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Mitfahrgelegenheit VI: Der Freund

Ich habe mir angewöhnt, meine Mitfahrer gleich nach der Kontaktaufnahme mit Namen im Telefonbuch zu speichern. Das ist hilfreich, wenn sich etwa während der 11.30-Uhr-Redaktionskonferenz nacheinander vier Leute auf der Mailbox für die abendliche Fahrt anmelden, von denen man zweien dann sofort wieder absagen muss, weil der Wagen schon längst voll ist, der dritte einem am Nachmittag per SMS selbst cancelt und man schließlich abends am Bahnhof Rothe Erde auf der Suche nach Nummer Vier ist, der möglicherweise einfach nur auf der falschen Seite des Gebäudes wartet. Es ist also immer gut, zu wissen, wer hinter welcher Nummer steckt.

Außerdem, und das ist fast noch wichtiger, kann man sich kleine Hinweise und Gedächtnisstützen zu den Fahrern wegspeichern. Jener Thorsten etwa, der mich beim ersten Mal versetzt hatte und zur Abfahrtszeit auch auf mehrfaches Anrufen und SMS nicht reagierte, fand als „Thorsten WARNICHTDA“ Aufnahme in die Kontaktwelt meines Schlaufons. Was mir einige Wochen später, als er erneut anrief, um eine Fahrt zu buchen, die Entscheidung leichter machte, das Gesspräch anzunehmen oder nicht. Ist schon blöd, wenn man jemanden anruft, und keiner geht ran, gell, Thorsten?

So hatte ich denn auch gleich eine schlechte Vorahnung, als mich eine SMS informierte, dass Lina (tatsächlicher Name dem Verfasser bekannt) einen Platz auf der abendlichen Fahrt von Aachen nach Köln gebucht hatte, die um 22.20 Uhr nach meinem donnerstäglichen Sport beginnen sollte. Lina erschien als „Lina FÜRFREUNDGEBUCHT“ auf dem Display, und ich erinnerte mich gleich an die Dame mit der wenig einnehmenden Stimme, die erst den Platz sicherte und dann mitteilte, dass es für ihren Freund sei. Ein Blick auf ihre Profilseite bei der Mitfahrzentrale hatte enthüllt, dass sie das Kunststück fertiggebracht hatte, trotz einer ganzen Reihe gebuchter Fahrten nur mit durchschnittlich zwei von fünf Sternen bewertet zu werden. Meist war’s, weil sie nicht zur Fahrt erschienen war oder für jemand anderen gebucht hatte (der dann nicht erschienen war). In meinem Fall war die Mitfahrt ebenfalls nicht zustande gekommen, weil der Freund angeblich den Bus zum Treffpunkt verpasst hatte. Nun ja, kann passieren.

Auch diesmal sollte ich letztlich wieder ihren Freund mitnehmen – ich frage mich in solchen Fällen immer, warum nicht der Herr Partner selbst die Fahrt bucht? Vertrauensbildung geht irgendwie anders. Letztlich kam aber doch noch ein telefonischer Direktkontakt zwischen besagtem Partner und seinem angehenden, zusehends un-enthusiastischer werdenden Chauffeur zustande. So einfach wie sonst war die Sache nämlich nicht: Es gab an jenem Abend das Problem, dass sowohl in Aachen als auch in Köln der Öffentliche Personennahverkehr ruhte. Streikbedingt. Der Mitfahrpartner sah sich folglich außerstande, zu einem meiner üblichen Abfahrtspunkte in Aachen zu kommen, auch zu keinem halbwegs am Weg liegenden. Stattdessen bat er um Abholung bei sich zu Hause. Sowie um Hinbringung zu seinem Zielort, der Burgstraße in Köln – wo auch immer die sein mochte. Obwohl mir solche Extratouren wegen ihres meist immensen Zeitbedarfs nicht sonderlich liegen, erklärte ich mich schließlich bereit, trotz Nach-Sport-Müdigkeit und später Stunde für jeweils einen Extra-Euro den Mann a) an seinem Zuhause in Walheim („das sind echt nur vier Minuten von der Autobahn!“) abzuholen und ihn b) nach Köln zu seiner Freundin (ob es dieselbe war, die die Fahrt gebucht hatte…?) zu transportieren.

Wie man es innerhalb von vier Minuten von der Autobahnabfahrt Lichtenbusch nach Walheim schaffen soll, blieb im Dunkel der Nacht verborgen. Mit einer basismotorisierten C-Klasse ginge das jedenfalls höchstens, wenn sie von vier Porsches gezogen würde. Nach zehn Minuten Fahrt über ländlich-hügelige Schleichwege schließlich fand ich mich um 22.45 Uhr in einer ghettoartigen Hochhauslandschaft wieder, in der pittoresk gekleidete Personen jüngeren Baujahrs auf Skateboards um mein Auto herumrollerten. Die Türen von innen fest verriegelt, informierte ich Mr. Freund über mein Eintreffen. „Ich bin in fünf Minuten bei Ihnen!“, versprach er. Es vergingen ihrer etwa zwölf, innerhalb derer mein Adrenalinspiegel nicht sank. Als ich gerade den Motor anlassen wollte, klopfte es an der Beifahrertür.

Herr Freund nahm Platz und machte zunächst einige Punkte wieder gut, indem er mir spontan etwas Kuchen anbot – was ich allerdings dankend ablehnte, da es mit meiner aktuellen Diät kollidierte. Während wir uns mühsam über Bodenwellen und um verkehrsberuhigende Ausbuchtungen aus dem Ghetto herauskurbelten, hielt Mr. Freund nach einem Kumpel Ausschau, dem er noch etwas zu übergeben hatte. Vielleicht war es mein Kuchen. Zwanzig endlose Landstraßenkilometer und ebenso viele Minuten später erreichten wir schließlich die Autobahnauffahrt Brand – die eigentliche Heimfahrt konnte beginnen. Mister Freund sorgte derweil für die Bordunterhaltung, indem er seinem Handy erst eine Vielzahl von schrillen Piepstönchen entlockte und schließlich eine Reihe endloser Telefonate in einer mir trotz erheblicher Sprechlautstärke unverständlichen Sprache einleitete. Ich halte mich für einen durchaus geduldigen Mitfahrfahrer, aber zwei Dinge schätze ich an meinen Gästen nicht: sich nach dem Einsteigen sofort die Ohren mit Lautsprechern zu verstöpseln – oder im Gegenteil um so lauter stundenlange Telefonate zu führen. Beides stempelt mich zum bloßen Dienstleister ab, dessen Gegenwart man getrost ignorieren kann.

Da ich Mister Freund in die Kategorie von Mitfahrern einsortierte, die das Thema Fahrtvorbereitung eher entspannt angehen, erkundigte ich mich in der ersten Sprechpause nach rund Dreivierteln der Strecke höflich, ob er den Fahrtbetrag passend dabei habe. Er hatte nicht. „Können Sie nicht wechseln?“ Ich verneinte. Kurzzeitig erwog ich einen Zwischenstopp an der Raststätte Frechen, denn nach der Visite in Walheim hatte ich wenig Neigung, stundenlang durch Kölns mitternächtlichen Osten zu schleichen auf der Suche nach einem Etablissement, das erstens noch geöffnet und zweitens willens war, Mister Freund einen Schein klein zu machen. Man hört ja so einiges von der Schääl Sick, und dass die Burgstraße nicht in der Südstadt liegt, sondern im tiefsten Vingst, hatte mir in der Walheimpause bereits ein Blick auf die Skobbler-App verraten. Auch war ich zu meiner schier ins Bodenlose wachsenden Begeisterung mittlerweile im Bilde, dass mich der kleine Abstecher auf die andere Rheinseite mit seinen fast 30 Kilometern hin und zurück bestenfalls eine halbe Stunde kostbare Lebens- und Schlafenszeit kosten würde. Andererseits ist in Streikzeiten ja Solidarität erste Bürgerpflicht.

Es kam, wie es kommen musste. Das künstlerisch inander verschlungene Doppel-Autobahnkreuz Gremberg ist schon bei Tageslicht für Unkölner schwer zu meistern, und wer sich bei Nacht zu sehr aufs Display seines Navis konzentriert, der wird schon am ersten Kleeblatt flugs in Richtung Bonn herauszentrifugiert. Mister Freund muss befürchtet haben, an der nächsten Abfahrt der A559 schlichtweg aus dem Wagen geworfen zu werden, so still wurde er ob meiner Flüche – deren Saftigkeit sogar noch steigerbar war, als mich das Navi nach dem Verlassen der Autobahn nicht wieder auf selbige zurücklotste, sondern über Landstraßen stadteinwärts schickte.

Viele, viele Ampeln, Abzweigungen und Kreuzungen später kurvten wir tatsächlich durch ein schlafendes, bodenwellenreiches Wohngebiet auf der Suche nach einem noch offenen Kiosk („ich muss auch noch Zigaretten kaufen und Sahne“ – eine Einkaufsliste, die meine Fantasie zu tollsten Blüten trieb). Doch, was soll ich sagen? Am Ende der Fahrt bekam ich mein Geld und Mister Freund ein „schönen Abend noch“ nachgerufen, eh er in die Nacht verschwand.

Eine weitere Ehrenrunde am Gremberger Kreuz in Richtung Bonn – meine mittlerweile erlangte Ortskenntnis half immerhin dabei, diesmal direkt wieder zurück auf die Autobahn zu finden – und nur etwa zwanzig zusätzliche Fahrtminuten trat ich, weit nach Mitternacht, todmüde vor der eigenen Haustür auf die Parkbremse. Daheim. Fast zwei Stunden hatte die zweifache Odyssee durchs Aachener und Kölner Umland gedauert.

Ehe ich zehn Minuten später im Bett todmüde die Augen schloss, hatte ich noch die Kraft, einen neuen Kontakt im Telefonbuch anzulegen. Vorname: Freundvonlina. Nachname: NIEWIEDER.

Mitfahrgelegenheit V: Mitgefühl

Sie liegen nicht immer auf dem Sonnendeck des Lebens, die Menschen, die sich zur Mitfahrgelegenheit melden. Viele haben erkennbar gerade mehr Restmonat als Restgeld, manche derbe Probleme am Hals. Da war die Frau auf dem Weg zum Scheidungstermin. Der Auszubildende, der sich die 5 Euro für die Fahrt erst von seiner Schwester abholen musste, weil er nicht an sein Konto herankam. Das Mädchen, das als Zeugin zu einem Prozess vor dem Landgericht Aachen musste. Der ältere Herr, dessen Hände von Parkinson zitterten. Die ausländische Praktikantin, die immense Anwaltskosten zahlen sollte, weil sie – wie von zu Hause gewohnt – TV-Serien aus dem Internet gesaugt hatte. Mit manchen Mitfahrern entwickelt man auf der Fahrt durch den dreiviertelstündigen gemeinsamen Lebensabschnitt regelrecht Mitgefühl.

So wie mit der jungen Frau, die ich gerade am Hauptbahnhof abgeholt habe. Das Handy am Ohr, klettert sie auf den Beifahrersitz, und mir ist sofort klar, dass das da gerade kein verliebtes Geturtel ist. „Warum rufst du mich überhaupt an? Ich habe eine einstweilige Verfügung gegen dich beantragt! Du hast Kontaktverbot zu mir!“ Gestikulierte Begrüßung in meine Richtung, einhändiges Anschnallen. Ich nicke wortlos, schalte die Radiomusik aus, lasse den Wagen an und rolle schon mal los.

„Ich weiß nicht, was mein Anwalt dir geschrieben hat! Lies doch erstmal den Brief!“ – „Wahrscheinlich musst du die Verfahrenskosten bezahlen. Schließlich bist du doch schuld!“ – „Du hast doch beim ersten Mal so getan, als ob du da nicht mehr wohnst, und den Brief zurückgehen lassen!“ – „Ich soll dich in Ruhe lassen!? Du verstößt doch gerade gegen die Auflagen, indem du mich anrufst!“

So geht es weiter. Kein Zweifel, da hat jemand eine wirklich unangenehme Geschichte hinter sich. Die Frau kann höchstens Anfang 20 sein, da ist ein gerichtliches Kontaktverbot gegen den Ex-Partner schon harter Tobak. Was mag der Typ ihr angetan haben, denke ich, während sich der Mercedes seinen Weg über die nächtliche Aachener Heinrichsallee sucht.

Ich werde es nie erfahren. „Sorry, das war nicht für deine Ohren bestimmt“, sagt sie, als das Telefonat nach einigen Minuten abrupt zu Ende gegangen ist. „War ja sicher auch kein angenehmes Gespräch“, murmele ich.

Und das war es auch schon mit dem Dialog zwischen Fahrer und Gast. Auf den nächsten 60 Kilometern bis zum Kölner Sülzgürtel sinkt mein Mitgefühl mit der Dame neben mir in jeder einzelnen der gut 40 sich endlos dehnenden Minuten, in denen sie haarklein ihrer besten Freundin vom Anruf des Ex berichtet.

Erschüttert

Hauptbahnhof Köln, Bahnsteig 8, 9.30 Uhr. Es ist Freitag, es ist bislang eine ziemlich überflüssige Woche gewesen (nein, nichts Dramatischeres als eine halbgare Erkältung und eine anstehende Autoreparatur) und der Schreiber dieser Zeilen wartet auf den Regionalexpress. Es soll nach Aachen gehen, und wer sich fragt, warum der Schreiber dieser Zeilen nicht wie üblich auf den bescheidenen Komfort seiner ollen C-Klasse zurückgreift, der fragt sich das zu Recht. Doch der brave Kilometerfresser steht seit einem Tag auf dem Firmenparkplatz. Sein Besitzer hat es am Donnerstag geschafft, auf dem Weg vom Parkplatz ins Büro den Autoschlüssel zu verlieren. Ja, auf den paar Metern über die Dresdener Straße und das Verlagsgelände. Vielleicht ist das Ding auch irgendwo im Verlag selbst aus der Hosentasche gehüpft, wer weiß das schon.

Das Erlebnis am Donnerstagnachmittag, auf dem Weg zu einem ziemlich wichtigen Termin vor dem Auto zu stehen und sich in wachsender Ungläubigkeit sämtliche Hosen- und Manteltaschen immer wieder aufs Neue zu durchwühlen, zählte zu den unangenehmsten Erlebnissen der vergangenen Tage. Irgendwo muss er doch sein! Doch Fehlanzeige. Also in Laufschritt und wachsender Nervosität zurück ins Büro, über Dresdener Straße und Verlagsgelände. Schreibtisch, Rollcontainer, der Kabelsalat auf dem Boden: Fehlanzeige. Konferenzräume, Kantine, Klo: Fehlanzeige. Der Schlüssel samt Ring – ich clipse ihn normalerweise während der Fahrt vom Rest des Schlüsselbunds ab, damit dessen Gewicht das Zündschloss nicht auf Dauer ausleiert – bleibt verschwunden.

Und mir nichts übrig, als mich für den wichtigen Termin das Auto einer netten Kollegin zu leihen. Und mich abends in den Zug nach Köln zu setzen, nach einem erfrischenden Fußweg zum Bahnhof Rothe Erde, durch Aachener Dauerregen. Unnötig zu sagen, dass nirgendwo im Büro ein Schirm greifbar liegt – erst auf den Stufen des Bahnhofs findet sich ein herrenloses, aber noch weitgehend intaktes Exemplar, das ich tatsächlich dankbar aufhebe und für den Rest des Nachhausewegs mitnehme. Es sind oft Kleinigkeiten, für die man am dankbarsten ist. Wie sehr man sich manchmal selbst über Weggeworfenes noch freuen kann.

Und wie sehr einen so ein Erlebnis erschüttern kann. Wie kann man nur seinen Autoschlüssel verschusseln? Die Dinger kosten beim Händler stolze 32 Euro (und fragt bitte nicht, woher ich das so genau weiß).

Seit geschlagenen zwanzig Minuten stehe ich also nun am Morgen danach auf Bahnsteig 8. Noch zehn Minuten bis zur Einfahrt des Zuges um 9.47 Uhr. Wenn das Smartphone nicht erfunden worden wäre, könnte man sich glatt in trüben Gedanken verlieren an diesem trüben Novembertag. Wie gut, dass das über drei Jahre alte iFon 4 noch halbwegs funktioniert. Nachrichtenportale, Twitter, Facebook; man so kann wunderbar eintauchen in die schöne bunte Netzwelt, wenn man etwas vergessen möchte, vor allem die eigene Vergesslichkeit. Ich lese Interessantes, ärgere mich über einen Twitterer, verpasse ein paar Beiträgen von Facebook-Freunden den Daumen, den es – auch das lese ich mit Interesse – demnächst nicht mehr geben soll. Dazu noch schnell eine Mail an die Redaktion.

Als ich wieder aufsehe, ist es 9.50 Uhr. Die Anzeigetafel für den nächsten Zug auf Gleis 8 kündigt statt meines RE9 einen Express aus Basel an. Und dem Schreiber dieser Zeilen fällt die Farbe aus dem Gesicht: Kann das sein? Kann es wirklich sein, dass hier gerade vor drei Minuten nur zwei Meter von mir entfernt mein Zug eingelaufen und wieder abgefahren ist – und ich nichts davon gemerkt habe? Kann man 300 Tonnen Regionalexpress einfach so übersehen? Hundertfünfzig Meter knallrote Doppelstockwagen samt vierachsiger Elektrolok? Bitte nicht! Erst der Autoschlüssel, jetzt das. So dämlich darf man doch nicht sein, wenn man noch frei und ohne Betreuer durch die Gegend laufen will!

Mühsam ringe ich um Fassung. Es muss an der Erkältung liegen. Am Zementschädel. Muss. Eine andere Erklärung gibt es nicht, jedenfalls keine angenehme. Die Erschütterung vom Vortag kommt mit Macht zurück, und sie ist tatsächlich noch zu steigern. Oh Mann! Ich gehöre ins Bett, am besten für den Rest der Woche. Oder gleich in ein Heim. Wie heißen noch diese Gedächtnistabletten für tüdelige Senioren, für die abends immer Werbung im ZDF läuft? Granustol? Sanofink?

Irgendwann beruhigt sich der Puls wieder etwas. Trotz allen Entsetzens, es hilft ja nichts: Ich muss nach Aachen, und zwar mangels Schlafwagen mit dem nächstmöglichen Regionalzug. Werde ich jetzt zur Strafe noch eine Stunde lang hier stehen müssen? Auf der Suche nach der günstigsten Verbindung streift der Blick über die Abfahrtspläne und Anzeigetafeln für die nächsten Zugläufe. Und bleibt auf einer solchen Anzeige schließlich hängen an einem Satz in kleiner Laufschrift: RE9 nach Aachen heute 35 Minuten später.

Er war also doch noch nicht da, mein Zug. So versunken ich auch war, einen ganzen Regionalexpress habe ich denn doch nicht übersehen. Oh Mann. Es dürfte eine ganze Weile her sein, dass sich ein Kunde des schienengebundenen Personnennahverkehrs so sehr über eine so saftige Verspätung gefreut hat. Ja, es sind manchmal Kleinigkeiten, für die man im Leben am dankbarsten ist. Etwa die Erkenntnis, doch noch nicht reif für diese Gedächtnispillen zu sein, diese… Dings, na, wie heißen sie noch…

Erlkönig

Und wieder so ein Moment, wo sich der Schreiber dieser Zeilen auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit erst die Augen reibt, dann hektisch zur Kamera in der Mittelkonsole greift.

2012_12_Mercedes-Erlkoenig_

Ein waschechter Erlkönig! Und zweifellos von der Marke mit dem Stern. Ein Blick nach dem Überholen in den Rückspiegel – leider nicht fotografierbar – enthüllt eine klassischen verrippte, erstaunlich hohe Mercedes-Kühlermaske. Scheint sich ein bisschen in Richtung Audi-Maul zu orientieren, die neue Stuttgarter Schnauze.

Aber was ist es, das da gerade in Richtung Maastricht dahinrauscht? Eine frisch gefaceliftete E-Klasse kann’s nicht sein, die hat ihre Hamsterbackenkotflügel trotz Verschlankung behalten. Kann angesichts der Ausmaße also nur eine S-Klasse sein.

Ein Blick ins Web bestätigt dies kurz darauf: Es handelt sich um den neuen W222, der seit einigen Wochen auf deutschen Straßen seine Runden dreht.

Das kleine Morgenrätsel ward also fix gelöst. Ebenso fix gelöst, und zwar auf-, hat sich damit allerdings auch die ebenso fix entstandene Idee, den Schnappschuss für teuer Geld an ein Hochglanz-Automagazin zu verticken.

Apropos: Aufgelöst hat sich im übrigen ebenso die Hoffnung der Mercedes-Macher, mit der 2002 wiederbelebten Luxusmarke Maybach teuer Geld zu verdienen. Die Herstellung des Edel-Dickschiffs wurde jetzt nach zehn Jahren wieder eingestellt, wie die FAZ heute berichtet. Der W222, wahrscheinlich auf der IAA 2013 erstmals offiziell präsentiert, wird also die Bürde des Spitzenmodells alleine tragen müssen.

Dwarslöper

Manchmal sieht man ein Auto, bei dem man sofort weiß: Da stimmt was nicht. Der heillos überladene Kombi, der viel zu tief in den Federn liegt. Der Sattelschlepper mit verrutschter Ladung, dessen Aufbau sich gefährlich zur Seite krümmt. Damals, auf der A1, der Van mit dem auf dem Asphalt schleifenden Auspuff.

Dwarsloeper
Was stimmt an diesem Kraftfahrzeug nicht…?

Bei diesem Gesellen hier musste ich ein paar Sekunden länger hingucken, ehe mir auffiel, was es war.

Dwarsloeper 2
Nein, er ist nicht gerade auf die linke Spur gewechselt – der fährt die ganze Zeit so

„Dwarslöper“ nennt man in der Seefahrt Schiffe, die quer zum eigenen Kurs unterwegs sind. Bei Herrn Transoflex da vorne gehorcht die Hinterachse deutlich stärker dem Rechtsfahrgebot als der Rest des Wagens: Die Hinterräder sind um fast eine Reifenbreite nach rechts versetzt. Der Kasten ist quasi diagonal unterwegs. Kein Wunder, dass der Kapitän am Steuer gewisse Probleme zu haben scheint, Kurs zu halten. Der Fahrensmann in seinem Kielwasser staunt und kann sich nicht erinnern, in seinen 23 Jahren auf großer Fahrt dieses Phänomen schon einmal gesehen zu haben.

Dwarslöper werden an der Küste auch Krebse genannt, des eingelegten Seitwärtsgangs wegen. Wär ich der Klabautermann da vorne, würde ich mit diesem Seelenverkäufer jedenfalls auch mal schleunigst rechts raus – und ganz vorsichtig in die nächste Werkstatt krebsen.

Klare Kante

Es ist morgens, es ist halb Zehn durch, es ist viel los auf der A4 und es ist alles zu spät. Es war schon zu spät, als ich vor 20 Minuten hektisch Flockis Zündschlüssel umdrehte. Zu spät, als der kilometerlange Rückstau vor dem Kreuz Köln-West endlich hinter uns lag und noch später, als wir endlich durch das zweite Geknubbel vor der Baustelle an der Brücke über die ICE-Strecke waren. Zu spät, um pünktlich um Zehn in der Redaktion zu sein.

Nun windet sich die zweispurige Blechschlange, durch dynamische Verkehrsbeeinflussung auf 100 km/h heruntergekühlt, durch den Wald zwischen Buir und Düren. Mittendrin: Flocki, ich und Steffi Neu von WDR2. Entspannen Sie sich, Drängeln hat doch keinen Zweck, Sie sehen doch, dass es hier nicht schneller geht.

Ein Quattroporte

Aber was ist das? Vor uns taucht etwas auf, dass die unverkennbaren, eckigen Linien der Siebziger trägt. Ein VW Santana? Oder gar ein alter Mitsubishi Galant?

Quattroporte in Nahaufnahme

Oh nein, es ist so ziemlich das genaue Gegenteil. Das gewaltige Dreizack-Emblem an der nicht weniger imposanten C-Säule verrät: Vor uns fährt ein waschechter Maserati Quattroporte III, gebaut irgendwann zwischen 1979 und 1986, als ein paar Jahre lang De Tomaso das Regiment in Modena führte, nach Citroën und vor Fiat. Der große Giorgio Giugiaro zeichnete für die kantige Silhouette verantwortlich, die denn auch ihre Verwandtschaft mit vierrädrigen Ikonen wie dem De Lorean DMC und dem BMW M1 nicht bestreitet, aber auch Familienähnlichkeit mit der ersten Generation von VW Golf, Scirocco und Passat aufweist. Von daher war der VW Santana zumindest nicht völlig abwegig. Hatten Autos je wieder so viel Charakter wie damals?

Sein über 200 PS starker V8 mit über vier Litern Hubraum machte den Quattroporte für Fahrer, die den Mut zur Nischenmarke aufbrachten, zu einer echten Alternative zu Mercedes 450 SEL 6.9 und Jaguar XJ V12, vom BMW 745i ganz zu schweigen.

Was für ein rares Glück, eins der nur knapp über 2200 gebauten Exemplare hier zu treffen. Diese Kanten! Diese Felgen! Diese Auspuffrohre! Dieses bezaubernd understatelnde „4porte“-Typenschild!

Eine Zeitlang darf sich Flockis 1,8-Liter-Vierzylinder auf Augenhöhe mit dem fast doppelt so starken Italo-Exoten fühlen. Dann wird die A4 hinter Düren dreispurig und der Dreizack schüttelt den schnöden Berufsverkehr mit leichtem Druck aufs Gaspedal einfach ab.

Zwanzig Minuten später, hinter der Dauerbaustelle Aachener Kreuz, verlassen wir die Autobahn. Am Ende der Abfahrt Rothe Erde wartet die Ampel zum Berliner Ring. Springt sie auf Grün, kann man es bei konzentriertem Einsatz von Gas und Bremse, entsprechender Zurückhaltung des übrigen Verkehrs sowie etwas Glück und deutlich mehr Chuzpe gerade noch bis zur Kreuzung Breslauer/Dresdener Straße schaffen, ehe dort die Ampel auf Rot wechselt.

Heute, wo alles zu spät ist, ist auch das Glück der freien Bahn nicht mit uns. Dafür um so mehr zähflüssig dahinrollende Hürden der Landstraße à la Twingo und Bravo. Die Ampel empfängt uns erdbeerfarben. Die Hände umkrallen das Lenkrad – ach, egal, zu spät ist zu spät ist zu spät.

Aber vorhin, auf der A4, da war ein Wagen… der hätte es geschafft.

Rapseed Power

Dieseling to Work
Dieseling to Work

Die Nadel stand irgendwas bei 150, heute Morgen auf der linken Spur auf der A4 zwischen Buir und Düren. 150 Dieselbenz-Stundenkilometer, das sind in Navisprache gerade mal knapp 140. Entsprechend zügig kam der Dreier-BWM von hinten herangerauscht. So wie das Dreier das nun einmal zu tun pflegen. Erst anderthalb Wagenlängen hinter der Chromkappe meiner Anhängerkupplung war er dann runter auf 150 Dieselbenz. Mehrere vorwurfsvoll-ungeduldige Sekunden lang.

Dann hatte es ihn. Gequietscht haben seine Bremsen zwar nicht, aber der Abstand zur Chromkappe vergrößerte noch rasanter, als er zuvor geschrumpft war. Auf etwa hundert Meter. Wie friedlich so ein Sportcoupé aus dieser Entfernung aussieht.

Mehr noch: Die bajuwarische Sportskanone wechselte gar noch kurz auf die LoserLasterspur und ließ einem Skoda (!) den Vortritt. Hängte sich hernach in respektvollem Abstand dahinter und uns folgte brav und bescheiden.

Selten so schön erlebt, welchen Unterschied 30 Liter Rapsöl im Tank ausmachen.

Autobahngold

Der Wagen steht an der Autobahnabfahrt Eynatten, warnblinkend, in der Kurve, die hinauf zur Landstraße nach Aachen führt. Ein dunkler Kombi, offenbar liegengeblieben und mit letzter Kraft gerade noch von der Autobahn gerollt. Eine Frau mit Kopftuch ist ausgestiegen, ein Mann mit dunklem Teint winkt hilfesuchend. Es ist gegen 20.30 Uhr, ich habe nach Feierabend noch rasch am Autohof hinter der belgischen Grenze LPG getankt und beschleunige gerade auf die Zufahrt zur Autobahn. Kaum habe ich das gestrandete Pärchen wahrgenommen, bin ich auch schon an ihnen vorbei, man bremst ja aus voller Beschleunigung nicht ohne weiteres, zumal mit weiteren Autos im Rücken.Auf den folgenden Kilometern wächst das schlechte Gewissen mit jedem Meter: Hattest du nicht auch schon mal eine Panne? Wie lange wird so ein südländisches Pärchen mit Autopanne in dieser Gegend auf Hilfe warten müssen? Bis Aachen-Brand ist das schlechte Gewissen so stark geworden, dass ich mit innerem Seufzen abfahre und wieder umkehre. Der Kombi steht immer noch in der Abfahrt.Ich halte auf dem Seitenstreifen. Der Mann tritt ans Beifahrerfenster. Er sei liegengeblieben, mit leerem Tank und ohne Geld. Ob ich ihm etwas leihen könnte? Er schwört, es zurückzuüberweisen,faltet die Hände, Verzweiflung in der Stimme. Ich werfe einen Blick ins Portemonnaie – mehr als zehn Euro sind nicht drin. Er nimmt das Geld, dankt traurig. Weit wird ihn das nicht bringen. Wo er hin will? „To Paris.“ – „Good luck to you.“ Ich fahre wieder los.In der folgenden Dreiviertelstunde bis Köln legt das schlechte Gewissen erst so richtig los. Du hättest den armen Kerl wenigstens zur Tankstelle fahren können, schimpfe ich mit mir. Oder ihn besser gleich dahin abbeschleppt. Was soll er mit zehn Euro, wenn er sich davon erstmal einen Reservekanister kaufen muss? Man hätte unter den wartenden Autofahrern an der Tankstelle den Hut herumgehen lassen können. Wenn jeder fünf Euro gegeben hätte… wie weit ist es eigentlich nach Paris?

Zu Hause angekommen, erzähle ich von meinem Treffen mit dem ärmsten Autofahrer in ganz Belgien. Meine Freundin bleibt ungerührt. „Du weißt, dass das eine ganz gängige Betrugsmasche ist?“ Böses ahnend, werfe ich Google an. Schnell ist das Stichwort gefunden: „Autobahngold„. Ein verbreiteter Trick, vor allem in der Reisezeit. Die Betrüger – meist aus Osteuropa – simulieren eine Panne, winken mit leeren Kanistern oder Abschleppseilen, leihen sich von hilfreichen Autofahrern Bargeld und bieten als Pfand scheinbar wertvollen Goldschmuck, Lederjacken oder ähnliches. Die Ware ist reiner Tinnef, das geliehene Geld sieht der Geneppte nie wieder. Polizei und Medien warnen seit Jahren vor der Masche.

Kalte Ernüchterung. Ich rufe die Autobahnpolizei am Grenzübergang Lichtenbusch an. Ich sei da einem angeblich liegengebliebenen Pärchen begegnet… „Haben die Ihnen Gold angeboten?“, fragt der Beamte. „So weit sind wir nicht gekommen“, erwidere ich zerknirscht. Für meine zehn Euro gab’s ja nicht mal ein echtes Goldkettchen aus Messing. „Sobald die ihr Geld bekommen haben, sind die gleich über alle Berge“, erklärt der Polizist. Fahndung zwecklos.

Man hätte von selbst drauf kommen können. Wer nach Paris will, bleibt schließlich nicht auf der Strecke von Lüttich nach Aachen mit leerem Tank liegen.

Ich ärgere mich. Über meine Leichtgläubigkeit, über die zehn Euro, aber vor allem darüber, dass ich beim nächsten liegengebliebenen Auto mit dunkelhäutigem Fahrer und/oder Kopftuchfrau wohl noch weniger zum spontanen Hilfshalt geneigt sein werde. Womit das Betrügerpärchen dann noch mehr Opfer auf dem Kerbholz hätte.

Andererseits: Zehn Euro sind kein allzu hoher Preis für eine nachhaltige Lektion Lebenshilfe. So ein falsches Goldkettchen hätte ich trotzdem gerne gehabt – als Andenken. Ob ich es beim nächsten Mal mit 20 Euro versuche? 15! Letztes Wort!

Neulich, auf der A4

Seit Anfang des Jahres verbringt der Schreiber dieser Zeilen einen Großteil seiner freien Lebenszeit auf der A4 zwischen Aachen und Köln – dem alten Arbeits- und dem neuen Wohnort. Täglich eine Stunde hin, eine Stunde zurück, das nagt schon etwas an der Lebensqualität. Von der Zeit ganz zu schweigen, die man früher abends gerne vor dem Blog verbrachte.
Abistreich 1947
Oldtimerfahrer mit Humor – eine einzigartige Begegnung

 Immerhin begegnet man auf den täglich 126oderso Kilometern auch dem einen oder anderen netten Anblick. Wie zum Beispiel neulich diesem rollenden Abischerz. So alt ist die Unsitte also schon, dem glücklich der Schule entronnenen Nachwuchs einen Neuwagen vor die Tür zu stellen.