Magnoliendom I

Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Biotar 1.5 75
Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Biotar 1.5 75

Am Aachener Dom blühen die Magnolien wieder. Schöne Gelegenheit für erste Gehversuche mit einer Legende der Objektivwelt: dem Biotar 1.5 75 von Carl Zeiss Jena. Frisch und fachkundig überholt von Foto Olbrich aus Görlitz – eine wahre Stradivari. Aber eine, die man mit ihrer starken Randunschärfe bei Offenblende erst einmal spielen lernen muss.

Osterbesuch

Kurzer Osterurlaub in den französischen Ardennen. Die Fotos und Namen auf den emaillierten Plaketten, die am Ehrenmal vor der Dorfkirche in Warnécourt an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs erinnern, sind längst verblasst. Aber immer noch rufen sie ins Gedächtnis, was für ein Wunder das vereinte Europa ist – nach den Millionen Toten der beiden Weltkriege und Jahrhunderten von vererbter Feindschaft.

Wenn man heute als deutscher Tourist an den Sandsteinfassaden in der Fußgängerzone der hübschen Kleinstadt Charleville-Mézières an der Maas entlangbummelt, darf man sich gerne noch einmal ins Gedächtnis rufen, dass so etwas noch für die eigenen Großeltern undenkbar gewesen wäre. Dass ein freies und freundliches Europa alles andere als selbstverständlich ist. Dass wir nicht aufhören dürfen, dafür einzustehen, es zu leben und weiterzuentwickeln. Weil es im Moment von denselben Kräften bedroht wird, die es vor ein paar Jahrzehnten fast einmal vernichtet hätten.

Das war es auch schon mit der Osterpredigt. Danke für euer Verständnis.

Die Mediocren. Ein Fotowalk mit Orestegon, Oreston und Orestor.

Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29
Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29

Schon die Überschrift ist eigentlich eine Unverschämtheit. Die Mediocren, das sind „die Mittelmäßigen“. Ein Film von 1995 hieß so mit Jasmin Tabatabai, Jürgen Vogel und Dany Levi. Mittelmäßig als Attribut für ein Objektivtrio aus der berühmten Linsenschmiede Meyer-Optik Görlitz? Noch dazu in der Version mit dem Bajonett der legendären Exakta-Kameras?

Tja nun. Schauen wir uns die Kandidaten doch einmal an, die da mit uns ins Würselener Wurmtal dürfen.

Meyer Optik Görlitz Orestegon 2.8 29, Oreston 1.8 50 und Orestor 2.8 100
Meyer Optik Görlitz Orestegon 2.8 29, Oreston 1.8 50 und Orestor 2.8 100

Da wäre erst einmal das Orestegon 2.8 29 (links im Bild). Das Weitwinkel mit der einzigartigen Brennweite von 29 Millimetern wurde 1966 vorgestellt, damals noch in der klassischer Zebra-Fassung mit blank geriffeltem Fokusring. Es war nicht nur die weitwinkeligste Brennweite, die je das Görlitzer Werk verlassen hat, es war mit sieben Linsen auch das aufwendigste Objektiv von dort. Ab 1971 gab es die hier vorgestellte Bauform in schwarz mit den metallisch blanken Vierecken am Blendenring. Noch im selben Jahr wechselte der Produktname zu Pentacon 2.9 28, etwas später wurde die Fassung dann durchgehend schwarz und bekam noch etwas später die bekannte Kreuzrändelung am Fokusring und Mehrschichtvergütung auf den Gläsern. In dieser Form wurde das Objektiv – ausschließlich mit M42-Gewindeanschluss – bis zum Ende der DDR gebaut. Es füllte im Objektivangebot die Lücke zwischen dem teuren Superweitwinkel Flektogon 4 20, später 2.8 20 (sowie dem nur einige Jahre lang angebotenen 4 25) und dem Flektogon 2.8 (später 2.4) 35, beide von der Premiummarke Carl Zeiss Jena. Tausende und Abertausende von Praktica-Nutzern überall in Europa und Übersee bauten auf das 29er aus Görlitz. Meyer war, spätestens ab 1971, als der Hersteller ausschließlich unter VEB Pentacon firmierte, für den preisgünstigen Sektor und die hohen Stückzahlen zuständig.

Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29
Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29

Heute haben Fotofreunde eine gewaltige Auswahl an mittleren Weitwinkeln zwischen 28 und 35 Millimetern, die exotische Brennweite aus Görlitz ist nur eine Alternative von etlichen. Und, das darf man wohl sagen: leider nicht die attraktivste. Die Besprechungen und Testergebnisse des Orestegons waren schon zu dessen Lebzeiten nicht euphorisch und sind heute, höflich gesagt, durchwachsen. Mehrere Rezensenten verreißen das Orestegon völlig („das schlechteste Objektiv, das ich je an der Kamera hatte“), andere loben dagegen Bildqualität, Rendering, Bokeh und Kontrast. Einig sind sich alle Stimmen: Bei offeneren Blendenstufen sei die Bildmitte ja noch halbwegs scharf, aber die Ränder einfach nur flau bis völlig zermatscht, der Kontrast schwach. Erst oberhalb von F4, vor allem bei F8 bis F11, wird das Bild dann durchgehend scharf und kontrastreich. Die Fertigungsqualität sei wechselhaft, vor allem bei den letzten Jahrgängen, die wohl teilweise oder ganz bei IOR in Bukarest gefertigt wurden. Erst als die Konstruktion 1878 zum neuen Pentacon Prakticar 2.8 28 für das PB-Bajonett weiterentwickelt wurde, konnte das Objektiv überzeugen. Unter den Weitwinkeln der Altglaswelt erscheint das Orestegon aus heutiger Sicht – tja, höchstens ausreichend bis okay. Mittelmäßig halt.

Sony A7II mit Meyer Optik Oreston 1.8 50
Sony A7II mit Meyer Optik Oreston 1.8 50

Dann ist da das Oreston 1.8 50 (Mitte). Das 1961 konstruierte, ab 1963 produzierte und 1969 noch einmal optisch überarbeitete Objektiv wurde – spätestens ab 1971, als es in Pentacon 1.8 50 umbenannt wurde und zu Hunderttausenden auf den Weltmarkt gepumpt wurde, für fast 20 Jahre zum lichtstarken Standardobjektiv der DDR-Kameraindustrie. Seine Abstammung ist von Mythen umwoben, es wurde wohl aus dem Hochleistungsobjektiv Domiron 2 50 entwickelt, mit dem Meyer 1960 dem berühmten Biotar 2 58 des großen Rivalen Zeiss Jena Konkurrenz machen wollte. Das ging den DDR-Wirtschaftslenkern zu weit, Konkurrenz war in einer Planwirtschaft nicht vorgesehen, das Domiron musste eingestellt werden.

Sony A7II mit Meyer Optik Oreston 1.8 50
Sony A7II mit Meyer Optik Oreston 1.8 50

Zu seiner Zeit war das Oreston allerdings alles andere als mittelmäßig. Der aufwendige Sechslinser schlug in seiner Bildqualität das Einstiegsobjektiv, den einfachen Dreilinser Meyer Domiplan 2.8 50, um Längen. Das für seine Schärfe gerühmte Tessar 2.8 50 aus dem Hause Zeiss Jena übertraf es in punkto Lichtstärke um mehr als eine ganze Blendenstufe. Einzig dem exzellenten Zeiss-Objektiv Pancolar 1.8 50 musste es sich geschlagen geben. Es war ihm zwar bei den Leistungsdaten auf dem Papier und wohl auch in der Bildleistung bei kleineren Blendenstufen ebenbürtig, hinkte ihm aber in der Königsdisziplin Offenblende messbar hinterher. Was auch gewollt war: Das Oreston war nun einmal die etwas einfachere Konstruktion mit weniger teuren Gläsern. Dafür war es preisgünstiger.

Das Oreston ist aus heutiger Sicht immer noch durchaus befriedigend, größere Schwächen leistet es sich nicht, aus der Masse heraus ragt es andererseits auch nirgendwo. Es gibt ungezählte gleich gute bis deutlich bessere 50-Millimeter-Objektive, angefangen bei den Pancolaren von Zeiss Ost über die Planare von Zeiss West, bis zu den Dutzenden auch heute noch günstiger und hervorragender Standardobjektive aus Japan, etwa von Canon, Minolta oder Nikon. Das Oreston ist in diesem Feld: leider halt auch nur ein Mittelklässler.

Sony A7II mit Meyer Optik Orestor 2.8 100
Sony A7II mit Meyer Optik Orestor 2.8 100

Aber das Orestor 2.8 100? Mittelmaß? Nein, wirklich nicht. Nach übereinstimmendem Urteil der Fachwelt ist das Orestor ein echtes Juwel, zusammen mit seinem gleichnamigen Bruder 2.8 135 vielleicht das Beste, was je die Görlitzer Werke verließ. Die Konstruktion vom berühmten Sonnar inspiriert. Brillant, herausragend, übertrifft bereits bei Offenblende 2.8 die Bildleistung vieler anderer, lichtstärkerer Objektive.

Sony A7II mit Meyer Optik Orestor 2.8 100
Sony A7II mit Meyer Optik Orestor 2.8 100

Es gab allerdings zwei Versionen des Orestors. Die erste, zylindrische Fassung von 1966 hatte eine einfache Rastblende, 14 Lamellen und eine kreisrunde Iris. Sie ist – gerade an modernen Digitalkameras – zweifellos die optisch bessere und überaus begehrt. Ein kompaktes Porträtobjektiv, das noch heute begeistert.

Dann haben wir die zweite Version ab etwa 1970, mit automatischer Druckblende – und, bei identischem Linsenaufbau, einer Blende mit nur noch sechs Lamellen. Diese Blende ist denn auch das Einzige, das diesem Orestor vorzuwerfen ist: Das Objektiv hat, so wie auch das Oreston und das Orestegon oben, eine sechseckige Iris mit – und das ist ungewöhnlich – schnurgeraden Lamellenkanten. Sechs Lamellen sind grundsätzlich keine Schande, aber bei den allermeisten Objektiven sind sie abgerundet. Die Blätter des späten Orestors machen das berühmte butterweiche Bokeh etwas weniger sanft, vor allem aber werden Spitzlichter im Hintergrund sichtbar kantig.

Warum dieser scheinbare Rückschritt? Jahrzehntelang waren ein Dutzend Lamellen und mehr das Optimum im Objektivbau. Doch beim Aufkommen kürzerer Verschlusszeiten und automatischer Blendensteuerung kamen die feinblättrigen Blütenkonstruktionen beim präzisen und schnellen Öffnen und Schließen nicht mehr mit. Die Konstrukteure gingen also zu sechs oder sogar nur fünf Lamellen über. Die aber waren meist gerundet, so dass Hintergrundlichter nicht ganz so brutal kantig wirkten. Ob die Ingenieure bei Meyer diese streng geometrische Iris wählten, weil die kantigen Lichter technische Modernität signalisieren sollten? Egal, sie haben sich nicht durchgesetzt, auch das Oreston/Pentacon 1.8 50 bekam ab 1975 nicht nur Multi Coating auf die Gläser spendiert, sondern auch – übrigens überaus stark – gerundete Lamellenblätter.

Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29
Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29

Bleibt noch zu erwähnen, was es mit dem Exakta-Bajonettanschluss auf sich hat. Eigentlich gab es die Görlitzer Spitzenprodukte aus den späten 60er-Jahren nämlich nur noch mit M42-Gewinde für die Praktica-Kameras. Doch 1969 machte man noch einmal eine Ausnahme für die neu entwickelte Kamera Exakta RTL 1000 – eine Variante der Praktica LLC mit Extakta-Bajonettanschluss. Man hoffte, mit ihr den Nutzern der seit 1950 gebauten Ihagee-Kamera Exakta Varex – in ihren Hochzeiten ein weltweit geschätztes Spitzenprodukt der DDR-Fotoindustrie, mittlerweile aber zusehends veraltet – einen zeitgemäßen Nachfolger anbieten zu können. Vier vorhandene Objektive wurden eigens für diese Kamera auf Bajonettanschluss und Innenblendmessung umkonstruiert. Neben den drei hier vorgestellten Meyers gab es noch eine Variante des Zeissschen Pancolars 1.8 50. Doch die RTL 1000 floppte am Markt und wurde nur drei Jahre lang gebaut. Entsprechend gering blieb die verkaufte Auflage der kleinen Objektivfamilie.

Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29
Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29

Warum nun marschiert man mit Orestegon, Oreston und Orestor auf Fotopirsch statt mit ähnlich teurem, aber anerkannt besseren Altglas? Wenn es unbedingt DDR-Ware sein muss, warum nimmt man nicht Flektogon, Pancolar und Sonnar aus Jena mit, untadelig im Ruf und noch heute überaus beliebt?

Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29
Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29

Schwer zu erklären. Warum fahren Leute in einem ollen 1968er Opel Manta durch die Lande? Warum restaurieren Fans historische Kreidler-Mopeds? Warum legen manche Musikliebhaber lieber Schallplatten auf, als den Streamingdienst einzuschalten? Warum benutzt man zum Fotografieren überhaupt jahrzehntealte manuelle Linsen statt zeitgemäßer Objektive mit Vollautomatik und Autofokus?

Sony A7II mit Meyer Optik Orestor 2.8 100
Sony A7II mit Meyer Optik Orestor 2.8 100

Vielleicht, weil erst das Reduzieren aufs Wesentliche eine so alltäglich gewordene Tätigkeit wie von das Fahren von A nach B oder das Anfertigen eines Fotos wieder zum Vergnügen macht? Weil beim Rühren im Getriebe eines Oldtimers ohne Fahrwerkselektronik ein ganz anderes Gefühl für die Straße aufkommt? Weil man Musik anders schätzt, wenn man erst den Tonträger aus der Papierhülle nehmen und vorsichtig auf den Plattenteller legen muss? Und weil das gefühlvolle Drehen am Fokus und das klickende Einrasten des Blendenrings den Fotografen wieder zwingen, sich aktiv mit Aufbau und Gestaltung seines Bildes auseinanderzusetzen? Wer so denkt, der will irgendwann auch nicht mehr unter den historischen Objektiven das hervorragende oder gar perfekte, eben das moderne und damit langweilige. Er unterwirft sich gerne den Einschränkungen eines aus heutiger Sicht „mangelhaften“ Objektivs und schätzt die Herausforderung, gerade mit diesem nicht vollkommenen Werkzeug kreativ zu sein.

Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29
Sony A7II mit Meyer Optik Orestegon 2.8 29

Die drei Meyers hier bieten genau das. Und es ist ja nicht so, dass sich mit ihnen nur stümpern lässt. Weit gefehlt. Schärfe können sie um F8 herum so gut wie jedes moderne Objektiv, da überzeugen sie auch heute. Ihr Bokeh ist ganz anders als das ihrer Nachfolger aus dem 21. Jahrhundert. Bei Offenblende und knapp darunter dagegen bieten sie die Herausforderung: Dass man sich eben genau überlegen muss, was sie können und was nicht – und was für ein Bild man eigentlich erzeugen möchte. Und dann überraschen sie hier und da mit ganz ausgezeichneten Leistungen in Spezialdisziplinen: Das Orestegon 2.8 29 etwa taugt mit seiner Nahgrenze von nur 25 Zentimetern wunderbar für spannende Detailaufnahmen. Ebenso das Oreston, das bis auf exzellente 33 Zentimeter an das Motiv herankriechen kann, für ein 50-Millimeter-Objektiv ein überragender Wert. Und das Orestor 2.8 100 ist in der Summe seiner Eigenschaften ein auch heute noch uwmerfend gutes Porträtobjektiv. Und auch die eckigen Lamellen haben eine gute Seite: Sie produzieren nachts wunderbare Lichtsterne.

Sony A7II mit Meyer Optik Orestor 2.8 100
Sony A7II mit Meyer Optik Orestor 2.8 100

In einem Punkt ist das Trio sogar ganz modern: In der Bajonett-Variante lassen sie sich genauso fix durch einen schnellen Dreh an der Kamera wechseln wie ihre modernen Nachfolger. Der Bildqualität wiederum lässt sich auf die Sprünge helfen, indem man den nur einfach vergüteten Gläsern durch Gegenlichtblenden – die hier abgebildeten Exemplare gibt es in der E-Bucht für ein paar Euro aus China – unter die Achseln greift. Und beim Kriechen durchs Moos an einem bewölkten Wintertag ist ein Stativ hilfreich, dann kann auch problemlos bis in die besseren Bildqualitäten hinein abgeblendet werden.

Orestegon, Oreston und Orestor mit Gegenlichtblenden
Orestegon, Oreston und Orestor mit Gegenlichtblenden

Wer also gerne die Konstruktionen der legendären Görlitzer Werkstätten an seiner Kamera hat, ein halbes Jahrhundert alt und mit entsprechend historischem Rendering, aber mit noch immer annehmbaren Leistungsdaten, und wer beim Wechseln keinen Wert auf langes Gefummel mit Schraubanschlüssen legt, der kommt an diesen etwas selteneneren Varianten von Oreston, Orestegon und Orestor nicht vorbei. Ähnlich komfortabel waren aus DDR-Produktion erst wieder die Prakticar-Objektive mit dem PB-Bajonett ab 1978. Die sind aber auch eine ganze Generation „moderner“ und bieten mit ihren Griffringen aus Gummi oder Kunststoff wieder ein ganz anderes haptisches Erlebnis.

Mit einem Ferrari über die Landstraße zu heizen, macht sicher Spaß – aber ist reine Perfektion nicht auch ein bisschen langweilig, ein bisschen steril, ein bisschen ohne Herausforderung? Es muss wohl so sein, sonst würden nicht so viele Leute alte Opel Mantas hegen und pflegen, an Kreidler Floretts herumschrauben – und Meyer Orestegons an ihre Kamera klipsen.

Venncapismus

Karneval ist für Aachener – und Aachener Journalisten – sowas wie der heimlich-unheimliche Höhepunkt des Jahres. Er bedeutet Dauereinsatz, für die einen im Zoch und an der Kamellefront, für die anderen eine Flut Hunderter und Aberhunderter Bilder von Feiernden aus der ganzen Region.

Wer nach Fettdonnerstag, Karnevalssonntag und Rosenmontag vom akustischen und optischen Trubels mürbe geschossen ist, sehnt sich oft nach Ruhe und Einsamkeit. Und wo könnte man die im Dreiländereck besser finden als im Venn?

Vom Parkplatz Nahtsief aus, dem perfekten Ausgangspunkt für einen Gang durchs Moor, zog es mich diesmal nach Norden, wo es zwar weniger Teiche, aber etwas mehr landschaftliche Abwechslung gibt.

Von der ist allerdings an einem Schneetag deutlich weniger zu sehen als etwa im Frühling. Immerhin, man ist offenbar nicht das einzige Wesen hier draußen.

In der Kameratasche begleitete mich wieder Familie Schacht – also das Travegon 2.8 35 als Weitwinkel, das Travelon 1.8 50 als Standardlinse, das Travenar 2.8 90 als Porträtspezialist und das Travenar 3.5 135 als Tele (fünf Euro demjenigen, der glaubhaft erklären kann, warum der bayerische Objektivhersteler Albert Schacht seine Produkte nach einem Fluss benannt hat, der durch Lübeck fließt).

Aber, tja, so richtig zusammengewachsen sind wir noch nicht, die Schachts und ich. Das 90er-Travenar streikte mit offener Blende, vermutlich war das Schmierfett in der Kälte erstarrt. Und das 135er-Travenar kämpfte mit flauem Grau beziehungsweise grauer Fläue – vermutlich sitzt eine leichte Fungus- oder Schmierschicht zwischen den Linsen.

Bei diesem Bild etwas musste ich später mit Photoshop den Kontrast ordentlich hochjazzen, damit das Bild halbwegs ansehnlich wurde. Immerhin, das 50er-Travelon lieferte wieder die solide Leistung ab (etwa beim Baumstumpf oben), die mir schon beim Besuch im Schaapskooi gefallen hat, siehe dort.

Die positive Überraschung war das 35er. Obwohl sich im Netz etliche wenig begeisterte Stimmen finden (vor allem, was die M42-Version mit der eher kleinen Austrittslinse angeht), zeichnete es abgeblendet mit Stativ sehr schön scharf.

Wenn nur das Herumgefummel mit dem Stativ nicht so lange dauern würde! Verdammt, die Sonne geht schon unter.

Wo geht’s nochmal zurück? Entenpfuhl? Parking Grenzweg? Ternell?

Macht nichts – irgendwann führten die vereisten Holzstege auf einen Wirtschaftsweg, der nicht nur mich zurück in Richtung Parkplatz brachte, sondern auch in den Genuss eines feinen Blicks auf einen herrlichen Wintersonnenuntergang. Und so endete die Flucht vor dem bunten Farbenspektakel des Karnevals – in einem bunten Farbenspektakel. Glücklicherweise allerdings: in völliger Stille.

Lammetjesdagen im Schaapskooi

Wie herzig sie schauen. Ob wollig-filzig oder ratzekahl kurzgeschoren: Immer ist da dieser sanfte Blick. Sie verzeihen uns, scheint er zu sagen, sie verzeihen uns Zweibeinern sogar, dass wir sie so rüde auf den Boden drücken, ihnen die Beine würdelos abspreizen und sie im Akkord mit groben Elektromähern von ihrer Wolle befreien.

Wie streng sie riechen. Immer ist da dieser stechende – ja, sagen wir es ruhig – Gestank. Er hängt in der Luft, er hängt in den Klamotten, er hängt noch im Haar, wenn man abends im Bett liegt. Schafszucht ist nix für Leute, die nach der Arbeit noch zur After-Work-Party wollen. Es sei denn, es ist eine After-Work-Party für Schafzüchter.

Der Schaapskooi Mergelland im niederländischen Epen, ein paar Autokilometer hinter Vaals, ist ein schönes Ausflugsziel für Familien. Vor allem, wenn es „Lammetjes Dagen“ sind, also gerade die Lämmer geschlüpft zur Welt gekommen sind. Herrgott, sind die Tierchen niedlich. Und wie herzig sie schauen!

Für den Freund historischer Kameraobjektive stellt sich ein Problem schon mal nicht: das Fokussieren. Die Objekte der Objektivarbeit können sich in ihren engen Koben nämlich eher wenig bewegen. Mal abgesehen davon, dass sie ohnehin lieber dastehen und kauen als den Springbock zu geben. Bei so geduldigen Motiven sitzt der Fokus spätestens beim dritten Mal – versucht das mal mit Tieren in freier Wildbahn.

Auf der Minusseite ist es in den Stallanlagen – der Betrieb hat etliche große Hallen von zum Teil beeindruckenden Ausmaßen – auch nicht übermäßig hell.

Womit wir beim üblichen Abschnitt über die Fotoausrüstung wären – tja, meine Damen und Herren, so schnell ist das Thema wolltragende Wiederkäuer ausgereizt. Wer mehr über die Gattung Ovis lesen möchte, sei auf die Wikipedia verwiesen. (Hey, habt Ihr gewusst, dass ein Schafbock am Tag bis zu fünfzigmal begatten kann? Alle halbe Stunde verliebt sich ein Schaf auf Paarhufership! Tschuldigung, der musste raus.)

Es ist also sinnvoll, etwas Lichtstärkeres aus der Vitrine mitzunehmen. Ich hatte mich für etwas eher Exotisches entschieden: die letzte Baureihe von Objektiven aus dem Hause Schacht Ulm: Als Standardlinse das Travelon 1.8 50, als Weitwinkel das Travegon 2.8 35. Nummer Drei im Bunde, das Teleobjektiv Travenar 3.5 135 kam mangels Licht und Entfernung nicht zum Einsatz. Es war der erste Einsatz für das Spitzentrio des kleinen Ulmer Herstellers, mein Freund Ivo Michielsen hatte das Travelon erst tags zuvor von Fungus gereinigt.

Die Objektive haben mich nicht enttäuscht. Fast alle Bilder hier sind mit Blende 2.8 oder 4 entstanden, weiter abblenden war nicht drin, um die ISO-Zahl nicht in den vierstelligen Bereich schießen zu lassen oder in die Langzeitbelichtung unter 1/20 Sekunde abzurutschen (soviel bewegt sich ein Schaf denn doch). Vor allem die Schärfe des Travelons gefällt mir – insgesamt erinnert mich die Linse an das bekannte Meyer Oreston 1.8 50. Kein überscharfer Überflieger mit übersahnigem Bokeh, aber durchaus solide. Kann man mit arbeiten.

Nach einem Tag im Schaapskooi bleibt beim Besucher vor allem hängen, dass Schafe doch etwas Interessanteres sind als die vierbeinigen Wollständer, die man sie als Laie gerne in ihnen sieht (habt ihr gewusst, dass Schafe zwei Euterhälften mit je einer Zitze haben und manchmal sogar eine dritte Zitze?).

Und das ist nicht das einzige, das haften bleibt – den Rest riecht man selbst abends im Bett noch.

#Instawalk im #Lieblingsdom

Als sich die schweren Türen hinter uns schlossen, hatten wir den Dom für uns alleine. Wir, das waren rund 30 Aachener Blogger, Twitterer, Hobbyfotografen und Instagram-Nutzer, die sich für den ersten #Instawalk durch die Aachener Bischofskirche angemeldet hatten. (Gut, genau genommen tapperten neben unserer Gruppe noch ein paar weitere Führer und Geführte durch Oktogon und Chor, aber im Vergleich mit der ständigen Whooling tagsüber herrschte geradezu anheimelnde Leere im nächtlichen Bau.) Bei einem Instawalk wird eine Gruppe von Menschen mit Schlaufons durch einen Ort geführt, fotografiert ihn dabei wild aus allen möglichen Winkeln und lädt die Bilder dann bei Instagram hoch. So ergibt sich eine kompakte Bildersammlung aus sehr unterschiedlichen Perspektiven – es ist schon wirklich interessant, worauf verschiedene Fotografen achten, welche Details sie bemerken und aus welchen Blickwinkeln sie an die Motive herangehen.

Eingeladen hatte das Bistum. Ein Video der Veranstaltung ist auf den Webseiten von Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten zu finden, mein Kollege Tobias Königs aus der Onlineredaktion hat es produziert.

Worum es bei der ganzen Sache ging, hatte wiederum meine Kollegin Laura Beemelmanns schon vorher im Lokalteil der Aachener Nachrichten beschrieben. Die von unserer Truppe gemachten Bilder sind bei Instagram unter den Hashtags #instadomaachen, #lieblingsdom und #instakirche zu finden.

Auch wenn ich schon weißnichtwieoft im Dom gewesen bin: Er ist jedesmal anders, jedesmal neu. Diesmal, nach Geschäftsschluss sozusagen, war die Atmosphäre in den tausendjährigen Mauern wieder eine völlig andere als tagsüber, wenn Hunderte von Besuchern über die Bodenmosaike strömen.

Man hatte viel mehr Zeit, sich den Details zu widmen. Und viele Einzelheiten wie die winzige „Kirchenmaus“ im Mosaik im Obergeschoss des Oktogons am Karlsthron habe ich erstmals bemerkt – äh, gezeigt bekommen.

Und dass das Adlerpult in der gotischen Chorhalle eine satanische Fledermaus auf der Rückseite trägt, die tagsüber stets vom aufgeschlagenen Evangelium plattgedrückt wird, war den meisten von uns ebensowenig bekannt…

…wie die Teetasse samt Untertasse aus Bergkristall, die aus irgendwelchen Gründen in den Heinrichsambo, die vergoldete Predigtkanzel, eingearbeitet wurde. Angeblich handelt es sich um Teile eines Prachtgeschirrs aus der Aussteuer von Kaiserin Theophanu, der Gemahlin des Kaisers Otto II.

Auch selten so nah zu sehen: die Pala de’l oro, die goldene Vorderwand des Marienaltars, die aus ottonischer Zeit (etwa um 1020 herum) stammen.

Ein bei unserer Fototruppe besonders beliebtes Motiv war das Gnadenbild, die Marienfigur im Oktogon. Später habe ich dann in der Wikipedia nachgelesen, dass diese Maria mit Kind eine bewegte Geschichte hatte: Sie verbrannte beim großen Aachener Stadtbrand von 1656 fast vollständig, die beiden Köpfe und eine Hand Marias konnten aber gerettet und später restauriert werden. Sie wurden in die neu geschaffene Figur eingearbeitet. Auch die geborgene Asche der alten Figur wurde in in einen Hohlraum des neuen Gnadenbildes eingelassen.

Beide Figuren werden ständig „umgezogen“: In der Domschatzkammer werden mehr als 40 kostbare Gewänder und über 100 Schmuckstücke für sie aufbewahrt, darunter die Hochzeitskrone der Margareta von York aus dem Jahr 1468 und ein mit 10.000 Perlen und 72 Diamanten besticktes Gewand aus Spanien.

Ein deutlich gruseligeres Motiv ist dagegen der Totenschädel an einem Wand-Epitaph an der Nikolauskapelle. So echt er auch aussieht – er ist aus Stein.

Es war, wie gesagt, nicht ganz der erste Besuch für mich im Dom. Aber einer der interessantesten. Von jetzt an jedenfalls werde ich beim Betreten des Westwerks nie wieder den Fehler machen, das große Hundi mit der goldenen Pfote rechts neben dem Eingang für eine römische Wölfin zu halten. Wie wir nämlich von unserem Domführer Jean-Claude Kall erklärt bekamen, handelt es sich eigentlich um eine Bärin. (Außerdem ist sie womöglich griechisch und stammt aus dem 3. Jahrhundert vor Christus.) Den Organisatoren und Begleitern des Bistums hiermit noch einmal ein großes Dankeschön für diesen spannenden Einblick in Aachens faszinierendstes Bauwerk!

Und hier noch die übliche Anmerkung für die Altglas-Fans: Es war schon ein bisschen herausfordernd, in dem halbdunklen Gemäuer ohne Stativ auszukommen. Die Bilder entstanden mit zweien meiner lichtstärksten Objektive, dem Planar 1.4 85 und dem Distagon 2.0 28 („Hollywood“) von Carl Zeiss für Contax/Yashica, meist mit ganz geöffneter Blende oder – etwa bei den Oktogon-Bildern oben, aufgestützt.