Neues vom Abend davor

Das Thema der heutigen Predigt lautet: Wenn Öcher zu sehr feiern. Vorweg sei gesagt, dass es nicht mein erster Jahreswechsel in Aachen war. Als Besucher bin ich schon mehrfach in der Kaiserstadt in neue Jahre gerutscht. Aber diesmal war’s das erste Mal als Einwohner, also in eigener Wohnung. Und mannomann, in der bin ich dann auch besser geblieben.

In der groben Unwissenheit eines neu in die Stadt Gezogenen hatte ich den geladenen Gästen vorgeschlagen, kurz vor Mitternacht gemeinsam die Trierer Straße hinunter zur Josefskirche zu gehen. In besinnlicher Stimmung könne man dort mit einem Gläschen Sekt auf das neue Jahr anstoßen und den prächtigen Blick den Adalbertsteinweg hinab auf Dom und Stadt genießen. Was von den Ortskundigen entsetzt abgeschmettert wurde. „Bist du irre? Da böllern sie wie im Ersten Weltkrieg!“

Was in der Wikipedia über die Schlacht von Verdun zu lesen steht, ließ diese Reaktion ein wenig überzogen erscheinen. Urgroßvater hat da doch ganz andere Sachen erlebt als ein bisschen Silvesterfeuerwerk. Dass diese Rheinländer auch immer so übertreiben müssen.

Doch sei es, wie es sei. Der Abend begann gemütlich, in geselliger Runde wurden Cocktails und Brettspiele ihrer jeweiligen Bestimmung gemäß verwendet. Je näher es allerdings auf Mitternacht zuging, desto wahrer ward die Prophezeiung. Es begann mit den Kids. Schon ab etwa 20 Uhr fing eine kleine Horde an, auf der Straße Knaller zu zünden. Knaller? Ach was. Kracher. Ka-Wummer. Einmal blitzte es gut hundert Meter weit, und als wir entsetzt auf den Balkon stürmten, wallten dichte schwarze Nebelschwaden über den malträtierten Asphalt. Eins ist mal sicher: Aus dem Lidl hatten sie die Dinger nicht.

Knaller72_800Und dann die fröhliche Truppe vor der Eckkneipe. Etwa vierzig Personen, aber laut wie vierhundert. Remmidemmi hoch zehn. Special Gag: Den vor dem Haus geparkten Wagen anstupsen, dass die Alarmanlage losging. Jedesmal fünf Minuten Heulboje in wechselnden Melodeien, und das Stunde um Stunde. Akustisch unterfüttert natürlich von Partymucke und Pyrotechnik, weil ja ohne Bässe gar nichts geht. Nur gelegentlich drang das Heulen eines Rettungswagens auf der Trierer Straße durch den Lärmteppich. Manchmal tasteten sich auch zaghaft die Scheinwerfer eines verirrten Pkws durch den Rauch. Er wurde sofort unter Feuer genommen.

Rinnstein84_800Oder der Besoffene in der Wohnung gegenüber. Um Mitternacht setzte er sich auf die Fensterbank und feuerte aus einer Sektflasche Feuerwerksraketen nicht in den Himmel, sondern in die Menschenmenge an der Kreuzung. Als ihm die Luft-Boden-Munition ausging, ließ er Knaller auf die Kids auf dem Bürgersteig fallen. Und zuletzt seine Bierflasche. Pardauz.

Scherben80_800Und natürlich der lustige Vogel aus dem Nachbarhaus. Mit mehreren Großpackungen Raketen, Standgranaten und sonstigen Knallschoten kam er auf die Straße marschiert. Knappe anderthalb Meter vom nächsten Auto entfernt (meinem) jagte er mit der Verbissenheit eines Flakhelfers kurz vor dem Endsieg Ladung um Ladung in den geschändeten Aachener Himmel. Das war zwar der falsche Weltkrieg, aber wer achtet schon auf Details. Seitdem ziert fettig-schwarzer Fallout die Wagendächer der Nachbarschaft. Dass diese Rheinländer auch immer so übertreiben müssen.

Genug gegrummelt, sonst hält man mich am Ende noch für einen Westfalen. Sagen wir einfach, es war ein… abwechslungsreicher Abend. Eins ist aber sicher: Die Runde Trivial Pursuit bei entspanntem Caipirinha-Schlürfen lag mir doch mehr als das Häuserkampf-Erlebnis auf der Straße. Fühlt es sich so an, wenn man alt wird? Man müsste Urgroßvater fragen.

Vorsatz fürs neue Jahr: Neue Wohnung suchen. Im Grünen.

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