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Ist Orange das neue Grün?

Und dann waren da noch die Piraten. Kamen vor ein paar Jahren wie aus dem Nichts gesegelt, um bei den Wahlen reichlich Beute zu machen – und dann ebenso flott wieder ins Nichts abzutauchen, unter die Wasserlinie der politischen Wahrnehmung. Doch jetzt reiben sich die Beobachter wieder erstaunt die Augen: Für die Senatswahl in Berlin am Sonntag werden der Internetpartei bis zu 6,5 Prozent vorausgesagt. Damit käme kein Wahlgewinner an ihnen vorbei. Sind die Freibeuter dabei, im Handstreich den Platz der untergehenden FDP im Parteienspektrum zu entern? Ist ihr Orange das neue Gelb? Oder gar: das neue Grün?

Piraten, das liegt in der Natur ihres traditionsreichen Gewerbes, setzen gerne auf das Überraschungsmoment. Doch das war zuletzt verpufft. An ihre großen Kaperzüge aus der Zeit der „Zensursula“-Proteste gegen Ursula von der Leyens Internetsperren hatten die Netzpiraten nie wieder anknüpfen können. Statt die offene Seeschlacht mit dem politischen Gegner zu suchen, ging sich die Mannschaft lieber gegenseitig an die Gurgel. Streit auf der Kommandobrücke und Ärger mit dem Online-Abstimmungssystem Liquid Feedback prägten das Bild. Das Wasser, so der Eindruck, stand den Piraten bis zum Hals.

Woher also der plötzliche frische Wind in den Segeln? In ihrer gerade fünf Jahre kurzen Geschichte war die als jung, online-affin und unverbraucht wahrgenommene Truppe vor allem in großen Universitätsstädten erfolgreich (in Aachen schickte sie zuletzt einen Vertreter in den Stadtrat, einer ihrer größten Erfolge). Derart urbanes Ambiente bietet Berlin wie keine andere Stadt im Lande. In der globalen Internetszene hat die deutsche Hauptstadt den Ruf, ein besonders munter blubberndes Zentrum der digitalen Welt zu sein. Diese Klientel stört es auch nicht, wenn ihr Spitzenkandidat in einer Talkrunde beim Anpeilen des städtischen Schuldenstandes mal um mehrere Schiffslängen danebenzielt.

Denn: Auch Beschränkung ist eine Kunst. Es ist erklärtes (und nicht unsympathisches) Programm der Piraten, zu Themen keine offizielle Meinung zu haben, von denen die Kandidaten nichts verstehen. Oder: noch nichts verstehen. „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Klappe halten“ – diesen Satz von Dieter Nuhr würde man gerne auch bei all den anderen Politikern verinnerlicht sehen, die unter der Behinderung leiden, nicht an einem Mikrofon vorbeigehen zu können.

Zudem sieht die etablierte Konkurrenz in der Hauptstadt offenbar für viel größere Teile der Wählerschaft grau und verbraucht aus, als bisher angenommen. Was immerhin den Grünen die wohlige Bestätigung geben mag, endlich mitten im bürgerlichen Hafenbecken vor Anker gegangen zu sein. Und sind sie, die Grünen, nicht auch ihrerzeit als Ein-Themen-Partei vom Stapel gelaufen? Was in den 80er-Jahren die Umwelt war, ist heute das Netz: von dunklen Mächten bedroht, gefühlte Heimat für Viele und von den Altparteien ignoriert. Ahoi da drüben, wir sind jetzt die Rebellen.

Doch zur Volkspartei mit eigenem Ministerpräsidenten ist es noch ein gutes Stück zu segeln – und die sturmzerzausten Piraten haben in den letzten Monaten reichlich Pulver verschossen. Wenn sie aber am Sonntag ihre Flagge im Berliner Senat hissen können, sind sie wieder auf Kurs. Zumindest als Regionalpartei hätten sie sich damit erst einmal etabliert. Und die Parteienlandschaft wäre um eine weitere Farbe bunter. Wer das bedauert, dem bleibt zumindest der Trost: Orange ist allemal schöner als Braun.

Mit einem Wisch ist alles App

Es gibt diese Dinge, die braucht kein Mensch. So ein iPad zum Beispiel. Zum ernsthaften Texteschreiben taugt es kaum, für Bildbearbeitung schon mal gar nicht. Als MP3-Player ist es zu sperrig, als Fernseher zu winzig, die Speicherkapazität ist zu gering, die Kamera ein Witz und telefonieren kann man damit auch nicht richtig. Es ist zu klein, zu groß und zu teuer sowieso. Ich habe schon einen Desktop-Rechner, ein Notebook, ein Netbook und ein iPhone. Warum um alles in der Welt will ich auf einmal unbedingt ein iPad haben? Womit wir beim neuen Magazin „Wired“ wären.

Die „Wired“ ist in den USA seit fast zwei Jahrzehnten das amtliche Pflichtblatt für alle Geeks, also die fröhlichen Technikbejaher (und von seiner deutschen Erstausgabe, die seit Donnerstag in den Kiosken liegt, lernen wir, dass der Geek im Englischen das positive Gegenstück zum eher eigenbrötlerischen Nerd ist). Ehrensache, dass ich gleich morgens um 8 Uhr in der Aachener Bahnhofsbuchhandlung stand, um einen der in Folie eingeschweißten Erstlinge ergattern zu können. (Okay, außerdem hatte ich um diese Zeit noch einen Termin bei der benachbarten Bürgerberatung.)

Die echten Fans sind nicht einmal dadurch abzuschrecken, dass sie den knallgelben 130-Seiter im Doppelpack mit dem Herren Männermagazin „GQ“ erwerben müssen. Auf Twitter hatten sie vorher schon gewitzelt, dass der Satz „Will jemand die neue GQ haben?“ am Donnerstag der meistgeschriebene im Netz sein würde.

Um’s kurz zu machen, die erste deutsche „Wired“ ist ein wunderbares Blatt geworden. Chefredakteur und Blogger Thomas Knüwer („Indiskretion Ehrensache„) hat dafür fast alles aufgeboten, das im deutschsprachigen Netz Rang und Namen hat: Mario Sixtus, Markus Beckedahl, Anke Gröner, Richard Gutjahr, Thomas Wiegold, und, und. Zusammen haben sie eine tolle Ausgabe geschaffen. Sie ist bunt, sie ist abwechslungsreich, sie macht Lust aufs Lesen. Da werden in der Rubrik „Fetisch“ Putzroboter getestet. Kult-Autor Jeff Jarvis stellt Johannes Gutenberg als den ersten Geek der Geschichte vor. Der Leser wird in die schlüpfrige Welt des Sexkontakt-Netzwerks Badoo geführt. Ich habe gelacht über das Foto von Darth Vader im Urlaub mit schwarzem Surfbrett, gestaunt über die retro-futuristischen Innenansichten des Atomkraftwerks Leibstadt und mich verloren in den unzähligen Details der „Sim-City“-artigen doppelseitigen Grafik eines Oktoberfest-Zelts. Eine Reportage beginnt sogar in der FH Aachen, wo über die Zukunft des Individualverkehrs nachgedacht wird. Kurz, die „Wired“ ist ein Blatt, das dem Couchtisch eines jeden Netizens zur Zierde gereicht. Sie ist so modern wie ein gedrucktes Magazin nur sein kann.

Und sie ist: veraltet.

Denn dann ist da noch die „Wired“-App für das iPad.

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Die kostet schlanke 2,99 Euro (Heft: 5 Euro) und ist mächtige 633 MB groß. Ist der Download endlich zu Ende, beginnt das Wunder (für das es sich übrigens lohnt, die WiFi-Funktion des iPad anzulassen). Alles, was das Heft kann, kann die App besser. Die große Weltkarte des organisierten Verbrechens ist interaktiv, die Ströme der Schmuggelwaren von Cosa Nostra und Yakuza lassen sich zwecks besserer Übersicht einzeln aufrufen. Auf dem Bild von Schnaps-Pionier Ulf Stahl blubbert es lustig im Reagenzglas. Die Techie-Spielzeuge in der Rubrik „Fetisch“ sind animiert – der Lego-Unimog rotiert per Fingerwisch um 360 Grad, auf dem Arcade-Tisch läuft ein kleines Pac-Man-Spiel.

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Doch die App kann mehr als zwitschern, piepsen und blinken. Sie bietet echten Mehrwert da, wo das Papier stumm bleiben muss. Der Artikel über die twitternde Eiche lädt gleich den aktuellen Nachrichtenstrom von @talkingtree_de. Die neue Raytrix-Kameratechnik wird auf einem Foto mit verschiedenen Tiefenschärfe-Zonen simuliert. Julia Probst, die Stimme der Gehörlosen, zeigt nicht nur wie in der Printausgabe auf drei Fotos die Gebärden für „Facebook“, „Wired“ und „Apple“. Auf der App demonstriert sie außerdem in einem kleinen Video die drei unterschiedlichen Gestik-Namen für Angela Merkel. Manche Sachen muss man einfach in Bewegung sehen, um darüber lachen zu können.

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Und so geht es weiter. Jede Seite, die man sich aufs Display zieht, enthält ein neues Wunder. Im Artikel über den kubanischen Zombiefilm „Juan of the Dead“ ist gleich der komplette Trailer zu sehen, in Hochauflösung. Der fliegende „Smart Bird“-Robotervogel schlägt in einem bezaubernden Filmchen seine künstlichen Flügel zwischen Hochhauswänden. Das Focaultsche Pendel im Gasometer Augsburg schwingt in majestätischer Stille. Selbst die Grafik auf der Titelseite, eine Art Rohbauhaus-Computerkonsole, surrt und rotiert, wenn man sie antippt. Das Entdecken und Ausprobieren der immer neuen Gimmicks macht einfach Spaß.

Zugegeben: Die „Wired“-Geeks haben viele Monate Zeit gehabt, die digitale Erstausgabe vorzubereiten. Sie konnten auf Material der amerikanischen Mutterausgabe zurückgreifen, etwa die tickenden Uhrwerks-Hirn-Animationen. Sie werden ein gewisses Budget gehabt haben. Ob dieser hohe Standard langfristig zu halten ist, zeitlich und finanziell, muss sich erst einmal zeigen.

Trotzdem war ich beim Blättern Wischen durch die App auf dem für das Wochenende ausgeliehenen iPad von dem Gefühl überwältigt: Das ist die Zukunft. Das ist die nächste Generation des Lesens. Die gedruckte Ausgabe, so prall und bunt sie ist, wirkt neben der App wie eine Grammophonplatte aus Bakelit neben der DVD eines Live-Konzerts.

Das sage ich als jemand, der seit 40 Jahren mit dem Gefühl von Papier zwischen den Fingern lebt. Der Zeitungen und Zeitschriften liebt und nicht einschlafen kann, ohne ein paar Seiten in einem Buch gelesen zu haben. Auf und mit Papier kann man wunderschöne Dinge tun und spannende Geschichten erzählen. Wir alle werden uns mit Sicherheit noch viele Jahre lang von Inhalten auf einem Datenträger faszinieren lassen, der beim Umblättern raschelt.

Doch letztlich ist es dieser Inhalt, der zählt, nicht seine äußere Form. Eine Geschichte ist aufregend, lustig oder herzergreifend, ob sie in Marmor gemeißelt, auf Papyrus geschrieben oder auf eine Webseite geladen wird. Die Form hat sich über Jahrtausende immer wieder unseren Lesebedürfnissen und den Möglichkeiten der Herstellung angepasst. Die Hochglanzzeitschrift im Vierfarbdruck ist nur eine Evolutionsstufe in dieser Kette.

Hat jemals ein gedrucktes Magazin die Grenzen seines eigenen Mediums deutlicher gemacht als dieses brandneue Fachblatt für Virtuelles? „Print lebt“ schrieb ein fröhlicher Chefredakteur Thomas Knüwer nach Redaktionsschluss der Druckausgabe am 11. August im „Wired“-Blog. Um dann sinngemäß anzufügen: Und jetzt kommen wir zu App. Wie symbolisch.

Am Donnerstag war ich noch fest entschlossen, die „Wired“ zu abonnieren. Einen Tag später wollte ich ein iPad. Auf einmal, unbedingt. Es gibt Träume, die entstehen mit einem Fingerschnippen. Oder einem Wischen.

Freunde bleiben

Die E-Mail kommt unerwartet. Absender ist ein Name, der ein kleines Glöckchen in meinem Hirn läuten lässt. „Einladung zur 20-jährigen Abi-Jubiläumsfeier“ steht im Betreff. Erinnerungen flackern auf – an damals, an das Frühjahr 1990. In der DDR wurde zum ersten Mal frei gewählt, Nelson Mandela kam aus der Haft, Michael Gorbatschow wurde zum Präsidenten einer bereits auseinanderbröselnden UdSSR ernannt. Und in Oldenburg bekamen die Abiturienten der Cäcilienschule ihre Abschlusszeugnisse überreicht.

Die Empfängerliste der Mail ist deutlich länger als der eigentliche Text und sie zu lesen deutlich spannender. Schau an: Grit, Niklas, Matthias und Guido tragen inzwischen ein „Dr.“ in ihren E-Mail-Adressen. Jessica teilt sich ihre mit einem gewissen Klaus; Tanja und Jörn haben gleich eine gemeinsame Adresse für die ganze Familie. Heike, mit dem besten Abitur des Jahrgangs, hat es an medizinische Fakultät der Uni München verschlagen und Kamran, dessen Vater mir einmal den eingewachsenen rechten Zehennagel zog, an die von Tübingen. Karin arbeitet anscheinend in einer Apotheke und Cornelia betreibt ein Atelier. Ehe mich angesichts von Firmenadressen wie @thyssenkrupp.de und @xy-ingenieure.de endgültig der Trübsinn befällt, es nur zum unverheirateten Journalisten gebracht zu haben, retten die Mailadressen „superolli“ und „tannihexe“ die Stimmung. Es gibt sie also noch, die normalen Menschen.

Viele Familiennamen sind unbekannt, andere dagegen noch vertraut. Sogar überraschend vertraut: Die nette Türkin, die mich in der letzten Lateinklausur abschreiben ließ – was mir den Abischnitt rettete – und die als erste unseres Jahrgangs verheiratet war, trägt wieder ihren Mädchennamen.

Jetzt treffen sie sich also, nach zwei Jahrzehnten zum ersten Mal. Leider feiert die Community unserer Zeitung 5ZWO am selben Samstag, 15. Mai, ihren einjährigen Geburtstag. Ich werde also nicht in Oldenburg dabei sein können.

Dass mich das etwas traurig stimmt, überrascht mich. Ich war nämlich damals ganz froh, dass die 13 Jahre endlich vorbei waren. Mit den meisten Mitschülern fühlte ich mich so wenig verbunden wie sie sich mit mir. Wirkliche Freunde waren selten.

Aber manche Dinge ändern sich. Jetzt bin ich neugierig geworden auf die Mitschüler von damals. Und weil sie das Treffen über die Community Stayfriends organisiert haben, melde ich mich dort ebenfalls an.

Stayfriends heißt so viel wie „bleibt Freunde“. Das Netzwerk ist, im Gegensatz etwa zu Facebook, wo vor allem kommuniziert und kommentiert wird, auf das Aufstöbern von Kontakten aus der Kindheit spezialisiert. Klingt nicht besonders spannend, entpuppt sich aber als überraschend amüsant: Mensch, den Marko gibt’s ja auch ohne Zahnspange! Oh, Anja hat einen neuen Nachnamen – meine Güte, da hätte sie besser den alten behalten. Und da ist die schöne Andrea mit den schwarzen Locken – für einen introvertierten 16-Jährigen damals so begehrenswert wie unnahbar. Erinnerungen.

Nach ein paar Klicks habe ich alte Klassenfotos aus der Grundschule gefunden – zum Totlachen, diese quietschbunten 70er-Jahre-Pullis! Noch ein paar Klicks, und ich bin in der Vorschulzeit angekommen: Ingo, Michael, Tanja, Sabine, Benno – die wilde Bande vom Friedrich-August-Platz, dem größten Spielplatz der Nachbarschaft. Namen, an die ich jahrzehntelang nicht mehr gedacht habe. Die verbindende Macht des Internets mal wieder – einfach toll.

Und jetzt?

Stayfriends hat ein sogenanntes Freemium-Modell. Klicken und gucken ist kostenlos. Wer aber Nachrichten verschicken und weiterführende Namen lesen will, muss zahlen. „Gold-Mitgliedschaft“ nennt sich das. Dazu bin ich zu geizig. Ich bin schließlich bereits bei StudiVZ, Facebook, Xing, Twitter, 5ZWO, LinkedIn, Wer-kennt-wen, mixxt und in -zig anderen Netzwerken, großen und kleinen, gut und schlecht gemachten. Irgendwann muss Schluss sein, selbst wenn man das Internet zum Beruf gemacht hat. Und so toll ist Stayfriends bei weitem nicht, dass ich dafür bezahlen würde.

Lieber suche ich – schlau, schlau – nach einigen der wiederentdeckten Namen in den anderen Netzwerken. Christian und Mathias etwa, die eineiigen Zwillinge aus der 6. Klasse, finde ich tatsächlich. Nein, falsch, Mathias findet mich und schickt mir seine Freundesanfrage, bevor ich ein Wort geschrieben habe. Auch auf Stayfriends haben mich bald ein, zwei Dutzend Ex-Mitschüler zu ihren Kontakten hinzugefügt und ich sie zu meinen.

Und jetzt?

Jetzt – nichts. Schweigen. Niemand wagt den ersten Schritt. Was sagt man auch jemandem, den man seit 20 Jahren nicht gesehen hat? Was soll ich zum Beispiel Stefan schreiben, der nach dem Abi eine Banklehre angefangen hat und von dem ich seitdem nichts mehr gehört habe? „Moin Alter, nettes Foto, hast dich ja gar nicht verändert“? Mal abgesehen davon, dass manche Lügen sogar einer E-Mail anzusehen sind.

Plötzlich stellt sich heraus: Zwei Jahrzehnte gelebtes Leben sind nicht so einfach zu überbrücken, als läge nur eine Englischstunde dazwischen. „Freunde bleiben“ ist eine echte Herausforderung. Da hilft auch kein Netzwerk. Wenn das „du siehst ja immer noch so aus wie damals“ halbwegs leicht über die Lippen kommen soll, muss man dem Gegenüber dabei in die Augen gucken können. Schon um zu sehen, ob ihm derselbe Satz genau so schwer fällt.

Trotz Web 2.0 gilt also: Manche Dinge ändern sich nicht. Die schöne Andrea bleibt so unansprechbar wie damals. Macht nichts. Sie ist beim Treffen eh nicht dabei – sie war im Jahrgang über mir.

Neues aus Schweden

Socken sollen rein. Dazu die Unterwäsche natürlich, und sämtliche T-Shirts. Dafür hat meine neue Kommode drei Schubladen. Weil ich viele Socken und Shirts habe, ist es eine große, stabile Kommode. 65 Euro hat sie gekostet, was für ein Möbelstück von 80 Zentimeter Breite, fast ebensolcher Höhe und einem knappen halben Meter Tiefe nicht allzu viel ist. Die Sache hat nur einen Haken, und von dem kann meine rechte große Zeh ein Lied singen.

Denn wer die Produkte einer großen schwedischen Möbelhauskette kennt, der weiß, dass ihr Verkaufspreis daran gekoppelt ist, dass der Zusammenbau dem Kunden überlassen ist. Der darum vor dem Einrichten neuer Sockenkommoden erst einmal große Pappkartons in die eigenen vier Wände schleppen muss. Große Pappkartons, schwere Pappkartons. Auf dem, in dem meine Kommode war, steht „33 kg“, und ich will’s gerne glauben.

33 Kilo in einem glattwandigen, sehr kompakten Karton von 80 Zentimeter Kantenlänge sind nicht leicht unter den Arm zu klemmen. Nach dem Aufschließen der Haustür kam, was kommen musste – die Schwerkraft verlangte ihren Tribut.

Bonks.

Die gute Nachricht: Die Kommode fiel nicht auf die Fliesen. Die Schlechte: Sie fiel auf meinen rechten Zeh. Mit der Kante.

Ein paar Minuten lang konzentrierte ich mich nur auf’s Atmen, dann wurde das Bild vor meinen Augen wieder farbig und das Leben ging irgendwie weiter. Der Zeh nahm in den Tagen danach sehr interessante Farben an. Die Frage, ob der Zehennagel „dranbleiben“ würde, war am Samstagabend einige Zeit lang das Gesprächsthema in einer geselligen Runde (er blieb übrigens dran, zumindest bis heute).

Nun zur Pointe. Sie beweist, dass das Leben immer noch die schönsten Streiche spielt. Denn wie heißt das Möbel, das mir den Zeh zermalmte? Genau so:

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Aber wie meinte ein Bekannter so schön? „Sei froh, dass sie ‚Malm‘ hieß. Sie hätte auch ‚Trenn‘ heißen können.“

Neues aus Washington

Public Viewing, das wissen wir seit der Fußball-WM, bezeichnet das öffentliche Übertragen von Fernsehereignissen vor größeren Menschenansammlungen. So wie der Ansammlung im Pub „Papillon“ in Aachens Gastromeile Pontstraße, wo ich gerade sitze. Der ernst blickende Mann oben auf der Leinwand ist allerdings nicht Günther Netzer, sondern Wolf Blitzer, Nachrichtensprecher bei CNN. Es ist Dienstag, es ist 23 Uhr, es ist Wahlnacht in Amerika.

Die Frage, ob es sich in Aachen überhaupt jemand ansehen würde, wenn in einem doch recht weit entfernten Land ein neues Staatsoberhaupt gewählt wird, hat sich bereits beantwortet. Das Papillon ist gut gefüllt. Die größte Gruppe dürften die Aachener Jusos sein, die das Live-Event organisiert haben.

Mir sitzt noch ein wenig der Sport in den Knochen, von dem ich gerade komme, darum bin ich froh, dass mir meine Freunde noch einen Platz in der letzten Reihe des Geschehens frei gehalten haben. Jetzt ein kühles frisches Alster Radler (das mit Zitrone), und der Abend kann beginnen. Heute wird Geschichte geschrieben, so oder so.

23.30 Uhr. Tabellen, Statistiken, Prognosen. Die Kollegen vom Fernsehen sind nicht zu beneiden. Stundenlang reden zu müssen, während noch absolut nicht passiert, ist nicht leicht. An den Tischen wird genauso haltlos spekuliert wie da oben im Studio.

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23.55 Uhr. Ein Juso steht auf, begrüßt die Zuschauer und wünscht einen angenehmen Abend. Dass wir nicht gerade in einem Lager von McCain-Anhängern gelandet sind, davon zeugen die diversen Obama-Fanposter an den Wänden.

0.03 Uhr. Unglaublich, wieviele Statistiken man sich zu Wahlen ausdenken kann. Gerade erzählt man uns, dass für 9 Prozent der Wähler Gesundheit der wichtigste Faktor war. Dass Barack Obama, würde er denn gewählt, der 27. Jurist im Weißen Haus wäre. Dass Sarah Palin, würde McCain Präsident, die erste Vizepräsidentin aus Alaska sei. Und, und, und.

0.17 Uhr. Endlich Statistiken, wie wir sie kennen und lieben. Während auf den Diskussionstisch im Studio ein 3-D-Modell des Kongressgebäudes in Washington eingeblendet wird (was auch genau so lange überzeugend aussieht, wie die Kameras stillstehen, danach wirkt das ganze leider wie eine verwackelte Bildmontage), werden erste Hochrechnungen eingeblendet. Kentucky: McCain 59 Prozent, Obama 40 Prozent. Es folgt Indiana, wo es für Obama besser aussieht: 56 Prozent für ihn, 43 für McCain.

Wie es sich für Nachrichtensender gehört, verabschieden sich die Moderatoren alle paar Minuten für einen ultrakurzen Werbeblock. Und wer mag jetzt wohl werben, wenn der halbe Globus zuguckt und die Werbesekunde ein Vermögen kostet? Turkish Airlines zum Beispiel. Das Emirat Dubai. „India means business“ heißt es in einem eher schlicht gemachten Wirtschafts-Spot mit Mähdreschern und Bauarbeitern, in dem der Subkontinent in einer Bildergalerie vorgestellt wird.

Anschließend läuft CNN-Anchorman (was LEO mit „Hauptnachrichtenmoderator“ übersetzt) durch einen Urwald Zentralamerikas, um irgendwie für die Umwelt zu trommeln.

0.43 Uhr. Cooper steht wieder im Studio, gescheitelt und geschniegelt. Vor einem Riesenbildschirm, den Medienjournalist Stefan Niggemeier kürzlich „den feuchten Traum aller iPhone-Besitzer“ genannt hat. Auf ihm wedelt er virtuos Landkarten herbei, zoomt sie mit den Fingern groß, malt gelbe Linien darauf, schiebt sie hin und her und piekt einzelne Städte und rot oder blau. Wahlweise Wahlkreise. Was es alles gibt.

1.16 Uhr. Doch es kommt noch besser. Heute kriegt der Zuschauer alles geboten, was die CNN-Techies in der Trickkiste haben. CNN-Korrespondentin Jessica Yellin wird als Hologramm ins Studio gebeamt. Da steht sie nun etwas unterlebensgroß (es sei denn, sie ist kleinwüchsig) mit sanft leuchtendem blauem Rand vor Wolf Blitzer. Sieht aus wie der Auftritt des Imperator aus „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ von 1983, nur nicht so überzeugend.

1.20 Uhr. Hungergefühl kommt auf. Ein Teller Pommes Frittes Fritten schafft Abhilfe.

1.28 Uhr. Vom Nachbartisch fragt jemand rüber: „Ihr seid doch gut informierte Leute, oder? Wie ist denn das jetzt eigentlich mit dem Senat und dem Repräsentantenhaus und dem Kongress?“ Oh je. Ich krame mein Restwissen über das parlamentarisches System der USA zusammen, das noch aus Zeiten eines Schüleraustauschs stammt. Also: Der Kongress besteht aus zwei Kammern, Senat und Repräsentantenhaus. Im Repräsentantenhaus sitzen 435 Abgeordneten, die für jeweils einen US-Wahlkreis stehen. Im Senat sitzen dagegen pro Bundesstaat zwei Senatoren.

Für die Präsidentenwahl wiederum ist wichtig, dass jeder Bundesstaat eine bestimmte Anzahl von Wahlmännern hat. Der Kandidat, der in einem Staat die Mehrheit der abgegebenen Stimmen bekommt, schickt sämtliche dieser Wahlmänner in die Wahlversammlung. 270 Wahlmänner muss man so zusammenkriegen, damit man die Mehrheit hat.

1.45 Uhr. Neue Zahlen. Indiana: McCain 50, Obama 49 Prozent. Virginia: McCain 56, Obama 44 Prozent, Georgia McCain 60, Obama 39 Prozent.

Wie ein Erdrutschsieg für Obama sieht das nicht gerade aus. Entsprechend lautstark wird an den Tischen debattiert, über dem Lärm ist gerade noch zu verstehen, dass die Experten im Studio den „Bradley-Effekt“ diskutieren. Das ist das Phänomen, wonach Wähler in Umfragen angeben, für einen farbigen Kandidaten zu stimmen, an der Wahlurne dann aber den weißen Konkurrenten wählen. Passend dazu wird wieder mal eine Statistik serviert, wonach 84 Prozent aller Evangelikalen und/oder Wiedergeborenen Christen (das sind die Ultra-Religiösen) für McCain gestimmt haben. Ist die Obamania schon zu Ende?

In North Carolina liegt Obama dagegen mit 51:48 vorne, auch im heftig umkämpften „Battleground“-Staat Florida führt er.

2.10 Uhr. Neue Hochrechnungen. Im Senat führen die Demokraten inzwischen mit 27 : 41 Sitzen, 51 brauchen sie für die Mehrheit. „Everywhere we look, McCain is underperforming Bush, and that’s a problem“, erklärt Cooper mit Blick auf die vorangegangene Wahl 2004, als George W. Bush den Demokraten John Kerry geschlagen hat. Überall, wo wir hinschauen, schneidet McCain schlechter ab als Bush, und das ist ein Problem.

2.27 Uhr. Ein Blick auf’s Handy. Das Angebot von Spiegel Online – die abgespeckte Version für Handybrowser – ist ziemlich unaktuell und liegt deutlich zurück. Bei der New York Times dagegen ist sogar schon Texas hellblau markiert, also zu den Demokraten neigend. Texas? Demokratisch? Da wissen sie mehr als CNN.

2.43 Uhr. Für einen weiteren Battleground-State liegen jetzt Hochrechnungen vor: Pennsylvania. Wegen des knappen Ergebnisses wollten die Statistiker erst warten, bis gesicherte Ergebnisse vorlagen. Jetzt prophezeit CNN: „Obama wins Pennsylvania“.

2.55 Uhr. Mir tut der Hintern weh. Seit vier Stunden sitze ich schon auf diesem Holzstuhl. Gut, dass jetzt der Barkeeper gerade die Sitzkissen von draußen hereinholt. Darf ich…? Aaah, das ist besser. Und einen Kaffee, bitte.

2.59. Kaffee.

3.05 Uhr. Die nächsten Prognosen. Obama führt jetzt schon mit 174 zu 49 Wahlmännern. Im Senat haben die Demokraten bereits die Mehrheit – 51 zu 27 Senatoren.

3.10 Uhr. Das Ergebnis gewinnt Konturen. Es wird Obama. Die Spannung lässt entsprechend nach. Der Raum hat sich bereits sichtlich geleert. Auch die Jusos haben jetzt genug, rollen ihre Fahnen ein und kleben die Plakate ab. Von den wenigen übrigbleibenden Gästen ruft ihnen jemand spöttisch zu, ob ihr politisches Interesse denn nun erloschen sei. Es gibt eine längere, etwas hitzige Diskussion. Ich bin schon zu müde, um genau hinzuhören. Aber ich gehe hier nicht weg, bevor die Entscheidung sicher ist. Als ich mich 2004 schlafen legte, war John Kerry Präsident und als ich am Morgen aufwachte, war es George W. Bush. Ein paar Stimmen in Florida hatten den Ausschlag gegeben.

3.45 Uhr. Nachdem Anderson Cooper auf seinem Wunderschirm sämtliche noch nicht ausgezählten Staaten außer den todsicheren Obama-Hochburgen an der Westküste mal probeweise rot gepiekt hat und es für McCain trotzdem nicht mehr reichen würde, ist die Sache so gut wie klar. Der nächste Präsident der Vereinigten Staaten hat einen Vater aus Kenia, ist auf Hawaii und in Indonesien aufgewachsen und heißt mit zweitem Vornamen Hussein. Kann man anders als die Amerikaner dafür bewundern, dass so viele von ihnen sich frei machen konnten von Vorbehalten, Vorurteilen und Rassismus? Würden wir Deutsche einen gebürtigen Halb-Kenianer, und sei er noch so intelligent und integer, zum Bundeskanzler wählen?

3.47 Uhr. Feierabend. Das letzte Häuflein Wahlbeobachter steht frierend und mit verquollenen Augen in der Pontstraße. Kalter Nebel liegt über Aachen. Für die Jahreszeit ganz normal. Trotzdem: Die Welt ist plötzlich nicht mehr dieselbe wie noch vor vier Stunden.

Mal sehen, ob in der Nacht, in der Geschichte geschrieben wurde, auch noch ein kleines bisschen Schlaf zu bekommen ist.

Unter Bloggern

Es fängt jedenfalls vielversprechend an: Die A4 nach Köln ist frei. Trotz der diversen Baustellen. Bin ich aufgeregt? Ich bin aufgeregt, ein bisschen jedenfalls. Mein erstes Bloggertreffen! Was für Menschen erwarten mich? Sicher ein exklusiver Querschnitt unglaublich hipper und gestylter Mitglieder der digitalen Bohème. Und mittendrin ich in meinem langweiligen Hemd.

Persönlich kenne ich da niemanden. Organisiert wurde das Ganze von stylespion, einem Netzmagazin des Kölner Webdesigners Kai Müller. „Treffen. So in echt.“ titelte er im Mai, viele Leser sprangen sofort drauf an. Ein Kollege machte mich drauf aufmerksam – „da muss ich hin“, dachte ich und trug mir den Termin in den Taschenkalender ein.

Was kommt dabei heraus, wenn sich zwei, drei Dutzend Blogger und Blogleser einfach so treffen, ohne Tagesordnung und ohne Programm? Bloggen ist ja per se eine Sache, die meistens im stillen Kämmerlein stattfindet. Natürlich kommentiert man anderswo und kriegt Kommentare von anderswem, natürlich gibt es Gemeinschaftsblogs wie Spreeblick und Riesenmaschine und gelegentlich gibt es in Blogs sogar Urlaubsvertretungen wie bei Niggemeier und Vetter. Aber ein zwangloses Treffen außerhalb der großen Konferenzen wie der Berliner re:publica?

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Der Ort ist jedenfalls nett gewählt: Das Motoki Kollektiv in der Stammstraße in Köln-Ehrenfeld ist eine Art Einraumkulturzentrum mit Clubatmosphäre. Parkplätze gibt es zwar im ganzen Viertel nicht, dafür stimmt die Atmosphäre in dem verwinkelten Raum mit den Stehtischen, die mit grünem Modellbahnrasen bezogen sind und zum Zimmergolf einladen. Ein halbes Dutzend mitgebrachter Laptops auf Couchtischen tummelt sich offensichtlich bereits im hauseigenen W-LAN-Netz mit dem schönen Namen „Motoki funkt hallo“. Beim Einloggen stelle ich fest, dass es in der Nachbarschaft auch ein W-Lan gibt, dass „Stammheim“ heißt. Muss Kölscher Humor sein. Von den Anwesenden, die ohne Laptop da sind, haben einige stattdessen Kuchen mitgebracht. Ist zwar nicht so netzwertig, gefällt mir aber irgendwie besser.

Die Location – der Ausdruck ist hier wohl angemessen – füllt sich schnell; gut zwei, drei Dutzend Teilnehmer drapieren sich bald auf und um Sofas und Theke. Ein Notebook auf der Theke schießt Webcam-Fotos, die mit Hilfe eines Vordrucks zu Plakaten gestaltet werden. Damit können sich die Teilnehmer an der Eingangstür vorstellen. Was für eine nette Idee.

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So schrecklich hip und gestylt wie befürchtet sehen die meisten Anwesenden übrigens gar nicht mal aus. Schnell kommt man ins Gespräch, auch wenn man ein langweiliges Hemd trägt. Über gute und schlechte Blogs, über Don Alphonso und MC Winkel, über fallende Abrufzahlen bei längerer Schreib-Abstinenz und Freude über Reaktionen der Leser. Es ist angenehm, sich mal mit Leuten zu unterhalten, die ähnliche Lesezeichen im Browser haben wie man selbst.

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Christoph ist eigens aus London eingeflogen, um dabeizusein. Er bloggt für den Elektronikgerätehersteller LG. Wir stellen fest, dass wir beide noch nicht herausgefunden haben, wozu Twitter eigentlich gut ist. Und dass er das deutlich coolere Kamerahandy hat. Allerdings hat meins dafür einen dicken Rand aus Gummi, der es ganz schön unzerstörbar aussehen lässt.

Kurz: Es wird ein ziemlich netter Nachmittag. Schade, dass ich nur zweieinhalb Stunden Zeit habe, bevor ich wieder zurück nach Aachen muss. Mein Taschenkalender freut sich jedenfalls schon auf ein zweites Bloggertreffen. Und sollte es ein gutes Omen sein: Die A4 ist auch auf dem Rückweg frei.

Update am 17. Juli: Eins führte zum anderen, und so wird diese kleine schokoladige Heimseite hier seit heute auf dem LG-Blog im „Blogger der Woche“-Interview erwähnt. Jeder Link zählt – wenn ich hier Werbung dulden würde, wäre ich jetzt bestimmt reich.

Neues aus Herzogenrath

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Kein Kinn, kein König. Schon die alten Ägypter wussten, dass für einen Mächtigen der Kiefer wichtiger ist als die Krone. Wie hätte Tut-Ench-Amun ohne seinen markanten Säulenbart ausgesehen? Wie Karl Marx ohne seine proletarisch-kraftvolle Manneszier? Was uns direkt nach Herzogenrath bringt.

Ein Ort, bei dem die Nähe zur Macht schon im Namen – Herzog! – liegt. Ein Ort, der am Sonntag einen neuen Bürgermeister wählte. Zwar ist hierzulande die Zeit vollbärtiger Politiker seit Rudolf Scharping langsaaam vorbei. Doch der Mangel an Gesichtsbehaarung bei Tut-Ench-Amuns Nachfolgern aus dem Öcher Nordkreis wurde von cleveren Wahlkampfmanagern geschickt ausgeglichen.

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Mit kühnem Griff ans Kinn signalisiert der Herausforderer: Vertraut mir, Bürger, auch ich kann Pharao sein! Der dezente Goldschmuck am Ringfinger ergänzt das Bild: Reichtum und fruchtbares Ackerland allen Herzogenrathern, die mich wählen!

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Sein Gegenspieler ist freilich schon einen Schritt weiter. Das Symbol der Machtentfaltung wird hier viel sparsamer eingesetzt: Nur noch zweieinhalb Finger sind im Bild zu sehen. Um so stärkere Signalkraft geht von ihnen aus. Die locker geöffnete linke (!) Hand deutet nicht nur entspannte Souveränität an, sondern auch einen deutlich größeren Bartumfang. Hier präsentiert sich jemand als geborener Herrscher.

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Völlig chancenlos musste in diesem Umfeld die Kandidatin der kleineren Fraktion bleiben. Das konnte nicht klappen. Ein Politiker muss ein Gestrüpp Gespür dafür haben, was das Volk will.

Wahl-Fazit: Der Streit um des Kaisers Bart ist wie erwartet zu Ende gegangen. Der Griff nach der Macht glückt nur mit dem richtigen Griff ans Kinn.

Und: Die Zeit ist noch nicht reif für einen Damenbart auf dem Bürgermeisterthron.

Neues vom Markt (2)

Kennen Sie das Gefühl, dass unsere Zivilisation zum Untergang verurteilt ist? Dass die Menschheit keine Zukunft mehr hat? Hatte ich jetzt grad wieder. Lag nicht an Klimaerwärmung oder Dieter Bohlen. Es lag an Rührei. Hier ein neuer Beitrag aus der beliebten Serie: „Dinge, die die Welt nicht braucht“.

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Rührei aus dem Tetrapack. Sorry für das schlechte Foto, ich hatte nur die Handy-Kamera dabei.

Ja, sowas gibt’s wirklich. Leider. Und es ist so unglaublich einfach zuzubereiten! Einfach die Verpackung öffnen und in die heiße Pfanne füllen! Nicht so wie dieses furchtbare Rührei aus der Natur, dass man vorher erst umständlich… äh, rühren muss. Überhaupt lassen sich Eier mit Kanten viel leichter stapeln als ihre hühnerbasierten ovalen Vorbilder aus Omas Zeiten.

Unsere Kinder werden glauben, dass Hühner quadratisch sind. Würfeleier und Dieter Bohlen – das ist das Ende. Was wird nach dem Menschen kommen? Die Herrschaft der Insekten? Auch gut. Die legen wenigstens richtige Eier.

Neues aus dem Wald

Schuhe_311Im Wald, da sind die Räuber, bekamen Kinder zu Urgroßvaters Zeiten warnend eingetrichtert. Dunkel und gefährlich ist’s unter den Bäumen, kein vernünftiger Mensch wagte sich freiwillig in das Reich der Wölfe und Bären. Früher. Heute tragen die Bären niedliche Namen wie Bruno oder Knut und haben ihr Revier geräumt für andere wilde Geschöpfe. Zum Beispiel den Waldläufer. Es folgt etwas Werbung für eine Betätigung, die man aus tiefstem Herzen liebt oder hasst.

Jogger, das sind diese Irren, die ohne Ziel und ohne Zeitabnahme durch friedliche Grünanlagen hetzen. Deren Japsen die Tauben aufflattern lässt und deren verstöpselte Ohren das Klingeln der Radfahrer nie hören. Sagen die einen. Für die andere Hälfte der Menschheit ist Laufen die wunderbarste Bewegung der Welt, ideale Fettverbrennung und innere Einkehr inbegriffen.

Sie meinen, für Sie ist das nichts? Vor Jahren mal probiert und nach ein paar hundert Metern hustend und mit peinvollem Seitenstechen zusammengeklappt? Das heißt gar nichts. Passiert jedem am Anfang. Es braucht eine Weile, bis sich der Körper an das gesteigerte Bewegungstempo gewöhnt hat. Einfach mal ein paar Runden flott gewalkt, in der zweiten Stufe mal längere Laufpassagen reingeschoben, dann geht es. Dauert nicht lange.

Parkplatz_01_800Und was für ein Glück wir haben. Der Aachener Stadtwald ist nämlich die perfekte Trainingsbahn. Wir stellen unseren Wagen am Wanderpilz ab, dehnen noch ein wenig die vom Bürotag verhärtete Beinmuskulatur…

Weg_08_800…und dann los. Die ersten Schritte sind noch etwas staksig. Aber schön ist es hier: Das Sonnenlicht bricht sich in den gelben und roten Blättern. Mücken tanzen in der Luft. Abgefallenes Laub raschelt unter den Sohlen. Der anfangs schnurgerade Weg wird schnell abwechslungsreicher.

Matsch_13_800Stellenweise sogar etwas zu abwechslungsreich. Was jetzt: Mit einem kühnen Sprung über den Matsch setzen oder künstlerisch am Schlamm vorbeitänzeln? Hauptsache, nicht aus dem Rythmus geraten.

Steigung_23_800Erst recht nicht bei Steigungen wie dieser. So etwas strengt an. Aber ein Hürdenlauf macht ohne Hürden ja auch keinen Spaß.

Schatten_27_800Wer mag, kann per MP3-Player die Außenwelt auf optische Eindrücke reduzieren. Vogelzwitschern hat zwar seinen Reiz, aber wer im Innenohr Chris Rea La Passione rauchen hört, versinkt schneller in eine Art angenehme Trance. Der Körper hat sein Tempo gefunden, Glückshormone schwappen fröhlich durch die Blutbahn, und die Beine bewegen sich wie von selbst.

Fuss_28_800Allzu meditatives Dahintraben hat allerdings auch Nachteile. Wir Zweibeiner sind nämlich nicht allein hier.

Haufen_34_800Also schön die Äuglein aufgelassen und den Blick auf den Weg gerichtet. Der ist manchmal nämlich ganz schön holprig.

Steine_40_800Wer hat nur die Idee gehabt, mitten in der Wildnis Pflastersteine zu verlegen? Römer? Räuber?

Strasse_41_800Wer auch immer sie waren: Ihre Nachfahren waren gründlicher. Über die Monschauer Straße rennt man nicht so einfach, ohne nach links und rechts zu gucken. Jedenfalls nicht um diese Zeit, am frühen Abend.

Dunkel_53_800Noch eine letzte Schleife, dann geht es zurück zum Parkplatz. Die Sonne ist längst weg, die Dämmerung hat eingesetzt. Das ist der Nachteil am Herbst: Es wird inzwischen schon so früh dunkel, dass man ein Problem hat, nach Feierabend noch im Hellen seine Runde zu Ende zu bringen. Aber wir haben’s grade noch geschafft. Falls es hier doch noch einen übriggebliebenen Bären gibt.

Waren wir wirklich eine Stunde unterwegs? Ging ja fast wie von selbst. Sagten Sie nicht, das wäre nichts für Sie?

Morgen wieder?

Neues aus der Apotheke

Da liegt er vor mir, und er ist schön. Eine Frau hat ihn mir geschenkt. Ein Kugelschreiber, mit schicken Chrom-Applikationen und aus transparent-grünem Kunststoff. Die Frau war Apothekerin, und der Stift ist ein Werbegeschenk zur Eröffnung der neuen Filiale, in der ich gerade war. So hübsch er ist, er verunsichert mich.

Journalisten denken nicht oft über Kugelschreiber nach. Die Dinger kommen halt und gehen. Auf jedem zweiten Pressetermin bekommt man einen neuen in die Hand gedrückt, oft zusammen mit einem Schreibblock, der das Firmenlogo des Gesprächpartners trägt. Es sind flüchtige, allzu flüchtige Beziehungen, die wir zu unseren Schreibgeräten haben. Man arbeitet eine Weile zusammen, dann trennen sich die Wege. Im Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams gibt es einen Planeten, auf den herrenlose Kugelschreiber verschwinden. Das wäre eine Erklärung, warum es zwischen Mensch und Kuli keine Treue gibt.

Espumisan_46_800Dieser hier ist aber noch da. Er schimmert im Licht der Schreibtischlampe. Was mich ins Grübeln gebracht hat, ist der Werbeaufdruck. „Espumisan“ steht drauf, mit einem ® dahinter. Ich würde ihn ja gerne mit ins Büro nehmen, den grünen Gehilfen. Aber er wirbt offenbar für ein medizinisches Produkt. Was, wenn es etwas ist, das Patienten in der Apotheke nur im Flüsterton zu verlangen wagen? Das man an Stellen aufträgt, die nie das Licht der Sonne sehen? Etwas, das gegen Pilzbefall und Parasiten wirkt?

Was steckt hinter Espumisan®?

Wie gut, dass es Google gibt. (Ich hätte den Stift auch einfach umdrehen können, denn auf der Rückseite steht praktischerweise www.espumisan.de, aber das habe ich erst später investigativ herausgefunden.)

Nun ist die Unsicherheit vorbei. Und meine Liste der schönsten Werbesprüche aller Zeiten (angeführt von dem der Lloyd-Werft Bremerhaven, erinnern Sie sich?), ist am unteren Ende um ein Exemplar länger:

Espumisan_Screenshot_800Der Stift kommt nicht mit ins Büro.