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Vergoldetes

Sony A7II mit Carl Zeiss Sonnar 2.8 135 C/Y, F4, 1/1000, ISO 100
Sony A7II mit Carl Zeiss Sonnar 2.8 135 C/Y, F4, 1/1000, ISO 100

Die Strahlen der Abendsonne schlängeln sich an den Türmen von Dom und St. Foillan vorbei, kriechen über Hausdächer und enden schließlich als goldene Tupfer an den verwitterten Ziegeln einer uralten Hauswand. Mit unbewegter Miene schaut mir die goldene Heiligenfigur in ihrer Nische hoch oben an der Hausecke zu, wie ich unter ihr auf der Straße mit dem Stativ auf dem Pflaster herumkratze. Wenn ich sie zwischendurch in den Sucher nehme und auf die Lupe-Taste drücke, zeigen etliche Macken und der hier und da abgeplatzte Lack, dass die Dame mit der ausgestreckten offenen Hand nicht mehr die Jüngste ist.

Wie setze ich sie richtig ins Bild? Ein bisschen blauen Himmel dazu? Oder noch ein Stückchen von einem zweiten Gebäude? Nein, das wird alles zu unruhig. Die eine, klassisch-strenge Fassade des Hauses im Hintergrund ist genug. Alles andere lenkt nur ab und stört den Kontrast zwischen ganz alt und noch nicht so ganz alt.

Was diese kleine goldene Figur wohl im Laufe ihrer Jahre schon alles gesehen hat an dieser belebten Ecke, ein paar Meter abseits vom Herzen der Stadt? Tausende und abertausende von Nachtschwärmern werden es gewesen sein. Brave Bürger und finstere Gestalten natürlich. Tagsüber Touristen und Kauflustige, nachts Huren und ihre Kunden. Amerikanische G.I.s vermutlich und davor deutsche Wehrmachtssoldaten, vielleicht auch die belgischen Besatzungstruppen in den Zwanziger Jahren. Wer mag schon alles unter ihrem starren Blick über diesen Platz marschiert sein? Wer hat kurz zu ihr hochgeschaut, hat sich bei ihrem Anblick etwas gewünscht, vielleicht ein Stoßgebet zum Himmel geschickt? Wer bekam ein schlechtes Gewissen wegen seiner Sünden, wer nahm einfach nur ein paar Sekunden lang den Anblick in sich auf?

Heute ist es nur ein Hobbyfotograf, der zu ihren Füßen innehält und ins Nachdenken versunken ist. Bis ein besonders schöner Sonnenstrahl das goldene Gewand aufleuchten lässt und ihm wieder einfällt, weshalb er hier an diese Kreuzung gekommen ist. Ein Finger drückt auf den Auslöser, es klackt. Dann wird eine Kamera wieder in ihre Tasche gepackt, ein Stativ zusammengeschraubt, schließlich fährt ein Fahrrad davon in Richtung Elisenbrunnen.

Zurück bleibt eine kleine goldene Figur, unbemerkt von den meisten Menschen, die unter ihr die Straße entlanghasten. Und Abendlicht, das auf eine alte Ziegelwand fällt.

Nachts, wenn alles bunt ist

Das Jahr 2015 wird für mich – neben reichlich anderen Dingen – das Jahr sein, in dem ich endlich gelernt habe, wie man eine Kamera bedient. Und nachdem das mit der Blende und der Belichtung endlich kein belgisches böhmisches Dorf mehr ist…

Krokodil

…kann man ja auch einmal etwas Interessanteres ausprobieren. Zum Beispiel eine Nachtexkursion der VHS Aachen zum Landschaftspark Duisburg-Nord (von den Einheimischen liebevoll „Lapadu“ oder „Landi“ genannt).

Rotoren

Wie die Wikipedia weiß, handelt es sich um ein stillgelegtes Hüttenwerk des Thyssen-Konzerns, das 1901 von der damaligen „Rheinische Stahlwerke zu Meiderich bei Ruhrort“ errichtet wurde. Die insgesamt fünf Hochöfen produzierten in ihren 84 Jahren 37 Millionen Tonnen Spezialroheisen – in der Regel als Vorprodukt für die Weiterverarbeitung in den Thyssen’schen Stahlwerken.

Plattform

Freitags, am Wochenende und an Feiertagen werden die Anlagen nachts durch eine Beleuchtungsinstallation von Jonathan Park in science-fiction-hafte Szene gesetzt.

Fackelzug

Nachdem der letzte von fünf Hochöfen 1985 stillgelegt und die Produktion verlagert wurde, wurde ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Seit 1994 dürfen Besucher zwischen den riesenhaften Hallen, den Hochöfen und Kaminschloten spazieren, Bunkerwände hochklettern oder durch die diversen Gewässer stapfen.

Türme

Am Samstag waren es ein halbes Dutzend ambitionierter Aachener Hobbyfotografen, das sich vor den gigantischen Rohrleitungen aufbaute, im Dunkeln über Stativbeine stolperte, in Pfützen tappte und die Selbstauslöseautomatiken ihrer Kameras verfluchte.

Blaue Kammer

Dozent Uwe Schmid erwies sich nicht nur als Kenner des Geländes (und seiner nassen Untiefen), sondern auch als Künstler des Lichts: Mit einem leistungsstarken Handstrahler, diversen Farbscheiben und noch ausgefeilteren Wedeltechniken tauchte er karge Betonwände, rostige Stahlträger und monströse Rohre in leuchtende Farben.

Flugzeugträger

Dass der nächtliche Winterhimmel die Lichter der Großstadt Duisburg und der angrenzenden Stahl- und Industriewerksanlagen reflektierte, verstärkte den unwirklichen Effekt noch. Noch nie hatte ich bei einer Langzeitbelichtung solche Resultate.

Bunker

Gut, es ist nicht alles so geworden wie erhofft. Das manuelle Canon-Weitwinkelobjektiv FD 20mm 2.8, der neueste (heißt: etwa 35 Jahre alte) Zugang in meiner mittlerweile stramm auf die 20er-Marke zumarschierenden Linsensammlung, überzeugte zwar mit prachtvoll flächiger Schärfe. Der eine oder andere Wassertropfen des herrschenden Nieselregens fand sich aber leider auf seiner Frontlinse wieder. Beim Objektivwechsel im Dunklen war das Herumgefummel mit dem – einzigen – Adapter zum Anflanschen an die Sony Nex-6 nervig, der Blendenmitnehmer blieb einmal auf Offenblende stehen. Der Kamerarucksack war ein weiteres Mal für einen zügigen Wechsel der Linsen völlig unraktisch.

Immerhin: Die zierliche Schnellkupplung für den Stativkopf, eine Cullmann Cross CX 420, bewährte sich glänzend. Endlich kann ich die Kamera mit einem einzigen Handgriff vom Stativ klipsen – und zum Beispiel in die Tasche stecken. Das ist ganz praktisch, wenn es zum Beispiel regnet. Was es denn auch leider tat. Der Rest der Truppe behalf sich mit Duschhauben, um die empfindliche Elektronik ihrer voluminösen Spiegelreflexen vor dem fallenden Nass zu schützen.

Nein, es klappte noch nicht alles reibungslos. Aber zwischen den stählernen Monstern von Duisburg am Jahresende hatte ich das Gefühl, dass sich doch ein bisschen was getan hatte seit den ersten vorsichtigen Versuchen im Frühjahr, den Punkt „intelligente Programmautomatik“ auf dem Einstellrad der Nex zu verlassen. Es ist ein Lichtschein am Horizont aufgetaucht. Heute war er blau.

Von Wanzen und Yetis

Sony Nex-6 mit Sony SEL 20f28, f6.3, 1/60s, ISO 1600
Sony Nex-6 mit Sony SEL 20f28, f6.3, 1/60s, ISO 1600

Ich kann’s einfach nicht lassen, die Kamera zum Laufen mitzunehmen. Sie liegt einfach so gut in der rechten Hand und wiegt so wenig, jedenfalls mit dem 20-Millimeter-Pancake. Selbst, wenn es schon abenddämmert, irgendein neues Motiv findet sich jedes Mal. Und ich entwickele ich mich langsam zum König der freihändigen Lowlight-Fotografie. Lieber die ISO-Zahl auf 6400 raufdrehen und Rauschen riskieren oder eine Blende weiter aufmachen und Tiefenschärfe verlieren? Hach, das sind alles Entscheidungen.

Und wenn selbst wenn kein neues Motiv über den Weg hüpft, kriecht oder cruised, kann man wenigstens mit einem bekannten nochmal rumexperimentieren.

Sony Nex-6 mit Sony SEL 20f28, f2.8, 1/80s, ISO 3200
Sony Nex-6 mit Sony SEL 20f28, f2.8, 1/80s, ISO 3200

Mit dem Nachführ-Autofokus zum Beispiel und unterschiedlichen Belichtungszeiten. Wobei ich zugeben muss: So richtig umhauen tut mich das alles nicht, der Skoda Yeti hier gehörte noch zum Besten. Vielleicht klappt es ja besser bei hellerem Licht. Der Autofokus der Nex-6 gilt halt generell als nicht rasend schnell, der Nachfolger Sony Alpha 6000 soll da deutlich Tempo zugelegt haben.

Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f9, 1/80s, ISO 100, 32 mm
Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f9, 1/80s, ISO 100, 32 mm

Und dann war da noch der Ausflug in den Elisengarten heute Nachmittag. Eigentlich wollte ich ja auf die rechte Blüte fokussieren. Doch dann fand meine Kamera ein besseres Motiv, als es nach dem vierten Schuss unbemerkt hinter dem obersten Blütenblatt hervorkrabbelte. Wieder was gelernt: Überraschungen bei der nachträglichen Bildbearbeitung am PC sind die schönsten.