Rolleis Endspurt

Rolleis letzte klassische Spiegelreflexkamera, die SL35E. Das Objektiv ist das Rolleinar-MC 1.4 55.

Es gibt Objektive, die geben Rätsel auf. Warum wurden sie entwickelt, welche Kunden sollten sie ansprechen, warum wurden sie so konstruiert, gebaut und vermarkte, wie sie es wurden? Für mich ist mein Rolleinar-MC 1.4 55 so ein Objektiv. Wir kennen es schon mit leicht geänderter Fassung als Voigtländer Color-Ultron 1.4 55 AR aus dem Beitrag „Schwanengesang“.

Um zu erklären, was daran so seltsam ist, müssen wir tief eintauchen in das letzte Kapitel der Geschichte der Firma Rollei. Wie fast die gesamte deutsche Kameraindustrie kam Rollei, in den Nachkriegsjahrzehnten weltweit bekannt geworden durch seine hochwertigen Mittelformatkameras, Ende der 1960er Jahre in Schwierigkeiten. Die lange konkurrenzlosen zweiäugigen Spiegelreflexkameras aus Braunschweig für das Mittelformat verkauften sich immer schlechter, die Japaner stürmten auf den Markt. Die bahnbrechend moderne, handliche und ausgereifte Pentax Spotmatic mit Belichtungsmessung durch das Objektiv (TTL) war ab Mitte der 1960er Jahre der Stand der Dinge, an dem sich die Konkurrenz messen lassen musste. Die deutsche Konkurrenz wirkte plötzlich antiquiert – ob lichtschwache Zentralverschlusskamera wie Voigtländer Bessamatic, überkomplexes Premiumprodukt wie Zeiss Contarex oder nicht mehr weiter entwickelbare Oldtimer wie die Exakta von Ihagee Dresden, einstmals die beste Kleinbild-Spiegelreflex der Welt, oder die rustikale Edixa von Wirgin aus Wiesbaden, der VW Käfer unter den Spiegelreflexen.

Doch während der mittelständische Henry Wirgin freiwillig auf die Schlacht um Neuentwicklungen und Stückzahlen gegen die Riesen aus Fernost verzichtete, während Zeiss-Ikon den Kamerabau durch miserables Management vor die Wand knallte und die DDR die Ihagee nach verlorenen ost-westdeutschen Patentscharmützeln sang- und klanglos auslaufen ließ, ging Rollei (wie auch in der DDR Pentacon mit seiner Praktica) in die Offensive. In rekordverdächtig kurzer Zeit wurde die Rolleiflex SL35 entwickelt, eine bildschöne und absolut brauchbare Kamera, wenn auch technisch ohne Highlights.

Zuvor hatte der stürmische junge Firmenchef Dr. Heinrich Peesel mit der weltkleinsten Kleinbildkamera Rollei 35 E, entwickelt vom genialen Heinrich Waaske, einen Riesenerfolg hingelegt. Mit diesem Rückenwind stieg man in den hochumkämpften Markt der einäugigen Spiegelreflexkameras ein – und zwar ganz groß. Denn Rollei wollte vom Nischen- zum Massenhersteller aufsteigen und hatte schon Anfang der 1970er Jahre in Singapur eine gigantische Fabrik errichtet. Darin sollten bis 1980 einmal 10.000 Mitarbeiter tätig sein, hatte man der Regierung des Stadtstaates zugesichert. Der Gedanke, die Produktion wegen der höheren Lohnkosten ins Ausland auszulagern, lag nahe. Auch Leica ließ Kameras in Portugal und Objektive in Kanada bauen, selbst der ostdeutsche VEB Pentacon setzte beim Objektivbau auf das Billiglohnland des Ostblocks, Rumänien.

Zunächst ging bei Rollei auch alles nach Plan: Die Fertigung der SL35 wurde, nachdem rund 24.000 Stück in Deutschland gebaut worden waren, nach Singapur verlagert, wo weitere 120.000 Exemplare entstanden. Nun wäre das 1974 vorgestellte Nachfolgemodell SL350 reif für eine Massenproduktion in Singapur gewesen. Es war genauso attraktiv gestaltet wie die SL35 und mit zeitgemäßer Offenblendmessung (dabei blickt der Fotograf immer durch einen hellen Sucher), mechanischer Blendenautomatik und integriertem Blitzschuh wesentlich besser ausgestattet. Mit ihr schien Rollei auf dem Weg zu sein, den Japanern endlich Paroli bieten zu können. Der Verkauf lief allerdings eher schleppend an, angeblich wurde die Kamera auch schlecht oder kaum vermarktet.

Doch dann passierte etwas von der Fachwelt Unerwartetes: Nach der Herstellung der ersten Serie von rund 7800 Kameras in Braunschweig wurde die SL350 völlig überraschend ersatzlos eingestellt, die geplante Produktionsverlagerung nach Asien wurde abgeblasen. In der Rollei-Führung soll es einen internen Konflikt um die Kamera gegeben haben – die 1971 von Voigtländer übernommenen Konstrukteure stießen sich angeblich daran, dass ihre Rollei-Kollegen im SL350-Gehäuse aus Platzmangel Seilzüge verlegt hatten. Mit Hilfer winziger Umlenkrollen wurden so die Werte für Blende, Belichtungszeit und Filmempfindlichkeit im Sucher angezeigt – eine sehr ungewöhnliche, aber keineswegs einzigartige Lösung (auf klassik-cameras.de gibt es Bilder davon). Die SL350 war nun einmal noch komplett mechanisch (bis auf die Knopfzelle für den Belichtungsmesser), platzsparende Elektronik kam erst ein paar Jahre später.

Und so kam es, dass die Weiterentwicklung der schlanken, schönen SL350 abgebrochen wurde. Stattdessen wurde eine völlig andere Kamera aus der Versenkung geholt und in die Massenproduktion nach Singapur geschickt: die letzte eigene Voigtländer-Konstruktion aus der Zeiss-Ära, die mittlerweile rund fünf Jahre alte, 1971 vorgestellte Zeiss Ikon SL706, die Nachfolgerin der Icarex. Diese schwere, klobige und im Vergleich grobschlächtig anmutende Kamera, wenn auch mit Offenblendmessung durchs Objektiv zumindest zeitgemäß ausgestattet, war schon unter Zeiss-Regie am Markt gescheitert. Jetzt wurde sie von Rollei erneut als Voigtländer VSL-1 angeboten. Als Rolleiflex SL35M erschien eine Schwesterversion, optisch etwas durch ein abgerundetes Prisma aufgehübscht. Der nicht wirklich attraktive Brocken floppte, wenig überraschend, prompt ein zweites Mal. Nicht besser erging es den innerlich, aber nicht äußerlich überarbeiteten Nachfolge-Geschwistern VSL-2 und Rolleiflex SL35ME mit Zeitautomatik, die zudem Elektronikprobleme hatten.

Jetzt geriet die ganze Rollei-Offensive ins Stocken. Durch die von Heinrich Peesel forcierte Produktoffensive auf allen Kanälen und unrealistische Zeitvorgaben waren die Entwickler völlig überfordert. Etliche Rollei-Produkte wurden unausgereift auf den Markt geworfen oder wiesen konzeptuelle Fehler auf wie die Mini-Kamera Rollei 16, für die kein Filmhersteller Filmmaterial anbieten wollte. Durch die völlig überdimensionierten Produktionsanlagen in Fernost liefen währenddessen die Kosten aus dem Ruder. Auch die 1977 vorgestellte, nun wieder attraktiv geratene Rolleiflex SL35E und ihre Schwester Voigtländer VSL3-E konnten das Blatt nicht mehr wenden. Peesel wurde schon 1974 geschasst, seine Nachfolger agierten ohne Fortune, die Lage wurde zusehends schlechter.

Aber was hat das alles mit dem Rolleinar-MC 1.4 55 zu tun? Einer der besten Gründe, sich für eine Rolleiflex zu entscheiden, waren von Anfang an die Objektive. Konstruiert von Zeiss und Schneider-Kreuznach, gehörten sie zum Besten, was es am Markt gab – schon das Standardobjektiv, das siebenlinsige Planar 1.8 50, ist bis heute zu überragenden Leistungen fähig. Dazu gab es Hochleistungsobjektive wie das Distagon 1.4 35, Planar 1.4 50 oder Planar 1.4 85. Fotografen und Sammlern lecken sich die Finger nach ihnen. Die gängigsten Brennweiten fertigte Rollei ab etwa 1972 in Lizenz auch selbst in Singapur, erkennbar an dem hübschen roten Rollei-Logo im Frontring und der Kennung HFT für die „High Fidelity Transfer“-Vergütung. Allerdings blieben einige Lücken im Angebot. Einige beliebte Brennweiten wurden von Zeiss nie für das Rollei-Bajonett angeboten, etwa 20/21 Millimeter, 28 Millimeter, 100/105 Millimeter und alles über 200 Millimeter (die gab es bei Zeiss alle erst später in der Contax/Yashica-Ära). Auch auf die immer beliebter werdenden Zooms mussten Rolleiflex-Nutzer vorerst verzichten.

Was Rollei außerdem fehlte, waren billige Objektive für den Massenmarkt. Dieses Angebot hatte von Schneider-Kreuznach kommen können, doch die drei 1970 zur Rolleiflex SL35 angebotenen Objektive Angulon 2.8 35, Xenar 1.8 50 und Tele-Xenar 3.5 135, allesamt alte Bekannte, wurden kein Erfolg. Schneider zog sich danach aus dem Markt für Kleinbildobjektive zurück und beteiligte sich auch nicht, wie von Rollei gehofft, an der Fabrik in Singapur, die ursprünglich „German Optical“ heißen sollte. Enna München, ebenfalls ein in die Krise geratener Objektivhersteller, hat offenbar noch eine Mini-Serie 28-Millimeter-Weitwinkel mit QBM-Bajonett vorgestellt. Auch er zog sich aber vom Markt zurück. Rollei stand alleine da.

Um auf die dringend nötigen hohen Stückzahlen zu kommen, brauchte Rollei neben den fehlenden Brennweiten offenbar unbedingt eine Preisgünstig-Linie. Die Zeiss-Objektive sollten zweifellos Premiumlinsen bleiben. Offen bleibt die Frage: Warum baute man in so einer Situation die Billigobjektive nicht einfach selbst, statt sie für teures Geld einzukaufen? Hatte man keine geeigneten Konstruktionspläne zur Hand? Im Konzernregal lagen noch die ab 1965 zur Icarex-Kamera angebotenen, alten Bessamatic-Objektive wie Skoparex 3.4 35, Skopar/Tessar 2.8 50 oder Dynarex 3.4 90. Sie stammten konstruktionstechnisch noch aus den späten 1950er Jahren und wären jetzt, Mitte der 1970er, wohl nicht mehr auf großen Zuspruch gestoßen. Einzig das alte Voigtländer Super-Dynarex 4 135 erfreute sich in neuer Rollei-Hülle als Carl Zeiss/Rollei Tele-Tessar 4 135 oder unter seinem alten Namen größerer Beliebtheit. Es war das meistgekaufte Zusatzobjektiv und sollte noch bis in die 1980er Jahre angeboten werden, zuletzt zur Rollei SL2000/3000.

Vielleicht lief Rollei einfach die Zeit davon: Schnell eine eigene, moderne Objektivreihe aus dem Boden zu stampfen, hätte wohl einfach zu lange gedauert. Die hauseigene Objektiventwicklung von Voigtländer scheint nach dem grandiosen Icarex-Ultron 1.8 50 keine Neukonstruktionen mehr gerechnet zu haben, bis Zeiss-Ikon das Unternehmen an Rollei übergab. Wurde diese Abteilung von Rollei einfach wegrationalisiert? Blieben die Ingenieure bei der Konzernmutter Zeiss? Wenn dem so war, rächte sich für Rollei die Abhängigkeit von Zeiss nun womöglich.

So oder ähnlich mag es gekommen sein, dass der im April 1975 nach achtmonatiger Vakanz an der Unternehmensspitze eingestellte Nachfolger Peesels, der frühere Canon-Manager Peter C.J. Peperzak, mit dem japanischen Hersteller Mamiya Kontakt aufnahm. Er bestellte eine komplette Objektivfamilie samt Fischauge, 200er und Zoom-Objektiven, die Rollei dann unter eigenem Namen als „Rolleinar-MC“ und „Voigtländer AR“ anbot. Gegenüber den Zeiss-Objektiven sind sie gut zu unterscheiden an den auffälligen eingravierten Brennweitenangaben in geschwungener gelber Schrift, die sehr der auf den Leica-Objektiven dieser Zeit ähnelt. Auf ihrer Rückseite steht „Made in Japan“. Immerhin war nun mit den Brennweiten 14, 21, 28 und 105 Millimetern das ehemalige Zeiss-Angebot sinnvoll ergänzt. Andere Brennweiten wie 35, 85, 135 und 200 Millimeter waren dagegen jetzt bis zu dreifach besetzt, wobei die – im übrigen optisch hervorragenden – Mamiya-Rolleinare als Einsteigermodelle angeboten wurden. Im Normalbereich gab es mit den Zeiss-Planaren 1.4 50 und 1.8 50 sowie den Rolleinaren 1.4 55 und 2.0 50 sogar gleich vier Objektive zur Auswahl. Und mit den gleichzeitig bei Tokina zugekauften Zoom-Objektiven 4 28-85, 3.5 35-105 Macro (später 3.5-4.3 35-105 Macro) und dem klassischen 4 80-200 hatten auch Vario-Fans ein Argument, sich für eine Spiegelreflexkamera von Rolleiflex/Voigtländer zu entscheiden.

Aber was für eine bizarre Situation: Ein Kamerahersteller hat sich eine nagelneue riesige Fabrik für Tausende von Arbeitern gebaut, die nur zu kleinen Teilen ausgelastet ist und deren Betrieb ihn allmonatlich ein Vermögen kostet. Und bezahlt dennoch Konkurrenten dafür, Objektive in großen Stückzahlen zuzuliefern. Erst 1979 bemühte sich Rollei darum, die ungenutzten Produktionskapazitäten durch Fremdaufträge besser auszulasten, was aber kaum noch zum Tragen kam. Es gibt tatsächlich Mamiya-Rolleinare mit dem Aufdruck „Made in Singapore“. Ob sie als Fremdaufträge aus Japan dort gebaut wurden, entzieht sich meiner Kenntnis, große Stückzahlen liefen aber offenbar nicht mehr von den Rollei-Bändern.

Die Rollei-Chefs werden aus ihrer Sicht nachvollziehbare Gründe für dieses Konstrukt gehabt haben, erklärbar ist es aus heutiger Sicht aber eigentlich nur durch blanke Zeitnot, gravierende Konzeptmängel in der eigenen Produktpalette – oder schlichte Kopflosigkeit. Und den Rollei-Konkurs 1981 hat es nicht verhindert. Peperzak, der Initiator des Mamiya-Abenteuers, musste schon 1978 gehen. Kurze Zeit später kam die Insolvenz.

Nach diesem Exkurs in das turbulente letzte Jahrzehnt eines großen deutschen Kameraherstellers wieder zurück zum Rolleinar-MC 1.4 55. Es hat, wie kürzlich beschrieben, ebenfalls eine bewegte Geschichte. In seinem Inneren steckt eigentlich das alte Planar 1.4 55, von Johann Berger 1959 für die Zeiss-Spitzenkamera Contarex gerechnet. Zeiss hatte das entsprechende Patent auslaufen lassen, da das neue Planar 1.4 50 des genialen Erhard Glatzel von 1972 in jeder Hinsicht besser war. Rollei konnte die fast 20 Jahre alte Konstruktion nachbauen lassen, ohne Lizenzgebühren zu zahlen.

Und so steht es hier vor uns: 1975 als billige Alternative zum neuen Zeiss-Planar 1.4 50 angeboten, war es eine schon damals ältere Konstruktion. Auf dem Papier kann es mit beeindruckender Lichtstärke aufwarten, aber in der Praxis überstrahlt es bei Blende 1.4 doch arg. Abgeblendet wird es hervorragend scharf und das Bokeh ist von beeindruckender Cremigkeit – heute schätzte man solche Objektive wieder sehr als „Charakterlinsen“. Damals sollte es den preisbewussten Kunden ansprechen.

Warum aber baute Rollei dann nicht zumindest dieses Objektiv in den eigenen Hallen in Singapur? Es war immerhin ein hochlichtstarkes Normalobjektiv, eines also, mit dem viele SL35E und VSL3-E ausgeliefert würden. Und es war – im Gegensatz etwa zu den von Mamiya konstruierten Rolleinaren 2.8 105 oder dem 3.5 200 – eine komplett „eigene“ Konstruktion, über die man selbst verfügen konnte. Ebenso übrigens wie das ebenfalls neu hinzugekommene lichtschwache Einsteigerobjektiv der Rolleinar-Serie, das 2.0 50, das wohl ebenfalls auf ein altes Zeiss-Planar zurückgeht. Stattdessen aber ließ Rollei auch diese beiden Objektive in Japan herstellen.

Und um die Sache weiter rätselhaft zu machen, ist sogar auf den Schaubildern in den Betriebsanleitungen beider Kameras stets das Rolleinar/Voigtländer 1.4 55 abgebildet. Ja genau, das zum überwiegenden Teil vom Konkurrenten Mamiya aus Japan zugelieferte Objektiv und nicht etwa das in der eigenen Fabrik in Lizenz gebaute, viel modernere und leistungsstärkere Rollei-Planar 1.4 50 HFT! Mehr noch: In der Betriebsanleitung werden als Wechselobjektive nur die japanischen Rolleinare erwähnt, als gäbe es die eigenen, hochwertigeren Zeiss-Lizenzbauten gar nicht. War die Begeisterung für die zugekauften Mamiyas so groß, dass man die eigenen Produkte unter den Tisch fallen ließ?

Doch es geht noch weiter. Mein Exemplar des 55ers trug nämlich nicht den ovalen goldenen „Passed“-Aufkleber des Japan Camera Inspection Institute (JCII), der noch heute auf so vielen Objektiven und Kameras aus den 1970er Jahren klebt und die bestandene Qualitätsprüfung signalisiert. Mein Rolleinar ist auch nicht „Made in Singapore“, wie es die Positionierung am Markt als günstiges Standardobjektiv hätte vermuten lassen. Es ist, weshalb auch immer, „Made in Germany“ (nicht „West Germany“ wie mein Voigtländer Color-Ultron). Warum – tja, das bleibt wohl ewig ungelöst. War es eine Vorserie, bevor die Produktion an Mamiya übergeben wurde? Eine Nachproduktion nach dem chaotischen Ende des Fernost-Abenteurers? Ein Billigobjektiv mit deutschen Premium-Wurzeln, das sinnvollerweise in Singapur hätte gebaut werden können, stattdessen aber serienmäßig meist von einem Konkurrenten aus Japan kam, existiert in einer im Hochlohnland Deutschland zusammengeschraubten Variante. Geht es noch bunter?

Die Geschichte der Katastrophe der bundesdeutschen Fotoindustrie in den 1970ern ist voller Dramen. Es gab mutige Entwürfe und technische Höchstleistungen, katastrophale Fehlentscheidungen und versäumte Gelegenheiten, es gab kundenfeindliche Bräsigkeit und unternehmerischen Größenwahn, Spitzenprodukte und Schrott ab Werk. Es gab heute längst vergessene Kameras wie die zu späte Edixa Electronica, die einsame Regula Reflex, die gescheiterte Exakta Real und die Rolleimatic, bei der schon die Präsentation zum Desaster wurde. Es gibt noch heute berühmte Superobjektive wie das Zeiss-Distagon 2 28 (genannt „Hollywood“, weil Filmregisseure es lieben) und das hochwertige Shift-Objektiv Schneider PC-Curtagon 2.8 35.

Und am Rande des Schlachtfeldes, unbemerkt in den Schatten, blühen so seltsame Orchideen wie das Rolleinar-MC 1.4 55 aus Germany. Nicht das beste Objektiv aller Zeiten, nicht einmal ein besonders herausragendes Objektiv zu seiner eigenen Zeit, aber ein bemerkenswerter Sonderling. Und mit seiner buntgescheckten Biographie durchaus typisch für die chaotische Epoche, in der er entstand.


Carl Zeiss Jena Pancolar 1.8 50 und die Praktica LLC

Zum Pancolar 1.8 50 muss man ja nicht alles nochmal sagen, was dazu schon gesungen worden ist. Es war das Spitzenobjektiv von Zeiss Jena, chön charf, chön cremig, hier zu sehen in der endgültigen Linsenrechnung von 1967 und im klassischen schönen „Zebra“-Look. Für mich die schönste und stilvollste Pancolar-Variante.

Pancolare gelten auch heute noch als erstklassige Objektive und steigen seit Jahren im Preis. Sie sind für ihre Schärfe und ihr weiches Bokeh überaus geschätzt. Wer mag, kann sich ja mal die Flickr-Bilder in den Pancolar-Gruppen anschauen: https://www.flickr.com/photos/tags/CZJ%20Pancolar%20Zebra%2050mm%20f1.8/

Es handelt sich hier um die „electric“-Premiumvariante (erkennbar an den drei goldenen Nupfeln am Heck) für das Spitzenmodell der Praktica-L-Reihe, die LLC mit elektrischer Blendenwertübertragung. Anhand der Beschriftung „aus Jena“ im Frontring und der „Made in DDR“-Gravur ist zu erkennen, dass es sich um ein Modell für den Westexport handelte (ich vermute: Westdeutschland, Österreich oder Schweiz), und das sollen ja nicht die schlechteren Exemplare gewesen sein.

Die Kamera ist das das passende Spitzenmodell LLC in schickem schwarz. Dieses Exemplar ist in außergewöhnlich gutem Zustand, die meisten sind durch Jahrzehnte der Geringschätzung gegangen und sehen entsprechend zertöppert aus. Mit der entsprechenden Batterie (sie kostet wenige Euro) kann man sofort einen Schwarzweißfilm aus dem Drogerie-Discounter einlegen und loslegen wie Opa Weihnachten 1970.

Achtung, radioaktiv: Carl Zeiss Jena 1.8 50 „Thorium“

Okay, radioaktiv stimmt zwar, aber gefährlich ist es nicht. Hier haben wir ein Pancolar 1.8 50 in der selteneren ersten Version. Es wurde 1965 vorgestellt und war das Spitzenobjektiv der DDR-Fototechnik (lässt man die Mini-Serie des Pancolars 1.4 55 für die Pentacon Super außen vor). Die Gläser dieses Objektivs bestanden aus dem Besten, was die Glastechnologie zu bieten hatte. So waren Thorium, ein in der Natur vorkommendes schwach radioaktives Element, und Lanthan beigemischt.

Das Pancolar war berühmt für seine leuchtenden, kontrastreichen Bilder. Weil die Produktion dieser Linsen aufwendig und gefährlich war, wurde das Objektiv aber nach drei Jahren noch einmal neu konstruiert und erschien dann noch einmal in der späteren, etwas höheren Zebra-Fassung, die zehnmal häufig gebaut wurde. In meinen Augen sind die Zebra-Fassungen von Zeiss & Co aus den 1960er Jahren die schönsten und edelsten in der Objektivgeschichte.

Das „Thorium-Pancolar“ ist zu erkennen an seiner etwas flacheren Fassung, den acht statt sechs Blendenlamellen (was für etwas rundlichere Spitzlichter im Bokeh sorgt) und den gelblich scheinenden Gläsern. Besonderheit: Liegt es längere Zeit im Dunkeln, verstärkt sich das Gelb, wird das Glas längere Zeit UV-Licht ausgesetzt, wird es transparenter.

Pancolare gelten auch heute noch als erstklassige Objektive und steigen seit Jahren im Preis. Sie sind für ihre Schärfe und ihr weiches Bokeh überaus geschätzt.

Wer mag, kann sich ja einmal durch die Flickr-Bilder in den Pancolar-Gruppen klicken und sich selbst ein Bild von der Qualität dieses Objektivs machen.

Die Rolleiflex SL35 und ihre Objektive

Die Rolleiflex SL35 von 1970 war der Versuch von Rollei, im boomenden Markt der Spiegelreflexkameras Fuß zu fassen und der japanischen Konkurrenz von Pentax, Nikon & Canon etwas entgegenzusetzen. In bemerkenswert kurzer Entwicklungszeit entstand eine Kamera, die nicht nur optisch und funktionell mit den Mitbewerbern mithalten konnte, sondern erstmals – für eine deutsche Kamera – auch schlicht, kompakt und sogar schön geraten war. Von „Bauhaus-Stil“ schreibt ein Rezensent, und er hat recht. Für mich ist die SL35 und ihre Schwester SL350 das Schönste, was es an deutschen Spiegelreflexkameras gibt.

Die Geschichte dieser Kamera hat Frank Mechelhoff auf seiner Seite klassik-cameras.de sehr schön beschrieben. Darum spare ich es mir ausnahmsweise mal meinen üblichen Roman 🙂

„The SL35 is beautiful to behold, it has a simple, totally spartan but elegant bauhaus like design, devoid of superfluous switches and dials, even the hotshot is an after market accessory. The simple lines are difficult to date, 50ies? 60ies? 70ies? the design is timeless and in my view is as glorious as any classic Range Finder.“

Ibraar Hussein auf www.stevehuffphoto.com

Zur SL35 brachte Carl Zeiss das Planar 1.8 50 heraus: ein trotz seiner nicht spektakulären Eckdaten außergewöhnlich aufwendig konstruiertes Objektiv. Konstruiert wurde es vom berühmten Erhard Glatzel (siehe Wikipedia) und Erwin Konschack. Der Siebenlinser folgte auf das legendäre Ultron 1.8 50 der Icarex-Kamera und gilt bis heute als eines der besten 50-Millimeter-Objektive, die je gebaut wurden. Es blieb – wohl wegen seiner hohen Produktionskosten – ein Einzelgänger, der für kein weiteres System angeboten wurde. Das später von Zeiss für das Contax-Yashica-System hergestellte Planar 1.7 50 ist eine andere Konstruktion.

„It is difficult to understand why Zeiss deployed such extensive resources for a simple 50mm kit lens for an external client. (…) this new 1.8/50 was more modern, more complex and even more expensive to manufacture. (…) This 1970 Planar 1.8/50, in spite of an unchallenging maximum aperture, featured a complex and uncompromising optical design. The four air-spaced single elements in the front implied a whole lot of variables in the calculations. Some of the employed glass kinds do not figure in the current Schott catalogue – likely because they included now banned additives. The 7 elements were made of as many different kinds of glasses, including three lanthanum-enriched pieces (two Flint and one Crown). (…) Overall, the project seems an overkill with respect of its scope. Thoroughness and excellence were definitely Glatzel’s style; however, while the designer’s ego might have played a role, it is unclear why Zeiss – seemingly against their own interest – decided to equip the partner/competitor Rollei with such a first-class lens.“

http://vintage-camera-lenses.com/carl-zeiss-planar-history-part-2/

„My Rollei 50 1.8 is an absolute beast of a lens. At 1.8 the lens is acceptably sharp, but once you stop down to just f2 the lens becomes so sharp, the amount of detail this lens resolves is fantastic (…) This Rollei is a gem! Almost everytime the Rollei’s fall behind compared to their Zeiss counterparts, but this 50mm is not the case, it’s just as good as the Zeiss 50mm 1.7.“

User hugomf auf http://forum.mflenses.com

Dazu gab es eine kleine, feine Palette von erstklassigen Objektiven von Carl Zeiss. Bekannt sind etwa das Sonnar 2.8 135, das Distagon 2.8 25 und das Sonnar 2.8 85. Im Bild oben ist ein Weitwinkel Distagon 2.8 35 zu sehen. Sie alle wurde von Zeiss später – wie die meisten anderen für die Rollei SL35 vorgestellten Objektive – für das Contax-Yashica-System in großen Zahlen gebaut, die meisten allerdings nicht mehr in Deutschland, sondern in Japan.

„One of my favourite moderate wide angle lens. I use this whenever I only need a moderate wide angle coverage and want the best quality. I like the look if the very flat front element of this Rollei design compared to the bulging look of the C/Y version. Nevertheless I have used both and find them capable of producing images of very high quality and low distortion. Very good value for the performance. The compact size makes it very suitable for travel.“

http://www.fuwen.net

„Das beste 35er im Bereich bis 100 Euro, was ich je hatte: Voigtländer Color Skoparex 2.8/35 mit Rollei QBM.“

User Tedat auf http://www.digicamclub.de

„I have Rollei Distagon HFT QBM version, which is a great lens. Excellent microcontrast, beautiful colours…“

User stilian auf http://forum.mflenses.com

Die Besonderheit dieses Sets: Sowohl Kamera als auch beide Objektive sind „Made in Germany“. Nur gut 24.000 Kameras entstanden noch in Braunschweig, bevor die Produktion in die neue Rollei-Fabrik in Singapur verlagert wurde, wo der Löwenanteil der SL35-Produktion (sowie die späteren Kameras) gebaut wurden. Auch das Planar und das Distagon sind anfangs noch in Braunschweig gebaut worden, ihre Produktion lief später ebenfalls als Lizenzfertigung („Made by Rollei“) in Singapur weiter.

Beispielsfoto mit Planar 1.8 50
Beispielsfoto mit Distagon 2.8 35

Schickes aus Schwaben: Schacht Ulm Travegon 2.8 35, Travenar 2.8 50 und Travenar 3.5 135

Dieses Trio repräsentiert das Schönste von Schacht, also dem Objektivbauer Albert Schacht aus Ulm. Diese Serie im Zebra-Design der späten 1960er-Jahre ist sozusagen der Schwanengesang der Tüftler aus Schwaben, denn 1970 wurde die Produktion eingestellt. Konstruiert hat sie, wie alle Schacht-Objektive, der große Ludwig Bertele, der Vater des legendären Sonnar 4 135 von Carl Zeiss Jena.

Diese drei Objektive haben etwas ganz Spezielles: die in meinen Augen hübscheste mechanische Schärfentiefe-Anzeige aller Objektive überhaupt. Beim Schließen der Blende schieben sich zwei rote Balken vor weißem Hintergrund auseinander und signalisieren damit die Veränderung des Schärfebereichs. Ein feinmechanischer Leckerbissen (und fürs Fotografieren natürlich herrlich unnötig). Außerdem gibt es bei diesen Objektiven einen Umschalter von manueller auf Automatikblende, was durch die Buchstaben A und M auf rotem Grund in einem kleinen Fenster angezeigt wird. Sowie einen Extraanschluss für einen separaten Drahtauslöser. Die Schwaben waren ja schon immer Perfektionisten…

Das Travegon 2.8 35 war das leistungsstärkste Weitwinkel von Schacht und mit sieben Linsen das aufwendigste. Der Sonnenuntergang im Hohen Venn (siehe unten) ist mit einem Travegon 2.8 35 abgerestlichtet worden – ich finde die Schärfe super.

„This lens (…) is a gem. In the lovely zebra livery of the era, it features the depth of field window that slides red indicators outward as the the aperture closes. A nifty feature. I was amazed at the sharpness of this lens. Even wide open it is VERY sharp.“
http://forum.mflenses.com/a-schacht-ulm-s-travegon-35mm-2-8-r-on-a7ii-helical-adapter-t77543.html

Das Normalobjektiv Travenar 2.8 50, ein Vierlinser, ist eine klassische Tessar-Konstruktion. Das Travenar war jahrelang DAS Standardobjektiv an der Spiegelreflexkamera Edixa von Wirgin Wiesbaden, dem westdeutschen Gegenstück zur Praktica von Pentacon aus Dresden. Ein leistungsstarkes Standardobjektiv mit hoher Schärfe.

Das Schacht Ulm Travenar 3.5 135 schließlich konkurrierte mit so weltbekannten Objektiven wie dem Sonnar 3.5 135 von Carl Zeiss Jena und dem Tele-Xenar 3.5 135 von Schneider Kreuznach.

„Das 135 Travenar ist mein am meisten genutztes Tele, obwohl noch ein Zebra-Sonnar, ein Kawanon, ein Pentacon-Bokeh-Monster und eine Revuenon-Optik vorhanden sind. Das geringe Gewicht, die Handlichkeit, insbesondere mit der Preset-Blendeneinstellung vorne am Objektiv, und die hervorragenden Bildergebnisse lassen mich sehr häufig dazu greifen.“
http://www.digicamclub.de/showthread.php?t=8863

Beispielsfoto: Travegon 2.8 35

Schwanengesang

Fotografiert mit Voigtländer Color-Ultron 1.8 50 an Sony A7II
Fotografiert mit Voigtländer Color-Ultron 1.8 50 an Sony A7II

Voigtländer: Das ist der älteste Name in der Fotografie überhaupt. Schon 1756 stellte Johann Christoph Voigtländer in Wien optische Instrumente her. Ab 1840, die Fotografie war gerade offiziell erfunden, kamen schon Kameras und (von Jozef Petzval konstruierte) Objektive dazu. Von 1849 an wurde in Braunschweig produziert, es entstanden Platten- und Rollfilmkameras und schon um die Jahrhundertwende so berühmte Objektive wie Heliar, Skopar und Apo-Lanthar.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erzielte Voigtländer auf dem Amateurmarkt mit dem Werbespruch „Voigtländer – weil das Objektiv so gut ist“ große Verkaufserfolge. Kameras wie Bessamatic, Vito oder Dynamatic waren der Traum vieler Hobbyfotografen in der Bundesrepublik. In den 1960ern geriet dann auch Voigtländer mit einer veralteten Modellpalette und zu hohen Preisen in den Abwärtssog, der praktisch die gesamte westdeutsche Fotoindustrie innerhalb weniger Jahre auslöschte. Mit Zeiss Ikon verschmolzen (in dieser Zeit entstand die unselige Icarex-Kamera, der wir immerhin das wunderbare Ultron-Objektiv verdanken), später von Rollei übernommen, wurden in den 1970ern im Rollei-Werk Singapur noch einmal die drei Kameramodelle VSL1, VSL2 Automatic und VSL3-E gebaut, die technisch weitgehend identisch mit den Rolleiflex-Schwestermodellen SL35M, SL35ME und SL35E waren und preislich etwas niedriger positioniert waren.

Doch sie hatten auf dem hart umkämpften Markt der einäugigen Spiegelreflexkamereas nicht den erhofften und dringend nötigen Erfolg gegen die japanischen Riesen Pentax, Canon und Nikon. Mit dem Rollei-Konkurs endete 1981 auch die Unternehmensgeschichte von Voigtländer. Rollei nutzte den Namen nicht weiter, eine eigenständige Produktion und Entwicklung waren da schon längst Geschichte. Die Namensrechte wurden mehrfach verkauft, bis sie 1999 schließlich der japanische Hersteller Cosina erwarb, der darunter seitdem – erstaunlicherweise – überaus hochwertige Objektive und sogar wieder Kameras produziert (darunter im Jahr 2003 die Analogkamera Bessaflex mit M42-Objektivgewinde). Aber mit dem ursprünglichen Unternehmen Voigtländer hat das nichts mehr zu tun.

Die hier abgebildete VSL3-E, Ende 1977 vorgestellt, ist die letzte in noch in Braunschweig konstruierte Spiegelreflexkamera, wenn auch schon ausschließlich im Rollei-Werk Singapur gefertigt. Nur gut 51.000 Exemplare wurden verkauft, dazu fast 120.000 der technisch nahezu identischen Schwester Rolleiflex SL35E. Probleme mit der Elektronik nagten an ihrem Ruf, das Unternehmen konnte sie nicht mehr retten. Immerhin: Nach der klobigen und ebenfalls technisch problematischen VSL2 hatten die Konstrukteure nun eine deutlich gefälligere und handlichere Kamera hingelegt, die mit elektronischer Verschlusssteuerung, Zeitautomatik, Offenblendmessung und LED-Anzeige im Sucher auch technisch auf der Höhe der Zeit war. Mir gefällt das Design mit dem kantigen Dachkantprisma sogar besser als das des Rollei-Schwestermodells SL35E.

Das montierte Objektiv, ein Voigtländer Color-Ultron 1.4 55 von etwa 1975, hat auch eine bewegte Geschichte. Es ist eines der wenigen noch in Braunschweig hergestellten Exemplare, bevor der japanische Hersteller Mamiya die Produktion weiterführte, der dann auch eine ganze Palette preiswerter Objektive unter Rolleinar- und Voigtländer-Label anbot. Äußerlich und in der Bildqualität sind die „Made in West Germany“ und „Made in Japan“ produzierten Versionen nicht zu unterscheiden. Das Objektiv hat ebenfalls berühmte Wurzeln, im Inneren steckt nämlich ein Zeiss-Planar 1.4 55, das von Johann Berger errechnet und ab 1959 als Spitzenobjektiv für die Zeiss-Spitzenkamera Contarex angeboten worden war. Im Hause Zeiss war es 1972 vom Planar 1.4 50 abgelöst worden, das wiederum der berühmte Erhard Glatzel konstruiert hatte. Da Zeiss das Patent des 55ers nicht verlängert hatte, so schreibt Frank Mechelhoff es auf seiner sehr empfehlenswerten Seite klassik-kameras.de, konnte Rollei es ohne Lizenzgebühren nachbauen. Und so wie die VSL3-E mit der SL35E einen Rollei-Zwilling hat, hat auch das Color-Ultron ein Pendant im Rolleinar-MC 1.4 55, das schließlich ebenfalls bei Mamiya in größeren Stückzahlen von den Bändern lief.

Die Kamera eine halbe Rolleiflex, das Objektiv ein Erbe von Zeiss – mit diesem Schwanengesang endet die Geschichte der ältesten Marke der Fotografie. Immerhin ein Abschluss, der sich durchaus sehen lassen konnte – und der auch heute noch gut dasteht. Voigtländers letzter Wurf war keine billige Ramschware wie die letzten Objektive von Isco Göttingen und Enna München mit ihren grausigen Plastikfassungen, sondern: solide Mittelklasse. Das hier gezeigte Duo darf sich denn auch darauf freuen, 40 Jahre nach seiner Herstellung wieder mit frisch eingelegtem Film auf Fototour gehen zu dürfen.

Das letzte Meyer

In der Facebookgruppe „Fotografie mit manuellen Objektiven“ habe ich gerade ein kleines Ratespielchen für die Auskenner gespielt. Das hier brachte heute Morgen der Hermes-Bote (nach einer halben Ewigkeit, orr): eine stinknormale, etwas abgenutzte Praktica MTL-5B mit dem hunderttausendfach gebauten Standardobjektiv Prakticar 1.8 50.

Nichts besonderes, oder? Doch.

Was wir hier sehen, ist nicht nur eines der letzten Objektive aus der traditionellen Produktion von Meyer Optik Görlitz, um 1970 im VEB Pentacon aufgegangen. Es ist auch die letzte Version des Orestons, eines der großen Klassiker der Fotogeschichte.

Äußerlich ist dieses unscheinbare Objektiv ein stinknormales Pentacon Prakticar 1.8 50 in der (ziemlich scheußlichen) „Ratio“-Fassung der späten 1980er-Jahre mit eingepressten Plaste-Noppen. In der Wendezeit nach 1989 wurden die letzten Exemplare davon wieder unter dem stolzen alten Namen „Meyer Optik“ in den Verkauf gebracht.

Dieses Exemplar hat darüber hinaus nicht das übliche Prakticar-Bajonett („Meyer Optik“-Prakticare mit Bajonett sind selten, aber bekannt), sondern ein M42-Gewinde. Nur deshalb passt es überhaupt an die MTL-Praktica. Das hätte es eigentlich so gar nicht geben dürfen, die Objektive in der Prakticar-Optik hatten allesamt auch das Prakticar-Bajonett. Diese Version ist nur noch in minimalen Stückzahlen in den Handel gegangen, wenn sie dann überhaupt je offiziell angeboten wurde.

Meines Erachtens spiegelt dieses Objektiv die ganze Tragik des Untergangs der DDR-Fotoindustrie wieder. Es ist die aller-, allerletzte Version des alten Meyer Optik Oreston 1.8 50, das 1961 konstruiert und ab 1963 produziert wurde. Es wurde zu Hunderttausenden gebaut, erst als Zebra, später in einer schwarz-silbernen, schließlich schwarzen Version, dann mit Kreuzrändelfassung, in Abwandlungen als „Revuenon“ und „Pentaflex“ für westdeutsche Versandhäuser, zuletzt noch einmal als anfangs durchaus hochwertiges Prakticar mit genopptem Gummiring. Die Linsenkonstruktion war 1969 noch einmal verbessert worden und von da an bis zum Ende der DDR durchproduziert. In den 1970ern kam noch Multischicht-Vergütung als Neuerung dazu.

Die hier gezeigte allerletzte Version aus der zweiten Hälfte der 80er-Jahre unterschied sich von ihren Vorgängern nicht nur durch das billig wirkende Kunststoffgehäuse, sondern auch einen geänderten inneren Aufbau, der sich in einer schlechteren Nahgrenze von 45 statt 33 Zentimetern bemerkbar machte. Ob sich auch an der Bildqualität etwas geändert hatte, weiß ich nicht.

Millionen von Fotografen haben jahrzehntelang mit dem Oreston-Pentacon 1.8 50 fotografiert. Es ist, vor allem etwas abgeblendet, auch heute noch exzellent in Sachen Schärfe.

Der Millionenseller ist im Grunde eine durchaus kompetente Mittelklasse-Festbrennweite, die um 1975 herum sogar ein exzellentes Preis-Leistungs-Verhältnis geboten haben dürfte. Nur: Als diese letzte Variante um 1990 in die Läden kam, waren längst Zoomobjektive der Standard und Autofokus groß im Kommen. Und auf diesen Feldern hatten weder Carl Zeiss Jena noch Pentacon (die zu dieser Zeit schon verschmolzen waren) etwas im Angebot. Dort regierten längst die Japaner. Sigma, Cosina und Samyang aus Korea boten seit Jahren ein ganzes Sortiment an Zooms auch für das Prakticar-Bajonett an. Wer sollte da noch ein altes Oreston kaufen? Zumal mit dem aussterbenden uralten M42-Gewindeanschluss?

Bittere Schlusspointe: Wie Marco Kröger auf seiner sehr empfehlenswerten Webseite zeissikonveb.de schreibt, wurden die letzten Pentacon-/Meyer-Objektive vermutlich allesamt bei IOR in Bukarest gefertigt – auch die, auf denen „Made in Germany“ oder „German Democratic Republic“ stand. Wenn das auf für dieses Exemplar zutrifft, dann war das letzte Oreston von Meyer Optik Görlitz im Grunde schon keines mehr.

Die Blüte der Feinmechanik: Schneider-Kreuznach Tele-Xenar 3.5 135

Es gibt bei historischen Objektiven Dinge, die man gesehen haben muss, um sie zu glauben. Dazu gehören die skurrilen mechanischen Schärfetiefe-Anzeigen deutscher Objektive, die von Ende der 1950er- bis etwa Mitte der 1960er Jahre eine kurze Blüte feierten. Das Pancolar 2 50 von Carl Zeiss Jena etwa hatte zwei auseinanderstrebende, freistehende rote Metalldreiecke, der bundesrepublikanische Mitbewerber Albert Schacht aus Ulm setzte für seine Travelons, Travegons und Travenare auf einen sich beim Abblenden verbreiternden roten Streifen hinter Plexiglas.

Die aufwendigste Anzeige aber hatten die Objektive von Schneider aus Bad Kreuznach – einem Unternehmen, dass sich als westdeutsche Oberklasse und mindestens gleichwertige Konkurrenz zum Platzhirsch Carl Zeiss Jena verstand.

Bei Schneider-Kreuznachs Curtagons, Xenaren und Xenons wird die Schärfentiefe durch einen metallisch-blanken Streifen angezeigt, der beim Abblenden nach links und rechts breiter wird.

Dabei schieben sich hinter einem transparenten Plexiglasring einzelne silberne Lamellen aneinander (siehe Bilder), ähnlich einem Balkendiagramm. Eine ebenso feinmechanisch faszinierende wie im Grunde herrlich sinnlose Spielerei.

Das Tele-Xenar 3.5 135 ist ein erstklassiges Teleobjektiv und das westdeutsche Gegenstück zum legendären Sonnar von Carl Zeiss. Mechanisch aus dem Vollen gefräst, im klassischen Zebra-Design, mit dem markentypischen edlen blanken Doppelstreifen oben am Tubus.

Der Käufer bekam reichlich feine Details für sein Geld – man beachte zum Beispiel den wie eine Uhrkrone gefrästen Umschaltknopf zwischen Blendenautomatik und manuellem Betrieb, der wiederum durch ein kleines Sichtfenster auf der Oberseite mit den Lettern „A“ und „M“ angezeigt wird. Die Bildqualität dieses typischen 135ers ist über alle Zweifel erhaben: kristallscharf und kontrastreich.

Fotografisch ergab die Schärfentiefeanzeige wenig Sinn, dürfte aber die Produktionskosten deutlich in die Höhe getrieben haben. Das technische Schmankerl verschwand denn auch nach einigen Jahren schnell wieder, die Nachfolger dieser Objektive kamen wieder ohne das Gimmick aus. Für den Sammler bleiben die winzigen Anzeigen ein optischer Genuss beim Fotografieren.

Dieses Exemplar hier, mit M42-Gewinde, ist zu verkaufen. Kein Fungus, keine größeren Kratzer, Fokussierung geschmeidig, Blendenring freigängig. Preis 70 Euro (ich habe selbst hatte natürlich mal wieder mehr dafür bezahlt). Versand am liebsten als versichertes Paket mit DHL für 4,99 Euro. Wie die Bilder eines Tele-Xenars aussehen, ist hier im Beitrag „Moorbraun in Ornbau“ nachzuschauen.

Die Mediocren. Ein Fotowalk mit Orestegon, Oreston und Orestor.

Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29
Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29

Schon die Überschrift ist eigentlich eine Unverschämtheit. Die Mediocren, das sind „die Mittelmäßigen“. Ein Film von 1995 hieß so mit Jasmin Tabatabai, Jürgen Vogel und Dany Levi. Mittelmäßig als Attribut für ein Objektivtrio aus der berühmten Linsenschmiede Meyer-Optik Görlitz? Noch dazu in der Version mit dem Bajonett der legendären Exakta-Kameras?

Tja nun. Schauen wir uns die Kandidaten doch einmal an, die da mit uns ins Würselener Wurmtal dürfen.

Meyer Optik Görlitz Orestegon 2.8 29, Oreston 1.8 50 und Orestor 2.8 100
Meyer Optik Görlitz Orestegon 2.8 29, Oreston 1.8 50 und Orestor 2.8 100

Da wäre erst einmal das Orestegon 2.8 29 (links im Bild). Das Weitwinkel mit der einzigartigen Brennweite von 29 Millimetern wurde 1966 vorgestellt, damals noch in der klassischer Zebra-Fassung mit blank geriffeltem Fokusring. Es war nicht nur die weitwinkeligste Brennweite, die je das Görlitzer Werk verlassen hat, es war mit sieben Linsen auch das aufwendigste Objektiv von dort. Ab 1971 gab es die hier vorgestellte Bauform in schwarz mit den metallisch blanken Vierecken am Blendenring. Noch im selben Jahr wechselte der Produktname zu Pentacon 2.9 28, etwas später wurde die Fassung dann durchgehend schwarz und bekam noch etwas später die bekannte Kreuzrändelung am Fokusring und Mehrschichtvergütung auf den Gläsern. In dieser Form wurde das Objektiv – ausschließlich mit M42-Gewindeanschluss – bis zum Ende der DDR gebaut. Es füllte im Objektivangebot die Lücke zwischen dem teuren Superweitwinkel Flektogon 4 20, später 2.8 20 (sowie dem nur einige Jahre lang angebotenen 4 25) und dem Flektogon 2.8 (später 2.4) 35, beide von der Premiummarke Carl Zeiss Jena. Tausende und Abertausende von Praktica-Nutzern überall in Europa und Übersee bauten auf das 29er aus Görlitz. Meyer war, spätestens ab 1971, als der Hersteller ausschließlich unter VEB Pentacon firmierte, für den preisgünstigen Sektor und die hohen Stückzahlen zuständig.

Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29
Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29

Heute haben Fotofreunde eine gewaltige Auswahl an mittleren Weitwinkeln zwischen 28 und 35 Millimetern, die exotische Brennweite aus Görlitz ist nur eine Alternative von etlichen. Und, das darf man wohl sagen: leider nicht die attraktivste. Die Besprechungen und Testergebnisse des Orestegons waren schon zu dessen Lebzeiten nicht euphorisch und sind heute, höflich gesagt, durchwachsen. Mehrere Rezensenten verreißen das Orestegon völlig („das schlechteste Objektiv, das ich je an der Kamera hatte“), andere loben dagegen Bildqualität, Rendering, Bokeh und Kontrast. Einig sind sich alle Stimmen: Bei offeneren Blendenstufen sei die Bildmitte ja noch halbwegs scharf, aber die Ränder einfach nur flau bis völlig zermatscht, der Kontrast schwach. Erst oberhalb von F4, vor allem bei F8 bis F11, wird das Bild dann durchgehend scharf und kontrastreich. Die Fertigungsqualität sei wechselhaft, vor allem bei den letzten Jahrgängen, die wohl teilweise oder ganz bei IOR in Bukarest gefertigt wurden. Erst als die Konstruktion 1878 zum neuen Pentacon Prakticar 2.8 28 für das PB-Bajonett weiterentwickelt wurde, konnte das Objektiv überzeugen. Unter den Weitwinkeln der Altglaswelt erscheint das Orestegon aus heutiger Sicht – tja, höchstens ausreichend bis okay. Mittelmäßig halt.

Sony A7II mit Meyer Optik Oreston 1.8 50
Sony A7II mit Meyer Optik Oreston 1.8 50

Dann ist da das Oreston 1.8 50 (Mitte). Das 1961 konstruierte, ab 1963 produzierte und 1969 noch einmal optisch überarbeitete Objektiv wurde – spätestens ab 1971, als es in Pentacon 1.8 50 umbenannt wurde und zu Hunderttausenden auf den Weltmarkt gepumpt wurde, für fast 20 Jahre zum lichtstarken Standardobjektiv der DDR-Kameraindustrie. Seine Abstammung ist von Mythen umwoben, es wurde wohl aus dem Hochleistungsobjektiv Domiron 2 50 entwickelt, mit dem Meyer 1960 dem berühmten Biotar 2 58 des großen Rivalen Zeiss Jena Konkurrenz machen wollte. Das ging den DDR-Wirtschaftslenkern zu weit, Konkurrenz war in einer Planwirtschaft nicht vorgesehen, das Domiron musste eingestellt werden.

Sony A7II mit Meyer Optik Oreston 1.8 50
Sony A7II mit Meyer Optik Oreston 1.8 50

Zu seiner Zeit war das Oreston allerdings alles andere als mittelmäßig. Der aufwendige Sechslinser schlug in seiner Bildqualität das Einstiegsobjektiv, den einfachen Dreilinser Meyer Domiplan 2.8 50, um Längen. Das für seine Schärfe gerühmte Tessar 2.8 50 aus dem Hause Zeiss Jena übertraf es in punkto Lichtstärke um mehr als eine ganze Blendenstufe. Einzig dem exzellenten Zeiss-Objektiv Pancolar 1.8 50 musste es sich geschlagen geben. Es war ihm zwar bei den Leistungsdaten auf dem Papier und wohl auch in der Bildleistung bei kleineren Blendenstufen ebenbürtig, hinkte ihm aber in der Königsdisziplin Offenblende messbar hinterher. Was auch gewollt war: Das Oreston war nun einmal die etwas einfachere Konstruktion mit weniger teuren Gläsern. Dafür war es preisgünstiger.

Das Oreston ist aus heutiger Sicht immer noch durchaus befriedigend, größere Schwächen leistet es sich nicht, aus der Masse heraus ragt es andererseits auch nirgendwo. Es gibt ungezählte gleich gute bis deutlich bessere 50-Millimeter-Objektive, angefangen bei den Pancolaren von Zeiss Ost über die Planare von Zeiss West, bis zu den Dutzenden auch heute noch günstiger und hervorragender Standardobjektive aus Japan, etwa von Canon, Minolta oder Nikon. Das Oreston ist in diesem Feld: leider halt auch nur ein Mittelklässler.

Sony A7II mit Meyer Optik Orestor 2.8 100
Sony A7II mit Meyer Optik Orestor 2.8 100

Aber das Orestor 2.8 100? Mittelmaß? Nein, wirklich nicht. Nach übereinstimmendem Urteil der Fachwelt ist das Orestor ein echtes Juwel, zusammen mit seinem gleichnamigen Bruder 2.8 135 vielleicht das Beste, was je die Görlitzer Werke verließ. Die Konstruktion vom berühmten Sonnar inspiriert. Brillant, herausragend, übertrifft bereits bei Offenblende 2.8 die Bildleistung vieler anderer, lichtstärkerer Objektive.

Sony A7II mit Meyer Optik Orestor 2.8 100
Sony A7II mit Meyer Optik Orestor 2.8 100

Es gab allerdings zwei Versionen des Orestors. Die erste, zylindrische Fassung von 1966 hatte eine einfache Rastblende, 14 Lamellen und eine kreisrunde Iris. Sie ist – gerade an modernen Digitalkameras – zweifellos die optisch bessere und überaus begehrt. Ein kompaktes Porträtobjektiv, das noch heute begeistert.

Dann haben wir die zweite Version ab etwa 1970, mit automatischer Druckblende – und, bei identischem Linsenaufbau, einer Blende mit nur noch sechs Lamellen. Diese Blende ist denn auch das Einzige, das diesem Orestor vorzuwerfen ist: Das Objektiv hat, so wie auch das Oreston und das Orestegon oben, eine sechseckige Iris mit – und das ist ungewöhnlich – schnurgeraden Lamellenkanten. Sechs Lamellen sind grundsätzlich keine Schande, aber bei den allermeisten Objektiven sind sie abgerundet. Die Blätter des späten Orestors machen das berühmte butterweiche Bokeh etwas weniger sanft, vor allem aber werden Spitzlichter im Hintergrund sichtbar kantig.

Warum dieser scheinbare Rückschritt? Jahrzehntelang waren ein Dutzend Lamellen und mehr das Optimum im Objektivbau. Doch beim Aufkommen kürzerer Verschlusszeiten und automatischer Blendensteuerung kamen die feinblättrigen Blütenkonstruktionen beim präzisen und schnellen Öffnen und Schließen nicht mehr mit. Die Konstrukteure gingen also zu sechs oder sogar nur fünf Lamellen über. Die aber waren meist gerundet, so dass Hintergrundlichter nicht ganz so brutal kantig wirkten. Ob die Ingenieure bei Meyer diese streng geometrische Iris wählten, weil die kantigen Lichter technische Modernität signalisieren sollten? Egal, sie haben sich nicht durchgesetzt, auch das Oreston/Pentacon 1.8 50 bekam ab 1975 nicht nur Multi Coating auf die Gläser spendiert, sondern auch – übrigens überaus stark – gerundete Lamellenblätter.

Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29
Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29

Bleibt noch zu erwähnen, was es mit dem Exakta-Bajonettanschluss auf sich hat. Eigentlich gab es die Görlitzer Spitzenprodukte aus den späten 60er-Jahren nämlich nur noch mit M42-Gewinde für die Praktica-Kameras. Doch 1969 machte man noch einmal eine Ausnahme für die neu entwickelte Kamera Exakta RTL 1000 – eine Variante der Praktica LLC mit Extakta-Bajonettanschluss. Man hoffte, mit ihr den Nutzern der seit 1950 gebauten Ihagee-Kamera Exakta Varex – in ihren Hochzeiten ein weltweit geschätztes Spitzenprodukt der DDR-Fotoindustrie, mittlerweile aber zusehends veraltet – einen zeitgemäßen Nachfolger anbieten zu können. Vier vorhandene Objektive wurden eigens für diese Kamera auf Bajonettanschluss und Innenblendmessung umkonstruiert. Neben den drei hier vorgestellten Meyers gab es noch eine Variante des Zeissschen Pancolars 1.8 50. Doch die RTL 1000 floppte am Markt und wurde nur drei Jahre lang gebaut. Entsprechend gering blieb die verkaufte Auflage der kleinen Objektivfamilie.

Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29
Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29

Warum nun marschiert man mit Orestegon, Oreston und Orestor auf Fotopirsch statt mit ähnlich teurem, aber anerkannt besseren Altglas? Wenn es unbedingt DDR-Ware sein muss, warum nimmt man nicht Flektogon, Pancolar und Sonnar aus Jena mit, untadelig im Ruf und noch heute überaus beliebt?

Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29
Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29

Schwer zu erklären. Warum fahren Leute in einem ollen 1968er Opel Manta durch die Lande? Warum restaurieren Fans historische Kreidler-Mopeds? Warum legen manche Musikliebhaber lieber Schallplatten auf, als den Streamingdienst einzuschalten? Warum benutzt man zum Fotografieren überhaupt jahrzehntealte manuelle Linsen statt zeitgemäßer Objektive mit Vollautomatik und Autofokus?

Sony A7II mit Meyer Optik Orestor 2.8 100
Sony A7II mit Meyer Optik Orestor 2.8 100

Vielleicht, weil erst das Reduzieren aufs Wesentliche eine so alltäglich gewordene Tätigkeit wie von das Fahren von A nach B oder das Anfertigen eines Fotos wieder zum Vergnügen macht? Weil beim Rühren im Getriebe eines Oldtimers ohne Fahrwerkselektronik ein ganz anderes Gefühl für die Straße aufkommt? Weil man Musik anders schätzt, wenn man erst den Tonträger aus der Papierhülle nehmen und vorsichtig auf den Plattenteller legen muss? Und weil das gefühlvolle Drehen am Fokus und das klickende Einrasten des Blendenrings den Fotografen wieder zwingen, sich aktiv mit Aufbau und Gestaltung seines Bildes auseinanderzusetzen? Wer so denkt, der will irgendwann auch nicht mehr unter den historischen Objektiven das hervorragende oder gar perfekte, eben das moderne und damit langweilige. Er unterwirft sich gerne den Einschränkungen eines aus heutiger Sicht „mangelhaften“ Objektivs und schätzt die Herausforderung, gerade mit diesem nicht vollkommenen Werkzeug kreativ zu sein.

Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29
Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29

Die drei Meyers hier bieten genau das. Und es ist ja nicht so, dass sich mit ihnen nur stümpern lässt. Weit gefehlt. Schärfe können sie um F8 herum so gut wie jedes moderne Objektiv, da überzeugen sie auch heute. Ihr Bokeh ist ganz anders als das ihrer Nachfolger aus dem 21. Jahrhundert. Bei Offenblende und knapp darunter dagegen bieten sie die Herausforderung: Dass man sich eben genau überlegen muss, was sie können und was nicht – und was für ein Bild man eigentlich erzeugen möchte. Und dann überraschen sie hier und da mit ganz ausgezeichneten Leistungen in Spezialdisziplinen: Das Orestegon 2.8 29 etwa taugt mit seiner Nahgrenze von nur 25 Zentimetern wunderbar für spannende Detailaufnahmen. Ebenso das Oreston, das bis auf exzellente 33 Zentimeter an das Motiv herankriechen kann, für ein 50-Millimeter-Objektiv ein überragender Wert. Und das Orestor 2.8 100 ist in der Summe seiner Eigenschaften ein auch heute noch uwmerfend gutes Porträtobjektiv. Und auch die eckigen Lamellen haben eine gute Seite: Sie produzieren nachts wunderbare Lichtsterne.

Sony A7II mit Meyer Optik Orestor 2.8 100
Sony A7II mit Meyer Optik Orestor 2.8 100

In einem Punkt ist das Trio sogar ganz modern: In der Bajonett-Variante lassen sie sich genauso fix durch einen schnellen Dreh an der Kamera wechseln wie ihre modernen Nachfolger. Der Bildqualität wiederum lässt sich auf die Sprünge helfen, indem man den nur einfach vergüteten Gläsern durch Gegenlichtblenden – die hier abgebildeten Exemplare gibt es in der E-Bucht für ein paar Euro aus China – unter die Achseln greift. Und beim Kriechen durchs Moos an einem bewölkten Wintertag ist ein Stativ hilfreich, dann kann auch problemlos bis in die besseren Bildqualitäten hinein abgeblendet werden.

Orestegon, Oreston und Orestor mit Gegenlichtblenden
Orestegon, Oreston und Orestor mit Gegenlichtblenden

Wer also gerne die Konstruktionen der legendären Görlitzer Werkstätten an seiner Kamera hat, ein halbes Jahrhundert alt und mit entsprechend historischem Rendering, aber mit noch immer annehmbaren Leistungsdaten, und wer beim Wechseln keinen Wert auf langes Gefummel mit Schraubanschlüssen legt, der kommt an diesen etwas selteneneren Varianten von Oreston, Orestegon und Orestor nicht vorbei. Ähnlich komfortabel waren aus DDR-Produktion erst wieder die Prakticar-Objektive mit dem PB-Bajonett ab 1978. Die sind aber auch eine ganze Generation „moderner“ und bieten mit ihren Griffringen aus Gummi oder Kunststoff wieder ein ganz anderes haptisches Erlebnis.

Mit einem Ferrari über die Landstraße zu heizen, macht sicher Spaß – aber ist reine Perfektion nicht auch ein bisschen langweilig, ein bisschen steril, ein bisschen ohne Herausforderung? Es muss wohl so sein, sonst würden nicht so viele Leute alte Opel Mantas hegen und pflegen, an Kreidler Floretts herumschrauben – und Meyer Orestegons an ihre Kamera klipsen.

Der einsame Ikarus: Das Zeiss Ultron 1.8 50

Großartig ist es, Opas komplette Fotoausrüstung, bestehend aus einer Zeiss Ikon Icarex 35S, dem legendären Zeiss Ultron 1.8 50, je einem Skoparex 3.4 35 und einem Super Dynarex 4 135, zwei Deckeln, einer seltenen Original-Sonnenblende, gleich zwei (!) passenden Fotokoffertaschen, Blitz, Objektivbox und reichlich Papierkram für einen weiß Gott nicht geschenkten, aber fairen Preis kaufen zu können.

Dumm ist es, am Tag vorher ein Zeiss Ultron 1.8 50 alleine für so ziemlich den selben Preis geebayt zu haben. Habe ich also gerade zwei Exemplare der superedlen Linse. Zum Glück auch ein Widerrufsrecht im zweiten Fall…

Bleibt die Frage: Was will er mit dem alten Plunder?

Für die Antwort muss man etwas ausholen. Die Spiegelreflexkamera Icarex 35 war einer der letzten Nägel zum Sarg der westdeutschen Fotoindustrie. Im Jahr 1966 vorgestellt, war sie die fünfte eigenständige Kameraklasse im Zeiss-/Voigtländer-Konzern und mit ihrem eigens entwickelten BM-Bajonett inkompatibel zu allen anderen Kamerasystemen der Welt. Objektivbrennweiten gab es in den ersten Jahren stolze drei Stück: Zum einfachen Dreilinser Pantar 2.8 50 und dem klassischen Tessar 2.8 50 kam noch ein – für die eher schwache Lichtstärke arg teures – Porträtobjektiv Dynarex 3.4 90 und schließlich das Tele Super Dynarex 4 135. Alles ziemlich biedere Konstruktionen, seit den 50er-Jahren bekannt aus der Bessamatic-Serie der Firma Voigtländer (die Zeiss 1956 übernommen hatte und 1971 an Rollei weiterverkaufen sollte). Dabei blieb es zunächst auch schon.

Die Kameras selbst waren schwere, unelegante und komplizierte „Zeiss-Briketts“, mechanisch von höchster Wertigkeit, aber technisch in jedem Jahr ein Stück weiter von den Japanern abgehängt, die in diesen Jahren ein aufregendes Modell nach dem anderen auf den Markt warfen. Bei Zeiss dagegen diktierte ein schwerfälliges Management, dass die Icarex in ihrer Ausstattung gefälligst einen deutlichen Abstand zum Flaggschiff Contarex einzuhalten haben, dessen Verkaufskurve aber stramm nach Süden zeigte. So musste die Icarex etwa ohne die längst übliche TTL-Belichtungsmessung auskommen. Die Käufer wechselten da lieber zu Pentax, Nikon & Co. – wer sollte bitte diese seltsame Icarex kaufen?

Erst nach zwei (!) Jahren schob Zeiss widerwillig eine Handvoll weiterer Brennweiten nach: Erstmals ein – arg gemäßigtes – Weitwinkel, das Skoparex 3.4 35, das längere Tele Super Dynarex 4 200, das Telomar 4 500 und – das immerhin war tatsächlich ein Schmankerl – das seinerzeit erste Zoomobjektiv, das 2.8 36-82 Zoomar. Alle diese Linsen waren ebenfalls über ein Jahrzehnt alte Bessamatic-Konstruktionen und leistungsmäßig längst in die Mittelklasse durchgereicht worden.

Die Objektivfamilie war damit zwar endlich halbwegs vollständig, große Magnetwirkung dürfte sie nicht erzeugt haben. Der ostdeutsche Bruder Carl Zeiss Jena hatte längst spektakuläre 20- und 25-Millimeter-Weitwinkel im Angebot, im fernen Osten lockte Pentax mit einem 35-Millimeter mit der immens hohen Lichtstärke 2.0. Die Icarex – und mit ihr die Kameraproduktion der einst so stolzen Marke Zeiss Ikon – ging denn auch nach gerade einmal sechs Jahren 1972 sang- und klanglos unter, ein letzter Versuch in Form der Spiegelreflexkamera SL 706 scheiterte kläglich.

Es gibt eigentlich heute kaum einen Grund, sich noch für diesen traurigen Ikarus der Fotografie zu interessieren, der nie der Sonne nah genug kam, als dass seine Flügel hätten schmelzen können, wie es Frank Mechelhoff auf seiner sehr empfehlenswerten Seite www.klassik-cameras.de schreibt, von der ich einen Großteil dieser Informationen habe.

Wäre da nicht das Ultron.

Das Ultron 1.8 50 ragt nicht nur aus der kleinen Familie der braven Icarex-Durchschnittslinsen heraus wie ein Leuchtturm aus einem Campingplatz. Es schlägt auch mühelos so ziemlich alles, was zu seiner Zeit und in folgenden Jahren – und nach der Meinung vieler Verehrer bis heute – an 50-Millimeter-Objektiven gebaut wurde. Das 1968 von Albrecht Tronnier noch für Voigtländer neu gerechnete lichtstarke Standardobjektiv ist technisch in einer Hinsicht nahezu einzigartig: Es hat eine Frontlinse, die nicht wie üblich konvex gewölbt, sondern konkav geformt ist. Angeblich steckte dahinter eine Wette Tronniers, der beweisen wollte, dass es auch mal andersherum ging.

Das Ergebnis beeindruckt bis heute. Das Ultron liefert bereits offen eine gestochene Schärfe, höchsten Kontrast und, trotz seiner nur fünf Blendenlamellen, ein einzigartig cremiges Bokeh. Einzigartiger „Pop“ und Dreidimensionalität werden seinen Bildern nachgesagt. Die Schärfeleistung ließ damals die versammelte Konkurrenz alt aussehen: „Bei f/4 übertrifft dieses Objektiv die maximale Bildleistung von nahezu jedem anderen getesteten Objektiv dieses Typs“, hieß es in einem Test der Zeitschrift „Popular Photography“ von 1969.

Das einsame Ultron ist immer noch: ein Leuchtfeuer. So schreibt etwa Walter Owens auf vintage-camera-lenses.com: „It performs much better than all other 50mm prime lenses and always delivers outstanding image sharpness combined with an outstanding bokeh. I therefore think this is one of the best 50mm prime lenses that you can get.“ Etliche Fotografen auch in meinem Bekanntenkreis schwärmen, das Ultron sei ihre liebste 50er-Linse überhaupt.

Jetzt stehen gleich zwei davon auf meinem Tisch, eine wird wieder gehen müssen. Ausprobieren kann ich keine davon, der Adapter für meine A7 ist noch auf dem Weg von Hongkong hierher. Sie sind überraschend schwer, wenn man sie in die Hand nimmt: Die massive, extrem hochwertige Metallfassung scheint innerlich nur aus Glas zu bestehen. Fokus- und Blendenring gleiten geradezu durch die Fassungen. Sie sind wohl die am besten verarbeiteten Objektive, die ich habe. So passen sie gut zur Ikarex, die bei allem kantigen Altherrendesign eine Solidität und Wertigkeit verströmt, wie sie zu einem Mercedes der /8er-Serie passen würde, die damals ebenfalls neu auf den Markt kam. Ein Schmuckstück von eigenwilliger Ästhetik.

Geplatzte Träume umweht etwas Tragisches. Auch das großartige Ultron hat Icarex und Zeiss Ikon nicht retten können. Das einsame Edel-Objektiv fiel in die Ära des Schwanengesanges der westdeutschen Kameraindustrie. Zeiss Ikon/Voigtländer stellte den Kamerabau noch 1972 komplett ein, Leica ließ längst in Portugal bauen, Rollei verlagerte 1975 seine Produktion in die übergroße neue Fabrik in Singapur (deren Überkapazitäten dem Unternehmen bald das Genick brechen sollten). Seltsamerweise hatte Rollei 1970 von Zeiss für die neue SL35-Kamera noch ein neues, ebenfalls sehr hochwertiges 1.8 50 Planar entwickelt bekommen, dass parallel ebenfalls unter dem Label Voigtländer Color-Ultron produziert wurde, aber nichts mit dem Ikarex-Ultron zu tun hat. Angeblich war das gerade erst zwei Jahre alte Icarex-Ultron von Tronnier zu teuer in der Herstellung.

So endete die Karriere des Wunderkindes nach gerade einmal vier Jahren. Trotzdem ist das Icarex-Ultron zur Legende geworden, die bis heute fasziniert. Dank spiegelloser Kameratechnik lässt sich inzwischen digital die Leistung der nächstes Jahr 50 Jahre alt werdenden Konstruktion bewundern. Nach fast einem halben Jahrhundert hat Ikarus doch noch vom Erdboden abgehoben.