Mit anderen Augen

Es ist Samstag, es ist früher Nachmittag, ich sitze wieder vor dem Bildschirm. Mal wieder. Seit geschätzten zwei Wochen schlage ich mich Tag für Tag, Nacht für Nacht mit einem der beliebtesten Luxusprobleme des frühen 21. Jahrhunderts herum: Was für eine neue Kamera soll ich mir nur kaufen?

Für einen mit der Bedienung des Internets vertrauten Menschen ist die Anschaffung eines neuen technischen Produkts normalerweise eine Sache von höchstens zwei, drei mehr oder weniger vergnüglichen Abenden am Rechner. In erster, grober Vorauswahl legt man sich auf eine Produktkategorie fest, definiert ein paar der wichtigsten Anforderungen und Must-Haves auf einer Stichpunktliste und stürzt sich alsdann mit Wonne in die schöne bunte Welt der Fachseiten, Testberichte und Amazon-Rezensionen. Schnell kristallisieren sich die ersten Favoriten heraus, die dann noch einmal einer genaueren Gegenüberstellung mit Hilfe einer Pro-und-Contra-Aufstellung unterzogen werden. Hat sich schließlich der Sieger herausgeschält, wirft man Idealo & Co an, um den günstigsten Preis herauszufinden und bestellt zuletzt beim Onlineversand seines Vertrauens oder schaut – wenn der örtliche Einzelhandel preislich halbwegs mithalten kann, was zu hoffen ist – im Fachgeschäft vorbei. Am Ende kommt der DHL-Mann, Zettel im Briefkasten („heute jedoch nicht!“), Abholakt auf dem Amt, fertig.

Nicht so ich, nicht so in puncto Kamera. Anlass der Kaufblockade ist eine bevorstehende Indonesienreise im Herbst, die ich zum Anlass genommen habe, meine bildtechnische Ausstattung einmal einer Revision zu unterziehen. Es folgt der Aufmarsch der Gladiatoren, symbolisiert durch Testbilder vom abendlichen Balkon:

Fotografiert mit Fuji Finepix S9500
Fotografiert mit Fuji Finepix S9500

Da wäre zum ersten die treue Bridgekamera Fuji S9500 von 2006. Jahrelang hat sie mir treu Tausende von Fotos für Zeitungen und mein Blog produziert. Ihr 10-Megapixel-Festobjektiv zoomt mit beeindruckenden 28 bis 300 Millimetern. Dank ihres ausklappbaren Displays habe ich als frischgebackener Jungredakteur zum ersten Mal Fotos aus ungewohnter Perspektive schießen können und die angenehme neue Erfahrung machen dürfen, statt „Herr Heckert hat ja manchmal ein bisschen Probleme mit dem Fotografieren“ hören zu dürfen: „hey, schönes Bild“. Aber die Bildqualität selbst hat mich noch nie wirklich umgehauen – ich fand die Fotos grundsätzlich zu verrauscht. Zehn Zentimeter weniger Zoom, dafür etwas mehr Lichtstärke wären fein gewesen.

Fotografiert Canon Powershot A2000 IS
Fotografiert Canon Powershot A2000 IS

Die handliche Pocket Canon A2000 IS, angeschafft 2008, hat sich vor allem auf Touren und als tägliche Alltagsknipse gut bewährt. Bei ihr und der Fuji war die Kaufvoraussetzung, dass sie mit handelsüblichen 1,5-Volt-AA-Batterien laufen – die man zur Not selbst in Timbuktu in jedem Gemischtwarenladen nachkaufen kann. Ihr Display ist allerdings nicht schwenkbar, was Aufnahmen über Kopf und aus der Froschperspektive erschwert. Außerdem haben sich auf dem Sensor offenbar Staubkörner abgesetzt, was bei geblitzten Aufnahmen im Dunklen arg stört. Die Bilder sind okay und deutlich lichtstärker als die der Fuji, wobei die A2000 IS einen gewissen Hang zu romantischer Verklärung hat. Siehe oben.

Fotografiert mit Canon EOS 300D
Fotografiert mit Canon EOS 300D

Der Dritte im Bunde ist eine Canon EOS 300D von 2003, meine erste digitale Spiegelreflex. Wunderbar geeignet zum Üben von Belichtung, Blende und ISO-Werten. Besonders schweres, wertiges Gehäuse. Liegt von allen dreien am besten in der Hand. Ihre Nachteile: Die Auflösung ist mit 6 Megapixeln eher gering. Das relativ kleine Display bietet keine LiveView-Vorschau und lässt sich ebenfalls nicht herausklappen oder -schwenken. Dafür sind die Bilder am besten. Hier noch ein zweites – man beachte, wie schön das Rot der Blumen im Vordergrund noch leuchtet:

Fotografiert mit Canon EOS 300D
Fotografiert mit Canon EOS 300D

Soweit der Ist-Zustand. Eigentlich sollte es doch nicht schwer sein, im selbstgesteckten Preisrahmen von 500 bis 800 Euro einen halbwegs geeigneten aktuellen Nachfolger zu finden. Zumal viele Versandhändler und Elektronikmärkte 0%-Finanzierungen anbieten und die beiden größten Hersteller Nikon und Canon im Juli mit Cashback-Aktionen den Käufern zwischen 50 und 80 Euro per Scheck zurückerstatten.

Doch schon bei der ersten grundsätzlichen Entscheidung für den Kameratypen drehe ich mich jetzt seit zwei Wochen im Kreis. Dann so alternativlos wie noch vor drei, vier Jahren sind die Einsteiger-Spiegelreflexkameras von Nikon, Canon & Co. gar nicht mehr. Die neue Klasse der Systemkameras macht ihnen ganz schön Dampf unter den Bodys. Und auch die High-End-Pocketkameras von Canon und Nikon kratzen an der Tür zur Oberstufe. Drei ganz verschiedene Kameraklassen stehen also zur Debatte.

Fangen wir mit den klassischen Kompakten an. Sagte nicht schon Konfuzius: „Die beste Kamera ist die, die man dabei hat“? Darum wollte ich mir schon vor Jahren eine Canon Powershot G12 als Universalknipse zulegen. „Built like a tank“ hieß es über ihre Verarbeitungsqualität gerne in amerikanischen Vergleichstests; mittlerweile ist sie allerdings unter anderem von der G1X mit einem größeren Sensor überholt worden (der direkte Nachfolger G15 hat kein Schwenkdisplay mehr und scheidet daher aus). Nikon schickt die P7700 ins Rennen, die im Gegensatz zum Vorgänger P7100 nun endlich auch ein bewegliches Display hat.

Reizvolle Alternativen sind die günstigeren Samsung-Modelle EX1 und vor allem EX2F: Die beiden Koreaner sind noch kompakter, aber ähnlich wertig verarbeitet wie die Platzhirsche aus Japan. Die EX2F bietet 12 Megapixel und ist mit Bord-WLAN und NFC besonders gut vernetzt.

Eins aber können alle Kompakten nicht: den Spiegelreflex- und Systemkameras das Wasser reichen. Alle Tester sind sich einig: Ganz oben auf der Qualitätsskala spielen die Fotos der Festobjektivkameras nicht mit. Die eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht. Wechselobjektive für verschiedene Motivanforderungen logischerweise auch nicht – one size fits all. Aber wenn wir schon 500 Euro und mehr ausgeben, sollte da nicht die Bildqualität eine der wichtigsten Anforderungen sein?

Was uns zur spannendsten der drei Geräteklassen bringt: den Systemkameras. Viele Vergleichsreihen bescheinigen etwa der NEX-Reihe von Sony deutlich bessere Bilder als mancher Mittelklasse-DSLR. Warum also noch einen voluminösen Klappspiegelmechanismus in einem noch voluminöseren Gehäuse mit sich herumschleppen, wenn am Ende das selbe 16 Megapixel-JPG herauskommt? Also überspringen einfach wir das Zeitalter der Dinosaurier mit ihren steinzeitlichen mechanischen Spiegeln! Denken wir in neuen Kategorien!

An der Spitze der Systemkamera-Bestenlisten stehen die Sonys NEX-Modelle. Die NEX-6 etwa war im Dezember 2012 „Editor’s Choice“ bei CNet. Die etwas günstigere NEX-5R ist mit ihrem 16-50er-Objektiv flach genug für jede Tasche und schon für knapp unter 600 Euro zu haben. Ihr Display ist wunschgemäß klappbar, sogar WLAN hat sie dabei. Bingo!

Bingo? Gegen die NEX-5 spricht, dass sie keinen eingebauten Blitz hat, nur einen zum Aufstecken. Die Kit-Objektive 18-55 und 16-50 mm bleiben, wie alle Kit-Scherben, hinter den Möglichkeiten der Kamera zurück. Wirklich viele Wechselobjektive gibt es für Sonys E-Bajonett auch noch nicht. Das Bedienmenü wird als arg unübersichtlich kritisiert.

Und noch ein Gedanke: Für die allermeisten Schnappschüsse ist doch eigentlich schon bei weitem ausreichend, was heute jedes moderne Smartphone an Bord hat. Braucht man da wirklich zwei Kameras in der Jackentasche? Schon beim vorletzten Segelfluglager in Feurs habe ich die Canon A2000 IS zu Hause gelassen und nur mit meinem iPhone 4 fotografiert. Die Fuji nehme ich schon seit Jahren nicht mehr auf Reisen mit: Der Qualitätsvorsprung gegenüber der kleinen Canon, soweit überhaupt vorhanden, rechtfertigt das Mehrgewicht und die störende große Kameratasche nicht.

Bleibt noch die gute, alte Königsklasse: die Spiegelreflexkamera. Angenehm schwer liegt sie in der Hand, das Gehäuse verträgt schon mal einen Schlag und leicht lassen sich mit so einem schwarzen Klotz in der Hand beim Pressetermin Bürgermeister, Geschäftsführer und Vereinsvorsitzender zum Klassenfoto herumscheuchen (was für einen Journalisten tatsächlich ein nicht von der Hand zu weisendes Kaufkriterium sein kann). Die Modelle der Marktführer sind um Dutzende von Objektiven und Blitzgeräten erweiterbar und erfreuen mit erwiesenermaßen hervorragender Bildqualität. DSLR: das ist zwar Technik aus dem 19. Jahrhundert, aber eben auch absolut ausgereift. Eine nachhaltige Entscheidung für viele Jahre – da weiß man, was man hat, guten Abend.

Oberhalb der absoluten Einsteigergeräte in diese Klasse liegen die beliebten EOS 700D von Canon und D5200 von Nikon. Die Nikon mit ihrem 24-Megapixel-Sensor liegt in allen Vergleichstests vorne, die Canon kann dafür als einzige DSLR mit einem Touch-Display beeindrucken – als Smartphone-Nutzer ahnt man, was das für den tatsächlichen Einsatz bedeutet. Ansonsten tun sich die beiden Standardkameras im unteren Preissegment im direkten Vergleich nicht viel. Zufriedenheit ist bei beiden quasi garantiert.

Aber: Nimmt man so ein schweres Teil denn auch wirklich noch mit auf Touren? Hat man nicht im Gedränge immer Angst um die Tasche mit ihrem teuren Inhalt? Olympus wirbt für seine PEN-Systemkameras mit der Aussage: „90,2% der Zeit bleiben DSLR-Kameras in der Schublade“.

Klares Patt also. Und dann waren da noch die Quereinsteiger im Spiel: Die Panasonic Lumix G6 etwa, eine neue Systemkamera mit hervorragender Bildqualität, WLAN und NFC. Kaum kleiner als eine Spiegelreflexkamera allerdings – dafür sicher gut zu handhaben. Oder die Spiegelreflex Sony Alpha SLT-A57, die mit ihrem halbtransparenten Spiegelsystem von der Bildqualität her ganz oben mitspielt.

Besuche im Elektronikmarkt sollten Klarheit bringen. Doch sie warfen nur alle Erkenntnisse wieder über den Haufen. Betrat ich das Gebäude mit der Nikon D5200 als Favoriten, verließ ich es mit der Canon EOS 700D im Kopf. Zu schlecht ließ sich das Nikon-Gehäuse mit der rechten Hand halten, vor allem die Auflagefläche für den Daumen ist viel zu klein. Die Systemkamera Sony NEX-5R wiederum, auf die ich besonders gespannt war, entpuppte sich als so zierlich und fragil, dass ich vor allem ihrem Klappdisplay jahrelangen härteren Einsatz nicht zutrauen mochte.

Dafür tauchten plötzlich völlig neue Sterne am Himmel auf: Die Canon EOS 60D zum Beispiel, eine schon etwas in die Jahre gekommene Mittelklasse-Spiegelreflex von 2010, deren 18-MP-Sensor aber noch bis in die aktuelle 700D hinein verbaut ist. Der Youngtimer kann mit einem spritzwassergeschützten Gehäuse aufwarten, das rechts auf der Oberseite über dem Handgriff eine klassische – und sogar beleuchtete – Digitalanzeige für die Kameraeinstellungen hat. WiFi, GPS, einen Touchscreen oder gar NFC sucht man dagegen vergebens.

Als ich sie in die Hand nahm, wusste ich: So muss sich eine Kamera anfühlen. Über den mit 799 Euro (inklusive 18-55er Kitobjektiv) erstaunlich günstigen Preis im Markt (die neue EOS 700D kostet dort, mit allerdings neuerem Objektiv, 719 Euro) wunderte ich mich nur so lange, bis Google mir zu Hause verriet, dass vor nicht einmal zwei Wochen der Nachfolger 70D vorgestellt worden ist. Worüber mich der freundliche Canon-Berater im Markt mit einem nebulösen „ein Nachfolgemodell wird natürlich in Vorbereitung sein, aber genaueres kann ich Ihnen auch nicht sagen“ klar im Unklaren gelassen hatte. Die 70D selbst fällt mit ihrem angekündigten Preis von 1200 bis 1500 Euro je nach Kit-Objektiv übrigens ebenso klar aus dem selbstgesteckten Preisrahmen heraus. Die 60D dagegen gibt’s im Zuge der aktuellen Cashback-Aktion schon ab 680 Euro mit dem 18-55er-Kit-Objektiv.

Und dann ist da noch die kleine Systemkamera Samsung NX300. Ein weiterer Überraschungsgast an der Spitze des Pelotons, der wie aus dem Nichts nach dem Gelben Trikot greift. Der Blick auf ein Samsung-Verkaufsdisplay im Laden mit mehreren Kameras und Tablet-PC war lohnend. Die NX300 besticht mit einem überaus edlen Gehäusefinish, liegt sehr angenehm in der Hand, hat ein durchaus solide wirkendes Klappdisplay und eine ganze Palette an Vernetzungsmöglichkeiten von WLAN über NFC bis zur direkten Anbindung von E-Mail- und Facebook-Account. Whow. Wenn Systemkamera, dann so, gerade wenn man gerne multimedial unterwegs ist.

Also immer noch keine Entscheidung, nicht einmal für die Kameraklasse. Wer weiß, welches Modell sich morgen in mein sehnendes Hirn schiebt? Die Panasonic Lumix G6? Die Olympus PEN E-PL5?

Geh mir weg mit deiner Lösung!
Sie wär der Tod für mein Problem.
Jetzt lass mich weiter drüber reden
– ist schließlich mein Problem
und nicht dein Problem. (Annett Louisan)

Es ist Sonntag, es ist drei Uhr nachts, ich sitze immer noch vor dem Bildschirm. Danke für Eure Aufmerksamkeit.

8 Antworten auf „Mit anderen Augen“

      1. Hallo Marc,
        sorry, hätte die Kommentare abonnieren sollen.

        Ich nutze die Kamera seit Anfang Juni, einiges kann man davon auf http://dailyfratze.de/michael/2013/6 sehen, die EXIF Daten werden rechts dargestellt.

        Der Mechanismus sieht fragil aus, wirkt aber stabil.

        Mir gefällt, dass sie mir als Laien eine weitaus bessere Qualität als eine DSLR ermöglicht (z.B. durch „Verstecken“ der Blendenöffnung hinter dem Begriff Defokussierung).

        Aber da die Würfel bereits gefallen sind… Bin gespannt, auf weitere Berichte.

        Hättest Du letzten Donnerstag mal was gesagt… Ich hatte das gute Stück dabei.

        Viele Grüße,
        Michael

  1. Hey Marc!
    Hast Du schon einen Blick auf die Olympus OM-D geworfen? Allerdings mit 1100,- Euro inkl. Kit-Scherbe auch kein Schnäppchen.
    Ich persönlich würde ja auf die 70d setzen, aber noch ein paar Monate warten. Dann sollte sie locker 100 bis 200 Euro billiger werden. Die 6D ist jetzt schon bei 250,- unter UVP.
    Viele Grüße
    Marco

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