Ein Jahr Glasgow, Teil II

Als ich im neuen Jahr 1994 nach Glasgow zurückkomme, habe ich eigens Blechkanister mit Valvoline-Öl dabei, weil ich diese Marke in der benötigten Viskosität trotz tagelangen Herumsuchens nirgendwo in Glasgow auftreiben konnte. Am Flughafen sucht der Zollbeamte auf den Kanistern vergeblich nach Anzeichen von Feuergefährlichkeit – das Zeug darf im Flieger mit ins Handgepäck.

Doch das neue Jahr beginnt schlecht. Am 25. Januar (189.979 km) durchbohrt eine absichtlich druntergeklemmte Schraube den linken Hinterreifen. Beim Radwechseln mache ich einen idiotischen Fehler und verwende wider besseres Wissen die längeren Schrauben der Alufelgen für die Ersatz-Stahlfelge. Beim Anfahren gibt es ein grauenhaftes Kreischen. Diese Sache bleibt für gut ein Jahr das Dümmste, was ich mit dem Auto anstelle (siehe dazu: Motorüberholung & anschließende Umdieselung).

In Folge der bescheuerten Aktion sind hinten neue Bremsscheiben und Beläge fällig, dabei wird noch die Feststellbremse neu eingestellt, ein neuer Öldeckel und ein abschließbarer Tankdeckel werden ebenfalls angeschafft. Insgesamt bin ich 314 Pfund (ca. 713,- DM) los. Hinten läuft jetzt der (uralte) Reservereifen. Immerhin, er hält bis kurz nach der Rückkehr… nicht auszudenken, wenn der auch noch auf der Heimfahrt ausgefallen wäre.

Sechs Wochen später dann die nächste Panne. Am 16. März (190.600 km) notiert das Tagebuch Treibstoffverlust, stotternde Beschleunigung und unrunden Leerlauf. Der Spritfilter mit Schläuchen und Dichtungen und der Verteiler werden gewechselt, für nur 172 Pfund (430,- DM).

Ende März (191.316 km): Schöne Tour durch die mittleren Highlands mit Stirling und Glencoe.

12. April (192.100 km): Ein historischer Tag! Der Stern wird zum ersten Mal abgebrochen. Unmittelbar darauf wird ein Neuer gekauft.

16. und 17. Mai (192.363 km): Zeit für die nächste Panne. Der Wagen geht mitten in Glasgow plötzlich aus, springt später aber wieder an. Vermutlich ist es das Zündsteuergerät. Bei Vardy Continental den Motor testen lassen, alle elektrischen Verbindungen gesäubert, für nur 35,- Pfund (88,- DM).

Ein abnehmbarer Stern wird eingebaut (30,- Pfund = 77,- DM). Das Park-Ritual aus Lenkradkralle-Anschließen und Hauptschalter-Abziehen ist damit noch um einen zusätzlichen Punkt erweitert worden.

19. Mai: Panne! Bleibe erneut mitten in Glasgow liegen und muss mich vom Autoclub zu Vardy Continental abschleppen lassen. Diagnose: „None Switch“ („Steuergerät hinter Zündspule“) muss neu, für nur 187,- Pfund (560,- DM). Jetzt kommt’s ja auch nicht mehr drauf an…

Ende Mai: Noch einmal auf in die Highlands! Diesmal geht es alleine nach Ullapool für meine Radeltour über die Hebriden.

11. Juni (193.924 km): Das Schottland-Jahr (streng genommen nur neuneinhalb Monate) ist vorbei. Zurück nach Hause!

Zwei Tage später kommen wir mit 195.298 km auf der Uhr in Oldenburg an. Alles in allem haben wir stolze 11.866 Fahrtkilometer zurückgelegt. Und trotz Pannen: Der Braune hat mich und meinen Besitz sicher hin- und zurückgebracht.

Nachspiel:

Am 17. Juni (195.629 km) besuche ich meine Schwester Dani in der Waldorfschule in Walsrode, wo sie ein freiwilliges soziales Jahr absolviert. Auf der Fahrt dahin fällt mir ein scheußliches Schütteln von hinten auf. In einer kleinen Kfz-Werkstatt vor Ort bekommen wir vom Altmeister zu hören: „Das ist die Hinterachse, das muss so sein, das haben die alle“. Diese Diagnose bleibt für viele Jahre die dämlichste überhaupt, die mir zum Wagen gestellt wird. Zu Hause stellt sich nämlich heraus: Der alte Reservereifen, den ich in Glasgow nach dem Schrauben-Desaster aufgezogen habe, hatte einen Gewebebruch und folglich eine fette Unwucht entwickelt. Aber es ist nett, dass er damit bis sechs Tage nach meiner Rückkehr gewartet hat.

Bei Famila in Oldenburg werden zwei schön neue Fulda Y 2000 Reifen (das Stück für 180,- DM) aufgezogen und montiert. Sie bleiben dem Wagen verdammt lange Zeit treu, nämlich über elf Jahre. Erst im Zuge der Totalrenovierung im April 2005 werden sie entsorgt…

…und selbst dann sind sie noch nicht am Ende: Einer aus dieser Serie, im Dezember 1995 nachgekauft – wird im Juni 2007 nach zweijährigem Liegen im feuchten Bielefelder Keller sogar noch ein weiteres Mal auf’s Hinterrad gezogen.

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