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Schottland, die dritte

Im August 2009 kommt der Moorbraune zum dritten Mal in das Land, für dessen Besuch ich ihn einst, 1993, gekauft hatte: nach Schottland. Kreuz und quer durch die Highlands waren wir damals gefahren, während des Studienjahres in Glasgow und bei einer zweiten Reise im September 1995. Kreuz und quer – nur in eine Ecke nicht. Das wollte ich jetzt, 2009, nachholen: Es ging in den äußersten Nordwesten der britischen Insel – bis zum Cape Wrath.

Aachen, Dienstag, 18. August 2009. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen. Vorne sind neue Stoßdämpfer von Wolfi eingebaut, im Fünfganggetriebe gluckert frisches Öl, die Ventile sind eingestellt, der Auspuff ist neu ausgerichtet, der Endtopf gewechselt, ein neues Radio eingebaut, eine blinkende neue Kühlermaske ist montiert, der Tacho auf den relativ korrekten Stand von 324.085 km eingestellt und der Lack hat eine Nano-Politur feinster Güte bekommen.

Schottland. Wir waren schon zweimal da, der Benz und ich. Einmal von September 1993 bis Juli 1994 für das Studienjahr in Glasgow – den Wagen hatte ich damals gerade erst gekauft. Dann, mit einem Jahr Abstand, noch einmal für einen Kurztrip im September 1995, mit dem frisch eingebautem (ersten) Dieselmotor.

Es war ein anderes Leben damals: Ich als Student der Rechtswissenschaften mit wachsender Unsicherheit in Bezug auf die Studienfachwahl. Der Benz als spürbar aus der Zeit fallendes, überteures Prestigemobil, überall wachsende Irritation in Bezug auf die Lackfarbe erzeugend.

Beim zweiten Besuch, 1995, war das Coupé mit é 14 Jahre alt. Jetzt, 2009, ist es 28 – also genau doppelt so alt wie damals. Seinerzeit hatte ich keinerlei Bedenken, mit ihm die Highlands unsicher zu machen – ein Mercedes mit 180.000 Kilometern auf der Uhr ist bekanntlich gerade einmal eingefahren. Aber wie gut wird er heute zu Fuß sein? Zwar sind seit der Wiedererweckung 2005 – nach knapp vierjährigem Dornröschenschlaf – reichlich Geld und Ersatzteile in die Restaurierung geflossen. Aber was kann nicht alles kaputtgehen zwischen Dover und Cape Wrath?

Dienstags, 8.15 Uhr. Wir verlassen Aachen – der Benz, die Beifahrerin und ich, der sich seine nagenden Zweifel nicht anmerken lässt, ob es mit der statistischen Wahrscheinlichkeit eines Defekts alle 1 Million Kilometer noch hinhaut, mit der Mercedes seine Dieselmodelle vor 30 Jahren beworben hat.

Doch die Reise verläuft völlig problemlos. Jedenfalls in der ersten Stunde. Nach 150 Kilometern auf dem Brüsseler Ring stehen wir allerdings im berühmten Brüsseler Ringstau. So etwas ist dann besonders unangenehm, wenn man weiß, dass die Zwölf-Uhr-Fähre darauf keine Rücksicht nehmen wird. Außerdem sind moderne Navigationsgeräte (zum Beispiel „Knubbel“, mein geliebtes Garmin i3 von 2001) in der Lage, jede neue Minute Verzögerung bei der Ankunftszeit in Dünkirchen genau anzuzeigen. Gottseidank, hinter Brüssel löst sich der Stau auf. Nur um auf der A18, der flandrischen Küstenautobahn, wieder einzusetzen. Wir quälen uns in dickem Verkehr nach Westen und ignorieren Ortsnamen wie De Panne.

Es reicht nicht. Es kann auch nicht reichen. Trotz Sprints auf dem Zubringer zum Fährhafen (ein couragiert gefahrener 240 D kann in Kreisverkehren auf französischen Landstraßen durchaus die Reifen quietschen lassen), erreichen wir die Terminals zwar noch kurz vor dem Ablegen der Fähre um etwa zwei Minuten vor 12. Doch der Mitarbeiter der Fährgesellschaft schüttelt bedauernd den Kopf: Zum Einchecken seien wir leider zu spät. Immerhin, der Zöllner winkt uns anstandslos durch, nachdem er sich – im Ernst! – über den Dieselmotor im Coupé gewundert hat.

Der Bug der Fähre ist immer noch hochgeklappt. Sollte am Ende…?

Der Diesel brüllt auf und stürmt mit der Wut der Verzweiflung die Rampe hoch. Metallplatten poltern. Ein überraschter Einweiser zeigt auf die dritte Spur von rechts. Hinter einem Wohnmobil kommt der Benz zum Stehen. Motor aus. In der plötzlichen Stille senken heulende Elektromotoren den Bug der Fähre ab. Einen glücklichen Moment lang ist die Zufriedenheit von Auto und Insassen deutlich zu spüren.

Willkommen an Bord. Nächstes Mal bitte nicht so knapp.
Willkommen an Bord. Nächstes Mal bitte nicht so knapp.

Alea iacta est. Wir sind auf See.

European Roundabout - always drive on the right side oft the road
European Roundabout – always drive on the right side oft the road

Im Duty-Free-Shop auf dem Schiff gibt es neben günstigem Single Malt auch diese originellen Aufkleber für den britischen Autofahrer zu kaufen. Für nur 3,49 Pfund die Gewissheit, in kontinentalen Kreisverkehren immer richtig („right“) abzubiegen – wenn das nicht sein Geld wert ist!

Zwei Stunden lang dauert die Überfahrt, dann rollt das schokoladigste Dieselcoupé westlich des Urals zum dritten Mal auf britischen Boden. Was für ein schönes Gefühl, nach so vielen Jahren zurückzukehren – „dreimal ist Oldenburger Recht“, sagt man da, wo ich herkomme. Erstaunlich unproblematisch wuseln wir uns durch örtliche Links- und Kreisverkehre. Dann geht’s auch schon auf die Autobahn, Richtung Norden. Bloß: Was ist mit Knubbel los? Der kugelförmige Wegweiser an der Windschutzscheibe scheint keine Satellitenverbindung zu bekommen, leitet uns durch Niemandsland. Siedend heiß fällt mir ein: Er hat zwar die Straßenkarten für Kontinentaleuropa im Speicher. Doch seit der Spanienfahrt mit dem Motorrad 2008 ist dort zwar Südeuropa geladen, nicht Großbritannien. Ohne Navi durch fünf Länder? Ist so etwas im Jahr 2009 überhaupt noch erlaubt?

Das Handy hilft. Mein HTC Orbit hat eine TomTom-Navigation installiert, die zwar eigentlich nur Deutschland, Österreich und die Schweiz kann, vom Rest Europas aber auch die Hautpstraßen verinnerlicht hat. Was später im Fall des ausgedünnten schottischen Straßennetzes heißen wird, dass praktisch jede noch so sekundäre Single Track Road vermerkt ist. Wäre TomTom wohl zu peinlich geworden, nördlich von Gretna Green nur noch Heideland zeigen zu können.

Über Englands grüne Hügel kommen wir flott voran. Um den Brüssel-Effekt zu vermeiden, umfahren wir London weiträumig und ziehen ein gutes Stück weiter östlich auf der A1 an Cambridge und Peterborough vorbei. Das funktioniert auch wunderbar – bis zu einem Nest namens Worksop, wo die Autobahn gesperrt ist und wir wieder mal in einem Stau landen. Es herrscht inzwischen Feierabendverkehr. Unendlich langsam quälen wir uns in einer Blechschlange durch eine Ortschaft nach der anderen. Wie weit kommen wir heute noch? Da ich in der vergangenen Nacht kaum geschlafen habe (das Packen und Erledigen letzter Dinge dauert irgendwie immer viel länger als geplant), bin ich inzwischen todmüde. Die Beifahrerin bucht mobiltelefonisch ein Zimmer in einem Hotel der Kette Travelodge in Sheffield. Eigentlich wollten wir ja überall nur in Bed & Breakfasts einkehren, schon des Geldes wegen.

Wir erreichen die Stadt am späten Abend. Ich bin inzwischen dermaßen fix und fertig, dass ich zweimal im Kreisverkehr rechtsherum abbiege. Upps. Schade, dass es auf der Fähre keine Roundabout-Aufkleber für Continental Drivers zu kaufen gab. Und schade, dass es ohne Navi und Stadtplan so unendlich lange dauert, in einer Riesenstadt wie Sheffield ein Hotel in einer Seitenstraße zu finden. Nach stundenlanger Suche in irgendwelchen Industriegebieten sind wir endlich da – und ich so erledigt wie selten. Schnell noch ein original englisches Abendbrot (also vom Take-Away-Chinesen), und ab in die Federn. 800 Straßenkilometer liegen hinter uns – das war ein kleines bisschen weiter als nötig.

Mittwoch, 19. August 2009, zweiter Tag. Ziemlich genau zwölf Stunden nach dem Einschlafen werden wir wach. Kurz vor der mittäglichen Schließung des angeschlossenen „Little Chef“-Schnellimbisslokals (einer ansonsten weitgehend verzichtbaren Imbisskette) ergattern wir noch ein original englisches Frühstück:

English Breakfast in Sheffield
English Breakfast in Sheffield

Der Eishockey-Puck da oben auf dem Teller ist übrigens Black Pudding, Blutwurst. Natürlich in der Pfanne frittiert, so wie die Würstchen, die Eier, die Tomaten, die Kartoffeln und die Toastbrotscheiben daneben. Heartburn, thy name is English cuisine.

Der nächste Teil der Strecke gestaltet sich überraschend malerisch: Der Peak District Nationalpark mit seinen Hochmooren und Wäldern erinnert schon ein wenig an Schottland. Die Beschilderung ist von, äh, britischer Zuvorkommenheit.

"Bitte verunfallen Sie hier."
„Bitte verunfallen Sie hier.“

„Bitte verunfallen Sie hier“ – das gibt es zu Hause in der Eifel nicht.

Schließlich erreichen wir wieder die Autobahn. Und auf ihr, einige Stunden später, endlich das Land der Pikten und Scoten.

Welcome... to... Scot... land...
Welcome… to… Scot… land…

„Welcome to Scotland“ – praktisch auf den Kilometer genau passt sich das bis dato eher heiter-sonnige Wetter dem Klischee an. Den berühmten Heiratsort Gretna Green passieren wir schon in bestem schottischen Gepladder.

In Town Slow Down
„In Town Slow Down“ – Verkehrsleitpoesie made in Scotland

Einzige Abwechslung auf dem Weg in die Metropole Glasgow sind die freundlichen Mahnungen der Autobahnschilder: „Please Use Seatbelts“ oder „In Town Slow Down“. Da hat man wenigstens was zu lesen, die Lowlands sind ja nicht sooo reich an Naturwundern.

In Glasgow schlagen wir unser Quartier wiederum in einem Travelodge auf. Es steht am Rande einer früheren Industriebrache am Ufer des Clyde, auf der inzwischen ein Vergnügungsviertel erblüht ist. Zu Essen gibt es heute nicht Chinesisch, sondern Mexikanisch. Dann ist auch Tag Zwei der Reise zu Ende. Da sind wir wieder, 14 Jahre später. Ob der Benz sich erinnert?

Donnerstag, 20. August, dritter Tag. Glasgow! Fast ein Jahr lang meine Heimatstadt. Damals noch mit deutlichen Spuren von Stahlkrise, Werftenkrise, Kohlekrise, hat sich die alte Dame am Clyde heute mächtig gemausert. Neubauten allüberall, moderne Geschäftsgebäude, Einkaufszentren. Ganze Stadtviertel erkenne ich nicht wieder.

Immerhin, der berühmte Willow Tea Room in der Sauchiehall Street ist noch da.

Der Willow Tea Room in der Sauchiehall Street
Der Willow Tea Room in der Sauchiehall Street

Gestaltet von Charles Rennie Mackintosh, Glasgows bekanntestem Jugendstilarchitekten, bietet die Galerie im Obergeschoss (und dem Room de Luxe darüber) mit seinem pastellfarbenen Interieur und dem typischen Mackintosh-Mobiliar eine einzigartige Atmosphäre – hier ist alles wie vor über hundert Jahren (wahrscheinlich inklusive der nervig brummenden Lüftung).

Scottish Breakfast in Glasgow
Scottish Breakfast: Arbroath Smokie

Und der Arbroath Smokie ist über jeden Tadel erhaben. So sieht ein schottisches Frühstück aus, liebe Leute von südlich der Grenze.

West George Street mit St. George's-Tron Church
West George Street mit Blick auf St. George’s-Tron Church

Damit im Bauch lässt sich gut die Stadt erkunden. Ein Blick die West George Street hinunter auf die St. George’s-Tron Church. Glasgows Mitte hat einen gitterartigen Grundriss.

Glasgow City Chambers
Glasgow City Chambers – das Rathaus einer Weltstadt

Die City Chambers am George Square – das Rathaus spiegelt den Anspruch der Stadt, nach London die Number Two in Queen Viktorias Empire zu sein…

Wir ham's ja.
In den City Chambers: Wir ham’s ja.

…auch im Inneren wieder. Und das ist nur eins von zwei Treppenhäusern. Im Zentrum des Platzes, benannt nach His Madness King George III, thront auf einer Säule –

Sir Walter Scott (links) und schottisches Wildgeflügel
Im Blick des Nationaldichters: Sir Walter Scott (links) und schottisches Wildgeflügel

genau, nicht der König, sondern Schottlands Nationaldichter Sir Walter Scott (links, der mit dem nachdenklichem Blick). Die Hannoveraner Königsfamilie war zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Platzes nämlich gerade ähnlich populär wie ihre Nachfahren unmittelbar nach dem Unfalltod einer gewissen Diana Spencer.

Strathclyde University - die beste von Glasgows vielen Unis
Strathclyde University – die beste von Glasgows vielen Unis

Mein alter Campus: Strathclyde University. In einer siebeneinhalb Quadratmeter, ähm, großen Studentenzelle in der Wohnanlage Birkbeck Court habe ich von Oktober 1993 bis Juni 1994 gehaust gelebt. Und jeden Tag Angst um den Benz gehabt, der, wann immer irgendwo ein paar Quadratmeter frei waren, verbotenerweise auf dem Campus übernachtete. Bis irgendwann ein freundlicher, aber bestimmter Brief der Verwaltung an den Eigentümer des „Brown Mercedes Car“ unterm Scheibenwischer klemmte: bitte fürderhin nicht mehr die Zufahrt zum „Lord Todd“ zuparken, dem Uni-Pub. Dessen Mitarbeiter sahen das kontinentale Sternmobil dagegen mit Wohlwollen – „it’s a man’s car“, sage einer von ihnen mal zu mir. Das entschädigte sogar für den an einem anderen Tag auf den staubigen Lack gemalten Spruch „RICH CUNT“, den ich mal besser unübersetzt lasse.

Zurück ins Jahr 2009. Wir beenden den Tag à la recherche du temps perdu mit einem letzten Bummel die Buchanan Street hinunter. Dabei wird natürlich nicht der Capucchino im immer noch wunderschönen Jugendstil-Einkaufszentrum Princes Square vergessen.

Princes Square
Princes Square, Blick ins verglaste Atrium

Zurück ins Hotel. Nach dem englischem Abendbrot und Frühstück des Vortags und dem schottischen Brunch heute Morgen ist uns jetzt natürlich nach… ach ja, Mexikanisch. Denn das ist das einzige Restaurant, das abends in Hotelnähe noch aufhat.

Freitag, 21. August 2009, vierter Tag. Zeit, die Stadt zu verlassen. Und zwar wie vor 15 Jahren über die Great Western Road, die A 82, die uns über die Vororte Drumchapel, Clydebank, Old Kilpatrick und Dumbarton…

Am Loch Lomond
By yon bonnie banks and by yon bonnie braes,
Where the sun shines bright on Loch Lomond…

…an die Ufer des vielbesungenen Loch Lomond führt, Schottlands zwar nicht größtem Binnensee (das ist der Loch Ness), dafür aber angeblich dem schönsten des Landes.

Wie perfekt sich der Moorbraune seiner Umgebung anpasst!
Finde den Diesel: Unauffällig verschmilzt der Moorbraune mit der Landschaft

Das „Ben Lomond“, eine urige Kneipe in einer ehemaligen kleinen Kirche, lädt zum Frühstück ein. Auf dem Parkplatz beweist der Moorbraune, wie perfekt er sich auch nach all den Jahren noch den örtlichen Gegebenheiten anpassen kann.

Bei Tarbet verlassen wir Loch Lomand und A 82, um nach Westen auf die A 83 abzubiegen. Sie folgt dem Nordausläufer des Loch Long und steigt schließlich das Glen Croe zum Rest-and-be-thankful-Pass auf.

Rest-and-be-thankful
Am Rest-and-be-thankful-Pass – Blick ins Glen Croe

Seinen schönen Namen verdankt er den Soldaten, die Ende des 18. Jahrhunderts die ursprüngliche Militärstraße durch die Berge bauten. Sie ist hier im Bild noch unterhalb der modernen Landstraße zu sehen.

Schottisch-englisches Kulturgut
Schottisch-englisches Kulturgut in Inveraray

Dann geht es wieder bergab in Richtung Küste. Etwa hundert Straßenkilometer von Glasgow entfernt liegt Inveraray. Das schmucke, ebenfalls gegen Ende des 18. Jahrhunderts neu angelegte Zentrum der Argyll-Region, ist mit seiner weißen Seefassade am Ufer des Loch Fyne ein architektonisches Schmuckstück. Der fünfte Duke of Argyll ließ das Städtchen vom Architekten Robert Mylne buchstäblich am Reißbrett entwerfen und verwirklichen.

Inveraray Castle
Inveraray Castle

Hauptattraktion sind ein original georgianisches Gefängnis und Inveraray Castle, das Schloss der Herzöge von Argyll, ein Sproß des mächtigen, wenn auch nicht bei jedem beliebten Clans der Campbells. Nicht alle Herrschaftssitze des Landes sind in so schöner Verfassung.

Kilchurn Castle
Kilchurn Castle, von der A85 aus gesehen

Zu spät gesehen und gerade noch aus dem Autofenster fotografiert: Kilchurn Castle am Nordende des Loch Awe – wohnen möchte man da nicht, aber was für eine Prachtruine!

Kurvenfahrt
Kurvenfahrt – der Diesel tobt durch die Highlands

Das Leben ist eine Landstraße. Begeistert jagt der Diesel durch das Land der Glens und Bens. Schließlich erreichen wir Loch Linnhe, sozusagen die südliche Verlängerung des quer durchs Land verlaufenden Loch Ness.

Castle Stalker, das Schloss von Aaaargh
Castle Stalker, das Schloss von Aaaargh in den „Rittern der Kokosnuss“

Castle Stalker auf seiner kleinen Insel dort zählt zu den am hübschesten gelegenen Burgen Schottlands. Dass der malerische Turmbau als „Schloss von Aaaargh“ in der Schlussszene von Monty Pythons Rittern der Kokosnuss auftaucht, darf man in romantischen Momenten touristischer Zweisamkeit aber auch unerwähnt lassen.

Über Fort William, den Loch Lochy (heißt wirklich so!) und Fort Augustus erreichen wir endlich den ach so legendären Loch Ness. Hätten sich die findigen Leute von Drumnadrochit nicht den Gag mit dem Ungeheuer ausgedacht, müssten sie Werbung damit machen, am langweiligsten See Schottlands zu leben, und wer weiß, ob das den Tourismus genauso angekurbelt hätte.

Urquhart Castle
Urquhart Castle am Loch Ness

Ach ja, und es gibt da noch Urquhart Castle. Sollte es jemals geöffnet sein, wenn ich dran vorbeifahre, werde ich mit Freuden den gewiss horrenden Eintrittspreis latzen und es mir endlich mal angucken, ich schwöre. Ich rechne aber nicht damit, dass das je der Fall sein wird. Urquhart Castle hat immer geschlossen. Immer.

Der Rest des Abends vergeht mit erfolgloser Suche nach einem halbwegs bezahlbaren Bed & Breakfast in Inverness. Ich weiß schon, warum ich die Ostküste nicht mag: flach, teuer, leicht snobistisch und voller Schlipsträger. Golfspieler sehen das sicher anders, aber ich bin und bleibe ein West Coast Man, aye, Sir. Am Ende gebe ich mich geschlagen – es wird zum dritten Mal ein Travelodge. Im Vereinsheim des nahegelegenen „Fairways“ Golf Club gibt es ein Absackerbier.

Samstag, 22. August 2009, fünfter Tag. Frühstück serviert ebenfalls der Golf Club. Gegen Mittag (oh, warum kommt man eigentlich nie eher los?) geht es endlich aus Schottlands nördlichster Stadt hinaus, über die große Brücke über den Beauly Firth, die A 9 hoch und über den Cromarty Firth. Dort ist für uns das Zivilisationsgefühl auch schon wieder zu Ende, wir biegen links ab auf die buckelige (aber immerhin noch zweispurige) B 9176.

Blick auf den Dornoch Firth
Blick auf den Dornoch Firth – „Queen’s View“ sozusagen

Schließlich kommt der Dornoch Firth in Sicht – und in was für eine Sicht.

Heidehang
Oh, wie herrlich blüht die Heiiide….

Wir halten an einem Aussichtspunkt an. Ringsum erstreckt sich blühende Heide. Obwohl ich schon dreimal in Schottland war, sehe ich das berühmte Naturschauspiel zum ersten Mal in voller Pracht: Lila, soweit das Auge reicht. Am Rand des Gestrüpps ein niedergelegter Blumenstrauß – was wohl der Anlass sein mag?

Auch der Benz darf den Anblick genießen
Auch der Benz darf den Anblick genießen

Ein Stück hinter Bonar Bridge – die Straße heißt wieder A 836 – locken Schilder zum „Falls of Shin Visitor Centre„. Wenn ich unterwegs bin, ist Spontaneität angesagt: Also wird abgebogen. (Es ist für diesen Reisestil natürlich hilfreich, selbst am Steuer zu sitzen.)

Die Falls of Shin entpuppen sich als veritabler Wasserfall (wenn sie es auch nicht mit dem Niagarafall aufnehmen können). Was sie so besonders machen, sind die Lachse, die auf dem Weg zu ihren Laichgründen meterhoch aus den Stromschnellen springen.

Springender Lachs
Springender Lachs

Alle paar Minuten jumpt ein solcher Kaventsmann aus dem tosenden Wasser. Viele fallen zurück, probieren es wieder und wieder. Man kann sich kaum vorstellen, wie die Tiere gegen die stürzenden Wassermassen anschwimmen können. Und all das, weil ihr Instinkt sie den Fluss hinauf treibt. So etwas habe ich noch nie gesehen – das war den Abstecher absolut wert!

Crask
Crask. Say no more.

Bald dahinter wird es dann endlich einspurig. Und einsam. Wir sind im Sommer hier – wie mag es wohl im Winter aussehen? Ohne Landrover und ordentlich Brennholz ist man in dieser Gegend sicher aufgeschmissen.

Achtung, Lämmer auf der Straße
Achtung, Lämmer auf der Straße

Immerhin sind wir offensichtlich nicht die ersten Kontinentaltouristen in dieser Gegend…

Gegen 19 Uhr erreichen wir nach etwa 200 Kilometern Fahrt Durness an der Nordküste, das letzte größere Dorf vor dem Cape of Wrath.

Smoo Cave
Smoo Cave

Nach dem Einchecken in einem sehr netten B & B wandern wir zur örtlichen Attraktion, der Smoo Cave. Die Auflösung der Kamera ist leider nicht groß genug, um die Myriaden von Mücken zu erfassen, die uns dabei umschwirren. Auch diese typisch schottische Attraktion ist mir in ihrer ganzen Herrlichkeit bislang entgangen. Es ist unerträglich.

Wasserfall in der Smoo Cave
Ein Wasserfall in einer Höhle

In der rund 60 Meter langen, 15 Meter hohen und 40 Meter breiten Höhle stürzt der „Allt Smoo“ durch ein Loch in der Decke, in das der Räuber McMurdo angeblich seine Opfer stieß.

Sonntag, 23. August 2009, sechster Tag. Am Morgen fahren wir zum Fähranleger bei Keoldale, von dem aus uns ein Boot über den Kyle of Durness zum Cape Wrath bringen soll. Das Boot ist tatsächlich ein winziges Motorboot. Auf dem Schild am Fähranleger hat jemand, offenbar nach wiederholten Nachfragen, mit einem Edding aufgemalt: „Reason for small boat: very low tides“. Am anderen Ufer des Kyle erwartet uns ein rostiger Mercedes-Minibus, der uns unter launigen Erklärungen eines Führers durch eine völlig menschenleere Landschaft schaukelt. Rehe grasen friedlich neben dem Weg. Gut 18 Kilometer geht es durch die Heide, dann sind wir endlich da: Am Cape Wrath, dem nordwestlichsten Punkt Großbritanniens.

Leuchtturm am Cape Wrath
Leuchtturm am Cape Wrath

Der prächtige weißgestrichene Leuchtturm wurde 1828 von Robert Stevenson erbaut und war bis 1998 bemannt. Ansonsten gibt es hier nicht viel – in einem Raum kann man Kaffee und Snacks bekommen, doch alles wirkt eher ambulant. Die Frage nach dem Vorhandensein von Toiletten beantwortet der Guide mit einem fröhlichen „no, but we have a nice selection of walls“.

Marc am Cape
Erinnerungsfoto am Cape Wrath

So sieht es aus, das Ende der Welt (nordwestliche Kante). Unwirtliche Gegend. Wir irren eine Weile über die kargen Felsen, bis schließlich der Bus wieder abfährt. Auf der Rückfahrt sehen wir noch ein paar Robben, die sich auf einer Sandbank aalen.

Die A 838 bringt uns nach Südwesten, in Richtung des etwa 100 Kilometer entfernten Ullapool. Loch reiht sich an Loch – Loch Taebaidh, Loch Inchard, Lach a‘ Bhagh Ghainmich, Loch a‘ Bhadaid Daraich, Loch Dubhaird Mor, Loch Aillt na h-Airbhe, Loch a‘ Chairn Bhain, Loch Gleann Dubh. Was für eine herrlich dunkle und wohlklingende Sprache das Gälische ist.

Pausenplatzblick
Kein Rastplatz ohne überwältigend schöne Aussicht

Unterwegs bietet sich an einem Rastplatz entlang der North & West Highland Tourist Route dieses herrliche Panorama. Schottlands nördliche Westküste wird für mich immer eine der liebsten Ecken der Welt bleiben.

Ardvreck Castle
Ardvreck Castle, Heimstatt der MacLeods of Assynt

Und Burgruinen gibt es natürlich auch. Auf Ardvreck Castle lebten im 15. Jahrhundert die MacLeods of Assynt. Das Schloss soll von diversen Geistern bespukt werden, darunter die weinende Tochter eines MacLeod-Clanchefs, die sich im Loch Assynt ertränkte, nachdem ihr Vater sie mit dem Teufel verheiratet hatte, um seine Burg zu retten. Noch heute sollen Geister und geheimnisvolle Lichter in den Ruinen zu sehen sein und Autofahrer berichten von in der Nacht entgegenkommenden Scheinwerfern, zu denen kein Wagen gehört.

Am späten Nachmittag erreichen wir das Fischerdörfchen Ullapool, mit seinen gut 1300 Einwohnern so etwas wie die Metropole der nördlichen Westküste, denn danach kommt bis Durness rein gar nichts mehr. Die schwarz-weiß gestrichene Fähre „Isle of Lewis“ der Linie Caledonian MacBrayne verbindet das Festland mit den äußeren Hebriden. Nach Stornoway auf Lewis bin ich 1994 einmal gefahren, um die Doppelinsel auf einem gemieteten Mountainbike zu umradeln. Ein tolles Erlebnis. Heute parkt der Benz wieder auf der Uferstraße, auf der er auch damals drei Tage lang auf meine Rückkehr wartete.

Ullapool by night
Ullapool by Night

Im Fischrestaurant „The Chippy“ gibt es grandios gutes Seafood. Der Tag klingt mit einer Flasche 2007er Chardonnay aus. Soll keiner sagen, sie hätten keine Kultur da oben in den Highlands…

Montag, 24. August 2009, siebter Tag. Strahlende Sonne scheint ins Zimmer unseres Bed-and-Breakfast. Auf dem Loch Broom glitzert das Wasser. Draußen schwirrt ein Schwarm ausgelassener kleiner Vögel durch die blühenden Hecken, die den Parkplatz vom Strand abtrennen. Vor unseren Augen legt wieder die „Isle of Lewis“ ab.

Ullapool, Uferstraße
An dieser Straße hat der Benz schon 1994 gestanden

Auf der A 835 halten wir nach Süden. Das nächste Ziel wird einer der Höhepunkte der Reise: die Hebrideninsel Isle of Skye. Am Loch Glascarnoch geht es zunächst wieder ein Stück weit nach Osten.

Links fahren
Freundliche Erinnerung für kontinentale Schussel

Die Landschaft verändert sich, wird grüner, saftiger. Und touristischer, wie uns diese schildgewordene Ermahnung an einem Rastplatz verrät. Schließlich öffnet sich das Land zur Küste: Loch Shieldaig und Loch Torridon spiegeln das Blau des Himmels wieder. Dahinter: die offene See.

Fjordpanorama
Ein Panorama wie im Fjord – nur die Straßenseite ist die andere

Ein Stück hinter Shieldaig schließlich zweigt von der A 896 eine winzige unscheinbare Straße nach rechts ab. „Applecross 38“ steht drauf.

Kammberg
Der Prototyp eines Bergkamms

Das winzige einspurige Sträßchen folgt jeder kleinen Bodenwelle, umkurvt jeden Kiesel auf der Halbinsel Applecross, einer vom Rest des Landes ziemlich abgeschlossenen und der Isle of Skye zugewandten Gegend. Die einzige größere Niederlassung sind einige Häuser an der Hauptstraße, die zwar auf Landkarten als „Applecross“ verzeichnet sind, aber lokal nur „The Street“ genannt werden.

Blick von der Applecross-Halbinsel
Blick von der Applecross-Halbinsel auf Loch Torridon

Nachdem sie länger dem nordwestlichen Verlauf des Loch Torridon gefolgt ist, knickt die Straße an der Nordspitze der Halbinsel ab und folgt der Küstenlinie nach Süden. Dabei bietet sich ein herrlicher Blick auf die Inseln Skye (hinten) und die ihr vorgelagerte Inselkette aus Rona, Raasay, Fladday und Scalpay.

Blick auf Skye und Raasay
Blick auf Rona (vorne) und Skye (dahinter)

Die auf der Hinfahrt gepflückten Wildblumen in der Vase am Armaturenbrett weichen einem Gruß aus der Heide. So friedlich es hier auch aussieht, im Winter zeigen die Highlands ein anderes Gesicht. Ein Schild „Road normally impassable in wintry conditions“ zeugt davon.

Ein Gruß aus der Heide
Kleiner Gruß aus der Heide

Hinter Applecross, Verzeihung, hinter „The Street“, knickt die Straße wieder nach links ins Landesinnere ab und erklimmt den über 2000 Fuß hohen Bergrücken Bealach na Ba. Die Wikipedia weiß, dass diese Route lange als eine der schwierigsten Straßen Schottlands bekannt war. Der Diesel muss arg brüllen, bis er die letzte der engen Serpentinen heraufgekraxelt ist. Und sein Fahrer rührt mächtig im Getriebe.

Serpentinenblick vom Bealach na Ba
Blick auf die Serpentinen vom Bealach na Ba

Es folgen einige der beliebten Straßenwarnungen Großbritanniens:

Low gear now
Herunterschalten bitte
Steinschlagschild
Rolling Stones in zwei Meilen
Strome Ferry
Keine Fähre in Strome Ferry

Das untere Schild ist so etwas wie eine lokale Berühmtheit. Der britische Autor Iain Banks lässt es sogar in einem seiner Romane vorkommen.

Over the sea to skye...
„Carry the lad thats born to be king / O’er the sea to Skye…“

Schließlich taucht sie im Dunst auf auf, die mythenumwobene Insel Skye. Hierhin flüchtete der legendäre Bonnie Prince Charlie 1746, nachdem sein Jakobiteraufstand von den englischen Truppen bei Culloden niedergeschlagen worden war. Im Skye Boat Song wurde seine Flucht besungen:

Speed bonnie boat like a bird on the wing
„Onward“ the sailors cry
Carry the lad thats born to be king
Over the sea to Skye

Wir überqueren die neue Skye Bridge – als ich in den 90er Jahren zuletzt in Schottland war, fuhr hier noch Caledonian MacBrayne – und checken in Kyleakin in Mrs. Morrison’s B&B ein. Ein Stück weit die Uferstraße Kyleside herunter bietet ein Pub lärmende Unterhaltung für die Rucksacktouristen aus dem Backpacker’s – oh, war ich nicht selber mal als ein solcher hier, 1992 mit Interrail-Karte?

Einen letzten Punkt habe ich noch auf der Tagesordnung: einen Abstecher nach Elgol (gälisch: Ealaghol), einer dahingeworfenen Handvoll Häuschen rund um einen Anleger an der Westküste. Mit grandiosem Blick auf die Cuillin Hills, eine fast 1000 Meter hohe Gebirgskette. Ganz so einfach ist der kleine Abendausflug allerdings nicht: Es geht rund 35 Kilometer über eine sich windende Single Track Road an die Westküste, entsprechend langsam kommt man voran. Als wir schließlich die steilen Kurven zum Pier herunterkurbeln, geht die Sonne gerade im Nebel über den Cuillins unter.

Elgol
Auch ein Ende der Welt: Elgol

Dann geschieht etwas Wundervolles: Mit ihren letzten Strahlen setzt die Sonne den diesigen Himmel in Brand. Minutenlang lang sind der verregnete Pier, die Häuser von Elgol und die Bergkette auf der anderen Seite des Sunds in einen einzigartigen, flammend rot-goldenen Schein getaucht. Niemals habe ich so ein Licht gesehen. Diesen Moment werde ich nicht vergessen, so lange ich lebe.

Sonnenuntergang
Sonnenuntergang über den Cuillins

Wie verzaubert stehen wir da. Dann, von einer Sekunde auf die andere, ändert sich das Bild. Das Gelb der Sonne taucht hinter den Bergrücken ab, an den sich weiße Wolkenfetzen schmiegen. Es ist, als hätte jemand das Licht ausgeknipst – plötzlich ist es kalt und dunkel. Der Zauber ist vorüber, der magische Moment vorbei.

Ein weiteres Auto mit Touristen kommt über die Serpentinen herunter an den Pier gekurvt. Wenige Minuten zu spät – aber was ist ihnen entgangen! Zeit für uns, zu gehen. In kürzester Zeit wird es stockfinster. Den Rückweg müssen wir uns durch umherwandernde Herden von Schafen und Kühen erkämpfen.

Dienstag, 25. August 2009, achter Tag. Nun aber: Skye. Die größte der Hebrideninseln ist etwa 80 Kilometer hoch, 40 breit und so von Meerarmen zerklüftet, dass laut Reiseführer kein Ort auf ihr mehr als acht Kilometer vom Wasser entfernt ist.

Von Kyleakin fahren wir auf der A 87 über Broadford (ich werde immer an den leicht schmierigen Wirt denken müssen, der uns deutschen Studenten 1993 die Bedeutung von „Gherkins“ erklärte) bis zum Hauptort Portree, wo wir auf die A 887 abbiegen, die uns die Ostküste hinaufführt.

The Old Man of Storr
The Old Man of Storr

Die rund 50 Meter hohe Felsnadel Old Man of Storr hebt sich vor dem bewölkten Himmel ab. Das Wetter ist schottisch: Zwischen kleineren Regenschauern bricht immer wieder die Sonne durch. Alle vier Jahreszeiten an einem einzigen Tag, wie man so schön sagt.

Skye im Rückspiegel
Man möchte die Augen überall gleichzeitig haben

Und dann diese Namen: Skye wird vom Meer in mehrere Regionen unterteilt, die sich wie Finger einer Hand in die See ausstrecken: Sleat im Süden, Minginish im Südwesten, Duirinish im Nordwesten, Waternish im Nordnordwesten und Trotternish im Norden.

Am Kilt Rock
Ein Kilt mit Regenbogen – sieht es nicht so aus, als ob er…?

Am Kilt Rock etwas weiter nördlich drängeln sich die Touristen. Als kurz die Sonne herauskommt, schimmert dieser Regenbogen, öhm, in hohem Bogen durch die Luft.

Berge im Norden von Trotternish
In den Bergen im Norden von Trotternish

Schließlich schwenkt die Landstraße nach links, schneidet die Nordspitze von Trotternish ab und führt uns nach Duntulm an der Westküste.

Duntulm Castle
Duntulm Castle – oder was davon übrig ist

Dort liegt, auf einer steilen Klippe über dem Atlantik, Duntulm Castle aus dem 14. Jahrhundert – oder das, was vom einstigen Sitz der MacDonalds of Sleat noch übrig ist, die sich hier über Jahrhunderte mit den MacLeods über die Inselherrschaft stritten. Als die MacDonalds nach 1730 endlich die Oberhand hatten, gaben sie die Burg auf und bauten einige Meilen weiter südlich einen neuen Stammsitz. Wer sich einige Zeit gegen den tosenden Wind gestemmt hat – man muss tatsächlich weit vornübergebeugt laufen, um nicht umgeweht zu werden -, kann es ihnen nicht verübeln. Was müssen die armen Menschen gefroren haben in ihren ungeheizten Räumen…

Skye Museum of Island Life
Die Crofts des Skye Museum of Island Life

Einige Meilen weiter südlich zeigt das Skye Museum of Island Life, wie damals und bis vor noch gar nicht so langer Zeit die Menschen auf der Insel lebten: In solchen Crofts aus Natursteinen und Reet.

Das Grab von Flora MacDonald (hinten) auf dem Friedhof von Kilmuir
Das Grab von Flora MacDonald (hinten) auf dem Friedhof von Kilmuir

Auf dem Friedhof von Kilmuir daneben liegt das Grab der großen Flora MacDonald, die Bonnie Prince Charlie auf seiner Flucht das Leben rettete. 3000 Menschen sollen hier 1790 zu ihrer Beerdigung gekommen sein. Der berühmte Gelehrte und Schottlandreisende Dr. Samuel Johnson ließ später die Inschrift anbringen: „Her name will be mentioned in history / and if courage and fidelity be virtues / mentioned with honour“.

Kirchenruine
Cill Chriosd („Christuskirche“)

Auch Kirchen sind in der wechselvollen Geschichte Schottlands nicht sicher vor Zerstörung. Die Ruinen der Cill Chriosd oder „Christ Church“ an der Straße nach Broadford sind ein Beispiel. 1840 wurde das Gotteshaus aufgegeben, als in Broadford eine neue Kirche entstand. Auf dem Gelände liegen viele MacLeods begraben. An den Wänden der Kirche sind für mehrere Chiefs des Clans prächtige Epitaphe angebracht – etwa Norman, den 23. Chief (gestorben 1895) und Flora, die 28. Chefin (gestorben 1976).

Noch einmal die Cuillins
Noch einmal die Cuillins

Abends sind wir wieder bei Mrs. Morrison in Kyleakin. In einem Restaurant vor dem Ort genießen wir das originäre Essen des britischen Empires, nämlich die wundervolle indische Küche. Beim Essen überlegen wir: Ob wir noch einmal so einen herrlichen Sonnenuntergang über den Cuillin Hills erleben wie nach unserer Ankunft? Ein zweites Mal machen wir uns auf den gut 30 Kilometer langen einspurigen Weg hinunter nach Elgol. Keine Frage: Der Blick ist auch heute beeindruckend. Aber nichts, was sich mit gestern Abend vergleichen ließe.

Mittwoch, 26. August 2009, neunter Tag. Der Himmel ist trübe und es regnet, als wir Skye verlassen. Wenige Kilometer weiter den Loch Alsh hinauf wartet hinter dem Dorf Dornie das schottische Gegenstück zu Schloss Neuschwanstein: die wohl meistfotografierte Burg des Landes.

Eilean Donan Castle
Eilean Donan Castle

Eilean Donan Castle im Loch Duich, Stammsitz der Macraes, beim Jakobiteraufstand 1719 von drei englischen Fregatten zu Klump geschossen und erst nach 1911 von einem Macrae wieder aufgebaut. Unsterblich geworden als Kulisse in Filmen wie Highlander, Braveheart, Rob Roy und James Bond – Die Welt ist nicht genug.

Als ich 1992 als Rucksacktourist auf diesen Steinen herumkraxelte, war die größte Schwierigkeit, die Burg so zu fotografieren, dass auf den Fotos nicht die unmittelbar daneben verlaufende zweispurige Landstraße A 87 samt der Betonbrücke über den Loch auftauchte.

Das ist heute das kleinere Problem. Heute muss man sich verrenken, um nicht das ausgedehnte mehrstöckige Besucherzentrum ins Bild ragen zu lassen, das die Touristenhorden empfängt, die von Dutzenden teilweise ebenfalls mehrstöckiger Reisebusse angekarrt werden. Ich habe das Monstrum absichtlich nicht fotografiert. Im Inneren gibt es immerhin heißen Tee und eine kostenlose Spinnrad-Demonstration durch eine freundliche ältere Lady mit betörendem schottischen Akzent.

Dann setzen wir uns wieder ins Auto – und der Regen endgültig ein. „Heavy Rain and Flooding Forecast – drive with care“ warnt eine der verbreiteten Anzeigetafeln, und während der nächsten über 200 Kilometer durch die Highlands verlassen wir das Auto nicht mehr. Kurz vor Glasgow, das Wetter ist etwas aufgeklart, stoppen wir aber doch noch einmal im malerischen Örtchen Luss am Loch Lomond.

Luss am Loch Lomond
Luss am Loch Lomond

Fast jeder Brite kannte in den 80er-Jahren diese Häuser: als fiktives Örtchen Glendarroch in der Soap Opera „Take the High Road“ des Senders ITV. Selbst heute spielen einige Hausnamen noch auf die Glendarroch-Episode an. Sehenswert für Touristen ist – haha! – der Tourist Shop am Ortseingang: Mehr Kitsch und Krams rund um Tartan, Heide und Whisky sind kaum denkbar.

Kurz darauf erreichen wir Glasgow, wo uns ein weiteres Mal ein Travelodge-Hotel im Empfang nimmt. Als wir das Gepäck aus dem Moorbraunen laden, halten wir das Tier erst für einen Hund, das das zutraulich zwischen den Autos herumstromert.

Parkplatzfuchs
Zahmer Parkplatzfuchs

Es ist ein zahmer Fuchs. Wie wir später erfahren, sind die schlauen Rotröcke als Kulturfolger längst ein vertrauter Anblick in – nicht nur dieser – Großstadt. Wenn sie nicht gerade von neugierigen Menschen gefüttert werden, finden sie genug zu Essen in Mülltonnen.

Am nächsten Tag besuchen wir meinen Bloggerfreund Kurt und seine Freundin Grace. Beide sehe ich zum ersten Mal, nachdem wir diverse Mails gewechselt und miteinander telefoniert hatten. Kurt, der aus Aachen nach Glasgow ausgewandert ist, schreibt Geschichten aus seinem bewegten Leben in den Leserblogs von Aachener Zeitung/Aachener Nachrichten. Wir verstehen uns auf Anhieb.

Mit einem dicken Paket Reisproviant von Grace machen wir uns schließlich auf den über 600 Kilometer langen Weg nach Salisbury zu meinem Onkel Andy. Unterwegs erhaschen wir eine Prise britischen Nummernschildhumor.

M5 Eye
Ist es der CIA? Ist es der MI5? Nein, es ist das M5 Eye.
Gor6e
Ist es Gor5e? Oder Gor7e? Nein, es muss wohl Gor6e sein.

Am Abend treffen wir bei Andy und seiner Frau Pauline in Südengland ein. Zum ersten Mal sehe ich sein wunderhübsches Anwesen, genannt Bishop’s House („I guess a Mister Bishop used to live here“).

Bishop's House
Bishop’s House

Freitag, 28. August 2009, elfter Tag. Und weil wir schon mal in der Gegend sind, machen wir noch einen Besuch bei Englands berühmtesten vorzeitlichen Monument überhaupt: Stonehenge.

Stonehenge
Das ewige Rätsel Stonehenge: Wie konnten die Menschen vor so vielen Tausend Jahren solch riesige Steinblöcke ohne technische Hilfsmittel über solch gigantische Entfernungen herbeischaffen? [Antwort: Peitschen]
Diese Klötzchensammlung vorzustellen, spare ich mir jetzt einmal.

Von dort aus ist es nur ein Katzensprung von nicht einmal 40 Kilometern nach Southampton, wo meine Freundin Kerstin mit ihrem Mann James wohnt. Kerstin hat es nach Journalistikstudium in Leipzig und Volontariat bei der Neuen Westfälischen in Bielefeld als Pressesprecherin zur Polizei in die südenglische Hafenstadt verschlagen – eine erfrischend ungewöhnliche Journalistenkarriere also.

Samstag, 29. August 2009, zwölfter Tag. Nach einem Bummel durch die Innenstadt springen wir ins Auto. Die Schlussetappe: 150 Meilen bis Dover, davon ein Stück über den Londoner Ring. Doch wir kommen gut durch und sind diesmal mit einem beruhigenden Zeitpuffer auf der Fähre.

Und das war sie, die dritte Schottlandtour des Moorbraunen. An Entfernungen waren es laut Google Maps von Aachen nach Durness gut 1700 Kilometer und insgesamt bei der Rückkehr in Aachen mindestens 4026 Kilometer. Inklusive aller Umwege tippe ich auf etwa 4200 Kilometer in zwölf Tagen. Der Benz hat’s klaglos mitgemacht, wobei die Verbräuche auf den einsamen schottischen Landstraßen teilweise bei 6,5 Litern pendelten – immerhin mit zwei Personen und vollem Gepäck an Bord. Die Reichweite pro Tankfüllung überschritt dabei die 1000er-Marke. Ein 240 D mag nicht das stärkste und schnellste Reisemobil sein, aber er hat definitiv seine Vorteile.

Gestern noch nichts, heute ein Ziel

So kann es kommen. Da erzählen dir ein paar Leute, dass sie nach Schottland fahren werden oder nur mal irgendwann wollen. Einen Tag später wird in der Redaktion der Resturlaub verteilt, dir werden zwei Wochen im August zugeteilt… und plötzlich hast du eine Reise vor dir. Ein Ziel. So wie letztes Jahr San Sebastián.

Nur nördlicher diesmal. Schottland. Dreimal war ich da: 1992 mit Interrail, dann ein Jahr an der Uni von 1993 bis 94 und zuletzt nochmal die Rundreise 1995.

14 Jahre lang ist das her. Die ganze Zeit über war Schottland eine entfernte, wenn auch angenehme Erinnerung. Und plötzlich packt es mich wieder. Diese einsamen Highlands. Diese kurvigen Straßen. Single Track Roads. Lochs und Glens. Heide und Stein. Wasser und Himmel. Ruinen und Hinkelsteine. Die wunderbare Road to Applecross mit dem Blick auf die Isle of Skye. Und das unbekannte, leere Land nördlich von Ullapool, wo nichts mehr ist bis zum Cape Wrath.

Plötzlich sind 14 Jahre gerade gestern her. Wie habe ich das so lange ausgehalten?

Olle Kamellen

Seit ich das Blog angefangen habe, nehme ich mir vor, den großen Stapel Fotos einzuscannen, die noch aus der Zeit vor der richtigen Fotografie stammen. Es sind zwei Kartons voll.

Seltsam: Es ist inzwischen, als ob Abzüge auf Papier gar nicht mehr existierten. Wann nimmt man sich noch die Zeit, sich die Dutzenden von Umschlägen anzugucken, in denen jeweils ein Stapel Fotos mit fettigen Fingerabdrücken liegt, dessen Reihenfolge inzwischen längst durcheinandergeraten ist?

Heute bin ich die ersten der ganz, ganz alten Bilder durchgegangen und habe einige eingescannt:

– Fotos vom roten Corsaren, meinem 1991 gekauften ersten Auto (sofern man diesen Begriff denn auf das bisschen Blech und Plastik mit seiner lieblosen Verarbeitung und dem noch liebloseren Design anwenden möchte),

– die ersten Bilder vom Moorbraunen überhaupt, im Juni 1993 bei Dämmerlicht mit der Pocketknipse fürchterlich vergeigt, und

– eine erste Bildserie vom Schottlandjahr: Eine mehrtägige Fahrt auf die Isle of Skye vom Oktober 1993. Mit Burg und Highlandhügeln. Probe gefällig? Da:

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Link des Tages:
Wer sich nach den fiesen Fotos noch weiter gruseln möchte, lese diesen Artikel auf Spiegel Online. Kurz zusammengefasst: Die Ölpreise werden schon sehr bald weiter drastisch steigen, denn die Vorräte gehen viel schneller als erwartet zur Neige.

Aber das ist ja eigentlich auch eine olle Kamelle.

Mit dem Diesel nach Schottland

Nun sind wir also Selbstzünderpiloten. Der altertümliche Motor mit seinem schmuddeligen silbernen Kopf, dem lauten Nageln und heftigem Schütteln im Leerlauf kommt mir nach dem modernen, durchzugsstarken M102 mit seinem schicken schwarzen Zylinderkopf furchtbar primitiv vor.

Die traurige 160-Kilometer-Skala des neuen Tachos (der gar nicht in den Wagen gehört hätte, da ja das alte 3,58er-Differential dringeblieben ist) macht unmissverständlich klar, dass wir nun in einer anderen Liga spielen. Wobei es die Nadel nicht mal auf 140 schafft. Gut, möglicherweise stammt der Tacho von einem 200D mit 3,92er-Übersetzung, was natürlich eine massive Unter-Eilung erzeugt haben dürfte.

Zu allem Überfluss trinkt der neue alte Motor unglaubliche Mengen an Öl, was ich bei der ersten längeren Fahrt nach Berlin eher zufällig bei einem Tankstellenstop entdecke. Alle etwa 550 Kilometer ist ein neuer Liter fällig. Wollten wir nicht Geld sparen mit der neuen Maschine?

Neue Ölstutzen auf dem Ventildeckel und eine neue Dichtung unter demselben bringen ebensowenig Abhilfe wie eine neue Dichtung am Ölfiltergehäuse. K. knöpft mir für eine Motorwäsche, um den Fehler zu finden, 75 Mark ab.

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Trotz seiner Trinksitten geht es mit dem Wagen wieder einmal auf große Fahrt. Am 6. September (214.091 km) breche ich zur zweiten Schottlandreise auf.

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Dunottar Castle. Schottischer und burgiger geht’s kaum, Eilean Donan Castle vielleicht mal ausgenommen. (Aber das ist ja nur eine Filmkulisse.)

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Wilde Büffelherden durchstreiften einst die unendlichen Weiden der Highlands.

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Erst ein Kurzbesuch in Edinburgh (…215.459 km…) bei Petra, danach mit ihr eine größere Rundfahrt durch die Highlands.

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Schottische Schafe am Straßenrand.

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Noch so ein schottisches Schaf…

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…und noch so eine schottische Ruine.

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Strome Ferry, ein Ort, der es sogar zu einer Erwähnung in einem Roman von Iain Banks gebracht hat. Und das ohne Fähre.

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Typische Single Track Road. Für den alten Dieselmotor ist das ständige Auf und Ab natürlich eine Qual.

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Noch ein Fotohalt an der Westküste.

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Die „Road to Applecross“ vom Norden her auf die Isle of Skye zu bietet einen Anblick, der für immer zu den schönsten meines Lebens zählen wird.

Bei der Rückkehr in Osnabrück steht der Zähler auf 218.400 km. Viel Straße in wenig Tagen: rund 3.700 Kilometer.

Ein Jahr Glasgow, Teil II

Als ich im neuen Jahr 1994 nach Glasgow zurückkomme, habe ich eigens Blechkanister mit Valvoline-Öl dabei, weil ich diese Marke in der benötigten Viskosität trotz tagelangen Herumsuchens nirgendwo in Glasgow auftreiben konnte. Am Flughafen sucht der Zollbeamte auf den Kanistern vergeblich nach Anzeichen von Feuergefährlichkeit – das Zeug darf im Flieger mit ins Handgepäck.

Doch das neue Jahr beginnt schlecht. Am 25. Januar (189.979 km) durchbohrt eine absichtlich druntergeklemmte Schraube den linken Hinterreifen. Beim Radwechseln mache ich einen idiotischen Fehler und verwende wider besseres Wissen die längeren Schrauben der Alufelgen für die Ersatz-Stahlfelge. Beim Anfahren gibt es ein grauenhaftes Kreischen. Diese Sache bleibt für gut ein Jahr das Dümmste, was ich mit dem Auto anstelle (siehe dazu: Motorüberholung & anschließende Umdieselung).

In Folge der bescheuerten Aktion sind hinten neue Bremsscheiben und Beläge fällig, dabei wird noch die Feststellbremse neu eingestellt, ein neuer Öldeckel und ein abschließbarer Tankdeckel werden ebenfalls angeschafft. Insgesamt bin ich 314 Pfund (ca. 713,- DM) los. Hinten läuft jetzt der (uralte) Reservereifen. Immerhin, er hält bis kurz nach der Rückkehr… nicht auszudenken, wenn der auch noch auf der Heimfahrt ausgefallen wäre.

Sechs Wochen später dann die nächste Panne. Am 16. März (190.600 km) notiert das Tagebuch Treibstoffverlust, stotternde Beschleunigung und unrunden Leerlauf. Der Spritfilter mit Schläuchen und Dichtungen und der Verteiler werden gewechselt, für nur 172 Pfund (430,- DM).

Ende März (191.316 km): Schöne Tour durch die mittleren Highlands mit Stirling und Glencoe.

12. April (192.100 km): Ein historischer Tag! Der Stern wird zum ersten Mal abgebrochen. Unmittelbar darauf wird ein Neuer gekauft.

16. und 17. Mai (192.363 km): Zeit für die nächste Panne. Der Wagen geht mitten in Glasgow plötzlich aus, springt später aber wieder an. Vermutlich ist es das Zündsteuergerät. Bei Vardy Continental den Motor testen lassen, alle elektrischen Verbindungen gesäubert, für nur 35,- Pfund (88,- DM).

Ein abnehmbarer Stern wird eingebaut (30,- Pfund = 77,- DM). Das Park-Ritual aus Lenkradkralle-Anschließen und Hauptschalter-Abziehen ist damit noch um einen zusätzlichen Punkt erweitert worden.

19. Mai: Panne! Bleibe erneut mitten in Glasgow liegen und muss mich vom Autoclub zu Vardy Continental abschleppen lassen. Diagnose: „None Switch“ („Steuergerät hinter Zündspule“) muss neu, für nur 187,- Pfund (560,- DM). Jetzt kommt’s ja auch nicht mehr drauf an…

Ende Mai: Noch einmal auf in die Highlands! Diesmal geht es alleine nach Ullapool für meine Radeltour über die Hebriden.

11. Juni (193.924 km): Das Schottland-Jahr (streng genommen nur neuneinhalb Monate) ist vorbei. Zurück nach Hause!

Zwei Tage später kommen wir mit 195.298 km auf der Uhr in Oldenburg an. Alles in allem haben wir stolze 11.866 Fahrtkilometer zurückgelegt. Und trotz Pannen: Der Braune hat mich und meinen Besitz sicher hin- und zurückgebracht.

Nachspiel:

Am 17. Juni (195.629 km) besuche ich meine Schwester Dani in der Waldorfschule in Walsrode, wo sie ein freiwilliges soziales Jahr absolviert. Auf der Fahrt dahin fällt mir ein scheußliches Schütteln von hinten auf. In einer kleinen Kfz-Werkstatt vor Ort bekommen wir vom Altmeister zu hören: „Das ist die Hinterachse, das muss so sein, das haben die alle“. Diese Diagnose bleibt für viele Jahre die dämlichste überhaupt, die mir zum Wagen gestellt wird. Zu Hause stellt sich nämlich heraus: Der alte Reservereifen, den ich in Glasgow nach dem Schrauben-Desaster aufgezogen habe, hatte einen Gewebebruch und folglich eine fette Unwucht entwickelt. Aber es ist nett, dass er damit bis sechs Tage nach meiner Rückkehr gewartet hat.

Bei Famila in Oldenburg werden zwei schön neue Fulda Y 2000 Reifen (das Stück für 180,- DM) aufgezogen und montiert. Sie bleiben dem Wagen verdammt lange Zeit treu, nämlich über elf Jahre. Erst im Zuge der Totalrenovierung im April 2005 werden sie entsorgt…

…und selbst dann sind sie noch nicht am Ende: Einer aus dieser Serie, im Dezember 1995 nachgekauft – wird im Juni 2007 nach zweijährigem Liegen im feuchten Bielefelder Keller sogar noch ein weiteres Mal auf’s Hinterrad gezogen.

Isle of Skye, black and white

Mit meinem Mitbewohner Ralf und zwei seiner Kommilitonen von der Uni Rostock fahre ich zur Isle of Skye. Sei es Absicht, sei es Zufall – der mitgenommene Film ist ein schwarz-weißer, obwohl ich zu der Zeit noch gar nicht für die Neue Osnabrücker Zeitung schreibe.

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Die Landschaft ist wunderschön, das Wetter weniger. Von daher passt Schwarzweiß schon ganz gut. Auf diesem Bild sind übrigens die innen reflektierenden schwarzen Abkleber zu erkennen, mit denen ich für die Zeit in Schottland die Scheinwerfer wegen des Linksverkehres abgeblendet habe. Die übrigens ein Heidengeld gekostet haben.

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Das war der Schreiber dieser Zeilen im Herbst 1993. Hach, was war ich damals schlank.

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Highlanders Burg: Eilean Donan Castle. Die Kunst besteht darin, es so zu fotografieren, dass die Burg einsam und romantisch aussieht. Und weder die gut ausgebaute Landstraße, noch die moderne Betonbrücke, noch die Stadt direkt daneben im Bild zu sehen sind.

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Da es sich hier im ein Autoblog handelt, verschone ich meine Leser mit Serien künstlerisch wertvoller Bilder von schottischen Hügeln mit romantischem Wolkenhintergrund. Ich beschränke mich auf die Bilder, auf denen ein Mercedes vor schottischen Hügeln mit romantischem Wolkenhintergrund zu sehen ist.

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(Mit ganz, ganz wenigen Ausnahmen.)

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Das ständige Ein- und Aussteigen mit vier Personen ist nicht das Wahre. Zum ersten Mal ahne ich, welche Vorteile eine Limousine hat.

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Man muss eine sehr einsame, sehr lange Landstraße ganz bis zum Ende fahren, um zu einem winzigen Fischernest mit einem Bootsanleger zu kommen. Dort genießt man diese Aussicht: die Cuillin Hills, Großbritanniens Antwort auf die Alpen.

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Die germanische Antwort auf die Cuillin Hills wiederum war ein kräftiges Picknick. Später genossen wir in Portree in einem etwas schmierigen Fish ’n‘ Chips-Shop unsere ersten Gherkins – keiner von uns kannte das Wort für Gürkchen.

Ein Jahr Glasgow, Teil I

Einer der (offiziellen) Gründe, das Coupé mit é anzuschaffen, war mein Auslandsjahr an der University of Strathclyde in Glasgow vom September 1993 bis Juni 1994. Dass man dafür ein komfortables Langstreckenfahrzeug mit großem Kofferraum benötigt, leuchtet natürlich jedem ein. Zumindest jedem, der noch nie versucht hatte, über den umgeklappten Vordersitz eines 123er-Coupés sperrige Gegenstände auf die Rückbank zu quetschen.

Am 19. September 1993 geht es dann von Oldenburg aus los. Im Kassettenschacht des alten Blaupunkt Hildesheim ein eigens aufgenommenes Band von Christine, im Rest des Wagens den gesamten studentischen Hausstand: Blaupunkt-Fernseher, Telefunken-Stereoanlage, B&O-Boxen, zwei bis drei Aldi-Papppaletten mit Büchern, säckeweise Bettwäsche und Klamotten, Töpfe, Besteck, Handtücher.

Auch das Auto ist präpariert: Mit einem eigenen Steckschlüssel gegen Diebstahl gesichert, mit sauteuren schwarzen Form-Klebestreifen auf den Scheinwerfern ist es für den Linksverkehr auf der Insel gerüstet.

Überhaupt, der Linksverkehr! Wider Erwarten zerschelle ich nicht gleich nach der Ankunft an entgegenkommenden Lastwagen. Doch das Fahren auf der Insel hat schon seine Tücken. Vor allem die allgegenwärtigen Kreisverkehre haben es in sich. Es sind teilweise hochkomplexe mehrspurige Gebilde aus mehreren ineinander verschachtelten Kreisen und Ovalen mit bis zu einem Dutzend Ausfahrten und Ampeln.

In Glasgow bestimmt allerdings blanke Furcht ums Blech den Alltag. Bei jeder Gelegenheit wird illegalerweise auf dem Campusgelände geparkt, der Steckschlüssel abgezogen und die Kralle ans Lenkrad geklemmt. Der Wagen fällt allerdings auch arg auf, die britischen Kommilitonen haben kaum Autos, und Mercedesse sind im schottischen Straßenbild ohnehin Mangelware.

Folglich muss der arme Benz manche Missfallenskundgebung über sich ertragen lassen, mal liegt Müll auf ihm, mal malt jemand mit dem Finger „rich cunt“ (etwa: „reiche Sau“) auf das Blech. Auch der Stern muss gegen Ende des Jahres einmal dran glauben, umgehend besorge ich Nachschub.

Zum Trost darf sich der Moorbraune auf den langen, einsamen Single-Track-Roads der westlichen Highlands austoben. Schon Anfang Oktober mache ich mit meinem Mitwohner Ralf und zweien seiner Freunde von der Uni Rostock eine Tour über die Isle of Skye. Anderthalbtausend Kilometer dürften es gewesen sein. Wir übernachten gemütlich in Uig und lassen uns abends im Pub von einigen Eingeborenen vom Billardtisch vertreiben, die das F-Wort mit erstaunlicher Häufigkeit in ihren Sätzen verwenden. Kein Streit mit Schotten, denen fehlen immer schon Zähne. In Portree gibt es Fis, Chips und Gherkins – Gürkchen. Das ständige Rein- und Rausklettern aus dem Wagen beim Fotohalt alle paar Kilometer ist allerdings überaus nervig. Ein Coupé ist halt doch nur ein 2+2-Sitzer.

Auf der Rückfahrt spricht der Motor irgendwie verzögert an. In Glasgow messe ich dann mal Öl: Der Stab ist komplett trocken. Upps! Woher bekomme ich Valvoline 10W40, oder was ich an Weltraumöl drin habe?

Anfang November eine weitere größere Reise. Christine ist zu Besuch. Mit ihr fahre ich nach Irland (in die Republic of), weil es in einer Zeitung billige Fähr-Überfahrten gab. Donegal, Cliffs of Moher, Brian’s Tower, Galway, Clifden, Connemara National Park. Eine erste Verbrauchsauswertung ergibt: 10,05 Liter Durchschnittsverbrauch auf 100 Kilometer. Nicht schlecht für einen 136-PS-Benziner aus den frühen Achtzigern, oder?

Am 17. Dezember, der Wagen hat den schönen Kilometerstand 188.188, geht es erst einmal wieder Richtung Süden. Über Weihnachten fliege ich nach Hause. Da ich den Wagen nicht in Glasgow lassen will, fahre ich zu Andy und Pauline nach Preston Bisset und lasse ihn da stehen.

An einer Raststätte habe ich dann das Vinegar-Experience. Viel zu spät unterwegs, todmüde vom stundenlangen angestrengten Schnellfahren hinter den Gischtwolken der Lastwagen auf der regenübersprühten Autobahn, mache ich eine Pause. Als einzigen Snack gibt es Chips. Als ich das Päckchen Mayonnaise über sie ausquetschen will, vergesse ich, in welchem Land ich bin: In dem Tütchen ist natürlich Essig, den ich mir über Hände und Pullover spritze. Immerhin, so hat man was zu erzählen.

Vor Glasgow

30. Juni 1993: Der neue Wagen wird in Oldenburg unter dem Kennzeichen OL-DS 867 angemeldet.

6. August (180.700 km): Mit dem Benz kommt die Angst. Angst vor schlechten Menschen. Diebstahlschutz rult. Eine „Electronic Nightstick“-Lenkradkralle wird gekauft (248,- DM). Teurer geht’s nicht: Sie ist aus reinem Kryptonit, mit Zigartettenanzünderanschlusskabel, hat Geräusch- und Blinkalarm. Bei jedem Halt wird sie ans Lenkrad geklemmt.

22. August (181.200 km): Bei Mercedes wird ein linkes, asphärisches Spiegelglas gekakuft (60,- DM), dazu ein neuer Reservekanister, der ins Reserverad passt (80,- DM) und eine neue Schalthebelstulpe (8,- DM) – insgesamt 158,- DM.

Bei MB noch Veloursmatten (250,- DM) und Feuerlöscher (110,- DM), insgesamt 378,- DM plus Halter (81,- DM) gekauft und eingebaut. Das Blinkerrelais gewechselt gegen eins ohne Anhängerbetrieb, da dann Leuchte nicht mitblinkt. Kofferraumleuchte neu. Cassettenbox in die Mittelkonsole eingebaut.

4. September: Mit meiner Kommilitonin Anne und der Gaststudentin Katrien aus Belgien beim „Rock over Germany“-Konzert in Hamburg gewesen. Die erste größere Alleinfahrt. Joe Cocker, Tina Turner und Rod Steward gesehen. Dann im Gewühl Anne aus den Augen verloren. Ewig auf dem Parkplatz gewartet. Schließlich mit Katrien alleine zurück, schön mit 160 auf der Autobahn. Macht Spaß – das Fahren mit dem Wagen. (Der Abend mit Katrien wird auch noch ganz nett.)

13. September (183.000 km): Bei MB Spiegelglas rechts (60,- DM), Zierleisten in Kühlermaske (25,- DM), Luftdruckprüfer (20,- DM) gekauft – insgesamt 110,- DM. Bei Drieling in Oldenburg Abdeckkappe auf Batterie-Pluspol neu, 1. Zündkabel neu angeschlossen. Bei MB „Sofitte“ und „Zierstab“ neu (12,- DM).

17. September (ca. 183.400 km): Bei Mercedes Spur eingestellt/Wagen vermessen, dabei eine Spurstange gewechselt (vermutlich Beifahrerseite). Das Ventilspiel eingestellt (454,- DM). Rechts H4- und Standlichtbirne gewechselt.

Vermutlich Anfang Oktober (185.100 km): Hella-Killschalter eingebaut (26,- DM). Für Glasgow.