Moorbraun in Ornbau 2018

Schaufensterbummel

Moorbraun in Ornbau, endlich mal wieder. Zum fünften Mal seit 2008 war ich in diesem Jahr wieder beim Jahrestreffen des Vereins der Heckflossenfreunde im fränkischen Ornbau. Mein erstes seit 2013 (hier geht es zu den älteren Berichten) und mein erstes, nachdem der Moorbraune anderthalb Jahre lang in der Werkstatt verschwunden war.

Servicefahrzeug

Dieselcoupé

Wie hatte ich es vermisst. Das Schlafen auf dem Campingplatz, das Duschen in der Sporthalle, das Buffet im Tennisheim mit den herzlichen Helfern und den schinkenumwickelten Honigmelonenschnitzen.

Lebensfreude

Dorfidylle.

Wie hatte ich es vermisst. Die Aufkleber auf Strichachter-Kofferraumdeckeln, an 111er-Heckfenstern, an 123er-Frontscheiben. Die T-Shirts mit den Schrauberwitzen. Den alten und neuen Humor der Sterngemeinde.

Prachtkarosse

Abendlicht

Utensil

Wie hatte ich es vermisst. Das Bummeln über den Acker mit all den Heckflossen, Pontons, SLs und 124ern. Das Fachsimpeln. Das Farbenraten („Weizengelb?“ – „Ahorn!“). Das Wühlen in Flohmarktkästen voller Kippschalter (ich habe einen ganz neuen Umluftschalter gefunden dieses Jahr!).

Sehen und gesehen werden

Olddaimler

Armaturenprunk

Was die Tochter mag

Wie habe ich es vermisst, mit dem Moorbraunen am Freitag vor Pfingsten über die prallvolle A61 zu dieseln. Am Technikmuseum Sinsheim die Tupolev 144 und die Concorde zu erspähen.

Teilejäger

Bonner Stern und Zirkuszelt

Der erste mit ABS

Silostorch

Camping

Altmetall

Jetzt war alles wie früher. Und doch ganz anders. Es war kein klassisches Pfingsttreffen in diesem Jahr mit vollem Programm, Workshops, Aktionen und Auktionen, Fressbudengasse und Teilemärkten. Es war ein OpenVdH, also ein eher zwangloses Treffen mit reduziertem Programm. Und es war schön: Man hatte Zeit, es drängte kein Programmpunkt, die Leute waren entspannt.

Rostflosse

Modellauto

Wackelachter

S-Leiche

Aufklebersammlung

Mercedestherapie

Tourenwagen

Langer Ungar

Diesellegalität

Allen Organisatoren und Mitwirkenden an dieser Stelle ein warmes „habt Dank“ für das wieder einmal unvergleichliche Erlebnis. Sollten auf meinen Fotos Menschen zu sehen sein, die das nicht wünschen, bitte ich um Nachricht in den Kommentaren. Und um Entschuldigung.

Sternenlicht

Ja, wenn.

Und zum Schluss noch der Hinweis für Altglasfreunde: Begleiten durften mich erstmals bei einem „großen Einsatz“ das Xenon 1.9 50, das Curtagon 4 28 und das Xenar 3.5 135 aus dem Hause Schneider Kreuznach (passenderweise führte der Weg nach Ornbau an dieser Stadt vorbei). Die westdeutschen Luxusprodukte aus den späten 1950er Jahren mit ihrer irren mechanischen Schärfentiefe-Skala haben nicht enttäuscht. Vor allem das Xenar gefiel mir durch seine eindringliche Bildwirkung, zu sehen etwa bei der „Rostflosse“.

#SchönsterWegZurArbeitAllerZeiten

Sony A7II mit Schneider Kreuznach Curtagon 2.8 35
Sony A7II mit Schneider Kreuznach Curtagon 2.8 35

Unglaublich, wie euphorisierend es sein kann, mit eigener Muskeln Kraft durch Felder und Wälder zur Arbeit und zurück zu radeln. Heute bin ich zum ersten Mal die etwas über zwölf Kilometer vom Donnerberg nach Rothe Erde gestrampelt. Der Weg ist ein Traum – hätte ich geahnt, wie schön es ist, hätte ich es schon früher probiert.

(Das Foto entstand heute Abend südöstlich von Eilendorf. Und das ganz hinten ist der Lousberg.)

Lesemann

Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Biotar 1.5 75
Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Biotar 1.5 75

Meine Lieblingsfigur am Aachener Dom (und nicht nur meine).

Hansemann

Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Flektgon 2.8 35 Exakta
Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Flektgon 2.8 35 Exakta

David Justus Ludwig Hansemann (* 12. Juli 1790, † 4. August 1864) war Kaufmann und Bankier. Ausgehend vom Wollhandel förderte er den Eisenbahnbau und gründete Versicherungen und Banken, darunter mit der Disconto-Gesellschaft eines der wichtigsten deutschen Kreditinstitute im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Hansemann war einer der bekanntesten liberalen Politiker in der preußischen Rheinprovinz. 1848 war er als Finanzminister einer der führenden Politiker der preußischen Märzregierungen.

Hansemann gründete verschiedene Unternehmen in Aachen, darunter 1824 die gemeinnützige Aachener Feuer-Versicherungs-Gesellschaft. Die Hälfte des jährlichen Gewinns der Versicherung wurde durch den von ihm 1834 gegründeten Aachener Verein zur Beförderung der Arbeitsamkeit für soziale Zwecke verwendet. Unterstützt wurden über vereinseigene Spar- und Prämienkassen vor allem Kindergärten und Schulen, Selbsthilfeorganisationen für Bedürftige sowie die Gründung von Waisenhäusern und der soziale Wohnungsbau. Diese Einrichtungen gehörten zu den ersten konkreten Umsetzungen bürgerlicher Sozialreformgedanken überhaupt.

Nach seinem Tod wurde 1884 der Aachener Kölntorplatz in Hansemannplatz umbenannt. Am 30. September 1888 wurde dort ein vom Bildhauer Heinz Hoffmeister errichtetes David-Hansemann-Denkmal eingeweiht, das bis heute erhalten ist.

Nach: Wikipedia

Gang durchs Viertel: Eine Ahnung von Abschied

Seit 2014 wohne ich wieder in meinem so gemochten Aachener Ostviertel und das so gern wie eh und je. Aber als ich heute Abend noch mal den Adalbertsteinweg herunterbummelte, überkam mich erstmals diese süße Melancholie, die ein nahender Abschied mit sich bringt – wenn man sich ihr denn hingeben mag.

Denn leider, leider: alles ist vergänglich. Das Ende meiner Zeit hier ist absehbar. Folgt ihr mir noch einmal auf einem Gang durch mein Viertelchen?

Begonnen haben wir – passend für ein Blog, das 2007 mit der Restaurierungsgeschichte meines alten Mercedes begann – mit einem alten Mercedes. Und zwar am Steffensplatz, der dem Quartier (so sagt man heute, wenn einem „Viertel“ zu altmodisch geworden ist) seinen Namen gegeben hat: Steffensviertel sagt man nämlich ganz korrekt für die Gegend südlich des Adalbertsteinwegs und östlich der Wilhelmstraße. Nur, dass niemand so sagt. Für die Vermieter in den Wohnungsanzeigen ist alles zwischen Kaiserplatz und Kornelimünster selbstverständlich: Frankenberger Viertel.

Und wo wir gerade beim Thema Abschied sind: Der Kaiser’s war jahrelang der geschätzte kleine Nahversorger vor Ort, der auch um 21.55 Uhr noch fußläufig erreichbaren Briekäse hatte, wenn man welchen brauchte. Vorbei, vorbei, die ganze Kette ist inzwischen Geschichte. Das Marktsegment haben sich der neue Penny am Adalbertsteinweg und die diversen Spätis aufgeteilt, die auch um 23.55 noch Sucuk im Kühlschrank haben, wenn man welche braucht (heute Abend war sie allerdings ausverkauft, als ich danach fragte).

Tapfer hält sich dagegen das Chinarestaurant in seiner sicher nicht ganz einfachen Lage in der Augustastraße.

Trotz der traditionell drängenden Parkplatznot im Viertel: Im Parkhaus habe ich denn doch nie parken müssen, auch wenn es einen Nachttarif gibt.

Wenn es nachts statt Brie oder Sucuk lieber Nissin-Nudelsuppe oder ein Liter Milch sein darf: bekommt man alles beim Inder um die Ecke.

Impressionen aus dem Viertel.

Am Pastorplatz schließlich steht man schließlich vor einem ebenso unscheinbaren wie berührenden Stück deutscher Geschichte: dem Stolperstein für Anne Frank, ihre Schwester Margot und ihre Mutter Edith. Hier lebten sie 1933 bis zu ihrer Emigration nach Amsterdam. In Zeiten, in denen Stimmen laut werden, man solle doch auf Hitlers Wehrmacht wieder stolz sein dürfen und sich Sprache und Denkweise der NS-Zeit wieder bis in den Bundestag ausgebreitet haben, erinnern die drei schimmernden Metallblöcke uns daran, wohin Menschenhass und bis in letzte Konsequenz ausgelebter Ausgrenzungswahn führen.

Ein paar Schritte weiter in der Kongressstraße: ein anderes Stück Geschichte. Ein zum Mehrfamilienhaus umgebauter früherer Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg.

Und dann stehen wir wieder da, wo wir begonnen haben: Am Adalbertsteinweg, der Schlagader des Ostviertels.

Auch wenn ich denn doch nicht mit dem Frankenberger Viertel verschmolz und jeden Sonntag Zeitung lesend einen Morgenespresso in der Brasserie Aix schlürfte, wie ich es mir ursprünglich ausgemalt hatte: Es wird mir sehr schwer fallen, hier wegzugehen. Eine bunte, lebenswerte, multikulturelle Welt ist das hier.

Doch das Bessere ist ja stets des Guten Feind, wie man so schön plattitüdert. Und im Kampf zwischen der Wehmut des Abschieds von Liebgewordenem und der Vorfreude auf Neues hat inzwischen die Vorfreude die Oberhand gewonnen. Bleibt am Ball, auch in meiner künftigen Heimat – allzuweit weg ist sie auch nicht – gibt es Spannendes zu entdecken. Und natürlich lohnende Fotomotive.

(Und noch der übliche Hinweis für Fotofreunde und Altglas-Freaks: Begleitet hat mich auf der Tour das Planar 1.4 50 HFT von Rollei. Einzigartig scharf und bei Offenblende ohne störende Überstrahlungen und Grauschleier. Es neigt allerdings zu ausgeprägten Halos bei direktem Lichteinfall, etwa durch Straßenlaternen oder Autoscheinwerfer.)

Osterbesuch

Kurzer Osterurlaub in den französischen Ardennen. Die Fotos und Namen auf den emaillierten Plaketten, die am Ehrenmal vor der Dorfkirche in Warnécourt an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs erinnern, sind längst verblasst. Aber immer noch rufen sie ins Gedächtnis, was für ein Wunder das vereinte Europa ist – nach den Millionen Toten der beiden Weltkriege und Jahrhunderten von vererbter Feindschaft.

Wenn man heute als deutscher Tourist an den Sandsteinfassaden in der Fußgängerzone der hübschen Kleinstadt Charleville-Mézières an der Maas entlangbummelt, darf man sich gerne noch einmal ins Gedächtnis rufen, dass so etwas noch für die eigenen Großeltern undenkbar gewesen wäre. Dass ein freies und freundliches Europa alles andere als selbstverständlich ist. Dass wir nicht aufhören dürfen, dafür einzustehen, es zu leben und weiterzuentwickeln. Weil es im Moment von denselben Kräften bedroht wird, die es vor ein paar Jahrzehnten fast einmal vernichtet hätten.

Das war es auch schon mit der Osterpredigt. Danke für euer Verständnis.

Lammetjesdagen im Schaapskooi

Wie herzig sie schauen. Ob wollig-filzig oder ratzekahl kurzgeschoren: Immer ist da dieser sanfte Blick. Sie verzeihen uns, scheint er zu sagen, sie verzeihen uns Zweibeinern sogar, dass wir sie so rüde auf den Boden drücken, ihnen die Beine würdelos abspreizen und sie im Akkord mit groben Elektromähern von ihrer Wolle befreien.

Wie streng sie riechen. Immer ist da dieser stechende – ja, sagen wir es ruhig – Gestank. Er hängt in der Luft, er hängt in den Klamotten, er hängt noch im Haar, wenn man abends im Bett liegt. Schafszucht ist nix für Leute, die nach der Arbeit noch zur After-Work-Party wollen. Es sei denn, es ist eine After-Work-Party für Schafzüchter.

Der Schaapskooi Mergelland im niederländischen Epen, ein paar Autokilometer hinter Vaals, ist ein schönes Ausflugsziel für Familien. Vor allem, wenn es „Lammetjes Dagen“ sind, also gerade die Lämmer geschlüpft zur Welt gekommen sind. Herrgott, sind die Tierchen niedlich. Und wie herzig sie schauen!

Für den Freund historischer Kameraobjektive stellt sich ein Problem schon mal nicht: das Fokussieren. Die Objekte der Objektivarbeit können sich in ihren engen Koben nämlich eher wenig bewegen. Mal abgesehen davon, dass sie ohnehin lieber dastehen und kauen als den Springbock zu geben. Bei so geduldigen Motiven sitzt der Fokus spätestens beim dritten Mal – versucht das mal mit Tieren in freier Wildbahn.

Auf der Minusseite ist es in den Stallanlagen – der Betrieb hat etliche große Hallen von zum Teil beeindruckenden Ausmaßen – auch nicht übermäßig hell.

Womit wir beim üblichen Abschnitt über die Fotoausrüstung wären – tja, meine Damen und Herren, so schnell ist das Thema wolltragende Wiederkäuer ausgereizt. Wer mehr über die Gattung Ovis lesen möchte, sei auf die Wikipedia verwiesen. (Hey, habt Ihr gewusst, dass ein Schafbock am Tag bis zu fünfzigmal begatten kann? Alle halbe Stunde verliebt sich ein Schaf auf Paarhufership! Tschuldigung, der musste raus.)

Es ist also sinnvoll, etwas Lichtstärkeres aus der Vitrine mitzunehmen. Ich hatte mich für etwas eher Exotisches entschieden: die letzte Baureihe von Objektiven aus dem Hause Schacht Ulm: Als Standardlinse das Travelon 1.8 50, als Weitwinkel das Travegon 2.8 35. Nummer Drei im Bunde, das Teleobjektiv Travenar 3.5 135 kam mangels Licht und Entfernung nicht zum Einsatz. Es war der erste Einsatz für das Spitzentrio des kleinen Ulmer Herstellers, mein Freund Ivo Michielsen hatte das Travelon erst tags zuvor von Fungus gereinigt.

Die Objektive haben mich nicht enttäuscht. Fast alle Bilder hier sind mit Blende 2.8 oder 4 entstanden, weiter abblenden war nicht drin, um die ISO-Zahl nicht in den vierstelligen Bereich schießen zu lassen oder in die Langzeitbelichtung unter 1/20 Sekunde abzurutschen (soviel bewegt sich ein Schaf denn doch). Vor allem die Schärfe des Travelons gefällt mir – insgesamt erinnert mich die Linse an das bekannte Meyer Oreston 1.8 50. Kein überscharfer Überflieger mit übersahnigem Bokeh, aber durchaus solide. Kann man mit arbeiten.

Nach einem Tag im Schaapskooi bleibt beim Besucher vor allem hängen, dass Schafe doch etwas Interessanteres sind als die vierbeinigen Wollständer, die man sie als Laie gerne in ihnen sieht (habt ihr gewusst, dass Schafe zwei Euterhälften mit je einer Zitze haben und manchmal sogar eine dritte Zitze?).

Und das ist nicht das einzige, das haften bleibt – den Rest riecht man selbst abends im Bett noch.

Hundert Jahre her

Der alte Grabstein steht halb versteckt auf dem Südfriedhof von Leipzig. Einer von Hunderten und Aberhunderten auf dem 80 Hektar großen Gelände. Keines der auffälligen, prunkvollen Grabmäler, die mit imposanten Engelsfiguren oder Heldenstatuen an berühmte Geschlechter oder zumindest finanzkräftige Mitbürger erinnern. Kein Faltblatt führt ihn auf, die Friedhofsführer-App verzeichnet ihn nicht. Man kann ihn leicht übersehen, wenn man die Reihen der Gräber entlangschlendert. Aber wer sich ihm zuwendet, dem erzählt er eine ganze Geschichte: die einer Familientragödie vor hundert Jahren.

Sie beginnt im Ersten Weltkrieg, an einem Frühlingstag des Jahres 1915. In einem Militärkrankenhaus in Nürnberg liegen Hunderte von verwundeten deutschen Soldaten in ihren Betten. Stöhnen und Schreien erfüllt die Krankenzimmer, Schwestern eilen auf den Fluren hin und her. In einem der Betten liegt der junge Albert Fischer, geboren in Leipzig. Er ist gerade erst angekommen.

Vor sechs Tagen ist der 22-Jährige an der Westfront schwer verwundet worden, in Verlinghem, einem Vorort der französischen Stadt Lille. Bis dahin, rund 240 Kilometer weit von der deutschen Westgrenze bei Aachen, ist der Vormarsch der Truppen des Kaisers gekommen. Dann verbissen sich die deutschen und alliierten Heere hoffnungslos ineinander, es begann der jahrelange furchtbare Stellungskrieg, das gegenseitige Abschlachten in den Schützengräben ohne Aussicht auf Sieg oder Niederlage. Vor neun Monaten erst hat der Krieg begonnen, doch Deutschland und Europa werden nie mehr so sein vor zuvor.

Mit einem Lazarettzug hat man Albert Fischer wieder ins Deutsche Reich gebracht, fast 700 Kilometer weit. Tagelang rumpelten die Waggons langsam über die Gleise, bis der Zug endlich in Nürnberg einrollte und man die Verwundeten aus den Wagen hob.

Der junge Soldat Fischer bekommt keine Sonderbehandlung. Er ist keine hochgestellte Persönlichkeit, kein Offiziersschüler oder verwöhnter Zögling. Er ist ein einfacher Infanterist, aus gutem Hause zwar, aber nicht vermögend, erst vor kurzem eingezogen und an die Front geworfen worden. Einen höheren Dienstgrad als Gefreiter hat er sich noch nicht verdienen können.

Es ist Samstag, der 23. April 1915. Erst vor wenigen Stunden, am Tag zuvor, haben die deutschen Truppen an der Westfront bei Ypern mit dem grauenvollen ersten großen Gasangriff des Krieges die Zweite Flandernschlacht eingeleitet. Alleine an diesem ersten Tag sind 18.000 Mann innerhalb kürzester Zeit unter teils entsetzlichen Qualen gestorben, insgesamt werden die gut vierwöchigen Kämpfe 120.000 Soldaten das Leben kosten – eine ganze Großstadt. Und ändern wird sich für den Kriegsverlauf nichts, die Front wird danach fast genauso verlaufen wie zu Beginn.

Während in Flandern seine Kameraden mit ihren Gewehren auf die zurückweichenden Franzosen schießen und erschossen werden, mit Bajonetten im Zweikampf zustechen und erstochen werden, während Artilleriegranaten einschlagen und Handgranaten explodieren und die weißen, tödlichen Nebel des Chlorgases zu den Schutzsuchenden in die Bombentrichter kriechen, kämpft Hunderte von Kilometern entfernt Albert Fischer tief in der Heimat um sein eigenes Leben. Vergeblich. Er wird nie wieder einen Fuß auf die Straßen Leipzigs setzen, nie wieder seine Eltern sehen, die fünf, sechs Zugstunden entfernt in Sachsen um ihren einzigen Sohn bangen, ohne zu wissen, dass er wieder in Deutschland liegt.

An diesem Samstag, neun Monate nach Beginn des großen Mordens, stirbt Albert Fischer. Für eine Trauerfeier bleibt keine Zeit. Sein Leichnam wird aus dem Bett gehoben und in einen einfachen Sarg gelegt. Das Bett muss schnell wieder frei sein, in diesen Tagen wird jeder Platz gebraucht. Der junge Mann tritt seine letzte Reise in einem Güterwaggon an. Der Leichnam wird in seine Heimatstadt überführt. Auf dem Südfriedhof wird Albert Fischer beigesetzt.

Der Schmerz seiner Eltern muss unermesslich gewesen sein. Er ist dem mannshohen Grabstein heute noch anzusehen – ihrem „innigstgeliebten, einzigen Sohn“ haben sie den schwarzpolierten Stein auf dem Sockel gewidmet. Aus härtestem „Schwarzer Schwede“-Granit ist er gefertigt, der beste und teuerste Stein überhaupt (und heute geradezu unbezahlbar). Er verjüngt sich nach oben und endet in einer schlichten, aber kunstvollen Verzierung. Ein Stein für die Ewigkeit. Aufwändig wurde der Name des Verstorbenen in 24-karätigem Blattschlägergold eingearbeitet. Ein eingraviertes Eisernes Kreuz krönt ihn, wie es der Geschmack der Zeit war, und erinnert an den Gefreiten Albert Fischer vom Königlich Sächsischen 9. Infanterieregiment 133. Einen von mehr als zwei Millionen deutschen Soldaten, die der Krieg am Ende verschlungen haben sollte.

Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende – und das Leid der Familie Fischer noch nicht vorbei. Der Krieg geht weiter, ins nächste und übernächste Jahr. Das Schlachtenglück wechselt ein ums andere Mal, alle Hoffnungen auf einen baldigen Frieden vergehen im Donnern der Geschütze. Der zweite Kriegswinter geht ins Land, dann der dritte, der als Steckrübenwinter 1916/17 in die Geschichte eingehen soll. Die Not der Menschen in Deutschland wird drückend. Es fehlt an allem, ob Essen, Heizmaterial oder Seife. Krankheiten und Unterernährung raffen die Menschen dahin, Alte, Kranke, Schwache und Kleinkinder sterben zuerst.

Im Oktober des vierten Kriegswinters, des Hungerwinters 1917, folgt Alberts Vater Ernst seinem Sohn ins Grab. Er wird nicht einmal 57 Jahre alt. War es der Kummer über den Tod seines Sohnes, der ihm den Lebenswillen geraubt hat? War es die Entbehrung der jahrelangen Mangelernährung? Die Hoffnungslosigkeit im Deutschen Reich, das Monat um Monat seine Söhne zu Hunderttausenden in den größten Fleischwolf aller Zeiten warf und trotz aller Opfer dem versprochenen Sieg weiter entfernt schien als je?

Der schwarze Stein auf dem Südfriedhof erhält einen weiteren Namen eingemeißelt: Ein zweiter Fischer war lange vor seiner Zeit gestorben. Die Verzweiflung der Witwe, die erst das Kind und nun den Mann zu Grabe tragen muss, ist förmlich in den Stein eingepresst. Alberts „lieber, treusorgender Vater, mein teurer, herzensguter Mann“ sei gestorben, schreibt sie ihrem Gatten nach. „Mein ganzes Glück ist mit Euch gegangen. Auf Wiedersehn!“ Anna Fischer hat alles verloren, was ihr lieb ist. Sie ist alleine, und das in einer furchtbaren Zeit.

Doch die Geschichte des Grabsteins ist noch nicht vorbei – noch lange nicht. Das Schicksal will es nämlich, dass die 50 Jahre alte Witwe ihren Sohn und ihren Gatten trotz der Entbehrungen und Katastrophen, die folgen werden, nicht nur um einige wenige Jahre überleben wird. In Zeiten, in denen unzählige Menschen in Deutschland an Krankheiten, Hunger und Verzweiflung starben, überlebt sie – am Ende fast noch einmal um dieselbe Zeitspanne. Sie übersteht das letzte, furchtbare Kriegsjahr und die chaotische Zeit danach. Den Zusammenbruch des Staates und der Wirtschaft, die Inflation und alle Werteverluste. Die Weimarer Jahre, die Weltwirtschaftskrise, die Nazizeit. Den nächsten, den Zweiten Weltkrieg, der fast sechs Jahre dauern wird und damit noch länger als der Erste. Und sie überlebt die erneuten Hungerjahre danach.

Ob sie das wohl als Segen empfunden hat? Geheiratet hat sie nie wieder, von anderen Kindern oder gar Enkeln erzählt der Grabstein nichts. Selbst ihre Schwester Martha, zehn Jahre jünger als sie, stirbt noch sechs Jahre vor ihr: einen dritten Namen muss Anna Fischer in den Grabstein einarbeiten lassen. Ganz unten diesmal, damit noch Platz bleibt für sie selbst.

Erst 46 Jahre nach ihrem Sohn und 44 Jahre nach ihrem Mann, im hohen Alter von 94 Jahren, findet Anna Fischer im Jahr 1961 ebenfalls die letzte Ruhe. Und in den schwarzen Stein auf dem Südfriedhof wird, fast ein halben Jahrhundert, nachdem er an dieser Stelle aufgerichtet wurde, zum vierten und letztes Mal ein Name in goldenen Buchstaben eingemeißelt. Der Stein hat die Geschichte der Familie Fischer zu Ende erzählt.