Ikonen der Automobilgeschichte

…gibt es, der Titel deutet es an, neu auf ikonengold.de. Die Geschichte von Knöpfle, Lesern des VdH-Magazins „Benzheimer Flosskeln“ bereits bekannt, ist jetzt auch webgerecht aufbereitet.

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Knöpfle, benannt nach dem Konstanzer Unternehmen, das ihn 1971 in einen Abschleppwagen umbaute, ist ein Lastwagen des Typs 406 mit Bilstein-Bergekran. Sowie diversen stabilitäts- und gewichtsfördernden Verstärkungen. Eberhard erwarb das gute Stück im vergangenen Jahr und überführte es in den Fahrzeugbestand der Heckflossenfreunde. Wobei sich der eigentliche Überführungsvorgang bei einer Maximalgeschwindigkeit von etwa 50 km/h in der Ebene etwas hinzog.
Schon leer vermisst der Wagen mit seinen 55 schmächtigen Dieselpferdchen ein wenig an Fahrdynamik, wie sich das mit aufgeladenem Unfallwagen anfühlt, das möchte ich mir nur vorstellen müssen. Man beachte die bildhübschen Bilder – da hatte jemand Auge für’s Detail.

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Eberhard merkt noch an, dass es Charme hat, wenn Moorbraun auf Ikonengold verlinkt, das wiederum mit Surfblau zusammenarbeitet. In diesem Zusammenhang weise ich darauf hin, dass folgende Farben noch nicht bei der DENIC registriert sind:

  • www.chinablau.de (wie wär’s, Kaype?)
  • www.taigabeige.de (Franz-Josef vielleicht?)
  • www.liasgrauen.de (Roman?)
  • www.erbswurstsuppengruen.de (dito www.kaledoniengruen.de)
  • www.leasingsilber.de
  • www.grundiert.de

(Und dass Pedro immer noch nicht Moorbraun in der Farbtabelle auf Astralsilber.de ergänzt hat. Schämst du disch!)

Neues vom Karneval (2)

Jetzt muss ich aber wirklich mal Kollegenlob betreiben. Erwähnte ich schon, dass ich nicht aus der Gegend komme (ja? Schon tausendmal?) und mir karnevalistische Bräuche und Riten eher fremd sind? Nun, es gibt Hoffnung.

Orden_800Zwar ist neulich bei der AKV-Sitzung der karnevalistische Funke noch nicht so ganz auf mich übergesprungen. Heute sieht es da schon besser aus. Freundliche Kollegen aus dem Büro nebenan nahmen sich des verwirrten Nordlichts in ihrer Mitte an, drückten dem stammelnden Unbeholfenen eine Art hohes Schnapsglas mit einem bierähnlichen Getränk in die Hand und hießen ihn lustig sein. Luftschlangen und allerlei Deko formten den Rahmen, jecke Mucke lag in der Luft. Eine ehemalige Kollegin war auch da, kostümiert als Köln. Es war richtig nett.

Der Mann, der noch gestern meinen SexyRosi-Gehörsturz verschuldete, hängte mir heute die oben gezeigte bunte Plakette um (oben im Bild, klicken Sie drauf, um das Ding komplett zu sehen). Das Amulett soll mir bei Begegnungen mit Eingeborenen helfen und sie überzeugen, dass ich einer von ihnen bin. „Vür klammere Öcher Jecke“ steht drauf. Das passt insofern schon ganz gut, dass ich zwar noch kein Öcher bin, dafür aber ständig klamm.

Solcherart kostümiert sitze ich jetzt an der Tastatur. Einen cremegefüllten Berliner im Bauch, das bierähnliche Getränk im Kopf und den Duft von Mettbrötchen in der Nase, schwappt ein warmes Gefühl der Dankbarkeit durch meine Blutbahn.

Karneval, du bist ja gar nicht so. Auf dem Weg der gegenseitigen Annäherung sind wir zwei jedenfalls einen großen Schritt weiter. Nächstes Jahr, das habe ich mir schon vorgenommen, ziehe ich am Fettdonnerstag auch extra einen alten Schlips an. Alaaf.

Tod auf der Kreuzung, Hinrichtung vor Gericht

Der Fall: Ein 17 Jahre alter Junge fährt nachts auf seinem Fahrrad eine Landstraße entlang. Er ist unterwegs zum Campingplatz, wo er mit seiner Familie die Sommerferien verbringt. Als er die Straße überquert, gerät er vor den Audi A8 eines 43-jährigen Geschäftsmanns. Der Wagen erfasst das Fahrad, der Junge wird 20 Meter weit geschleudert. Er stirbt. Am Unfallort ist Tempo 90 vorgeschrieben, der Fahrer war deutlich schneller unterwegs – die Gutachten gingen von mindestens 113 oder sogar bis zu 174 Stundenkilometern aus. Auch hatte er Alkohl getrunken.

So weit, so tragisch. Das war im August 2004, im nordspanischen Weinbaugebiet La Rioja. Heute, Mittwoch, fand der Prozess statt.

Nicht gegen den Unfallfahrer.

Gegen die Eltern des Jungen.

Der Fahrer, ein angeblich durchaus gut verdienender Unternehmer, hatte die Angehörigen auf 20.000 Euro Wiedergutmachung verklagt. Für die Schäden an seinem Auto und die Mietgebühren für einen Ersatzwagen.

Es gibt Fälle, da bleibt einem der Mund offen stehen.

Der Mann machte geltend, der Junge habe weder Warnweste noch Helm getragen und ein Stoppschild überfahren. Letzteres bezweifeln die Eltern, außerdem sei das Fahrrad des Jungen von hinten getroffen worden und nicht von der Seite.

Das Treffen vor Gericht war dann allerdings sehr kurz. Es hatte sich nämlich ein gewisser öffentlicher Gegendruck aufgebaut. Wie der Anwalt des Autofahrers klagte, sei sein Mandant in den Medien regelrecht gelyncht worden. Allein vor dem Gerichtsgebäude demonstrierten 200 wütende Spanier gegen den Unfallfahrer.

Der zog seine Klage zurück. Jetzt kommt es noch schlimmer für ihn: Die Staatsanwaltschaft will das Strafverfahren gegen ihn anhand neuer Beweise noch einmal überprüfen.

[Quellen: Frankfurter Neue Presse, 20 Minuten, Auto Motor Sport]

Neues aus der Hightech-Welt

Rasierer26_800„Boys and their toys“, seufzt die Frau, wenn der Mann elektrisch wird. Das wird er oft, und ich bin da keine Ausnahme. Hat es ein kleines Display? Hat es ein Ladegerät? Kann man Fotos drauf abspeichern oder wenigstens Musik? Ist es sinnlos und teuer? Ich will es! Manchmal jedoch birgt die Welt der Verbraucherelektronik wundersame Überraschungen.

Es gibt nämlich Geräte, die kennt kein Mensch Mann. Trotzdem taugen sie was. Nehmen wir nur meinen neuen Freund hier. Seine Anschaffung wurde mir von nahen Angehörigen ans Herz gelegt (danke, Mama). Obwohl ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass man so etwas braucht.

Man nennt es einen Fusselrasierer. Es ist ja so, dass mit der Zeit vor allem an den Kragen von Hemden, Sweatshirts und Jacken auf der Innenseite diese kleinen Flusen entstehen. Die dem Aussehen des jeweiligen Kleidungsstücks diesen gewissen Altkleidercontainerlook verleihen. Doch was tun? Einzeln abpflücken ist zu mühsam. Und diese altmodischen Bürsten oder seltsamen Kleberollen funktionieren auch nicht.

Entsprechend groß war meine Skepsis gegenüber dem nur zehn Euro billigen Gerätchen. Um mehr überzeugt das Ergebnis: Mit der vollen Power einer 1,5-Volt-Monozelle rasieren die drei Scherblätter konturgenau jeden Fussel schon an der Wurzel ab. Auch in den Problemzonen wie Reißverschluss und Revers. Im Nu fühlt sich der olle Pulli wieder unwiderstehlich glatt an. Am Ende der Sitzung fällt das Mähgut in großen Flocken aus dem Auffangbehälter. Whow! Was es nicht alles gibt!

Was lehrt uns der weißgraue Flocken-Terminator? Mann sollte ruhig offen sein für Neues im Leben. Auch und besonders im Bereich Haushaltsgeräte. Die Welt der Technik ist größer und bunter als wir glauben. Und sicher dauert es nicht mehr lange, bis Braun & Co den High-Sensity Reflex FusselShave GTi herausbringen. Mit Dreifach-Schwingkopf, radiumveredeltem Klingenblock, Ladegerät und natürlich einem kleinen Display.

Neues aus dem Waschsalon

Kamera03_800Na schön. Zwar ist am Sonntag der Versuch, sich bei der AKV-Ordensverleihung in die rheinische Seele einzufühlen, nicht restlos geglückt. Sei’s drum. Schon tags drauf, am Montagabend, bietet sich Gelegenheit für das nächste soziokulturelle Experiment. Wir sitzen bei „Nightwash„, der seit acht Jahren durchs Land tourenden Comedy-Veranstaltung. Wir sitzen in einem Waschsalon.

Der Kontrast könnte kaum größer sein. Im Aachener Eurogress ließen sich über 1.300 Menschen mehr oder weniger ausgeprägter Prominenz in aufwändiger Kulisse von einer ebenso aufwändig inszenierten Mammutveranstaltung bespaßen. Das Fernsehen war vor Ort und der Eintritt nicht wirklich billig.

Bei der Nachtwäsche quetschen sich etwa 50 Menschen in eine winzige Münzwäscherei am Hönniger Weg in Köln. Die Kulisse ist karg: Das Publikum hat sich locker um und auf den massiven Waschmaschinenblock mitten im Raum platziert. Unmittelbar davor, direkt auf der Fensterbank, treten die Akteure auf. Für die Bildtechnik ist eine einfache Videokamera zuständig, das Stativ mit Klebeband auf einem der Waschautomaten befestigt. Der Eintritt ist frei.

Nightwash, das ist reinster und feinster Eventminimalismus. Die Stimmung im Licht der Neondeckenlampen ist eine Mischung aus überfülltem Soziologieseminar und Flughafenwartehalle. Die Stimmung ist gut.

Knacki50_800Was momentan Klaus-Jürgen „Knacki“ Deuser zu verdanken ist, dem Moderator und Erfinder von Nightwash. „Wer ist Student?“ fragt er in die Runde. Einen sich outenden Sonderpädagogiker tröstet er: „Irgendeiner muss ja die ganzen Lehrer ausbilden.“

Wer das Glück hatte, bis etwa zwei Stunden vor Programmbeginn noch einen der Stühle vor den Maschinen zu ergattern, hat jetzt ein Problem. Denn Deuser ist ein überzeugter Verfechter von Publikumsnähe. Gnadenlos zieht er über den „modischen Pulli“ eines mutmaßlichen Chemie-Studenten vor ihm her, wohl „beim letzten Experiment selbst gefärbt“, man könne bestimmt den pH-Wert drauf ablesen. Überhaupt, all die Studenten hier. „So viele junge Leute, das hat man doch zum letzten Mal in der JVA Siegburg gesehen.“

Das Besondere an Nightwash ist die Authentizität. Vor den zunehmend beschlagenden Scheiben werden schemenhaft die Umrisse eines haltenden Straßenbahnzuges sichtbar. Eine müde aussehende Hausfrau holt ihre Wäsche aus dem Trockner, auf dessen Gehäuse bereits Bierflaschen stehen.

Trockner42_800Derweil lamentiert der erste Gast des Abends, Johannes Flöck, über die Strapazen des Älterwerdens. Selbst sein alter TBC (Tabak, Bier, Currywurst)-Freund Klaus sei mittlerweile zu gesunder Bionade konvertiert – weil keine Konservierungsstoffe drin seien. Flöck kann’s nicht glauben: „Wir sind jetzt in dem Alter, in dem wir jeden Konservierungsstoff brauchen!“

Immer noch drängen Besucher in den überfüllten Raum. Hinter der Glasfront herrscht jetzt – haha – eine Atmosphäre wie in der Waschküche. Puh, stöhnt der Gast. Wohin nur mit der Jacke? Gut, dass es so viele leere Waschtrommeln gibt, die sich zur Instant-Garderobe umfunktionieren lassen. Die Jungs da vorne leben schließlich auch vom Improvisieren.

Salon68_800Nach Flöck ist Markus Barth an der Reihe, der heimatvertriebene Bamberger: „Ich konnte das R nicht rollen.“ Ohnehin hatte er sich in der kleinen Metzgersfamilie seiner Kindheit nie allzu heimisch gefühlt. Als sein Bruder den Eltern gestand, Vegetarier zu sein, nutzte Barth die Gelegenheit, seiner Familie die eigene Homosexualität zu beichten. „Egal“, brüllte der Vater verzweifelt zurück, während er an seinem anderen Sohn mit zwei Weißwürsten einen Exorzismus durchführte, „dein Bruder ißt kein Fleisch mehr!“

Dann ist endgültig Schluss mit Political Correctness. Die Bühne betritt Motombo Umbokko alias Dave Davis. Der lautstarke Applaus zu seiner Begrüßung zeigt, dass er am Rhein längst eine feste Fangemeinde hat.

Als Toilettenmann bei McDonalds ausstaffiert, spielt der nach eigener Darstellung „Maximalpigmentierte“ geschickt mit Vorurteilen und schlechtem Gewissen seines deutschen Publikums. „Isch mag weiße Leute, ne.“ Sein gekonnt tumbes Dauergrinsen und holprig-hintergründiges Asylbewerbersprech würden einen Saal auch dann im Nu zum Brodeln bringen, wenn die Luftfeuchtigkeit nicht so hoch wäre wie hier.

Motombo79_800Toilettendienst sei immer noch besser als Hartz IV, sinniert Motombo, wobei sich der Begriff bei ihm eher wie „Hass vier“ anhört. Erst vergangene Woche sei in seiner Toilette ein Deutscher depressiv geworden, „wege Hass vier“, und habe sich die Pulsadern aufgeschnitten. „Jetze hat er offene Stelle!“ Das Publikum quietscht vor Vergnügen; erst recht, als der Mann auf der Bühne beim Schildern einer Szene in einem bayerischen Einwohnermeldeamt unvermittelt in perfektem Beamten-Bairisch lospoltert. Nur um wieder nahtlos auf seinen Afro-Singsang umzuschalten: „Wer musse hier Deutschkurs mache?“

Mit dem Lied „Kiliman Joe“ (Download als MP3 hier) verabschiedet sich der Höhepunkt des Abends. „Das war die Rache des schwarzen Mannes“, bilanziert Knacki Deuser und ruft noch eine Warnung hinterher: „Pass auf, dass De Höhner das Lied nicht hören!“

Munter geht das Programm voran, eine den Sportunterricht ihrer Jugend parodierende Ramona Schukraft und zum Schluss noch einmal Johannes Flöck – eingesprungen für einen erkrankten Kollegen – lassen den komödiantischen Schleudergang locker ausklingen. Ein letztes Mal darf Flöck über den 40. Geburtstag weinen, „wenn Happy und Birthday getrennte Wege gehen“. Und in der U-Bahn plötzlich Kinder artig aufstehen: „Möchten Sie sich setzen?“ – „Nein! Ich möchte dir wehtun!“

Buegelschild14_800Nach anderthalb abwechslungsreichen Stunden ist Schicht im Salon. Die Besucher drängen auf den Bürgersteig. Zurück bleiben nur die Bierflaschen auf den Waschmaschinen – „so finanzieren wir uns“, behauptet Knacki Deusler noch allen Unernstes.

So viel Spaß, live und ohne Eintrittsgeld – dass es das noch gibt. Wie gesagt, der Kontrast zum Abend davor war groß. Um so weniger Probleme hatte der neu in die Region gezogene Blogger mit dem Verstehen und Amüsieren. Es ist halt doch oft sinnvoll, erstmal klein anzufangen.

Das Schönste zum Schluss: Für eine Nachtwäsche muss man nicht mal nach Köln fahren. Volle drei Tage lang, vom 26. bis 28. Februar, gastiert die Show ohne Schonwaschgang im Aachener Jakobshof. Sauber.

Neues vom Karneval (1)

Sonntag, 20.14 Uhr: Mit dem Laptop auf den Knien und dem Ersten Programm im Fernsehen sitzt der Neu-Aachener gespannt auf dem Sofa. Auf dem Schirm: die AKV-Ordensverleihung. „Einmal musst du das gesehen haben“, hieß es aus dem Freundeskreis. „Sonst wirst du nie richtig ankommen hier.“ Die Frage des Tages lautet also: Springt der karnevalistische Funke auch auf Nicht-Öcher über? Protokoll eines Selbstversuchs.

20.15 Uhr. Anpfiff, äh, Anfang. Vor der Bühnenkulisse, offenbar eine Mischung aus Ponttor und Quellenhof, hüpfen diverse Damen zu launiger Musik. Allerdings scheinen die Handwerker mit der Deko nicht rechtzeitigfertig geworden zu sein. Während die Funkenmariechen ihre Beine werfen, wuselt diverses Volk mit Leitern und Kabeltrommeln zwischen ihnen herum. Ist das gewollt? Jetzt fallen sie hin, alle. Muss gewollt gewesen sein. Bestimmt.

20.18 Uhr. Das erste Tätää des Abends. Vor einer Kulisse aus Tänzerinnen mit etwas starrem Grinsen begrüßt der Moderator – das wird AKV-Chef Horst Wollgarten sein – die Menge und kündigt ihre Durchlaucht an. Pickelbehaubte Uniformträger strömen auf die Bühne. Man muss ja nicht alles verstehen, ich werde einfach mal das Geschehen auf mich wirken lassen.

20.21 Uhr. Böses Foul in der 6. Minute: Jemand schwenkt einen Schal von Bayern München. Schiri Wollgarten lässt weiterspielen. „Die Bayern waren dreimal hier, wir haben sie dreimal geschlagen. Kein Problem.“ Es kann jetzt nur noch wenige Minuten dauern, bis der karnevalistische Funke auch auf mich überspringt.

20.24 Uhr. Der erste Höhepunkt des Abends: Wollgarten bittet „Exzellenzen und Hofberichterstatter“ (endlich behandelt jemand uns Blogger mal so, wie es uns gebührt), sich zu erheben: Die Sänfte der Fürstin schwebt ein. Ein dreifaches Oche Alaaf begrüßt sie. Schade, früher war ihre Frisur interessanter. Dennoch ist sie ganz natürlich geblieben. Nichts Durchlaucht – „ich bin die Gloria“. Zum Dank für soviel Volksnähe wird die Öcher Version von „Glory Halleluja“ intoniert. Nach neun in Bielefeld verlebten Jahren kann ich nicht umhin, einen gewissen Unterschied im Selbstbewusstsein von Westfalen und Rheinländern festzustellen.

Und erst die Prominenz im Saal. Der Saaldiener – Jürgen Beckers, verrät mir mein Script – begrüßt sie einzeln: Constantin Freiherr von Heeremann, Hans-Dietrich Genscher (oh, ist der dünn geworden), der ehemalige „Leiter der FDP-Krabbelgruppe“ Guido Westerwelle. Friedrich Merz, Heide Simonis. Fehlen eigentlich nur noch Andrea Ypsilanti und Roland Koch, aber die müssen ja gar nicht mehr ins Fernsehen, die waren heute schon drin.

20.32 Uhr. Eine Art getanztes Rokkoko-Menuett endet in Puncto Bekleidung als etwas, das Mozart sicher gerne auf einer Beachparty gehabt hätte.

20.34 Uhr. Prominenz, Prominenz. Das Begrüßen geht weiter. Nach welcher Reihenfolge die Gäste wohl geordnet sind? Diesmal sind dran: Doktor Jürgen Rüttgers mit der Frau, mit der er verheiratet ist: seiner eigenen (wieder so eine Anspielung, die ich nicht verstehe). Armin Laschet. Jürgen Linden. Hübscher Hut.

20.40 Uhr.
Wo sind die Videotext-Untertitel auf Tafel 352, wenn man sie braucht? Rotbeschürzte Gestalten singen Öcher Platt, was für einen Oldenburger etwa so verständlich ist wie Baschkirisch. Erst beim Refrain bin ich wieder an Bord: „Lalaaaa, lalalalala lala…“ Das gefällt mir an Aachen – man ist ja doch schnell sozialisiert.

Immerhin eins verrät der Videotext: Die Sendung geht bis 23 Uhr. Also noch genug Zeit für den karnevalistischen Funken.

20.45 Uhr. Huch, was will der denn da? Guido Westerwelle steht auf der Bühne, mit Rosenstrauß (natürlich gelb) (die Rosen). „Ich bin heute Abend verabredet. Mit einer Frau.“ Großes Hallo im Saal. „Es ist nicht so, wie Ihr denkt.“ Es folgt ein Hausfreund-Bonmot, das ich schon mal irgendwo gehört habe, ist aber schon lange her. Kommen am Ende noch Turnwitze und Taxi-Scherze? Nein, es geht gegen Angela und die Große Koalition, die ja eher eine „schlagende Verbindung“ sei. Tätä, tätä. Es gibt Gründe, warum man die Politik den Politikern und das Kabarett den Kabarettisten überlassen sollte. Was Westerwelle nicht davon abhält, sich als Fan von Radio Eriwan zu outen. Gregor Gysi habe auf die Frage, ob man den Sozialismus in der Schweiz einführen könnte, geantwortet: „Im Prinzip ja, aber es wäre doch schade um das schöne Land.“ Warten wir einfach, bis der Kalte Krieg vorbei ist, dann springt der Karnevalsfunke sicher umso besser über. Guido ist mittlerweile in der Gegenwart angekommen: „Kennen Sie den Unterschied zwischen Wolfgang Schäuble und einem Arzt? – Beim Arzt merken Sie, wenn sie abgehört werden.“ Tätä. Was sagt er jetzt? Er will was mit Heidi Klum anfangen? Ich kann nicht mehr folgen.

20.59 Uhr. Ich verstehe wieder etwas. Gitta Haller erklärt den Klenkes-Gruß. Unterbrochen wird sie von einem herbeispazierenden Brunnen mit Frosch, den sie umgehend wieder von der Bühne scheucht. Schade, gerade habe ich gedacht, ich komme einigermaßen mit.

21.20 Uhr. Nach diversem karnevalistischen Ritual ist wieder der Saaldiener dran. „We are frecking for Happiness“, begrüßt er den US-Botschafter John Kornblum. Noch mehr Gäste, noch mehr Öcher Platt. Thomas Bohrer. Wendelin Wiedeking. Joachim Hunold. Prinz Charles und Camilla. Nein, halt, die gehören zum Programm. Sie singen einen „Song against Earnest“. Zur Melodie von „Yellow Submarine“ heißt es „Ick bin die Blüte von Englands Monarkie“. Mir ist neu, dass man auch tief im Binnenland seekrank werden kann.

21.37 Uhr. Auftritt der Prinzengarde. Das Tanzpaar demonstriert Spagat. Sieht schmerzhaft aus.

21.52 Uhr. Endlich, die Erlösung. Jürgen Beckers macht ihn, den Turn-und-Taxi-Witz: „Ich turn für die Taxis, weil es hier Praxis / ist…“. Gut, jetzt haben wir’s hinter uns.

21.55 Uhr. Auftritt Josef, Jupp und Jüppchen. Jüppchen berichtet, wie er im Ägyptenurlaub mit seiner neuen, Zitat, Genitalkamera Fotos gemacht hat. Es wird wohl doch noch eine Weile dauern, bis ich in Aachen angekommen bin.

22.10 Uhr. Uh, die kulturelle Kluft vergrößert sich noch weiter. Auf der Bühne platteln die Vorderhüttn- Holzhackerbuam. Ein Geschenk für Gloria, so heißt es.

22.16 Uhr. Die Laudatio. Gesprochen von Postillon Joachim Hunold. Nun ja, was bleibt ihm übrig.

22.27 Uhr. Ah, Musik aus meiner Jugend. Das Lied „Gloria“.

22.32 Uhr. Da ist sie, die Ordensritterin: Gloria von Thurn und Taxis. Überraschenderweise ist sie eine Überraschung. Sie spricht frei, locker, witzig. Sie röhrt, sie rockt, sie imitiert Stoiber: „Ganz Bayern eine riesige Wirtschaftskraft. Das hat der durch Aktenfressen geschafft.“ Und hat sichtlich Spaß bei der Sache. „Was Bayern fehlt, ich verkünde es klar: Edmund? Nein, Glanz und Gloria!“ Auch Merkel kriegt ihr Fett weg: „Wirtschaftsboom und Aufschwung nun – und alles, ohne irgendwas zu tun.“ Schließlich erklärt sie noch, wie das damals gemeint war, ihre Äußerung mit dem Schnackseln. In Wahrheit habe sie gemeint: „Der Schwarze kraxelt halt gern! Kraxeln heißt klettern, jetzt habt ihr Ruh‘. Und ein Schwarzer – ist von der CSU“. Einmal richtig in Fahrt, singt sie auch noch. „Karneval, endlich ist Karneval! Jeder sagt und macht heut, was er will.“ Die Fürstin ist ein Show-Talent. Respekt.

Zur Belohnung bekommt sie nach ihrer Rede eine Art Bild aus printenähnlichem Material sowie die Öcher Karnevalskappe, die erst runterfällt, dann wieder aufgesetzt wird, gleich danach nochmal runterfällt, wieder aufgesetzt wird, aber offenbar verkehrt herum, deshalb noch einmal abgenommen und erneut aufgesetzt wird. Muss gewollt gewesen sein. Bestimmt.

22.57 Uhr. Die Veranstaltung neigt sich dem Ende zu. Auf der Bühne schneit es Konfetti. Menschen tanzen Samba. Samba? Samba.

23.00 Uhr. Tom Buhrow läutet die Tagesthemen ein. Irgendwo zwischen Jülicher Straße und Adalbertsteinweg sitzt ein Neu-Aachener auf seinem Sofa, ein Laptop auf den Knien. Eins ist ihm klar: Er hat noch einen weiten Weg vor sich.

Oh Golden Seventies

„Franz Mersdonk und Günther Willers. Und Ihre Maschinen. 320 PS. Sie fahren Terminfracht in aller Herren Länder. Auf sie ist Verlass…“

(Netter Kommentar unter dem Video: „Geile Serie, am besten ist die Ansage im Vorspann… „Auf sie ist verlass“ andauernt sind die Trucks geklaut, oder die beiden sind im Bau oder lassen sich verarschen…“)

Ach ja, damals. Das waren noch Zeiten. Hier noch ein dazu passender Artikel auf einestages.de über die CB-Funk-Kultur aus den Siebzigern: „Als die Antennen qualmten„.
Wer Durst hatte, trank ein „Modulations-Wässerchen“ oder ein Bier aus der „Braunschen Röhre“, wer müde war, ging auf seine „zwei Meter“. Zuweilen verdrückte sich einer auf die „45 cm oval“. Und ging ein Gespräch zu Ende, wünschte man sich, gemäß altem Funker-Kode, „55“ (viel Erfolg) und sendete „73“ (alles Gute) – oder aber, geheimnisvoller, „64 plus/minus 9“, was aufs selbe herauskommt.

Geheimsprache, was? ROFL.

[Und Dank an boert für den Auf-Achse-Link. Hier mehr zur Sendung.]

[Update am 2. Mai 2013: Video-Link aktualisiert.]