Nächtliches Wollen

Das derzeitige Bemühen des Verfassers dieser Zeilen um, nun, fotografische Meriten führte am späten heutigen Abend dazu, dass eine Reihe von Passanten auf der nächtlichen Johannes-Paul-II-Straße irritierte Seitenblicke auf den Herrn warfen, der da vor dem Papeterieladen in komischer Haltung neben einem Fahrrad kniete. Was macht der da? Hynotisiert der seinen Gepäckträger?

Nein, der gute Mann hatte nur kein Stativ dabei, aber ein Motiv gefunden. Was also tut der eifrige Amateur? Er improvisiert mit dem, was er hat. Die Kameratasche als Beanbag auf dem Träger, darunter Zweirad statt Dreibein – und schon sind auch zehn Sekunden Belichtungszeit machbar.

Sony Nex-6 mit Sony SEL 20f28, f3.2, 8s, ISO 100, 20 mm
Sony Nex-6 mit Sony SEL 20f28, f3.2, 8s, ISO 100, 20 mm

Und wenn man diese Konstruktion etwa eine halbe Stunde lang auf dem Kopfsteinpflaster hin- und herträgt, kommt am Ende etwas heraus, das man glatt in einem Blog herzeigen könnte. Wären nicht die Straßenlampen so überhell geraten und hätte nicht der Mond so seltsame Ghosting-Effekte erzeugt.

Kunst kommt von Können, schrieb ein in Vergessenheit geratener Autor Ende des 19. Jahrhunderts, käme sie von Wollen, hieße sie Wulst. Es werden noch viele Fahrräder über viele Pflastersteine getragen werden müssen, ehe auf dieser Webseite so etwas wie Kunst zu sehen sein wird. Bis dahin begnügt euch bitte mit dieser wulstigen Aufnahme vom Dom bei Nacht. Und damit gute selbige.

Gäste auf der Couch

Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f8, 1/60s, ISO 2500, 32 mm
Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f8, 1/60s, ISO 2500, 32 mm

Kommen wir nun zu etwas völlig anderem. Genug von der Kamera, sprechen wir über die Couch. Beziehungsweise dem Surfen darauf. Es ist wieder ein lauschiger angenehmer Abend in diesem so seltsam launigen Sommer, es ist wieder die Pontstraße, es ist wieder das La Jeunesse. Ich sitze mit meinem derzeitigen Couchsurfing-Gast bei einem knusprigen Flammkuchen – und natürlich einem herrlichem Bier, heute einem Aachener Cornelius.

In dieser Woche ist es Fabian, ein reisender Konditor aus Bern mit einem prächtigen Bart, der bei mir Zwischenstation auf der Weiterreise nach Südengland macht. Vor ein paar Tagen war es Barış, ein junger Student aus Istanbul, der seinerzeit an den Gezi-Protesten beteiligt gewesen war. Davor James, der Pharmaentwickler aus San Francisco mit seiner großen Canon 5D. Jeder auf seine Weise ein höchst interessanter Gesprächspartner und liebenswerter Gast, jeder mit hörenswerter Lebensgeschichte und bedenkenswerten Ansichten.

Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f1.8, 1/60s, ISO 2500, 32 mm
Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f1.8, 1/60s, ISO 2500, 32 mm

Es ist Außenstehenden – vor allem weniger netz-affinen Menschen – schwer zu erklären, warum man wildfremde Leute in seinen eigenen vier Wänden übernachten lässt, sie bewirtet wie alte Freunde, mit ihnen etwas trinken geht und ihnen die Innenstadt zeigt.

Man muss ihn wohl einfach einmal selbst erlebt haben, den Geist dieses weltwumspannenden Netzwerks, in dem so viele Menschen bei aller Unterschiedlichkeit so ähnlich ticken. Und man sich mit der Zeit Vertrauen so nachhaltig aufbauen kann, dass einem ein Gastgeber zur Begrüßung seine Wohnungsschlüssel in die Hand drückt („ich komm dann in acht Stunden von der Arbeit nach Hause, bedien dich einfach am Kühlschrank“, so passiert 2008 auf der Rückreise von der Skandinavien-Tour in Kopenhagen).

Es ist auch gar nicht reine Selbstlosigkeit, die mich bei den „Couch Requests“, den Anfragen nach Übernachtungsmöglichkeit, auf „Yes“ klicken lässt. Es ist im Grunde Eigennutz. Denn auch wenn mancher Gast ein kleines Geschenk mitbringt – das kann ein Stück leckerer Käse aus seiner Heimat sein, ein Kochbuch oder auch ein Kopfhörer von Apple -, geht es nicht ums Materielle. Es geht auch den Gästen nicht ums Sparen von Hotelkosten (jedenfalls nicht den meisten).

Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f1.8, 1/60s, ISO 1600, 32 mm
Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f1.8, 1/60s, ISO 1600, 32 mm

Es geht ums Kennenlernen, ums Berichten, ums Austauschen, ums Erzählen. Ein Stück große weite Welt im Wohnzimmer zu haben, den eigenen Horizont zu erweitern. Ein Freundschaftsband in eine weit entfernte Stadt zu knüpfen – und wer weiß, vielleicht braucht man ja selbst einmal eine Couch in Brüssel, Paris, Lausanne, Nürnberg, im litauischen Joniškis oder toskanischen Pistoia.

Schlechte Erfahrungen habe ich nie gemacht, schöne um so öfter. Fast immer waren zwischen Gast und Gastgeber sofort Vertrautheit und Freundlichkeit da, vor allem bei den „echten“ Couchsurfern, den langjährigen Mitgliedern, den ganz Reiseerfahrenen und Weltenbummlern, denen die Welt das Zuhause ist.

Eins hatten alle gemeinsam, die es im Lauf der Jahre zu mir geweht hat: Es war eine Bereicherung, sie kennenzuerlernen. Und darum freue ich mich schon aufs nächste Mal, wenn in meiner Mailbox ein Couch Request aufploppt. Willkommen in Aachen, unbekannter Freund.

Schnuckelvergleich II

Sie ist hübsch, sie ist handlich, sie ist günstig, sie ist gut. Sie ist die kleine Schwester meiner Sony Nex-6: die Nex-5 (rechts). Und auf die Gefahr, euch mit meinen ermüdend fußläufigen Kameravergleichen (hier und hier) zum Ababonnieren meines Blogs zu treiben: eiiinen habbich noch! (Ⓒ O. Waalkes). Was könnte virtueller sein als Vergleiche von Elektrogeräten, die gar nicht mehr auf dem Markt sind? Bloggen ist bekanntlich Leidenschaft, Bloggen ist, wenn es raus muss, wenn du um zwei Uhr nachts noch am Rechner sitzt und am nächsten Morgen um sieben Uhr zum Zahnarzt musst. Bloggen ist Punk.

Wo war ich? Bei den beiden Vorgängermodellen der aktuellen Systemkamera-Mittelklasse (A5100/A6000) von Sony. Mir ist da nämlich vor ein paar Tagen so ein Modell mal kurz in die Hände gefallen, also wurden die beiden Schnuckel fix mal nebeneinandergelegt und mit dem Smartphone abfotografiert.

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Die Nex-5 stand nämlich auch zur Debatte, damals, in den langen Nächten vor Dem Großen Kamerakauf™ vom Juli 2013.

Denn die schlanke Schwester ist nicht nur ein paar Millimeter und Gramm handlicher, sie war auch seinerzeit erinnerte 200 Euro billiger und hat ein paar durchaus interessante Vorteile gegenüber der Nex-6. Das Display ist ein Touchscreen, was das Fokussieren und die Bedienung des Menüs viel komfortabler macht (versucht mal, die Bildbeschreibung für ein Facebook-Foto mit Drehrädchen und Okay-Taste in eine Tastatur einzugeben). Es lässt sich bei den späteren Versionen um 180 Grad hochklappen, was für ein Selfie praktisch ist. Die 2013 erschienene letzte Version 5T hat sogar NFC-Nahfunk, so dass sich Bilder noch leichter auf andere Geräte überspielen lassen. Da kann man als Nex-6-Fan durchaus ins Grübeln kommen.

Was die Nex-5 nicht hat, sind ein elektronischer Sucher und ein ausklappbarer Blitz. Beides trägt die Nex-6 mit sich an Bord, und ich würde auf beides jederzeit verzichten. Der ELV-Sucher (Electronic Viewfinder) der Nex-6 wird zwar einhellig als zu den Besten am Markt gehörig gepriesen – mit meinen Dioptrienwerten im rechte Auge kann ich ihn jedoch nicht so einstellen, dass ich ohne Brille ein scharfes Bild bekomme. Und mit Brille ist der Abstand zum Mini-Display zu groß, um das komplette Bild zu erkennen. Das Teil ist für mich kaum nutzbar, denn ein so dermaßen stark blendendes Sonnenlicht, dass ich das kleine Sucherbildchen dem großen LCD-Monitor vorziehen würde, habe ich noch nie erlebt.

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Immerhin: Der kleine Näherungssensor neben dem Sucher der Nex-6 schaltet das Bild automatisch vom Monitor auf den Sucher, wenn sich ihm etwas – ein Gesicht, aber gerne auch mal ein Finger – nähert. Dies lässt sich mit der wahlweise auf die Kamera downloadbaren Sony-App „Touchless Shutter“ für berührungsloses Auslösen benutzen, was für Nachtaufnahmen sehr praktisch ist.

Und der Blitz? War damals für mich ein echtes Kaufargument, weil ich vor zwei Jahren noch nicht wusste, was Available Light bedeutet und was lichtstarke Objektive im Zusammenspiel mit einem großen APS-C-Kamerachip auch aus Schummerlicht noch herausholen können. Ergo: Geblitzt hab ich mit der Nex-6 dann fast nie und vermisst habe ich es ebensowenig. Es geht auch ohne.

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Was Sony den beiden so ähnlichen Schwestern gemeinsam mit auf den Weg gegeben hat, sind ein solides Magnesiumgehäuse, WLAN, der erwähnt große 16,1-Megapixel-Chip (beides ab der Version 5N), dieselbe brillante Bildqualität und das gleiche umständlich verschachtelte Kameramenü. Beide Kameras lassen sich mit einem der drei flacheren verfügbaren Objektive (16-50mm-Powerzoom, 16mm und 20mm Pancake-Weitwinkel) auch mal in eine etwas größere Jackentasche stecken.

Wer keines dieser – auch nicht wirklich brillierenden – Pfannkuchenobjektive auf den E-Mount-Bajonettverschluss stecken will, hat die Auswahl aus einer mittlerweile stark gewachsenen Reihe von Objektiven von Sony, Sigma, Tamron, Samyang/Walimex, Zeiss und anderen sowie natürlich einer immensen Zahl alter Objektive aus der analogen Ära. Auf den Bildern steckt an meiner Nex-6 der jüngste Neuzugang meiner kleinen Sammlung, das Makro-Objektiv Sony SEL-30M35 F3,5/30mm. An der Nex-5 ist mit einem Adapterring ein manuell fokkussierendes Aremac 1:2,8 befestigt.

Kommen wir zu dem, was die Nex-6 dem kleineren Modell voraushat. Sie hat, wie gesagt, einen elektronischen Sucher und einen ausklappbaren Blitz, auf dessen ISO-Schuh sich auch Blitzgeräte von Fremdherstellern stecken lassen. So weit, so unwichtig.

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Sie ist spürbar größer, dicker und schwerer, lässt sich aber dank der ausgeprägteren Daumenmulde für mich deutlich besser greifen – letzteres ist für mich schon ein Argument mit – haha – mehr Gewicht.

Vor allem aber hat sie rechts auf dem Gehäuse zwei Rädchen. Mit dem oberen sind die Kameraprogramme (P-A-S-M, Panorama, Scene und zwei intelligende Modi) im Nu einstellbar, darunter liegt ein zweites für die Parameter (je nach Programm entweder Blende oder Belichtung). Ich bin ja (noch) kein Profiknöpfchenfummler, aber für jede Einstellung ins Menü gehen zu müssen, wie bei der Nex-5, wäre mir doch etwas zu fisselig. Seit ich vor ein paar Wochen etwas tiefer in die Thematik eingetaucht bin, weiß ich das sehr zu schätzen.

Und da sind wir schon wieder, vielen Dank für eure Geduld: Die Entscheidung für die teurere Kamera bleibt im nachhinein weiterhin die Richtige. Die Rädchen machen den Unterschied. Was für eine befriedigende Erkenntnis – auch wenn es zwei Jahre bis dahin gedauert hat.

Nachtrag am 28.7.: Wer einen richtigen Kameravergleich der Nex-5 lesen will, schaue hier bei Colorfoto. Der Gegner ist, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, keine Nex-6, sondern die – vor allem in der Rückeansicht – frappierend ähnliche Panasonic Lumix GX7. – Eine umfassende Kaufberatung für Systemkameras bietet Colorfoto hier.

Unaufschiebbares

Es gibt Dinge, die kann man nicht aufschieben. Geburtstage von Menschen, die man liebt, zum Beispiel. Dafür setzt man sich auch dann am Wochenende ins Auto, wenn in fünf Bundesländern die Sommerferien beginnen und sich die Stauprognose des ADAC liest, als träfen sich die Reiter der Apokalypse mit Dischingis Khans Goldener Horde zum munteren Schädelkegeln am Kamener Kreuz:

„Gewaltige Staus erwartet Autofahrer auf dem Weg in den Sommerurlaub an diesem Wochenende. An diesem Wochenende starten die Bundesländer Berlin, Brandenburg, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern sowie der Süden der Niederlande in die Ferien. Aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und der Mitte der Niederlande rollt die zweite Reisewelle. Es gibt kaum mehr Strecken ohne Staus. Wer kann, sollte für den Start in den Urlaub auf einen Tag unter der Woche ausweichen.“

Aber, wie gesagt, es gibt Dinge, die kann man nicht verschieben, denen kann man nicht ausweichen. Ein Trost bleibt dem Schreiber dieser Zeilen, während er am Sonntagnachmittag in seiner frisch polierten C-Klasse vom elterlichen Oldenburg aus in Richtung Süden brummt: Er hat es nicht eilig. Keine Deadline dräut, kein Minutenzeiger sitzt ihm im Nacken. Die linke Spur darf heute gerne denen gehören, die nicht so gut dran sind wie er. Manchmal ist es auch die Mittlere, wenn sie ihn in ihrer Eile rechts überholen, um sich ein, zwei Autos weiter vorne im Pulk einzusortieren.

Denn ein Pulk ist es, der sich da über die A1 ab dem Autobahnkreuz Alhorn in Richtung Osnabrück/Münster schiebt. Selten geht es schneller als 120 Stundenkilometer voran, meist deutlich drunter, immer wieder zieharmonikat sich die Blechschlange bis auf 60 km/h zusammen. Kurz hinter Vechta – der beim Volltanken in Oldenburg auf Null gestellte Tageskilometerzähler zeigt gerade erst 50 zurückgelegte Kilometer an – ist dann zum ersten Mal Schluss. Stau.

Auf drei Spuren stehen wir da, im leichten Nieselregen unter trübem Himmel, und warten, kriechen ein paar Meter weiter, stoppen, warten, fahren wieder an, kriechen ein, zwei Wagenlängen voran, stoppen wieder, warten. Bis es irgendwann, erst zögerlich, dann merkbar und schließlich endgültig wieder weitergeht. Eine Stunde ist da schon vergangen, eine Stunde für 50 Kilometer Strecke. Von knapp 400 nach Aachen oder gut 300 nach Köln – je nachdem, wie weit ich heute noch komme.

Fürs erste sind das gerade mal weitere 50 Kilometer. Bei Osnabrück staut es sich zum zweiten Mal. Und wieder ist eine Stunde vergangen, als der Kilometerzähler endlich die 100 voll macht. Und so in etwa bleibt es auch.

Bis kurz hinterm Kamener Kreuz.

Es sind keine Mongolischen Reiterhorden, die da die Autobahn dichtmachen, es ist nur eine zufällige Zusammenkunft zahlreicher Sommerfrischler aus verschiedenen Ecken Deutschlands. Trotzdem geht in Sekundenschnelle gar nichts mehr, und die Geschwindigkeit und Gründlichkeit, mit denen der Verkehr zum Erliegen kommt, verraten dem auf unzähligen Autobahnkilometern durchgewalkten Hintern des Erfahrenfahrers, dass es diesmal etwas Ernsteres ist. Keine Spurverengung wegen einer Baustelle, kein Wohnmobil mit Motorradanhänger, dem an einer Steigung beim Überholen die PS ausgegangen sind. Das hier wird länger dauern. Minuten vergehen. Nach und nach werden Motoren abgestellt. Es wird still. Türen klappern, Fahrer steigen aus. Zigaretten werden angezündet. Menschen versuchen, nach vorne zu spähen, schirmen die Augen mit der Hand ab. Ist da etwas zu sehen, hinter dem blauen Hinweisschild auf das Autobahnkreuz Dortmund/Unna?

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Das Martinshorn ist zuerst ganz leise, kaum zu hören. Dann: bläuliches Aufblitzen im Rückspiegel. Einige Autofahrer beginnen, ihre Mobile auf den wenigen zur Verfügung stehenden Metern Asphalt aus dem Weg zu rangieren. Schon rauscht der erste Rettungswagen vorbei. Der Zweite. Jetzt ein knallrotes Löschfahrzeug der Feuerwehr. Noch eins. Schließlich Polizei.

Kaum jemanden hält es jetzt im Wagen. Auch mich nicht. Ist das Gafferei? Ist es Anteilnahme? Wir Menschen sind so gepolt, dass wir wissen wollen, was vor sich geht. Was passiert da vorne? In der Kurve hinterm Hinweisschild verharren die vielen winzigen Blaulichter, flackern statisch vor sich hin. Steigt da Rauch auf?

Immer mehr Minuten kriechen ins Land. Hätte man die Fahrt nicht doch verschieben sollen? Lieber später am Abend fahren? Oder ganz früh am Morgen? Eine andere Route nehmen?

Über der stehenden Kolonne kreist ein Greifvogel. Auch wenn er kaum Ähnlichkeit mit einem Geier hat, er lenkt die Gedanken unwillkürlich auf das, was sich da vorne ereignet hat. Sind Menschen verletzt worden? Einer, mehrere? Schreit in diesen Minuten jemand vor unerträglichen Schmerzen, eingeklemmt in einem zerquetschten Haufen Blech? Kämpfen Mediziner um einen Sterbenden? Vermutlich ist es eine Gnade, außer den blauen Lichtpunkten da hinten in der Kurve nichts erkennen zu können.

Plötzlich ein Knattern. Ein Rettungshubschrauber steigt auf. Der Pilot senkt die Nase der Maschine, die schnell Fahrt aufnimmt, tief über unsere Köpfe donnert. Ob im Innenraum jemand auf der Bahre liegt?

Ein anderes Geräusch – lautes Hupen von hinten. Ein großer, leuchtend gelber Abschlepp-Lkw schlängelt sich durch die Rettungsgasse, im Sekundenrythmus lässt der Fahrer die Fanfaren dröhnen. Wenige Meter dahinter ein zweiter.

Es dauert noch lange – eine Viertelstunde? Eine Halbe? -, ehe die Autotüren wieder klappern. Ehe die Wartenden in ihre Wagen steigen. Dann werden Motoren angelassen. Bewegung kommt in die Schlange. Anfahren. Langsam. Im Kriechtempo voran. Vorbei an Polizisten in gelben Neonwesten, die den Verkehr mit Kellen ganz nach rechts auf den Standstreifen dirigieren, vorbei an einem Abschleppwagen mit einem zerbeulten gelben Kombi auf der Ladefläche, vorbei an einem Kastenwagen der Polizei mit flackerndem Blaulicht, in dem Menschen sitzen, vorbei an einem zerschrammten BMW links an der Leitplanke.

Dann ist die Bahn vor mir frei. Und zwar völlig frei, weil der Verkehr sich nur tröpfchenweise aus der Engstelle befreien kann. Als wollte die Autobahn sich für das Warten entschuldigen, lädt sie jetzt zum Gasgeben ein: Alle drei Spuren für dich! Doch mir ist nicht danach, ein paar der vielen verlorenen Minuten wieder hereinzuholen.

Es gibt Dinge, die man nicht verschiebt, weil man sie unbedingt tun möchte. Und dann gibt es Dinge, die kann man nicht verschieben, weil sie einem passieren. Weil sie sie einem im wahrsten Sinne des Wortes wider-fahren, wie zwei Tonnen Auto auf Kollisionskurs auf einer Autobahn. Dinge, die einen aus der Spur werfen, aus aller Planung katapultieren, vielleicht sogar aus dem Leben.

Mir ist heute auf der A1 bei Unna etwas Lebenszeit abhanden gekommen. Lebenszeit, die ich lieber anders verbracht hätte. Doch es gab jemanden, der hätte sicherlich gerne mit mir die Plätze im Stau getauscht. Jemand, der näher am Geschehen hinter dem blauen Autobahnschild war als ich. Ganz nah. Zu nah.

Sechs Stunden nach dem Losfahren stelle ich in Köln den Motor ab. Sechs Stunden für gut 300 Kilometer. Und trotzdem habe ich das Gefühl, Glück gehabt zu haben.

Das Geschenk

Sony Nex-6 mit Sony SEL 20f28, f5, 1/60s, ISO 200, 20 mm
Sony Nex-6 mit Sony SEL 20f28, f5, 1/60s, ISO 200, 20 mm

Doch lieber etwas näher an die Säule ran? Oder lieber an die Bahnsteigkante? Soll noch ein Stück des weißen Empfangsgebäudes links hinten zu sehen sein?

Es ist gegen halb neun Uhr am Montagabend, ich stehe auf Bahnsteig 1 des Eschweiler Hauptbahnhofs und bin zufrieden. Der Tag liegt hinter mir, die C-Klasse habe ich gerade in der Indestadt beim Schrauber abgegeben, jetzt warte ich nur noch auf eine Regionalbahn, die mich zurück nach Aachen-Rothe Erde schaukeln wird. Ob sie in einer Minute kommt oder erst in fünfzehn, was macht das schon. Endlich habe ich Ruhe, der Rest des Abends gehört allein mir. Die Wartezeit am Bahnsteig ist geschenkte Lebenszeit. Und so ein Geschenk darf man denn auch einfach mal annehmen, darum habe ich auch gar nicht groß auf den Abfahrtsplan geschaut. Es kommt eh alle halbe Stunde etwas Passendes vorbei.

Blende ganz aufreißen bis 2.8 und cremiger Hintergrund? Oder lieber ganz schließen bis auf 16 und dafür durchgängig Schärfe im Bild?

Sony Nex-6 mit Sony SEL 20f28, f16, 1/60s, ISO 3200, 20 mm
Sony Nex-6 mit Sony SEL 20f28, f16, 1/60s, ISO 3200, 20 mm

So ein menschenleerer Bahnhof schreit ja geradezu nach einem Stimmungsfoto. Etwas trist, ja – aber auch wunderbar kontemplativ. Diese Stille, dieser Dornröschenschlaf, nur alle halbe Stunde unterbrochen für die wenigen Minuten, in denen hier Betrieb herrscht. Dann der Abfahrtpfiff – und wieder Ruhe.

Das kleine Zeitgeschenk lässt sich wunderbar nutzen, um ein bisschen mit der Kamera – diesmal ist das flache 20-Millimeter-Pancake drauf – herumzuspielen. Belichtungskorrektur, Weißabgleich und Verschlusszeit schon so einzustellen, dass ich mich gleich ganz auf den einfahrenden Zug konzentrieren kann. Den Standort und den Winkel wählen. Ich denke, ich mache eine Serienaufnahme und entscheide mich dann später zu Hause beim Sortieren der Bilder für das, auf dem die Lok an der richtige Stelle steht.

So langsam könnte allerdings mal etwas kommen. Seit 20.28 Uhr eigentlich, um genau zu sein. Das ist jetzt schon vier Minuten her. Verspätungsanzeigen gibt es hier ebensowenig wie den guten alten Bahnhofsvorsteher mit Kelle und Trillerpfeife. Es gibt nur mich.

Und eine böse Ahnung. Die sich beim Studieren der Aushänge im Fahrplanschaukasten bestätigt: Von Juni bis August verkehren in Eschweiler-Hauptbahnhof keine Züge. Gleisbauarbeiten. Dunkel steigt die Erinnerung an die Berichterstattung in der eigenen Zeitung hoch. Ach ja, da war was…

Zum Glück ist es nicht ganz so weit bis zum Haltepunkt Eschweiler-West der Euregiobahn. Eine knappe halbe Stunde und einen strammen Fußmarsch später – es hat inzwischen angefangen zu nieseln – kommt denn tatsächlich endlich ein Triebwagen angerollt. So ersehnt sein Anblick denn auch sein mag: Fotografisch ist er bar jeden Reizes.

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Ich bitte um Nachsicht, Ihr Lieben, dass ich euch das perfekte Foto einer in abendlicher Stimmung in den Eschweiler Hauptbahnhof einfahrenden Regionalbahn wohl noch etwas schuldig bleiben werde. Das Zeitgeschenk war mir denn doch ein bisschen zu groß.

Profiliga

Canon EOS 5D Mark III mit 24-105mm, f4, 1/8s, ISO 3200, 40 mm
Canon EOS 5D Mark III mit 24-105mm, f4, 1/8s, ISO 3200, 40 mm

Ist das nicht ein tolles Foto? Knackscharf, lebendige Farben, präzise abgebildet bis ins feinste Detail. Jeder Stein des Ponttors ist bis in die Poren zu erkennen. Und das bei freihändigem Fotografieren in tiefster Nacht. Trotz ISO 3200 rauscht da nichts. Toll, was Digitalkameras heute alles können, gell?

Aus meiner Sicht hat das schöne Foto nur einen Fehler: Es ist nicht von mir. Beziehungsweise nicht von meiner Kamera. Es stammt von James, meinem Couchsurfing-Gast übers Wochenende. Der Mann aus San Francisco entpuppte sich nicht nur als überaus freundlicher, gebildeter und angenehmer Zeitgenosse. Er hatte auch so ziemlich das Beste an Kamera dabei, was man heute als ambitionierter Amateurfotograf aus der Tasche (in seinem Fall ein Rucksack) ziehen kann: eine Canon EOS 5D Mark III mit 24-105-Millimeter-Zoomobjektiv. (Bilder und ein Video dieser Kombination gibt es hier bei CNet.)

Bei unserem obligatorischen kleinen Stadtrundgang am Freitagabend bot sich die spannende Möglichkeit, diese Spiegelreflex aus der Profiliga einmal mit meiner kompakten Sony Nex-6 zu vergleichen. Und plötzlich sah meine geliebte kleine Systemkamera, bei all ihren hier immer wieder lang und breit besungenen Vorteilen, zum ersten Mal ziemlich alt aus. So bildete sie dasselbe Motiv ab:

Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f1.8, 1/60s, ISO 3200, 32 mm
Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f1.8, 1/60s, ISO 3200, 32 mm

Zugegeben: Meine Kleine schlug sich eigentlich ganz wacker. Auf den ersten Blick – und im kleinen Vorschaubild oben – fallen beim Ponttor-Motiv die Unterschiede in der Bildqualität gar nicht einmal so sehr ins Gewicht. (Den Weißabgleich der Nex hatte ich auf „schattig“ gestellt, daher der Farbunterschied.) Auch war mit dem 32-Millimeter-Zeiss das beste Objektiv meiner Mini-Sammlung drangeschraubt, das zumindest auf dem Papier in puncto Lichtstärke mit seiner Blende 1.8 sogar Vorteile gegenüber dem riesigen Kit-Zoom der Canon mit seiner durchgängigen f4 hat. Hätte ich etwas abgeblendet, wären die Bildränder wohl auch etwas schärfer geworden.

Beim Heranzoomen ans Motiv – hier muss meine Festbrennweite natürlich passen – spielt die Profikamera dann aber natürlich die Stärken ihres Vollformat-Chips aus – ganz zu schweigen von der automatischen Bildstabilisierung:

Canon EOS 5D Mark III mit 24-105mm, f4, 1/10s, ISO 3200, 105 mm
Canon EOS 5D Mark III mit 24-105mm, f4, 1/10s, ISO 3200, 105 mm

Nun gut, irgendwo muss ja auch ein Unterschied zwischen einer Kamera-Objektiv-Kombi für 3500 bis 4000 Euro und einer für 1100 bis 1600 Euro sein. Hier dasselbe Motiv, wie es Letzere interpretierte:

Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f1.8, 1/60s, ISO 3200, 32 mm
Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f1.8, 1/60s, ISO 3200, 32 mm

Ich muss zugeben: Ich war ernüchtert. Wenn James und ich nach dem Fotografieren auf die Zoomtasten unserer Kameras drückten, lagen Welten zwischen dem, was die Displays zeigten. Da blieb mir meist nur ein „whow“.

Andererseits: Bei den besseren Bedingungen ein paar Stunden vorher im helleren Abendlicht lagen wir gar nicht einmal so weit auseinander. So sah die Canon den Blick auf den Hof…

 Canon EOS 5D Mark III mit 24-105mm, f4, 1/30s, ISO 100, 50 mm

Canon EOS 5D Mark III mit 24-105mm, f4, 1/30s, ISO 100, 50 mm

…und so die Sony:

Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f8, 1/15s, ISO 125, 32 mm
Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f8, 1/15s, ISO 125, 32 mm

Hier gefällt mir das Ergebnis der Nex sogar besser. Bei meiner Aachener Lieblingsperspektive sah die Sache dann wieder umgekehrt aus…

Canon EOS 5D Mark III mit 24-105mm, f4.5, 1/40s, ISO 100, 35 mm
Canon EOS 5D Mark III mit 24-105mm, f4.5, 1/40s, ISO 100, 35 mm

…denn das ist bei der Sony etwas dunkel geraten:

Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f4, 1/60s, ISO 100, 32 mm
Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f4, 1/60s, ISO 100, 32 mm

Keine Frage, you get what you pay for. Gerade bei schwierigen Lichtverhältnissen spielt die 5D in einer anderen Liga – und ihre Gegner an die Wand, dank Riesenchip und Bildstabi. Allerdings hat das Spitzengerät – abgesehen von seinem spitzenmäßigen Preis, für den man auch einen Gebrauchtwagen bekäme – noch einen gewichtigen Nachteil: Wuchtige 1,7 Kilogramm wiegt das wasserdichte Magnesiumgehäuse samt Objektiv, von den schieren Ausmaßen ganz zu schweigen. Dagegen tragen sich die 540 Gramm der Sony samt Touit-Objektiv geradezu von selbst. Wie lange ich eine 5D bei den Kölner Lichtern über Kopfhöhe hätte stemmen können, wage ich nicht zu ahnen – was im übrigen auch witzlos gewesen wäre, denn ein Klapp- oder Schwenkdisplay hat die Canon nicht.

Canon EOS 5D Mark III mit 24-105mm, f4, 1/15s, ISO 100, 47 mm
Canon EOS 5D Mark III mit 24-105mm, f4, 1/15s, ISO 100, 47 mm

Nimmt man so ein Trumm von Kamera überhaupt öfter als zwei- bis dreimal pro Jahr aus dem Schrank? Das muss jeder selbst wissen.

Wer seine Bilder in Postergröße an die Wand hängen möchte, ist mit dem 22-Megapixel-Sensor der EOS natürlich besser bedient als mit den 16-Megapixeln der Sony. Wem es dagegen genügt, seine Bilder in digitaler Form anzuschauen, wird selten mehr als rund 2000 Pixel Breite brauchen – und dürfte bei der überwiegenden Mehrzeit der Standardmotive mit dem kleineren APSC-Sensor gar nicht so schlecht fahren.

Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f6.3, 1/25s, ISO 250, 32 mm
Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f6.3, 1/25s, ISO 250, 32 mm

Auch bei etwas schwummerigeren Beleuchtungsverhältnissen, in denen es eher auf Stimmung und Farben ankommt, sind sowohl Canon…

Canon EOS 5D Mark III mit 24-105mm, f4, 1/10s, ISO 100, 32 mm
Canon EOS 5D Mark III mit 24-105mm, f4, 1/10s, ISO 100, 32 mm

…als auch Sony in der Lage, reizvolle Bilder zu erzeugen:

Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f2.8, 1/60s, ISO 640, 32 mm
Sony Nex-6 mit Zeiss Touit 1.8/32, f2.8, 1/60s, ISO 640, 32 mm

(Ich erlaube mir bei dieser Gelegenheit, euch den exzellenten Flammkuchen des La Jeunesse in der Pontstraße wärmstens ans Herz zu legen.)

Was bleibt nach diesem Spaziergang unterm Strich stehen? Die Unterschiede zwischen der Spiegelreflex-Profiliga und einer Edelsystemkamera können selbst bei Alltagsmotiven erheblich sein. Müssen es aber nicht, vor allem nicht bei Schnappschüssen unter normalen Bedingungen. Bei ernsthaft künstlerischem oder professionellem Anspruch, ob Landschafts- oder Sportfotografie, dürfte die Vollformatkamera natürlich ruckzuck in unerreichbare Sphären abheben.

Sollte es also einmal ein paar Tausender auf mein Konto regnen…

….ach nein, dann buche ich lieber einen Flug nach Asien. Nepal vielleicht nochmal, Kambodscha oder Vietnam. Und die Nex stecke ich in den Rucksack. Tolle Fotos bestehen ja doch nur zum Teil aus dem, was Technik und Fotograf hinter der Linse zustandebringen. Der Rest ist immer noch das, was sich davor abspielt.

Abendschönheit

Es wurde mal wieder Zeit für einen Beitrag über das ursprüngliche Objekt dieses Blogs – das schließlich einmal Moorbraun.de hieß. Und wie es der Zufall will, wurde es auch mal wieder Zeit, das ursprüngliche Objekt dieses Blogs einer Reinigung zu unterziehen, um ebenjenem Moorbraun mal wieder zu Glanz und Geltung zu verhelfen. Die Schönheit eines Autos will nun einmal von Zeit zu Zeit ans Licht poliert werden.

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Also schnell nach Feierabend – so lange noch genug Licht da ist – in die Waschanlage mit uns, um anschließend auf dem Hof der Werkstatt unseres Vertrauens die Polierwatte kreisen zu lassen.

Und wenn man dann nach vollbrachter guter Tat im letzten Licht des späten Abends mit Kamera und Handmuskelkater um den sichtlich zufriedenen Wagen herumkrebst, kommt einem der eigentlich fest gefasste Plan, demnächst mal Motorhaube, Dachpartie und C-Säulen nachlackieren zu lassen, schon wieder arg überflüssig vor. Sieht doch noch tipptopp aus…

Das ist das Geheimnis dieser seltsamen Sonderlackfarbe Nr. 479 Moorbraun: Sie glänzt so herrlich wie flüssige Schokolade – und was ließe sich daran schon verbessern?