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Zeitgereister

Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Biotar 2 58, F2.4
Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Biotar 2 58, F2.4

Es war kein DeLorean, der mir heute Abend auf dem Heimweg von meiner Garage das Gefühl eines plötzlichen Zeitsprungs verschaffte. In die 80er-Jahre, als man gegen Dinge protestierte, die Brokdorf, Pershing und Startbahn West hießen. Er schien auf seinen schmalen Rädchen – gehalten nur von je drei Radmuttern – direkt aus jenem Jahrzehnt ins Aachener Ostsviertel des Jahres 2017 gerollt zu sein, in dem die gelb-rote „Atomkraft? Nein danke!“-Sonne auf seine Heckscheibe geklebt wurde.

Reagan? Kohl? Honecker? Der Renault 4 am Straßenrand hat sie alle überlebt. Ich finde es passend, dass mit dem Carl Zeiss Jena Biotar 2 58 an meiner Kamera ein weiterer zeitgereister Oldtimer die lange Reise ins Heute festhalten durfte. Hach, die Oldtimer dieser Welt – wer ihren Charme nicht schätzen kann, der ist zu bedauern.

(Und nochmal: Ich mag den einzigartigen Bildcharakter der Biotare. So dreidimensional, so nachdrücklich, beinahe brennend.)

Entzeitstimmung

Sony A7 mit Carl Zeiss Planar 1.4 85, F2, 1/400s, ISO 100
Sony A7 mit Carl Zeiss Planar 1.4 85, F2, 1/400s, ISO 100

Einigen Objektiven – vor allem denen von Zeiss – sagt man nach, sie hätten den „3D-Pop“. Dieser dreidimensionale Effekt – es handelt sich nicht um den üblichen Freistelleffekt bei geringer Tiefensschärfe – setzt sich meiner Meinung nach aus hohem Mikrokontrast und hoher Lichtstärke zusammen. Das Planar 1.4 85 von Carl Zeiss könnte zu diesen „Pop-„Linsen gehören – ob es letztlich poppt, hängt aber auch stark vom Motiv und vom Licht ab.

New kid on the block

Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Prakticar 1.8 80, 15s, ISO 100
Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Prakticar 1.8 80, 15s, ISO 100

Da steht er am Bordstein und glänzt im Scheinwerferlicht der vorbeifahrenden Autos. Mein neuer Wagen.

Ihr seht recht: Er hat keinen Stern.

Mercedes ist für mich die einzig wahre Automarke gewesen, seit die schlammigen Sohlen meiner Kinderstiefel die Rückseite des Fahrersitzes in meines Vaters weißem Strichachter verdreckten. Es wird ja auch das moorbraune Dieselcoupé zeitlebens das einzig wahre Auto für mich sein. Auch wenn mein erster Wagen ein Opel Corsa, der dritte ein Kadett, der sechste und siebte VW Golfs waren. Die anderen vier waren alle Made in Stuttgart-Untertürkheim, und ihr könnt mir glauben: Wirklich persönliche Beziehungen kann man nur zu Autos mit Stern auf der Kühlerhaube haben. Glaubte ich jedenfalls.

Und jetzt steht da ein Saab 900. Auch noch einer der zweiten Generation, der mit dem Schuss General Motors – sprich: Opel – in den Genen.

Wie das kam? So. Auf dem Weg zum diesjährigen Aachener Non Profit Camp endete die fünfjährige innige Beziehung zu meiner C-Klasse abrupt: Der Motor ging während der Fahrt aus. Die Zeitrafferversion der folgenden Wochen: ADAC, Werkstatt, Diagnose, Motorsteuergerät. Neuteil 1700 Euro, zu teuer, Tauschteil 700 Euro, zu teuer, Reparatur in Würselen 500 Euro, zu teuer, Reparatur im Internet 350 Euro, zu teuer, Gebrauchtteil vom Schrott 250 Euro, funktioniert aber nicht, Gebrauchtteil von Ebay 150 Euro, funktioniert aber nicht, Gebrauchtteil von Ebay 160 Euro, funktioniert.

Da allerdings war es dann zu spät. Denn während sich die Suche nach dem passenden und funktionierenden PMS 0185450232 immer länger hinzog, kam Facebook ins Spiel, wo ich einen geduldigen Freundes- und Bekanntenkreis fleißig über die Widrigkeiten meiner Individualmotorisierung auf dem Laufenden hielt. Und Facebook-Freund Martin, ebenfalls Liebhaber schöner und älterer Autos und ebenfalls Blogger, kannte da jemanden in Luxemburg, der ein Auto loswerden wollte: jenen Saab nämlich.

Saab?

An sich ist der Gedanke an eine Fremdmarke für einen eingefleischten Sternenkreuzerfahrer geradezu absurd. Doch dann kamen Erinnerungen hoch. An die ADAC Motorwelt meines Vaters, als der Saab 900 der ersten Generation vorgestellt wurde. „Wir haben da ein paar ganz pfiffige Autos, die vielleicht etwas unterschätzt werden“ – an das Zitat des Saab-Pressesprechers im Text kann ich mich heute noch erinnern. Und dass ich den eckigen, H-förmigen Kühlergrill cool fand. Und die kantige Linie.

Aber ist das ein Grund, mehr als 30 Jahre später einen 20 Jahre alten Wagen eines Herstellers zu kaufen, den es inzwischen schon gar nicht mehr gibt?

Ich sah die Fotos des Blauen auf der Webseite des Verkäufers. Und je länger ich sie mir ansah, desto besser gefiel mir der Wagen. Martins Einflüsterungen taten ihr Übriges: Die Heckklappe – so praktisch. Der Stauraum – gigantisch. Der Motor – unzerstörbar. Die Sitze – viel besser als im Mercedes. Ersatzteile? Da gibt es spezialisierte Online-Versender.

Manchmal überrascht man sich selbst. Irgendwann fiel die Entscheidung, ließ ich mich von einer hilfsbereiten Freundin in ein fremdes Land fahren, machte mit einem fremden Menschen in einem fremden Auto einer fremden Marke eine zehnminütige Probefahrt im Dunkeln – und unterschrieb den Kaufvertrag. Es folgten etwas Papierkrieg, eine neue Frontscheibe wegen Steinschlags (habt ihr gewusst, dass die Preisunterschiede bei neuen Windschutzscheiben bis zu 600 Euro betragen können?), etwas Warterei, dann lag eines Tages die ersehnte Zulassung aus Luxemburg im Briefkasten.

Jetzt steht er da unten an der Ecke, mein neuer alter 900. Ein Auto ohne Stern, aber mit Pedigree. Auch wenn GM der zweiten Auflage des Erfolgsrenners reichlich Vectra ins Bodenblech presste, ist er unverkennbar noch ein Saab. Mit Zündschloss in der Mittelkonsole (um das rechte Fahrerknie im Un-Fall zu schonen). Mit dem typischen Saab-Gesicht und der „Hockeyschläger“-Fensterlinie an der C-Säule. Und mit reichlich Goodies: Klimaautomatik. Glasschiebedach. Scheinwerfer-Wischwasch. Vier Fensterhebern. Black Panel, der Nacht-Verdunkelung für die Armaturenbeleuchtung. Zentralverriegelung mit Fernbedienung. Alarmanlage mit Glasbruchsensor. Bordcomputer mit Verbrauchs- und Reichweitenanzeige. Außenthermometer. Anhängerkupplung. Beheizten Außenspiegeln. Warnung bei offenen Türen. Bei defekter Beleuchtung. Bei sich leerendem Tank. Bei zuwenig Wischwasser. Und, und, und.

Kaum etwas davon hatte je eines meiner bisherigen Autos – und wenn es noch eines letzten Anstupsers bedurft hätte, mich weich zu machen, die Ausstattung war es.

Ach ja, und er hat ein Automatikgetriebe. Mit Winter- und Sportmodus. Auch Automatik wollte ich nach fiesen Erfahrungen mit einem der Gölfe nie wieder haben. Aber ich wollte ja auch eigentlich nie wieder ein Auto ohne Stern fahren, weil man doch nur zu Autos mit Stern eine persönliche Beziehung aufbauen kann.

Manchmal überrascht man sich eben selbst. Er heißt übrigens Bengt.

Miniausfahrt

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Rot. Knallrot. Leuchtendrot. Der Lack des Minis vor uns, die Kette der Bremslichter und ganz vorne die Ampel: alles rot. Und darüber: ein grauer Aachener Himmel, aus dem es wie aus Eimern schüttet. Das sind die Farben, die sich mir auf den ersten Metern der Miniausfahrt 2016 einprägen. Es hätte tatsächlich gerne etwas freundlicher anfangen können.

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Der Organisator, das Team der Aachener Kohl Automobile, hätte es verdient gehabt. Ich bin nicht zum ersten Mal auf einer Veranstaltung, die das Autohaus an der Neuenhofstraße für Kunden und Interessierte auf die Beine gestellt hat, und ich muss sagen, dass mir jede davon gefallen hat. Die Ansprache war freundlich, die Atmosphäre angenehm, die Durchführung reibungslos – und nein, ich bekomme keinen neuen BMW Dreier dafür billiger, dass ich das sage. Wer sich öffentlich engagiert, obwohl sich so etwas nicht sofort in klingender Münze auszahlt, darf auch mal gelobt werden.

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Die jährliche Miniausfahrt – Hashtag für Instagram, Facebook und Twitter: #Miniausfahrt2016 – richtet sich natürlich an Fans des knuddeligen Superkompakten aus England aus den 50er-Jahren. Nein, kleiner Scherz! Vor allem natürlich an Fahrer der modernen Neuauflage des inzwischen nicht mehr ganz so kompakten Kleinwagens aus diesem Jahrtausend.

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Das ist übrigens die Dame, der ich das ungewohnte Vergnügen verdanke, rund fünf Stunden lang in dem vierrädrigen Designerschnittchen quer durchs Dreiländereck zu flitzen: Uschi Ronnenberg, Inhaberin einer Designagentur und Betreiberin eines sehr lesenswerten Blogs – und natürlich überzeugte Minifahrerin.

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Nach einem morgendlichen Frühstück im Showroom des Autohauses setzt sich die bunte Kolonne in Bewegung. Für mich als Petrolhead ist die Position auf dem Beifahrersitz eher ungewohnt – dafür darf ich, ausgestattet mit Roabook und Aufgabenheft, einmal das durchmachen, was ich sonst meinen Beifahrern zumute. Nämlich, mich auf die Navigation zu konzentrieren und ansonsten möglichst den arbeitenden Menschen auf dem linken Sitz möglichst wenig zu behindern.

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Aber bierernst geht die Sache nicht zu. Auf Zeit kommt es nicht an. Da lässt sich auch schon mal ein Ampelstopp zu einem Fototermin auf Gegenseitigkeit nutzen. Zuerst einmal geht es rund um Aachen, um dann über Vaals und die wunderschöne Mergellandroute durchs niederländische Limburg zu cruisen.

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Und dann: Großer Fototermin mit – fast – allen Teilnehmern.

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Sodann folgt eine der drei angesetzten Geschicklichkeitsübungen, ein Slalomparcours.

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Und weiter gehts. Ein Kompliment für die Routenführung: Schöner kann man rund um Aachen kaum unterwegs sein. Epen und Henri-Chapelle waren nur einige der markanten Stationen auf der westlichen Hälfte der Strecke.

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Zwischendurch immer mal wieder ein Blick in den Rückspiegel: Ja, wir sind nicht alleine unterwegs hier. Was auch wieder beruhigend ist, dann so kann man halbwegs sicher sein, nicht einmal die falsche Abzweigung erwischt zu haben.

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Immer gut zu sehen ist auch das auffällig und hübsch lackierte Pacecar, hier bei einer weiteren Geschicklichkeitsübung auf dem Parkplatz von Leoni Kerpen in Stolberg.

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Der zweite Teil der Route führt durch die Eifel bis hin zum Rursee.

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Die dabei passierten Ortsschilder sind für die Teams mehr als nur der Hinweis, den Fuß vom Gas zu nehmen. Auf einer Liste hatten die Teams die Anfangsbuchstaben der durchfahrenen Orte zu notieren. Eine Aufgabe für den hochmotivierten Beifahrer, versteht sich.

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Nach fast 180 überaus abwechslungsreichen Kilometern trudeln die Teilnehmer dann nach und nach wieder an der Neuenhofstraße ein. Wo noch einmal der große Aufmarsch der kleinen Autos ansteht.

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Und während in der Verkaufshalle das Grillgut auf die Teller wandert, leuchtet draußen der Lack der knubbeligen Kultmobile im Sonnenschein. Autowandern macht müde – das Ausspannen am Ende haben sich Zweibeiner und Vierrädler ehrlich verdient.

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Fest des Rosts: Auf dem Autofriedhof Neandertal

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Grün. Leuchtendes Grün, glitzerndes Grün, samtiges Grün. Grün in allen Schattierungen, in allen Nuancen, in allen Stufen der Üppigkeit, von hellem Gelbgrün bis zu fast schwarzem Faulgrün; von modrigem Belag bis zu wild hochschießenden Pflanzen. Das Grün wächst auf Kotflügeln, auf zerrissenen Stoffdächern, auf zusammengesunkenen Sitzen. Es wuchert aus klaffend offenen Radhäusern, es fällt, gefiltert durch das Blätterdach der Bäume, auf verblichenen Lack in einstmals leuchtenden Farben. Einstmals, das heißt: vor 66 Jahren, also 1950 – als die 50 Autos gebaut wurden, die her allmählich ihrem Zerfall entgegendämmern.

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Es ist still auf dem Autofriedhof Neandertal. Kein Ort wie irgendein anderer, schon gar kein Autofriedhof wie irgendein anderer. „Autoskulpturenpark“ nannte jemand dieses einmalige Kunstprojekt des – laut Spiegel-Online – Düsseldorfer Modehändlers, Autoverkäufers und Rennfahrers Michael Fröhlich. Zu seinem 50. Geburtstag schenkte er sich selbst 50 Oldtimer, Baujahr 1950, vom Einfach-Mobil Citroên 2CV bis zum königlichen Rolls Royce Silver Wraith.

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Und: Überließ sie sich selbst. Vor 16 Jahren war das. Seitdem haben Oxidation und Verfallsprozesse aller Art ihr Werk getan. Da steht nun der Jaguar im Wert von 120.000 Euro neben dem Porsche 356. Der Käfer neben dem Mercedes, der US-Straßenkreuzer neben dem englischen Roadster, der mächtige Russe neben dem fragilen Franzosen. Dazwischen Motorräder, Roller, Fahrräder, sogar Flugzeuge.

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„Friedhof der Fünfziger“ nannte der Spiegel diese Ansammlung zerbröselnden Blechs. Ein besserer Name ist auch mir nicht eingefallen. Da springt die Chromleiste ab, da ist der Rückspiegel blind geworden, da platzt der Lack großblättrig vom Blech ab – oder ist es schon das Blech selbst, das sich da vom Rest des einstigen Stolzes der Landstraße abrollt?

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Doch nicht einmal die Polizei, deren Gewerkschaftsaufkleber hinter der altersmilchig gewordenen Windschutzscheibe gerade noch zu erkennen ist, kann hier helfen.

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Man könnte, wenn man ein Petrolhead ist und das Herz für die verchromten Schönheiten vergangener Jahrzehnte schlägt, das Weinen bekommen beim Anblick dieses langsamen Vergehens so schöner und seltener Gefährte. Dieser wunderliche Zweitürer auf drei Rädern da, muss der wirklich sterben? Kann man da nicht noch etwas machen?

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Nein, man kann nicht. Die Natur holt sie sich zurück, den protzigen Luxusschlitten wie das klapprige Nachkriegs-Notmobil, den bunten Hippie-Bus wie den Trabant, aus dem ein Baum wächst. Viele Fahrzeuge sind kunstvoll mit Seilen in Schräglage aufgehängt, so dass die Schwerkraft der Zeit beim Brechen von Rahmen und Versteifungen noch unter die Arme greifen kann. Für die Karosserien, die hier auf den Streckbänken liegen und hängen, gibt es nur einen Weg: nach unten, abwärts ins Moos und zu den herabgefallenen Blättern, zwischen die Gräser und Sträuche, die ihnen an den Flanken entgegenwachsen.

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Dem Betrachter bleibt beim Gang über das mit skurrilen Details ausstaffierte Gelände nur, die stille Würde zu bewundern, mit der die Exponate ihrem Ende entgegendämmern. Und er bemerkt die eine oder andere Einzelheit, die an die ungezählten, in früheren Leben auf den Landstraßen Europas zurückgelegten Kilometer erinnert. So scheint dieser Roller einmal in der Hauptstadt unterwegs gewesen zu sein – ganz sicher, als sie noch zweigeteilt war. Er wird kaum dorthin zurückkehren, um durch den Teil Berlins zu knattern, der ihm damals versperrt war.

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Es gibt viel zu sehen. Drei Stunden lang streifen ich und drei andere Fotografen – wir haben den Besuchstermin telefonisch vereinbart und brav den Eintritt für das Privatgelände bezahlt – zwischen den Bäumen herum, stecken die Beine der Stative zwischen Baumwurzeln, leuchten dunkle Fahrzeugpartien mit Taschenlampen an, suchen nach perfekten Aufnahmewinkeln und Brennweiten.

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Und grinsen über die vielen schrägen Einfälle des Besitzers, etwa die mit Graffiti und Sanitärartikeln verzierte Betonmauer, die samt IFA-Cabrio aus der DDR an die deutsche Teilung erinnern soll.

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Schon halb vom Hügel verschlungen zeigt sich dieser Moskwitsch. Oder kriecht er aus der Erde heraus wie ein Zombie?

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Wer seinen Frieden damit gemacht hat, dass hier einzigartige Werte verrotten, kann den Anblick dieser Rostkarrossen sogar genießen. Und über die vielen verrückten Einfälle des Gestalters lachen, wie die Puppen von Queen Elizabeth und Prince Charles, die im spinnwebenüberzogenen Rolls mit der Aufschrift „Fuckingham Palace Shuttle Service“ auf dem Weg zur nächsten royalen Party zu sein scheinen.

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Unglaublich, wie schnell die Zeit zwischen den morschen Boliden vergeht. Plötzlich fallen Tropfen aus dem Himmel – und uns wird klar, dass wir angesichts der Wettervorhersage großes Glück gehabt hatten. Hätte es nicht den ganzen Tag regnen sollen, hat es das nicht auch schon getan auf der Hinfahrt, kurz vor Düsseldorf? Die geschützte Tallage hat uns offenbar den Fotoausflug gerettet. Doch dann ist es vorbei mit Stille und Romantik. Schnell noch zwei letzte Bilder in die Runde gemacht, dann verlassen wir das Wäldchen und suchen Schutz im Ausflugsrestaurant ein Stück weiter unten im Tal.

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Während draußen ein Platzregen auf den Asphalt des Besucherparkplatzes prasselt, lassen wir in original bergisch-rustikaleichenem Kaffeetafelambiente der 70er-Jahre die Eindrücke noch einmal Revue passieren. Und unterziehen die entstandenen Bilder auf einem Tablet einer ersten Betrachtung. Bei dem Bild hier hättest du näher ranzoomen können, dafür wäre hier eine kleinere Blende gut gewesen.

Am Liebsten würde jeder von uns wohl die Kamera schnappen, noch einmal den Berg hochstapfen und noch eine zweite Runde drehen – zwischen den fast 70 Jahre alten Zombies aus Blech, Rost und Grün. Doch für heute soll es genug sein: Wo vor Jahrmillionen die Vorfahren des modernen Menschen durch den Wald liefen, haben an diesem Abend 50 seiner angeblich besten Freunde wieder ihre letzte Ruhe.

Eine andere Welt

Sony Nex-6 mit Canon FD 50mm 1:1.4, F1.4, 1/125s, ISO 100
Sony Nex-6 mit Canon FD 50mm 1:1.4, F1.4, 1/125s, ISO 100

Verheiratet bin ich ja bekanntlich nicht mit dem weiß-blauen Propeller – was soll man auch erwarten bei einem, der in den Siebzigern auf dem schwarzen Kunstleder der Rückbank eines Mercedes 230.4-Strichachters aufgewachsen ist. Aber wenn es einen schon einmal nach München weht, dann wär’s a Sünd, nicht auch im BMW-Werksmuseum und der angrenzenden BMW-Welt vorbeizuschauen.

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Und das muss man ohne Neid anerkennen: Sie konnten – und können – nicht nur verdammt schöne Autos bauen, die Bayern. Sie können sie auch verdammt gut präsentieren. Da gibt es Formen im Wandel der Zeit zu bewundern…

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…und eine Farbenvielfalt wie auf einer Blumenwiese zu genießen. Auf mehreren, geschickt miteinander verbundenen Ebenen stehen hinter den teils mehrere Stockwere hohen Glaswänden teure Roadster und Luxuskarossen neben Brot- und Butter-Autos, exotische Projekte und Studien, Renn-, Rekord- und Rallyemotorräder und mittendrin sogar ein Boot.

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Und, selbstverständlich: feinste Motorentechnik. Für Flugzeuge und Autos. Sonst hieße es ja auch nicht Bayerische Motoren-Werke.

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Das BMW-Museum am Fuß des berühmten Vierzylinders ist nur ein paar Schritte über eine Fußgängerbrücke entfernt von der BMW-Welt – laut Wikipedia eine „kombinierte Ausstellungs-, Auslieferungs-, Erlebnis-, Museums- und Eventstätte“.

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Für Fans der Marke ist der von Wolf D. Prix konzipierte und 2007 eröffnete futuristische Bau ein wahrer Tempel. Man darf die neuesten Modelle in allen Ausstattungsvarianten ebenso bewundern…

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…wie die spektakuläre Architektur…

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…und die neuesten Blüten der Motorentechnik. Abgerundet wird das Ganze durch Präsentationsbereiche wie „Born Electric“ für E-Autos, daneben ein paar original zerschrammte Karossen aus James-Bond-Filmen…

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…und reichlich Merchandising, vom Rollkoffer mit Mini-Aufdruck über Modellautos und T-Shirts bis zum Kinderfahrrad.

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Von der Empore aus darf der im wahrsten Sinne des Wortes geneigte Besucher beobachten, wie auf der Plattform gegenüber Neuwagen an ihre stolzen Neubesitzer ausgeliefert werden, samt Einführung und Schlüsselübergabe. Das Werk ist im Hintergrund durch die Glasfenster zu sehen.

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Irgendwo in einer Ecke dieser High-Tech-Halle voller High-Tech-Mobile steht, bescheiden und kugelförmig: eine Isetta.

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Und macht Werbung für das Werksmuseum. Dass die Organisatoren ihren Kunden aus Asien, Russland und kein rassiges 507-Coupé oder einen V8-Barockengel als Repräsentanten der Firmengeschichte dort hingestellt haben, habe ich als das sympathischste Detail des ganzen Millionenbaus empfunden.

Es ist nicht die mobile Welt, in der ich groß geworden bin. BMW, das waren für mich viele Jahre lang nur die leicht prolligen Gasfußfahrer mit Schnauzbart, die sich auf Breitreifen mit Lichthupe und schlechten Manieren ihren Weg durch den Verkehrsdschungel freiröhrten. Der traditionelle Mercedesfahrer der Siebziger sah lächelnd auf sie hinab, selbst wenn sie ihm beim Ampelspurt den Doppelauspuff zeigten.

Seit dem heutigen Tag ist mir eingefleischtem Sternenfahrer die weiß-blaue Marke ein ganzes Stück näher gekommen. Tradition haben sie auch, die Münchener. Und Stil sowieso. Damals wie heute. Apropos heute: Mittlerweile ist ja Mercedes die Marke mit den wildest gefletschten Lufteinlässen, den verspieltesten Chromapplikatiönchen im Armaturenträger, den sinnlosest in die Seitentüren gebügelten Knickfalten und den expressivsten flammenförmigen Rücklichtern im Chinese-Dragon-Style.

Gedankenverloren verlässt der Besucher die schöne neu-alte Welt, um in der Tiefgarage in seinen 20 Jahre alten, kantig-gutbürgerlichen Mercedes zu steigen. Und beim Blick auf dessen abgrundtief sachliches Armaturenbrett zu rätseln: Warum bauen eigentlich die Stuttgarter heutzutage nicht so dezent-zurückhaltende, gleichzeitig elegante und doch dynamisch-sportliche Wagen?

Ich war am Zug

Es ist an der Zeit, euch etwas zu gestehen, ihr lieben und treuen Leserlein: Der Autor dieser Zeilen ist ein Morgenmuffel. Aufstehen ist ihm ein Graus, schlaftrunken stolpert er allmorgendlich die Treppenstufen hinunter, selbst die Dusche macht ihn kaum wacher. Bevor nicht am Frühstückstisch die erste Tasse Kaffee ihre Arbeit aufgenommen hat, ist er so munter wie eine Seepocke. Bei Ebbe.

Es kommt daher nicht jeden Tag vor, dass sich ihm schon beim Hören der ersten Lokalnachrichten im Radio die Nackenhaare aufstellen und der Puls beschleunigt. Nur zu oft hat er ja die Meldungen, die da verlesen werden, am Vortag selbst auf die Webseiten seines Arbeitgebers gewuppt.

Es kommt aber auch nicht jeden Tag vor, dass Aachens größter und wichtigster Verkehrsknotenpunkt stundenlang lahmgelegt ist – durch einen Zug. Genau das war aber passiert. Ein rund 40 Meter langer Schwertransporter, so war da zu hören, war in den Morgenstunden von der Autobahn 544 in den Europaplatz gefahren und in der engen S-Kurve zwischen den Leitplanken steckengeblieben. Geladen hatte er, so war zu erfahren, einen Eisenbahn-Reparaturzug.

Ein Zug blockiert den Europaplatz? Und es gab noch keine Fotos auf unseren Webseiten? Heckert, Sie sind am Zug! Wie zu seligen Lokalreporterzeiten griff der Autor dieser Zeilen – in seltener Heck-tik quasi – zur Kamera. Und zum Fahrradhelm, um sich auf den Weg zu strampeln. Denn – hier kommt ein Pro-Tipp, Leute – wer zu einem blockierten Kreisverkehr möchte, tut gut daran, das Auto stehen zu lassen.

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Um so mehr natürlich, wenn Ort des Dramas sowieso nur etwa 1100 Meter vom eigenen Zuhause entfernt liegt. Vor Ort hatten sich bereits reichlich Schaulustige und ein Kamerateam eingefunden. Letzteres visierte mich umgehend an, als ich meinerseits die Sony ansetzte. Erst als ich einen Polizeibeamten ansprach, erkannte mich der Kameramann offenbar als Kollegen und lies von mir ab.

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Wenige Stunden zuvor musste es sich gewaltig geknubbelt haben, eine Dreiviertelstunde lang ging auf der Autobahn in Richtung Innenstadt gar nichts mehr. Dann hatten Polizisten im Nachteinsatz den Koloss irgendwie aus der Engstelle herausgefädelt, ihn sicherheitshalber erst einmal auf der Außenspur im Kreisel geparkt und mit Warnbaken abgesichert. Auf der Autobahn dahinter – die A544 bis zum Europaplatz ist Aachens führende Anbindung in Richtung Düsseldorf und Köln – staute es sich zwar noch in erklecklicher Länge zurück, der Verkehr floss aber immerhin wieder. Wieviel Autopendler an diesem Morgen wohl verzweifelt ihren Vorgesetzten versucht haben zu erklären, dass die Bahn schuld an ihrer Verspätung war?

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Während ein genervter Autofahrer nach dem anderen an dem so ungewohnt nahen Schienenfahrzeug vorbeimanövrierte, berieten die Einsatzkräfte nach Kräften, wie das Monstrum von Aachens fröhlich sprudelnder Begrüßungsfontäne aus weiter in Richtung seines Bestimmungsortes gelotst werden sollte.

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Denn, so sagte mir der Einsatzleiter in die laufende Kamera, auf seinem Weg ins Verhängnis hatte der Transporter mit seinem geschätzten Lebendgewicht von etwa 115 Tonnen auch die Haarbachtalbrücke an der Abfahrt Rothe Erde passiert, die für gerade mal 40 Tonnen zugelassen ist. Ein schlichter U-Turn rund um den Kreisel, eigentlich die naheliegendste Lösung, schied daher aus.

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Was übrigens nicht die Schuld von Fahrern und Navigatoren des gewichtigen Tatzelwurms war. Denen hatte nämlich die Straßenverkehrsbehörde des Landkreises Dithmarschen die Route so abgesegnet. Die Kollegen der Aachener Behörde hätten da wohl einiges zu ergänzen gehabt. Ziel des aus Polen kommenden Gefährts war der Hafen im belgischen Zeebrügge.

(Der „Reparaturzug“ entpuppte sich vor Ort als ältere Gleisstopfmaschine des Schweizer Herstellers Matisa in der Lackierung des spanischen Bahnnetzbetreibers AZVI. Möglicherweise handelte es sich um den ausgemusterten Vorgänger dieses 2011 neu erworbenen Fahrzeugs.)

Noch während ich um die stehende Kolonne herumkrebste, um kleine Videoschnipsel einzufangen, brach plötzlich Geschäftigkeit aus: Eine neue Route hatte offensichtlich den Segen der Verantwortlichen gefunden – über die Lütticher Straße sollte es jetzt weitergehen. Dieselmotoren wurden angelassen, Blinker gesetzt, die Polizeibusse riegelten den Verkehr auf beiden Spuren ab. Vorsicht bei der Abfahrt des Zuges. Sachte setzte sich der polnisch-spanisch-schweizerische Riese mit dem belgischem Ziel in Bewegung.

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Während sich die Stopfmaschine, die so wirkungsvoll das wichtigste Verkehrsnadelör einer Großstadt verstopft hatte, unter dem Abschiedsgeflatter der CHIO-Fahnen auf ihre Weiterreise machte, machte sich der selbsternannte Bild- und Videoreporter auf die seinige in die Redaktion. Wo ihm die mit solchen Dingen beruflich beschäftigten Kollegen zartfühlend erklärten, dass der so stolz angeschleppte O-Ton des Einsatzleiters aufgrund des im Hintergrund leerlaufenden Dieselmotors der Zugmaschine leider nicht verwendbar war. Nächstes Mal bitte ein paar Schritte weiter weg aufstellen, ja?

Immerhin, die Fotos waren zu gebrauchen, ein paar der Filmschnipsel auch. Wer mag, kann sich das Resultat des so bewegungslosen wie bewegten Morgens in Text, Bild und Bewegtbild hier bei der AZ ansehen (die AN hat eine eigene Textversion). Sich die teils unerträgliche Besserwisserei und Häme in den Leserkommentaren unten auf der Seite anzutun, ist aber auf nüchternen Magen nicht zu empfehlen – da sollte man zumindest den ersten Kaffee intus haben.

Für den Schreiber dieser Zeilen, mittlerweile am eigenen Schreibtisch angekommen, war es denn erstmal Zeit für Tasse Nummer Zwei – und einen dem Ereignis angemessen langen Zug.

Blick auf die Zukunft

Als ich am Mittwoch mit dem Rad die Bonner Straße entlang in die Kölner Südstadt radelte, da hätte ich die Zukunft fast übersehen, so müde und verschlafen war ich noch.

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Die Zukunft stand am Straßenrand, unauffällig zwischen andere Autos geparkt. Und tat so, als wäre sie einer dieser Jaguar XF oder Maserati Quattroporte, die man in Köln ja gar nicht so selten sieht. Hätte sie nicht auf den Seitentüren Aufkleber getragen, die sie als Zukunft erkennbar machten, ich wäre glatt an ihr vorbeigefahren.

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So aber stieg ich erst voll in die Eisen und dann vom Rad. Gut, dass ich die Handykamera dabei hatte. Hat sie nicht bildschöne Linien, die Zukunft?

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Und auf was für schicken Rädern sie angerollt kommt…

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Ihr Innenleben hält sie dagegen geheimnisvoll versteckt. Durch die spiegelnden Scheiben das elegante Armaturenbrett mit Lederbezug und Edelholzeinlagen zu fotografieren, war fast unmöglich. Immerhin ist das mächtige Hochkant-Display in der Mitte zu sehen.

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Und dann diese Detaillösungen. Die liebevoll gestalteten Klappspiegel. Die bündig mit der Außenhaut abschließenden, verchromten Türgriffe (die ich so noch nirgendwo gesehen habe). Die komplett geschlossene, äh, „Kühler“-Maske.

Es ist ein Tesla Model S, seit 2012 im Handel erhältlich und zu hundert Prozent elektrisch, wie es auf den Türaufklebern draufsteht. Der große Bruder des Roadsters, der neulich in Aachen an der Ampel neben mir stand. In der Version mit 60-KWh-Batterie (knapp 400 Kilometer Reichweite) für gut 65.000 Euro, in der mit 85-KWh-Batterie (rund 500 Kilometer) ab 75.000 Euro zu haben. Die Sportvariante schließlich beschleunigt in 4,4 Sekunden auf Tempo 100, rennt 210 km/h (wie lange, steht nicht auf der Firmenseite) und kostet fast 88.000 Euro. Aufpreispflichtige Extras wie Alcantara-Dachhimmel oder Premium-Innenbeleuchtungspaket gibt es reichlich – für die Leute, die auch in der Zukunft immer noch mehr haben müssen als alle anderen.

Er fügt sich optisch wirklich nahtlos in die Reihe der Premiumlimousinen ein. Ein Quattroporte, wenige hundert Meter weiter unten an derselben Straße geparkt, leugnet die Klassenzugehörigkeit nicht.

Die Zukunft ist hierzulande noch ein bisschen exklusiv. In den USA war der Model S im vergangenen Jahr das meistverkaufte Luxusauto (rund 18.000 Stück gegenüber 13.000 S-Klasse-Mercedes). Doch wenn man die Augen offenhält, begegnet einem die Zukunft auch bei uns öfter, als man geahnt hätte: Nur wenige Stunden später kommt mir am selben Tag das zweite S-Modell entgegen. Nicht etwa in Köln, mit Münchner Kenzeichen. Sondern in Eschweiler. Mit HS(!)-Nummernschild. Jetzt gibt es keinen Zweifel mehr: Wenn sie erstmal in Heinsberg angekommen ist, dann ist sie bald überall, die Zukunft.

Flache Freunde

Neulich, auf dem Parkplatz eines größeren Aachener Supermarktes. Was versteckt sich denn da Niedliches zwischen den großen Autos?

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Schau an. Auch ein Kleinwagen muss im automobilen Alltag also nicht zur grauen Maus gerinnen. Welche Wunder eine auffällige Lackierung doch wirken kann…

Das Foto des flachen Freundchens – es handelt sich um einen Lotus Elise – löste auf Twitter einige fröhliche Kommentare aus, die Euch vorzuhalten nicht meine Absicht sein kann:

Lotus-Effekt