn zum ersten Mal seit ich jedes Frühjahr nach Südfrankreich fahre (also seit 2009), ist das Wetter über längere Zeit durch die (Wolken-)Bank schlecht. Es ist bewölkt, es ist kalt, es regnet. Das Flugfeld ist vollgesogen wie ein Schwamm, an Fliegen ist nicht zu denken. Tag um Tag hockt unser müdes Trüppchen frierend in der ungeheizten Halle oder kauert sich draußen vor dem Clubheim unter das Vordach, wo ein Hauch von WLAN eine brüchige Verbindung zur Außenwelt bietet.

Schon zur Begrüßung ist mir verkündet worden, dass unter den Anwesenden ein durchschlagendes Noro-Virus oder ein ähnlicher Verdauungsbeschleuniger grassiert, der nach und nach jeden erwischt habe. Und als das wäre dieses Schwert des Montezuma nicht Stimmungstöter genug, lädt sich am zweiten Tag mein iFon die gefürchtete „Spider-App“, als es mir aus den Fingern flutscht und mit dem Display voran auf den Schotter vor der Hallentür fällt.

Um den Frust vollzumachen, ist auch noch mein Auto flügellahm: Auf der Hinfahrt am 2. April von Köln über Trier und Lyon hat schon in der Eifel das vordere linke Radlager angefangen zu heulen. Das berühmte dumpfe Wuwuwu-Geräusch von Anakin Skywalkers Podracer in der spektakulären Rennszene in Star Wars – Episode I ist nichts weiteres als eine 1994er C-Klasse. Bis das bestellte Ersatzteil an die Werkstatt neben dem Carrefour geliefert ist, schleppen sich die Tage hin. Währenddessen bin ich in der eiskalten Unterkunft festgenagelt, auf deren Blechdach ununterbrochen die Tropfen prasseln. Ein Feurs zum Abgewöhnen.

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Auch eine Runde „Axis and Allies“ kann mich da nicht reizen – das ist ein bei einigen FVAlern beliebtes Strategiespiel, das sich erstaunlicherweise noch länger hinzieht als der Zweite Weltkrieg selbst.

Hüttenkoller nennt man es wohl, wenn man irgendwann die Wände seiner Behausung auf ihre Begehbarkeit abschätzt. Damit es nicht soweit kommt, mache ich mich in einer Regenpause mit Spargel auf eine kleine Wanderung hinunter an die Loire.

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Ungezählte Male sind wir in der Platzrunde schon über das Überschwemmungsgebiet im Süden des Platzes eingekurvt. Jetzt wollen wir beide uns einmal anschauen, wie die Gegend aus der – haha – Froschperspektive aussieht. Ein Stück hinter dem Platz geht es über den Deich an der Loire flußabwärts.

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„Achtung, Gefahr! Staudämme und Kraftwerke: Rasch ansteigendes Hochwasser möglich sogar bei schönem Wetter“ steht – auf Deutsch! – auf dem Warnschild am Loire-Deich. Da soll mal einer sagen, Piloten leben gefährlich.

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Ein Mast mit Pegelanzeigern verrät, wie hoch die Fluten beim letzten Hochwasser 2008 standen: mehr als zwei Meter überm (Ufer-)Boden waren es auf alle Fälle. An die aufgequollenen Holztüren und sonstigen Wasserschäden in der Halle auf dem Flugplatz kann ich mich noch gut erinnern.

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Doch das morastige und sich selbst überlassene Naturschutzgebiet ist nicht ohne Reiz. Im Sommer wimmelt es hier vor Vögeln, auch wenn im Moment außer einigen Bleßhühnern und Enten nicht viel zu sehen ist. Ein Rundkurs führt über das Gelände, das zum sogenannten Ecopôle du Forez gehört. Von mehreren versteckten Ständen aus kann man die Tiere durch Sehschlitze beobachten, ohne dass man selbst von ihnen gesehen wird.

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Das muschelförmige Besucherzentrum – unsere beliebte Orientierungsmarke beim Eindrehen in den Queranflug – ist leider geschlossen. Dafür verwöhnt guter französischer Landregen Spargel und mich auf dem Rückmarsch zum Flugplatz, den wir ziemlich klatschnass erreichen. Wir lernen, dass man sich auch über eine sehr kalte Behausung sehr freuen kann.

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Für etwas Abwechslung sorgen eines Tages unverhoffterweise die Jungs vom örtlichen Aeroclub mit einer großangelegten Baumfällaktion. Einen ganzen Tag lang wird gehackt, gesägt und weggeschleppt wie am Band. Selbst die malerische alte Trauerweide neben dem Clubheim muss dran glauben. Angeblich beschädigten ihre Wurzeln das Mauerwerk.

Vor allem aber werden der Außenwaschplatz von seiner Sichtschutzhecke befreit und sämtliche Bäume rund um die Halle in die Horizontale befördert.

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Das Ergebnis spricht für sich selbst: hell, frei und freundlich – wer würde sich hier nicht gerne zur Körperpflege frei machen? Na?

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Doch auch die längste Schlechtwetterperiode ist irgendwann zu Ende. Irgendwann kommen die Maschinen der FVA doch noch in die Luft. Freilich auch genauso schnell wieder runter: Am „Tag der Außenlandungen“ regnet es rund um Feurs weiße Vögel. Da mein Auto mittlerweile wieder geräuschlos fährt, darf es sich nützlich machen und Miguel II aus dem Acker holen.

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Der Vogel ist schnell zerlegt und in den Hänger geschoben. Kein Vergleich mit der Außenlandung von 2010, als wir Flächen und den Rumpf des schweren Doppelsitzers quer (bzw. längs) über einen sandigen Acker schleppen mussten.

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Auf der Rückfahrt zum Flugplatz wird der Beweis erbracht, dass auch sechs Erwachsene locker in eine C-Klasse passen.

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Und irgendwann komme dann auch ich in die Luft. Mit diesem Leih-Falken, aus doppeltem Grund „die Kuh“ genannt…

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…wie ein Blick ins Cockpit erklärt.

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Mit diesem Prachtflieger drehen Martin und ich eine erweiterte Pracht-, äh, Platzrunde in Richtung Schneeberg, um die Wetterlage zu erkunden.

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Blick nach Norden in Richtung Roanne – unten eine malerische Burg auf einem Hügel. Jepp, das Wetter ist eindeutig fliegbar.

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Schließlich kommt der Tag, an dem die ganz große Hektik ausbricht: Überm Gebirge hat sich eine Welle gebildet, ein seltenes und für Segelflieger traumhaftes Wetterphänomen, bei dem man in starken Aufwinden praktisch unbegrenzt oben bleiben kann. Die Piloten stürzen zu ihren Maschinen, ein Vogel nach dem anderen hebt ab.

Da die Flugschüler und Aktiven auf den Segelflugzeugen Vorrang haben, wollen Fips und ich im Motorsegler hinterher. Wie geschickt wird sich unsere Kuh wohl beim Wellenreiten anstellen? Wir sollen es nicht erfahren. Auf dem Rollweg zum Start reagiert die Maschine nicht mehr auf meine Lenkbewegungen mit den Seitenruderpedalen. Als dann das Eindrehen auf den Taxiway Grünstreifen neben der Bahn komplett daneben geht, wird uns klar, dass wir ein Problem haben. Anhalten, Parkbremse, Triebwerk aus, Haube auf, aussteigen und langes Gesicht machen: Am Spornrad hat sich der Mantel von der Felge gelöst.

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Die Erkenntnis dämmert herauf: Heute wird es nichts mehr mit Welle machen. Kräftige Hände tragen den schweren Vogel Schwanz voran zurück zur Halle. Ein neuer Spornradmantel wird zwar irgendwo aufgetrieben, doch die Reparatur dauert stundenlang bis in den Abend. Der Frust sitzt tief – es wäre meine erste Welle gewesen.

Dann, am 13. April, geht mein fünftes Feurs nach gut zehn Tagen zu Ende. Fliegerisch war’s ein ziemlicher Schlag ins Wasser: ein paar größere und kleinere Platzrunden im MoSe, ein paar größere und kleinere Platzrunden im Segel-Doppelsitzer. Wenn es mehr nicht gewesen wäre, wär die ganze Fahrt ein Reinfall gewesen. Doch zum Glück gab es da doch noch etwas: nämlich die köstlichen Törtchen, die Fips in den Patisserien im Ortskern entdeckt hatte.

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So wundern sich die lokalen Konditoren über die täglich im Laden stehenden radebrechenden Touristen in den leicht schmuddeligen Klamotten, die immer neue Kartons mit Zuckerwerk aus dem Laden tragen.

In Ausbaustufe 2 werden diese Beutezüge ausgedehnt auf örtliche Käsesorten, französisches Landbier und natürlich Wein (etwa den „Château de Sau“ und den Beaujolais „Pisse-Dru“ – beide heißen wirklich so). Unsere Halle wird allabendlich zum Schlemmerparadies. Kulinarische Lichtblicke unter wolkenverhangenem Himmel.

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Apropos kulinatisch: Dann war da natürlich auch noch das Blümchenessen. Der jährliche Höhepunkt jedes Feurs-Lagers: unser Dank für die französischen Gastgeber (und natürlich auch für uns). Blümchenessen heißt das Buffet, weil es durch die „Blümchen“ finanziert wird, die unzähligen 5-Euro-Strafen, die man im Lauf des Lagers für große und kleine Fehltritte kassiert.

Erinnerungen an das legendäre Blümchenessen von 2009 kommen auf, als sich in den frühen Morgenstunden eine Gruppe schwerst angeheiterter FVAler zu Fuß auf in Richtung Feurs machte. Und tatsächlich etwa dreißig Meter weit kam, bis der Blutalkohol seinen Tribut forderte.

Ganz so innig wird es dieses Jahr nicht, aber trotzdem wieder ein schöner Abend. Nicht nur dank der Crème-Brûlée-Schüsselchen, deren Inhalt von Bio per Gasbrenner karamellisiert wird.

Es gibt also doch noch mehr hier unten als nur das Fliegen. Also doch kein Feurs zum Abgewöhnen? Schauen wir mal. Immerhin hat die Kamera meines iFons den Sturz überlebt, ebenso – wie oben zu sehen – sämtliche Bilder. Sogar das Noro-Virus hat mich als einen der wenigen verschont – vielleicht, weil ich die zehn Tage hindurch konsequent einen Bogen um die beiden Toiletten in der Halle gemacht habe und trotz abgeholzten Sichtschutzes auf die zugige Außentoilette ausgewichen bin. Es hätte also alles auch noch viel unangenehmer kommen können.

Und vielleicht ist 2014 ja auch das Wetter 2014 wieder besser…

Erschüttert

Hauptbahnhof Köln, Bahnsteig 8, 9.30 Uhr. Es ist Freitag, es ist bislang eine ziemlich überflüssige Woche gewesen (nein, nichts Dramatischeres als eine halbgare Erkältung und eine anstehende Autoreparatur) und der Schreiber dieser Zeilen wartet auf den Regionalexpress. Es soll nach Aachen gehen, und wer sich fragt, warum der Schreiber dieser Zeilen nicht wie üblich auf den bescheidenen Komfort seiner ollen C-Klasse zurückgreift, der fragt sich das zu Recht. Doch der brave Kilometerfresser steht seit einem Tag auf dem Firmenparkplatz. Sein Besitzer hat es am Donnerstag geschafft, auf dem Weg vom Parkplatz ins Büro den Autoschlüssel zu verlieren. Ja, auf den paar Metern über die Dresdener Straße und das Verlagsgelände. Vielleicht ist das Ding auch irgendwo im Verlag selbst aus der Hosentasche gehüpft, wer weiß das schon.

Das Erlebnis am Donnerstagnachmittag, auf dem Weg zu einem ziemlich wichtigen Termin vor dem Auto zu stehen und sich in wachsender Ungläubigkeit sämtliche Hosen- und Manteltaschen immer wieder aufs Neue zu durchwühlen, zählte zu den unangenehmsten Erlebnissen der vergangenen Tage. Irgendwo muss er doch sein! Doch Fehlanzeige. Also in Laufschritt und wachsender Nervosität zurück ins Büro, über Dresdener Straße und Verlagsgelände. Schreibtisch, Rollcontainer, der Kabelsalat auf dem Boden: Fehlanzeige. Konferenzräume, Kantine, Klo: Fehlanzeige. Der Schlüssel samt Ring – ich clipse ihn normalerweise während der Fahrt vom Rest des Schlüsselbunds ab, damit dessen Gewicht das Zündschloss nicht auf Dauer ausleiert – bleibt verschwunden.

Und mir nichts übrig, als mich für den wichtigen Termin das Auto einer netten Kollegin zu leihen. Und mich abends in den Zug nach Köln zu setzen, nach einem erfrischenden Fußweg zum Bahnhof Rothe Erde, durch Aachener Dauerregen. Unnötig zu sagen, dass nirgendwo im Büro ein Schirm greifbar liegt – erst auf den Stufen des Bahnhofs findet sich ein herrenloses, aber noch weitgehend intaktes Exemplar, das ich tatsächlich dankbar aufhebe und für den Rest des Nachhausewegs mitnehme. Es sind oft Kleinigkeiten, für die man am dankbarsten ist. Wie sehr man sich manchmal selbst über Weggeworfenes noch freuen kann.

Und wie sehr einen so ein Erlebnis erschüttern kann. Wie kann man nur seinen Autoschlüssel verschusseln? Die Dinger kosten beim Händler stolze 32 Euro (und fragt bitte nicht, woher ich das so genau weiß).

Seit geschlagenen zwanzig Minuten stehe ich also nun am Morgen danach auf Bahnsteig 8. Noch zehn Minuten bis zur Einfahrt des Zuges um 9.47 Uhr. Wenn das Smartphone nicht erfunden worden wäre, könnte man sich glatt in trüben Gedanken verlieren an diesem trüben Novembertag. Wie gut, dass das über drei Jahre alte iFon 4 noch halbwegs funktioniert. Nachrichtenportale, Twitter, Facebook; man so kann wunderbar eintauchen in die schöne bunte Netzwelt, wenn man etwas vergessen möchte, vor allem die eigene Vergesslichkeit. Ich lese Interessantes, ärgere mich über einen Twitterer, verpasse ein paar Beiträgen von Facebook-Freunden den Daumen, den es – auch das lese ich mit Interesse – demnächst nicht mehr geben soll. Dazu noch schnell eine Mail an die Redaktion.

Als ich wieder aufsehe, ist es 9.50 Uhr. Die Anzeigetafel für den nächsten Zug auf Gleis 8 kündigt statt meines RE9 einen Express aus Basel an. Und dem Schreiber dieser Zeilen fällt die Farbe aus dem Gesicht: Kann das sein? Kann es wirklich sein, dass hier gerade vor drei Minuten nur zwei Meter von mir entfernt mein Zug eingelaufen und wieder abgefahren ist – und ich nichts davon gemerkt habe? Kann man 300 Tonnen Regionalexpress einfach so übersehen? Hundertfünfzig Meter knallrote Doppelstockwagen samt vierachsiger Elektrolok? Bitte nicht! Erst der Autoschlüssel, jetzt das. So dämlich darf man doch nicht sein, wenn man noch frei und ohne Betreuer durch die Gegend laufen will!

Mühsam ringe ich um Fassung. Es muss an der Erkältung liegen. Am Zementschädel. Muss. Eine andere Erklärung gibt es nicht, jedenfalls keine angenehme. Die Erschütterung vom Vortag kommt mit Macht zurück, und sie ist tatsächlich noch zu steigern. Oh Mann! Ich gehöre ins Bett, am besten für den Rest der Woche. Oder gleich in ein Heim. Wie heißen noch diese Gedächtnistabletten für tüdelige Senioren, für die abends immer Werbung im ZDF läuft? Granustol? Sanofink?

Irgendwann beruhigt sich der Puls wieder etwas. Trotz allen Entsetzens, es hilft ja nichts: Ich muss nach Aachen, und zwar mangels Schlafwagen mit dem nächstmöglichen Regionalzug. Werde ich jetzt zur Strafe noch eine Stunde lang hier stehen müssen? Auf der Suche nach der günstigsten Verbindung streift der Blick über die Abfahrtspläne und Anzeigetafeln für die nächsten Zugläufe. Und bleibt auf einer solchen Anzeige schließlich hängen an einem Satz in kleiner Laufschrift: RE9 nach Aachen heute 35 Minuten später.

Er war also doch noch nicht da, mein Zug. So versunken ich auch war, einen ganzen Regionalexpress habe ich denn doch nicht übersehen. Oh Mann. Es dürfte eine ganze Weile her sein, dass sich ein Kunde des schienengebundenen Personnennahverkehrs so sehr über eine so saftige Verspätung gefreut hat. Ja, es sind manchmal Kleinigkeiten, für die man im Leben am dankbarsten ist. Etwa die Erkenntnis, doch noch nicht reif für diese Gedächtnispillen zu sein, diese… Dings, na, wie heißen sie noch…

Scheibenweise

Reperatursatz Hardyscheibe: 90 Euro. Schwingungstilger Kardanwelle: 110 Euro. Werkstattlohn: zwei Stunden. Ruckelfreies Fahren: Weiß man erst zu schätzen, wenn’s vorher geruckelt hat.

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Seit ich mit dem weißen C durchs schöne Rheinland ruckele juckele (also seit Mai 2011), gehörte das zu den Dingen, die mich am meisten gestört haben. Beim Anfahren ein Rucken, beim Hochschalten ein Nicken, bei Teillastfahrt ein Stuckern. Dass die Hardyscheibe damit zusammenhing, wusste ich schon lange. Durch Deutschland mag ja noch der eine oder andere Ruck gehen müssen, aber tagtäglich durch mein Auto?

Andererseits fährt ein Wagen tatsächlich auch mit ausgeleierten Hardys von A nach B, weshalb meiner es schon tut, seit ich zum ersten Mal auf seinen fröhlich-frisch grau-grau gemusterten Sitzen Platz genommen habe (also seit Mai 2011). Man kann sich auch daran gewöhnen, mit schleifender Kupplung anzufahren und beim Hochschalten das Gaspedal zu drücken, als hätte man ein rohes Hühnerei unter der Schuhsohle.

Was mich Anfang der Woche dazu gebracht hat, spontan beim freundlichen Teilehändler unbesehen einen Reparatursatz für die Hardyscheibe vorne samt neuem Schwingungstilger zu ordern, weiß ich selbst nicht. Nicht einmal nach dem Preis gefragt habe ich vorher. Trotz böser Erfahrungen.

Beim Abholen rächte sich die unbedachte Tat. Stolze 200 Euro hat beides gekostet – ich hatte eher auf die Hälfte spekuliert und musste mich etwas zwingen, beim Erhalt des Rechnungsausdruckes ein gepresstes „Danke“ herauszuquetschen. Auch die Reparatur war nicht gerade ein Radwechsel. Zwei Grubenstunden hat der Spaß heute gedauert. Und die ganze Zeit das schlechte Gewissen im Hinterkopf nölen hören: Hast du sie noch alle? Für sowas gibst du soviele Kröten aus? Und was, wenn das Ruckediguh eine ganz andere Ursache hatte? Irgendwelche ollen Fahrwerksgummis?

Doch dann, die Probefahrt! Auf einmal ward alles gut: Butterweich die Schaltvorgänge, geschmeidig das Beschleunigen, flüssig das Ausgleiten. Selbst Gas aus niedrigen Drehzahlen brachte den Wagen nicht aus dem Gleichmut. Plötzlich benahm sich Flocki, wie es sich für einen Mercedes von anderthalb Tonnen gehört. Aus Karnickelgehoppel wurde gravitätisches Gleiten. Und das Fahrvergnügenthermometer stieg um diverse Grad, mitten im Winter.

Es gibt bekanntlich Sachen, die kann man nicht kaufen. Das andere – seufz – wird mit der VdH-Clubkarte immerhin 30 Prozent billiger. Und, nun ja: Es war die Sache wohl wert.

Manchmal muss man sich eben einfach einen Ruck geben.