Ich war am Zug

Es ist an der Zeit, euch etwas zu gestehen, ihr lieben und treuen Leserlein: Der Autor dieser Zeilen ist ein Morgenmuffel. Aufstehen ist ihm ein Graus, schlaftrunken stolpert er allmorgendlich die Treppenstufen hinunter, selbst die Dusche macht ihn kaum wacher. Bevor nicht am Frühstückstisch die erste Tasse Kaffee ihre Arbeit aufgenommen hat, ist er so munter wie eine Seepocke. Bei Ebbe.

Es kommt daher nicht jeden Tag vor, dass sich ihm schon beim Hören der ersten Lokalnachrichten im Radio die Nackenhaare aufstellen und der Puls beschleunigt. Nur zu oft hat er ja die Meldungen, die da verlesen werden, am Vortag selbst auf die Webseiten seines Arbeitgebers gewuppt.

Es kommt aber auch nicht jeden Tag vor, dass Aachens größter und wichtigster Verkehrsknotenpunkt stundenlang lahmgelegt ist – durch einen Zug. Genau das war aber passiert. Ein rund 40 Meter langer Schwertransporter, so war da zu hören, war in den Morgenstunden von der Autobahn 544 in den Europaplatz gefahren und in der engen S-Kurve zwischen den Leitplanken steckengeblieben. Geladen hatte er, so war zu erfahren, einen Eisenbahn-Reparaturzug.

Ein Zug blockiert den Europaplatz? Und es gab noch keine Fotos auf unseren Webseiten? Heckert, Sie sind am Zug! Wie zu seligen Lokalreporterzeiten griff der Autor dieser Zeilen – in seltener Heck-tik quasi – zur Kamera. Und zum Fahrradhelm, um sich auf den Weg zu strampeln. Denn – hier kommt ein Pro-Tipp, Leute – wer zu einem blockierten Kreisverkehr möchte, tut gut daran, das Auto stehen zu lassen.

325-Pilot

Um so mehr natürlich, wenn Ort des Dramas sowieso nur etwa 1100 Meter vom eigenen Zuhause entfernt liegt. Vor Ort hatten sich bereits reichlich Schaulustige und ein Kamerateam eingefunden. Letzteres visierte mich umgehend an, als ich meinerseits die Sony ansetzte. Erst als ich einen Polizeibeamten ansprach, erkannte mich der Kameramann offenbar als Kollegen und lies von mir ab.

340-Kreisel

Wenige Stunden zuvor musste es sich gewaltig geknubbelt haben, eine Dreiviertelstunde lang ging auf der Autobahn in Richtung Innenstadt gar nichts mehr. Dann hatten Polizisten im Nachteinsatz den Koloss irgendwie aus der Engstelle herausgefädelt, ihn sicherheitshalber erst einmal auf der Außenspur im Kreisel geparkt und mit Warnbaken abgesichert. Auf der Autobahn dahinter – die A544 bis zum Europaplatz ist Aachens führende Anbindung in Richtung Düsseldorf und Köln – staute es sich zwar noch in erklecklicher Länge zurück, der Verkehr floss aber immerhin wieder. Wieviel Autopendler an diesem Morgen wohl verzweifelt ihren Vorgesetzten versucht haben zu erklären, dass die Bahn schuld an ihrer Verspätung war?

334-Springbrunnen

Während ein genervter Autofahrer nach dem anderen an dem so ungewohnt nahen Schienenfahrzeug vorbeimanövrierte, berieten die Einsatzkräfte nach Kräften, wie das Monstrum von Aachens fröhlich sprudelnder Begrüßungsfontäne aus weiter in Richtung seines Bestimmungsortes gelotst werden sollte.

329-Truck

Denn, so sagte mir der Einsatzleiter in die laufende Kamera, auf seinem Weg ins Verhängnis hatte der Transporter mit seinem geschätzten Lebendgewicht von etwa 115 Tonnen auch die Haarbachtalbrücke an der Abfahrt Rothe Erde passiert, die für gerade mal 40 Tonnen zugelassen ist. Ein schlichter U-Turn rund um den Kreisel, eigentlich die naheliegendste Lösung, schied daher aus.

349-Granus

Was übrigens nicht die Schuld von Fahrern und Navigatoren des gewichtigen Tatzelwurms war. Denen hatte nämlich die Straßenverkehrsbehörde des Landkreises Dithmarschen die Route so abgesegnet. Die Kollegen der Aachener Behörde hätten da wohl einiges zu ergänzen gehabt. Ziel des aus Polen kommenden Gefährts war der Hafen im belgischen Zeebrügge.

(Der „Reparaturzug“ entpuppte sich vor Ort als ältere Gleisstopfmaschine des Schweizer Herstellers Matisa in der Lackierung des spanischen Bahnnetzbetreibers AZVI. Möglicherweise handelte es sich um den ausgemusterten Vorgänger dieses 2011 neu erworbenen Fahrzeugs.)

Noch während ich um die stehende Kolonne herumkrebste, um kleine Videoschnipsel einzufangen, brach plötzlich Geschäftigkeit aus: Eine neue Route hatte offensichtlich den Segen der Verantwortlichen gefunden – über die Lütticher Straße sollte es jetzt weitergehen. Dieselmotoren wurden angelassen, Blinker gesetzt, die Polizeibusse riegelten den Verkehr auf beiden Spuren ab. Vorsicht bei der Abfahrt des Zuges. Sachte setzte sich der polnisch-spanisch-schweizerische Riese mit dem belgischem Ziel in Bewegung.

363-Abfahrt

Während sich die Stopfmaschine, die so wirkungsvoll das wichtigste Verkehrsnadelör einer Großstadt verstopft hatte, unter dem Abschiedsgeflatter der CHIO-Fahnen auf ihre Weiterreise machte, machte sich der selbsternannte Bild- und Videoreporter auf die seinige in die Redaktion. Wo ihm die mit solchen Dingen beruflich beschäftigten Kollegen zartfühlend erklärten, dass der so stolz angeschleppte O-Ton des Einsatzleiters aufgrund des im Hintergrund leerlaufenden Dieselmotors der Zugmaschine leider nicht verwendbar war. Nächstes Mal bitte ein paar Schritte weiter weg aufstellen, ja?

Immerhin, die Fotos waren zu gebrauchen, ein paar der Filmschnipsel auch. Wer mag, kann sich das Resultat des so bewegungslosen wie bewegten Morgens in Text, Bild und Bewegtbild hier bei der AZ ansehen (die AN hat eine eigene Textversion). Sich die teils unerträgliche Besserwisserei und Häme in den Leserkommentaren unten auf der Seite anzutun, ist aber auf nüchternen Magen nicht zu empfehlen – da sollte man zumindest den ersten Kaffee intus haben.

Für den Schreiber dieser Zeilen, mittlerweile am eigenen Schreibtisch angekommen, war es denn erstmal Zeit für Tasse Nummer Zwei – und einen dem Ereignis angemessen langen Zug.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.