Skandiblog 14: Klippenblicke

Heute steht nur ein Punkt auf der Tagesordnung: der Preikestolen! In aller Herrgottsfrühe (es wird höchstens gegen neun Uhr morgens sein) breche ich mit einer netten Kanadierin auf, die ich am Vorabend in der Herberge kennengelernt habe. Es regnet mal wieder, aber wir haben einen Deal: Sie trägt ihre Regenjacke, ich bekomme ihr Reiseschirmchen. Egal. Lieber gebe ich Gene „Singing in the Rain“ Kelly, als dass sich meine Vliesjacke wie ein Schwamm vollsaugt.

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Doch wir haben Glück. Der Regen lässt schnell nach, aber außer uns ist kaum jemand unterwegs. Als wir uns nach einiger Zeit nach der Herberge umdrehen, entdecken wir ganz entfernt am Horizont Stavanger.

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Es wäre untertrieben zu sagen, der Weg ist steinig. In Wahrheit ist der Weg Steine. Dies hier ist noch der einfachere Teil. Auf zwei Stunden Marsch taxiert jeder Reiseführer den Weg. Das wiederum ist nicht untertrieben. Schneller geht es für normal trainierte Menschen kaum, deutlich langsamer dagegen leicht.

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Sobald das sumpfige Gelände am Fuß der Berge passiert ist und die Baumgrenze hinter einem liegt, wandert man über nackten Fels. Kleine Bergseen tüpfeln die Oberfläche – jeder Wasserspiegel liegt auf einer anderen Höhe, da die Teiche von Schmelz- und Regenwasser gespeist werden.

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Müde Wanderer haben, wie überall auf der Welt, kleine Steinpyramiden am Wegesrand errichtet.

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Da meine Begleiterin ein gewisses Faible für Selbstporträts hat, komme auch ich in den Genuss einiger Aufnahmen. Das im Hintergrund ist übrigens Norwegen.

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Der erste Blick in den Lysefjord. Bei strahlendem Sonnenschein reicht die Sicht bestimmt viel weiter. Aber dann hingen da nicht diese mystischen Wolken an den Berghängen…

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Hilfe, ist das hoch. Jetzt bloß kein falscher Schritt…

Noch einmal um die Kurve, und das Ziel liegt vor uns: der Preikestolen, zu deutsch: Priesterkanzel („Predigtstuhl“). Ein 25 mal 25 Meter großes, fast rechteckiges Felskliff, dessen kantige Oberfläche 604 Meter hoch über den Fjord ragt.

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604 ziemlich senkrechte Meter.

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Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass dies einer der besseren Momente in meinem Leben ist.

Während wir uns auf der Plattform ausruhen und eine Aussicht genießen, für die Worte wie „grandios“ und „spektakulär“ in keiner Weise ausreichen, wird uns klar, was für ein Glück wir mit dem Wetter hatten. Dank des regnerischen Auftakts sind außer uns sind kaum zehn weitere Wandersleut hier oben.

Doch als wir uns nach einer halben Stunde auf den Rückweg machen, hat bereits ein reger Zulauf von Touristen eingesetzt. Im Lauf des zweistündigen Rückmarschs schwillt er zu einem regelrechten Gedränge an. Pärchen, Eltern mit Babies, Senioren – die meisten davon in Straßenschuhen und ohne erkennbare Kondition. Wie wollen die es über die Felsen schaffen? Wer hat denen erzählt, es wäre ein Spaziergang im Park?

Nach weiteren zwei Stunden – runter geht es fast noch langsamer als rauf – erreichen wir den Parkplatz am Beginn des Wanderweges. Er steht inzwischen vollgepackt mit Reisebussen, Wohnmobilen und Autos. Tja. Der Preikestolen ist nunmal eine von Norwegens bekanntesten Touristenattraktionen…

Von hier aus wäre ich eigentlich direkt zur Südküste aufgebrochen. Die Kanadierin überzeugt mich von einer Planänderung: Es gibt eine Touristenfähre, die eine zweieinhalbstündige Aussichtsfahrt den rund 40 Kilometer langen Lysefjord hineinfährt.

An dessen Ende wartet eine weitere Attraktion: der 1100 Meter hohe Kjerag, eine weitere senkrechte Felsformation. Von dessen Spitze ist als einem der wenigen Orte auf der Welt sogar Basejumping möglich (und erlaubt), also Fallschirmspringen von festem Untergrund aus. Und es gibt einen Stein dort, einen ganz besonderen Stein: Den Kjeragbolt, eine 5 Meter große Felskugel, die in einem Spalt eingeklemmt in einem Kilometer Höhe über dem Fjord feststeckt. Wer den Mut dazu hat, kann sich draufstellen.

Das will ich sehen. Also packe ich meine Sachen aufs Motorrad und mache mich auf den Weg zum Fährhafen. Endlich habe ich mal genug Zeit: Ich verlasse die Preikestolen-Herberge gegen Viertel vor drei, die Fähre geht erst um halb vier. Aber als ich um 15.15 Uhr in aller Seelenruhe an Bord rolle und das Schiff Sekunden später die Rampe hochfährt und ausläuft, mache ich ein etwas dummes Gesicht. Offenbar habe ich die Leute in der Herberge falsch verstanden. Es war eine andere Fähre, die um 15.30 Uhr ablegt. Gerade nochmal gut gegangen.

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Wie gut es ging, stellt sich oben an Deck heraus. Was für ein Anblick! Wer jemals in seinem Leben die Möglichkeit hat, mit einem Schiff in einen Fjord zu fahren, sollte unbedingt „ja“ sagen. Es ist ein fantastisches Erlebnis, auf dem Wasser zwischen senkrechten Felswänden durchzugleiten. Wenn dann noch die Sonne scheint – – –

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Der Kapitän bugsiert die Fähre mit dem Bug in eine enge Schlucht am Nordufer. Hier sollen sich einst ein paar Landstreicher verschanzt haben. Als die Polizei hier landete, warfen die Flüchtigen mit Steinen nach ihnen. Die Verfolger mussten
aufgeben.

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„Und hier einige besondere Freunde des Kapitäns“, kommt es aus den Lautsprechern. Tatsächlich: Mitten am steilen Hang weiden einige Ziegen.

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Der Preikestolen von unten. Ihr seht ihn nicht? Klickt auf das Bild.

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Aus dieser Perspektive wird verständlich, warum er seinen Namen trägt.

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Und da oben habe ich gestanden?

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Da stehe ich jetzt doch lieber fest auf dem Grund. Auch wenn er etwas schwankt (was mir jedesmal Schweißperlen der Angst um meine kippelige Freewind auf die Stirn treibt).

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Einige Kilometer weiter stäubt der Whisky-Wasserfall über die Felswand ins Meer. Er trägt seinen Namen, weil während des Ersten Weltkriegs ein desertierter deutscher Soldat namens Heinrich in den Bergen des Lysefjords eine illegale Whiskybrennerei unterhalten haben soll. Zwar wurde der Betrieb von den Behörden mehr oder weniger erfolgreich unterbunden, doch Reste von Heinrichs Vorräten sollen bis heute im Wasser enthalten sein.

Eine gute Gelegenheit, mit der Video-Funktion der Fuji herumzuspielen und den ersten zaghaften Schritt in die Welt der bewegten Bilder zu tun. Was noch fehlt, ist unterträglich liebliche Musik im Hintergrund.

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Hinter jedem Felsvorsprung öffnen sich neue Perspektiven. Eine schöner als die andere.

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Mitten im Fjord liegt am Südufer die einzige menschliche Siedlung: ein Bauernhof, der von einer einzigen Familie bewirtschaftet wird. Eine Straßenanbindung gibt es nicht – nur mit dem Boot sind die Häuser erreichbar. Ein großes Trampolin im Garten scheint dem Nachwuchs der Familie Unterhaltung zu bieten. Aber vielleicht ist es auch ein traditionelles Familienrezept, mit dem die alten Bauersleute im Winter die Stimmung heben.

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Sehr Ihr hier auch ein Herz? Oder ist das nur wieder der olle Romantiker in mir?

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Nun fährt die Fähre so nah ans Südufer, wie es geht. Das Schiff heißt nach einer nahegelegenen Stadt „Strand“. Ein billiger Kalauer drängt sich auf, ob es jetzt stranden wird. Nein, wir sind auf Seehundsafari. Mehrere Dutzend der possierlichen Wassertierchen sollen im Fjord wohnen.

Einige der Passagiere schwören Stein und Bein, sie hätten zwei der schwarzen Gesellen beim Sonnenbaden gesehen. Mir geht es wie beim Fuchs am Gaustatoppen – als ich die Kamera angelegt habe, ist nichts mehr zu sehen.

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Dann macht uns einer der Offiziere auf einen bestimmten Punkt oben in den Klippen aufmerksam. Die Klippen sind der Kjerag, und der Punkt da ganz oben an der Kante –

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– ist der Kjeragbolt, der Kjerag-Keil. Auf diesen winzigen Fußball sollen sich Menschen stellen können?

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Eine halbe Stunde später nähert sich die „Strand“ dem Strand. Verzeihung, ich meinte natürlich: Läuft die Fähre den Kai von Lysebotn an. Außer dem Hafengebäude, einigen Kfz-Hallen, der Jugendherberge und einem Campingplatz besteht der Ort nur noch aus zwei oder drei Wohnhäusern.

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Sowie einer Prise norwegischen Humors.

Dann ist der Fjord zu Ende – dahinter kommt nur noch Gebirge.

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In der Herberge einchecken. Die Taschen vom Motorrad packen. Duschen. Etwas essen. Zur Ruhe kommen.

Rückblick in den Fjord. Die Sonne geht unter. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass dies einer der besseren Tage in meinem Leben war.

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Der Schreiber dieser Zeilen ist kein allzu religiöser Mensch. Aber in manchen Momenten überkommt ihn ein Gefühl der Dankbarkeit, dass er solche Dinge sehen durfte.

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