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Lammetjesdagen im Schaapskooi

Wie herzig sie schauen. Ob wollig-filzig oder ratzekahl kurzgeschoren: Immer ist da dieser sanfte Blick. Sie verzeihen uns, scheint er zu sagen, sie verzeihen uns Zweibeinern sogar, dass wir sie so rüde auf den Boden drücken, ihnen die Beine würdelos abspreizen und sie im Akkord mit groben Elektromähern von ihrer Wolle befreien.

Wie streng sie riechen. Immer ist da dieser stechende – ja, sagen wir es ruhig – Gestank. Er hängt in der Luft, er hängt in den Klamotten, er hängt noch im Haar, wenn man abends im Bett liegt. Schafszucht ist nix für Leute, die nach der Arbeit noch zur After-Work-Party wollen. Es sei denn, es ist eine After-Work-Party für Schafzüchter.

Der Schaapskooi Mergelland im niederländischen Epen, ein paar Autokilometer hinter Vaals, ist ein schönes Ausflugsziel für Familien. Vor allem, wenn es „Lammetjes Dagen“ sind, also gerade die Lämmer geschlüpft zur Welt gekommen sind. Herrgott, sind die Tierchen niedlich. Und wie herzig sie schauen!

Für den Freund historischer Kameraobjektive stellt sich ein Problem schon mal nicht: das Fokussieren. Die Objekte der Objektivarbeit können sich in ihren engen Koben nämlich eher wenig bewegen. Mal abgesehen davon, dass sie ohnehin lieber dastehen und kauen als den Springbock zu geben. Bei so geduldigen Motiven sitzt der Fokus spätestens beim dritten Mal – versucht das mal mit Tieren in freier Wildbahn.

Auf der Minusseite ist es in den Stallanlagen – der Betrieb hat etliche große Hallen von zum Teil beeindruckenden Ausmaßen – auch nicht übermäßig hell.

Womit wir beim üblichen Abschnitt über die Fotoausrüstung wären – tja, meine Damen und Herren, so schnell ist das Thema wolltragende Wiederkäuer ausgereizt. Wer mehr über die Gattung Ovis lesen möchte, sei auf die Wikipedia verwiesen. (Hey, habt Ihr gewusst, dass ein Schafbock am Tag bis zu fünfzigmal begatten kann? Alle halbe Stunde verliebt sich ein Schaf auf Paarhufership! Tschuldigung, der musste raus.)

Es ist also sinnvoll, etwas Lichtstärkeres aus der Vitrine mitzunehmen. Ich hatte mich für etwas eher Exotisches entschieden: die letzte Baureihe von Objektiven aus dem Hause Schacht Ulm: Als Standardlinse das Travelon 1.8 50, als Weitwinkel das Travegon 2.8 35. Nummer Drei im Bunde, das Teleobjektiv Travenar 3.5 135 kam mangels Licht und Entfernung nicht zum Einsatz. Es war der erste Einsatz für das Spitzentrio des kleinen Ulmer Herstellers, mein Freund Ivo Michielsen hatte das Travelon erst tags zuvor von Fungus gereinigt.

Die Objektive haben mich nicht enttäuscht. Fast alle Bilder hier sind mit Blende 2.8 oder 4 entstanden, weiter abblenden war nicht drin, um die ISO-Zahl nicht in den vierstelligen Bereich schießen zu lassen oder in die Langzeitbelichtung unter 1/20 Sekunde abzurutschen (soviel bewegt sich ein Schaf denn doch). Vor allem die Schärfe des Travelons gefällt mir – insgesamt erinnert mich die Linse an das bekannte Meyer Oreston 1.8 50. Kein überscharfer Überflieger mit übersahnigem Bokeh, aber durchaus solide. Kann man mit arbeiten.

Nach einem Tag im Schaapskooi bleibt beim Besucher vor allem hängen, dass Schafe doch etwas Interessanteres sind als die vierbeinigen Wollständer, die man sie als Laie gerne in ihnen sieht (habt ihr gewusst, dass Schafe zwei Euterhälften mit je einer Zitze haben und manchmal sogar eine dritte Zitze?).

Und das ist nicht das einzige, das haften bleibt – den Rest riecht man selbst abends im Bett noch.

Hundert Jahre her

Der alte Grabstein steht halb versteckt auf dem Südfriedhof von Leipzig. Einer von Hunderten und Aberhunderten auf dem 80 Hektar großen Gelände. Keines der auffälligen, prunkvollen Grabmäler, die mit imposanten Engelsfiguren oder Heldenstatuen an berühmte Geschlechter oder zumindest finanzkräftige Mitbürger erinnern. Kein Faltblatt führt ihn auf, die Friedhofsführer-App verzeichnet ihn nicht. Man kann ihn leicht übersehen, wenn man die Reihen der Gräber entlangschlendert. Aber wer sich ihm zuwendet, dem erzählt er eine ganze Geschichte: die einer Familientragödie vor hundert Jahren.

Sie beginnt im Ersten Weltkrieg, an einem Frühlingstag des Jahres 1915. In einem Militärkrankenhaus in Nürnberg liegen Hunderte von verwundeten deutschen Soldaten in ihren Betten. Stöhnen und Schreien erfüllt die Krankenzimmer, Schwestern eilen auf den Fluren hin und her. In einem der Betten liegt der junge Albert Fischer, geboren in Leipzig. Er ist gerade erst angekommen.

Vor sechs Tagen ist der 22-Jährige an der Westfront schwer verwundet worden, in Verlinghem, einem Vorort der französischen Stadt Lille. Bis dahin, rund 240 Kilometer weit von der deutschen Westgrenze bei Aachen, ist der Vormarsch der Truppen des Kaisers gekommen. Dann verbissen sich die deutschen und alliierten Heere hoffnungslos ineinander, es begann der jahrelange furchtbare Stellungskrieg, das gegenseitige Abschlachten in den Schützengräben ohne Aussicht auf Sieg oder Niederlage. Vor neun Monaten erst hat der Krieg begonnen, doch Deutschland und Europa werden nie mehr so sein vor zuvor.

Mit einem Lazarettzug hat man Albert Fischer wieder ins Deutsche Reich gebracht, fast 700 Kilometer weit. Tagelang rumpelten die Waggons langsam über die Gleise, bis der Zug endlich in Nürnberg einrollte und man die Verwundeten aus den Wagen hob.

Der junge Soldat Fischer bekommt keine Sonderbehandlung. Er ist keine hochgestellte Persönlichkeit, kein Offiziersschüler oder verwöhnter Zögling. Er ist ein einfacher Infanterist, aus gutem Hause zwar, aber nicht vermögend, erst vor kurzem eingezogen und an die Front geworfen worden. Einen höheren Dienstgrad als Gefreiter hat er sich noch nicht verdienen können.

Es ist Samstag, der 23. April 1915. Erst vor wenigen Stunden, am Tag zuvor, haben die deutschen Truppen an der Westfront bei Ypern mit dem grauenvollen ersten großen Gasangriff des Krieges die Zweite Flandernschlacht eingeleitet. Alleine an diesem ersten Tag sind 18.000 Mann innerhalb kürzester Zeit unter teils entsetzlichen Qualen gestorben, insgesamt werden die gut vierwöchigen Kämpfe 120.000 Soldaten das Leben kosten – eine ganze Großstadt. Und ändern wird sich für den Kriegsverlauf nichts, die Front wird danach fast genauso verlaufen wie zu Beginn.

Während in Flandern seine Kameraden mit ihren Gewehren auf die zurückweichenden Franzosen schießen und erschossen werden, mit Bajonetten im Zweikampf zustechen und erstochen werden, während Artilleriegranaten einschlagen und Handgranaten explodieren und die weißen, tödlichen Nebel des Chlorgases zu den Schutzsuchenden in die Bombentrichter kriechen, kämpft Hunderte von Kilometern entfernt Albert Fischer tief in der Heimat um sein eigenes Leben. Vergeblich. Er wird nie wieder einen Fuß auf die Straßen Leipzigs setzen, nie wieder seine Eltern sehen, die fünf, sechs Zugstunden entfernt in Sachsen um ihren einzigen Sohn bangen, ohne zu wissen, dass er wieder in Deutschland liegt.

An diesem Samstag, neun Monate nach Beginn des großen Mordens, stirbt Albert Fischer. Für eine Trauerfeier bleibt keine Zeit. Sein Leichnam wird aus dem Bett gehoben und in einen einfachen Sarg gelegt. Das Bett muss schnell wieder frei sein, in diesen Tagen wird jeder Platz gebraucht. Der junge Mann tritt seine letzte Reise in einem Güterwaggon an. Der Leichnam wird in seine Heimatstadt überführt. Auf dem Südfriedhof wird Albert Fischer beigesetzt.

Der Schmerz seiner Eltern muss unermesslich gewesen sein. Er ist dem mannshohen Grabstein heute noch anzusehen – ihrem „innigstgeliebten, einzigen Sohn“ haben sie den schwarzpolierten Stein auf dem Sockel gewidmet. Aus härtestem „Schwarzer Schwede“-Granit ist er gefertigt, der beste und teuerste Stein überhaupt (und heute geradezu unbezahlbar). Er verjüngt sich nach oben und endet in einer schlichten, aber kunstvollen Verzierung. Ein Stein für die Ewigkeit. Aufwändig wurde der Name des Verstorbenen in 24-karätigem Blattschlägergold eingearbeitet. Ein eingraviertes Eisernes Kreuz krönt ihn, wie es der Geschmack der Zeit war, und erinnert an den Gefreiten Albert Fischer vom Königlich Sächsischen 9. Infanterieregiment 133. Einen von mehr als zwei Millionen deutschen Soldaten, die der Krieg am Ende verschlungen haben sollte.

Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende – und das Leid der Familie Fischer noch nicht vorbei. Der Krieg geht weiter, ins nächste und übernächste Jahr. Das Schlachtenglück wechselt ein ums andere Mal, alle Hoffnungen auf einen baldigen Frieden vergehen im Donnern der Geschütze. Der zweite Kriegswinter geht ins Land, dann der dritte, der als Steckrübenwinter 1916/17 in die Geschichte eingehen soll. Die Not der Menschen in Deutschland wird drückend. Es fehlt an allem, ob Essen, Heizmaterial oder Seife. Krankheiten und Unterernährung raffen die Menschen dahin, Alte, Kranke, Schwache und Kleinkinder sterben zuerst.

Im Oktober des vierten Kriegswinters, des Hungerwinters 1917, folgt Alberts Vater Ernst seinem Sohn ins Grab. Er wird nicht einmal 57 Jahre alt. War es der Kummer über den Tod seines Sohnes, der ihm den Lebenswillen geraubt hat? War es die Entbehrung der jahrelangen Mangelernährung? Die Hoffnungslosigkeit im Deutschen Reich, das Monat um Monat seine Söhne zu Hunderttausenden in den größten Fleischwolf aller Zeiten warf und trotz aller Opfer dem versprochenen Sieg weiter entfernt schien als je?

Der schwarze Stein auf dem Südfriedhof erhält einen weiteren Namen eingemeißelt: Ein zweiter Fischer war lange vor seiner Zeit gestorben. Die Verzweiflung der Witwe, die erst das Kind und nun den Mann zu Grabe tragen muss, ist förmlich in den Stein eingepresst. Alberts „lieber, treusorgender Vater, mein teurer, herzensguter Mann“ sei gestorben, schreibt sie ihrem Gatten nach. „Mein ganzes Glück ist mit Euch gegangen. Auf Wiedersehn!“ Anna Fischer hat alles verloren, was ihr lieb ist. Sie ist alleine, und das in einer furchtbaren Zeit.

Doch die Geschichte des Grabsteins ist noch nicht vorbei – noch lange nicht. Das Schicksal will es nämlich, dass die 50 Jahre alte Witwe ihren Sohn und ihren Gatten trotz der Entbehrungen und Katastrophen, die folgen werden, nicht nur um einige wenige Jahre überleben wird. In Zeiten, in denen unzählige Menschen in Deutschland an Krankheiten, Hunger und Verzweiflung starben, überlebt sie – am Ende fast noch einmal um dieselbe Zeitspanne. Sie übersteht das letzte, furchtbare Kriegsjahr und die chaotische Zeit danach. Den Zusammenbruch des Staates und der Wirtschaft, die Inflation und alle Werteverluste. Die Weimarer Jahre, die Weltwirtschaftskrise, die Nazizeit. Den nächsten, den Zweiten Weltkrieg, der fast sechs Jahre dauern wird und damit noch länger als der Erste. Und sie überlebt die erneuten Hungerjahre danach.

Ob sie das wohl als Segen empfunden hat? Geheiratet hat sie nie wieder, von anderen Kindern oder gar Enkeln erzählt der Grabstein nichts. Selbst ihre Schwester Martha, zehn Jahre jünger als sie, stirbt noch sechs Jahre vor ihr: einen dritten Namen muss Anna Fischer in den Grabstein einarbeiten lassen. Ganz unten diesmal, damit noch Platz bleibt für sie selbst.

Erst 46 Jahre nach ihrem Sohn und 44 Jahre nach ihrem Mann, im hohen Alter von 94 Jahren, findet Anna Fischer im Jahr 1961 ebenfalls die letzte Ruhe. Und in den schwarzen Stein auf dem Südfriedhof wird, fast ein halben Jahrhundert, nachdem er an dieser Stelle aufgerichtet wurde, zum vierten und letztes Mal ein Name in goldenen Buchstaben eingemeißelt. Der Stein hat die Geschichte der Familie Fischer zu Ende erzählt.

Lesezeit

Sony A7II mit Meyer Optik Orestor 2.8 135, F2.8, 0,3s, ISO 100
Sony A7II mit Meyer Optik Orestor 2.8 135, F2.8, 0,3s, ISO 100

Wie viele Leute fragen sich wohl täglich, welches Werk das Mädel vor der Mayerschen da seit Jahrzehnten so fesselt: Das Parfüm? Das Geisterhaus? Der Name der Rose…?

Heute, im letzten Abendlicht der Blauen Stunde, kam mir endlich die Erleuchtung: Natürlich! Die Unendliche Geschichte.

An Hill und Ternell

Verlässt man Eupen über die Monschauer Straße in Richtung Südosten, droht erst einmal ein gefürchtetes Hindernis: der legendäre Highway to Hell, die steil durch einen Wald ins Hohe Venn hinaufführende Betonbuckelpiste der N67. Angeblich eines der schlechtesten Straßenstücke Belgiens (und der Kenner weiß, was das bedeutet). Die Stoßdämpfer des eigenen Kraftfahrzeugs werden hart gefordert – das Schild „Let’s shake forever“ am Waldrand verspricht nicht zu wenig. Doch die Mühe wird belohnt.

Die Strecke führt nämlich nicht nur in das herrliche Brackvenn im Niemandsland vor der deutschen Grenze, wo ich schon diverse Male mit der Kamera unterwegs war (hier, hier, hier und hier etwa).

Knapp zweieinhalb Kilometer vor dem Parkplatz Nahtsief liegt – noch mitten im Wald – außerdem das Naturzentrum Ternell, wo es nicht nur allerlei Wissenswertes über das Leben und Gedeihen von Pilzen, Libellen und anderem örtlichen Gefleuch zu erfahren gibt, sondern auch eine weitere, wunderbare Perle des Dreiländerecks zu entdecken gibt.

Südlich der Nationalstraße geht es vom Parkplatz am Haus zunächst ein Stück Asphaltweg hinab, bis man an den Wildbach Ternell (im Bild ganz oben zu sehen) überquert. Noch etwas weiter steht man dann vor dem ungleich größeren Flüsschen Hill, das hier vom Venn hinunter in Richtung Eupen fließt.

Aber was heißt hier fließt? Es schäumt und spritzt, gurgelt und gluckert, dass man sich gar nicht sattsehen und -hören kann. Wer hätte gedacht, dass es ein paar Kilometer von Aachen entfernt so ein heimatfilmmäßig rauschendes Waldwildbächlein gibt? Als wären wir irgendwo im Bergland. Und es stimmt, was man sagt: Die Hill hat eine ganz einzigartige Färbung. Schwarzrotbraun wie – nein, nicht Heinos Haselnuss, eher wie Coca-Cola.

Gut, man muss feste Schühchen mitbringen. Vor allem das letzte Stück Weg, von der Hill an der Ternell wieder aufwärts zur Straße, ist doch etwas anstrengend. Teilweise bilden die Baumwurzeln eine Art pittoreskes Stolpernetz auf dem Boden. Aber was tut man nicht alles, um eine Perle zu erobern?

Noch ein Wort zur Ausrüstung: Die Fotos entstanden mit dem frisch gekauften Zeiss Ultron (siehe: „Der einsame Ikarus: Das Zeiss Ultron 1.8 50„). Und jetzt ist es klar: Das Ding ist jeden der vielen, vielen Cents wert, die man dafür auf den Tisch legen muss. Was für eine Schärfe, was für ein traumhaft schöner Hintergrund, was für Farben, was für Kontraste! Alles leuchtet, alles lebt.

Und die berühmte Schärfe ist einfach umwerfend. Das Ultron ersetzt ein Zoom-Objektiv: Es ist tatsächlich dermaßen scharf, dass man beim Bearbeiten der Fotos unbesorgt beschneiden kann. Das übrig bleibende Motiv bleibt immer scharf.

Das Ultron schlägt in punkto Bildqualität alles, was in meinen Vitrinen steht. Allerhöchsten Respekt für Konstrukteur Albrecht Tronnier und seinen Ikarus von 1968.

Auf dem Ostfriedhof

Aachens Ostfriedhof zählt zu den schönsten der Stadt und ist zugleich der älteste. Wer den Adalbertsteinweg von St. Adalbert in Richtung Rothe Erde hinaufgeht, braucht sich nur vor der hoch aufragenden Josefskirche nach links zu wenden und steht schon fast vor den großen schmiedeeisernen Tor am Eingang. Seit 1803 werden hinter ihnen die Toten aus dem Aachener Osten bestattet.

Fast genau zehn Jahre ist es jetzt her, dass der Verfasser dieser Zeilen im August 2007 als frisch zugegzogener Neu-Aachener erstmals zwischen den zwei Jahrhunderte alten Gräbern herumwanderte. Einen der ersten Blogartikel hat er damals über diesen Spaziergang geschrieben. Die traumverlorene Wanderung endete abrupt in einer Begegnung mit zwei Polizisten, die fragten, ob man Metalldiebe zwischen den Gräbern gesehen habe.

Doch nun ist alles ruhig und still auf den Wegen. Außer dem einsamen Mann mit der Kamera ist jetzt, gegen 20 Uhr abends, niemand mehr hier. Es herrscht wortwörtlich Friedhofsruhe.

Heute, im Jahr 2017, ist der Friedhof noch so schön wie damals. Nur dem Verfasser dieser Zeilen, dem sieht man das vergangene Jahrzehnt hier und da an. Bizarrerweise fotografiert er heute zwar mit einer moderneren Kamera als damals, aber einem noch deutlich älteren Objektiv. Es ist ein weiteres Mal das Biotar 2 58 mm von Carl Zeiss Jena, das im Moment wieder einmal sein Liebling ist.

Die damit gemachten Fotos haben ihren eigenen Reiz. Die Motive in der Bildmitte werden gestochen scharf, aber bei weit geöffneter Blende – fast alle Bilder hier sind mit F2.4 bis F2.8 entstanden – wird der Hintergrund schnell zum berühmten „Schwurbel“. Wie eilig hingetuscht wirken Bäume, Büsche und Blattwerk.

Von ganz eigenem Reiz sind auch die Stimmung und das Licht zwischen den Gräbern und Bäumen. Braun, Grün, Schwarz und Grau sind vorherrschend. Nur hier und da beweisen Blumen und andere Beigaben auf einem frischen Grab, dass der Friedhof noch benutzt wird.

Doch die meisten der Grabstellen im vorderen Bereich des Geländes sind uralt. Moos wächst auf dem Marmor, Efeu rankt sich an Kreuzen hoch, verwitterte Engels- und Heiligenfiguren halten steinerne Arm- und Beinstümpfe in den abendlichen Himmel.

Wer die Augen etwas offen hält, stößt hier und da auf einen der großen Namen der Aachener Stadtgeschichte. Auf Franz Oppenhoff etwa, der erste von den Alliierten nach der Eroberung Aachens eingesetzte Bürgermeister, der 1945 von einem nationalsozialistischen Kommandotrupp ermordet wurde.

Und wer Pech hat, der steht nach dem Rundgang vor den beiden schweren und inzwischen geschlossenen Eisentoren. Und fragt sich, ob er jetzt zwischen den trauernden Damen mit ihren Urnen übernachten muss. Was tun, die Polizei rufen? Eine niedrige Stelle an der Friedhofsmauer suchen, drüberkraxeln und auf der anderen Seite herunterspringen?

Doch dann ist einer der Torflügel zum Glück nur angelehnt, nicht abgeschlossen. Der Verfasser dieser Zeilen drückt sich in die Freiheit. Irgendwann enden wir alle auf einem Friedhof, schießt es ihm durch den Kopf. Schön, dass es noch nicht heute sein muss.

Zeitgereister

Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Biotar 2 58, F2.4
Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Biotar 2 58, F2.4

Es war kein DeLorean, der mir heute Abend auf dem Heimweg von meiner Garage das Gefühl eines plötzlichen Zeitsprungs verschaffte. In die 80er-Jahre, als man gegen Dinge protestierte, die Brokdorf, Pershing und Startbahn West hießen. Er schien auf seinen schmalen Rädchen – gehalten nur von je drei Radmuttern – direkt aus jenem Jahrzehnt ins Aachener Ostsviertel des Jahres 2017 gerollt zu sein, in dem die gelb-rote „Atomkraft? Nein danke!“-Sonne auf seine Heckscheibe geklebt wurde.

Reagan? Kohl? Honecker? Der Renault 4 am Straßenrand hat sie alle überlebt. Ich finde es passend, dass mit dem Carl Zeiss Jena Biotar 2 58 an meiner Kamera ein weiterer zeitgereister Oldtimer die lange Reise ins Heute festhalten durfte. Hach, die Oldtimer dieser Welt – wer ihren Charme nicht schätzen kann, der ist zu bedauern.

(Und nochmal: Ich mag den einzigartigen Bildcharakter der Biotare. So dreidimensional, so nachdrücklich, beinahe brennend.)

Mit den Rolleis ins Wollgras

Geplant war es nicht, dass ich neulich mal wieder im Venn gelandet bin. Sonst wäre ich sicher nicht in meinen zweitbesten Schuhen (blaues Wildleder!) und im feinen Jackett angereist. Geplant war, dass ich die Vernissage einer Fotoausstellung besuchen wollte, in der unter anderem Bilder meines Freundes Andreas Gabbert hingen.

Von der aus er dann aber mit seinem Kompagnon Daniel Raab nahtlos weiter zu einem Workshop ins Venn fuhr, den die beiden unter dem Label Fotogara für Fotografie-Interessierte anboten. Ob ich mitwollte, fragte Andreas. Ein mehrstündiger Fotospaziergang durchs Venn, geleitet von zwei Auskennern der Gegend und des Fotografierens? Natürlich wollte ich – Wildleder hin oder her.

Das Venn und ich, das ist ja eine Liebe, die etwas Zeit brauchte, um zu wachsen. Wie verloren irrte ich damals, beim ersten fotografischen Vennspaziergang vor drei Jahren, durch die scheinbar leere Landschaft. Und wie viele Bilder mir heute ins Auge springen.

Plötzlich ist jedes Grasbüschel malerisch, ist jeder Strauch zum Niederknien schön, symbolisiert jedes gebrochene Brett im Holzsteg das dramatische Scheitern des Menschen in der Natur. Oder zumindest einen Investitionsstau im Naherholungsgebiet. Wieso habe ich das früher nicht gesehen?

Und wie vielfältig diese rauhe Natur sein kann. Saftig grünes Gewucher hier, sandfarben dürres Gestrüpp da; leuchtende Blätter und ein paar Schritte weiter verbrannte schwarze Äste. Und natürlich, als Sahnehäubchen an diesem Tag: die weißen Tupfer des Wollgrases. Mal wie Inseln im Grün, mal flächig verteilt als weißes Meer.

Zusammen mit einem Dutzend weiterer Venn- und Fotojünger krieche, recke, balanciere und krabbele ich den ganzen Nachmittag durch die Natur. Als einziger ohne Trekkingschuhe, ohne Gore-Tex-Jacke, ohne Stativ und ohne Kamerarucksack. Und ohne Mittagessen im Bauch – es war halt alles anders geplant gewesen. Aber, hey, die Schuhe haben es überlebt und so war ich am Abend, als wir drei noch zusammen in der „Bodega“ in Imgenbroich den Tag bei Schnitzel und Leffe Revue passieren ließen, mehr als nur etwas zufrieden. Hach, das Venn. Immer gerne hin, immer ein Gewinn.

Noch das übliche Wort zur Ausrüstung: Während der Venngang für mich eine Wiederholungstat war, war es für die Objektive in meiner Tasche (immerhin, eine Tasche mit Objektiven hatte ich schlauerweise noch eingepackt, man geht ja schließlich nicht nackt auf eine Vernissage) eine Premiere. Zum Einsatz kam nämlich – Trommelwirbel – erstmals Familie Rollei. Diese um 1970 für die Rolleiflex SL 35 vorgestellte Objektivserie fällt durch die ausgesprochen kompakten, fast zierlichen schwarzen Fassungen mit geriffelten Fokusringen auf.

Die sechs günstigsten Standardlinsen zwischen 25 und 200 Millimeter hatte ich mir in den vergangenen Monaten nach und nach ge-ebayt. Bevor sie erstmals das Haus verlassen durften, musste allerdings ein Fachmann das trockengelaufene 35er-Distagon neu schmieren und beim Planar 1.8 50 Nebel von der Austrittslinse entfernen.

Eine Familie mit Kompetenz: Da ist der einzigartig aufwendig konstruierte Siebenlinser Planar 1.8 50, der Nahbereichs-Experte Distagon 2.8 25, das ausgewogene Weitwinkel Distagon 2.8 35 und das fantastisch scharfe und kontrastreiche Sonnar 2.8 85, mit dem einfach jede Aufnahme gut wird. Sie wurden jahrzehntelang für mehrere Kamerasysteme weitergebaut, vor allem in der Contax-/Yashica-Version wurden sie weltweit Verkaufsschlager. Fast alle von ihnen sind heute noch für Canon- und Nikon-Kameras zu haben.

Für einen Nachmittag im Venn sind die Rolleis – die beiden größeren Tele-Tessare 4 135 und 4 200 hatte ich zu Hause gelassen – jedenfalls eine mehr als passable Ausstattung. Und darum bestimmt nicht zum letzten Mal dort gewesen – hoffentlich.

Meine blauen Wildlederschuhe allerdings schon. Hoffentlich.