Skandiblog 11: Berg und Tal

Warum man in Norwegen immer gute Straßenkarten dabei haben sollte, lerne ich am nächsten Tag. Ziel ist Rjukan, ziemlich mittig im Südteil des Landes gelegen, genauer: 180 Kilometer westlich von Oslo in der Telemark. Die Stadt ist berühmt für zwei Dinge: einmal ihre Lage in einer tiefen Schlucht, die im Winter jeden Sonnenstrahl von den Häusern fernhalten. Sowie für das Wasserkraftwerk Vemork, das im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle spielte.

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Der Tag beginnt angenehm. Der Regen am Morgen lässt schnell nach und ich komme gut durch den Flaschenhals Oslo. Kurz darauf kommt auch die Sonne durch.

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Die zuerst nur sanft hügelige Landschaft wird bald immer bergiger. So ähnlich habe ich mir Norwegen vorgestellt.

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In Rjukan möchte ich im Vandrerhjem übernachten, der Jugendherberge. Die Telefonnummer steht im Internationalen Jugendherbergsführer. „Fahren Sie nicht über die 37“, rät mir eine freundliche Empfangsdame. „Die ist ab 20 Uhr gesperrt wegen Straßenarbeiten.“ Sie beschreibt mir eine Alternativroute über ein Örtchen mit dem schönen Namen Sauland und von dort über eine kleine Nebenstraße.

Als ich in Sauland ankomme, ist es schon kurz nach 20 Uhr. Überall stehen die großen Warnschilder zur Straßensperrung. Da nur noch die Tankstelle offen ist, hole ich mir dort ein improvisiertes Abendbrot: einen der allgegenwärtigen, vor Fett triefenden, mit Schinken umwickelten Hotdogs, dazu einen Trinkjoghurt und ein Muffin. Dann geht es über die angekündigte Nebenstraße.

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Sie ist ein Traum für Motorradfahrer. Eigentlich. Felswände, Schluchten, Hügel, kleine Seen, Kurven links, Kurven rechts, bergauf, bergab – wenn ich nur nicht so müde wäre und endlich ins Bett wollte. Leider setzt auch der Regen wieder ein.

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Generell geht es eher bergauf als bergab. Die Aussicht wird immer schöner, die Landschaft karger. In der Ferne tauchen immer mehr schneebedeckte Berggipfel auf. Toll. Die Gegend ist menschenleer, die letzten Ferienhäuschen liegen schon lange zurück. Was auf meiner Karte so nah aussah, zieht sich jetzt schon fast eine Stunde lang hin.

In dieser Höhe weht eine mächtig steife Brise. Beim Halt für das Foto oben bin ich heilfroh, dass meine Freewind nur etwa 168 Kilo Leergewicht hat. Eine Böe ist so stark, dass die beladene Maschine umkippt, als ich das Foto gerade gemacht habe. Ich kann sie gerade eben noch auffangen.

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Das ist langsam kein Spaß mehr. Hinter der letzten Serpentine ist nicht nur die Baum-, sondern auch die Buschgrenze. Über kahles Gelände führt die Straße steil hoch in die Berge, auf denen überall Schnee liegt. Mir wird mulmig. Für eine Winterfahrt bin ich nicht gerüstet. Wir haben schließlich Ende Juni.

Der Sturm bläst mich fast von der Straße. Die heftigen Böen treffen das Motorrad so hart und unvermittelt, dass ich nicht schneller als 10 oder 20 Stundenkilometer fahren kann. Der Anstieg wird zur Zitterpartie.

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Das Fotografieren ist auch kein Vergnügen. Dafür muss man nämlich die Handschuhe ausziehen. Der peitschende Regen ist eiskalt, ich kann die Finger kaum noch bewegen. Was zum Teufel mache ich hier eigentlich? Andere Leute fahren in ihren Sommerferien nach Spanien und lassen sich am Strand durchbräunen.

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Aber was für ein Naturerlebnis. Diese Berge. Diese Einsamkeit. Plötzlich läuft ein Fuchs direkt vor mir über die Straße und verschwindet zwischen den Schneefeldern am Hang. Ich halte an, fummele die Kamera wieder aus dem Tankrucksack, doch zu spät.

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Irgendwann führt die Straße wieder abwärts. Der Wind lässt nach. Die ersten Bäume. Endlich. Jetzt ist auch Rjukan zu sehen, der Ort in der Vestfjord-Schlucht, wo es im Winter immer dunkel ist. Wenn dies hier schon der Sommer ist, wie wird es dann erst im Winter sein? Man mag es sich nicht ausmalen.

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Nass, durchgefroren und erschöpft schaukele ich die engen Spitzkehren hinunter ins Tal. Seit über acht Stunden bin ich jetzt unterwegs. Bett, ich komme.

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Doch zum Schluss des Tages gibt es noch eine besondere Überraschung. Auch auf dieser Straße wird nämlich gebaut, und zwar kräftig. Schaufelbagger, Lastwagen, Berge von Steinen, Schutt auf dem Asphalt. Plötzlich versperrt mir ein Sattelschlepper den Weg, der Fahrer springt aus dem Führerhaus. „Hat Ihnen jemand erlaubt, hier durchzufahren?“ fragt er mich auf Englisch.

„Äh, nein…?“

Dann müsse ich zurückfahren, die Straße sei wegen der Bauarbeiten gesperrt. Ob ich die Schilder nicht gesehen hätte? Verwirrt erkläre ich ihm, dass doch eigentlich ganz woanders die Landstraße 37 gesperrt sein solle, weshalb ich eigens diese kleine Nebenstraße genommen hätte. Nein, antwortet er, dies hier sei die einzige Sperrung weit und breit. Da ich nicht zurück kann, es ist inzwischen fast 22 Uhr, kommen wir überein, dass er mich einfach nicht gesehen hat.

Irgendwas ist offenbar falsch gelaufen. Wie falsch, erfahre ich erst, als ich mich in Rjukan bis zum Hostel durchgefragt habe. An der Rezeption weiß man nämlich nichts von mir und eine Hütte, wie versprochen, hat man auch nicht zu vermieten. Mittlerweile restlos verwirrt rufe ich wieder die Nummer aus dem Herbergsführer an. „Sie sind am falschen Ort“, klärt mich die Dame auf, ihre Jugendherberge sei woanders – in einer Siedlung namens Kvitavatn, ganz oben am Berg. Jenseits der Straßensperrung. Unerreichbar.

So bleibe ich an Ort und Stelle im Rjukan Gjestegård. Wie ich später erfahre, war dies bis vor einigen Jahren die offizielle Jugendherberge, dann wurde die neue Anlage in Kvitavatn gebaut. Weil die Stadtverwaltung von Rjukan das ebensowenig verstanden hat wie ich, ist die Herberge oben den Bergen bis heute nicht richtig ausgeschildert – weshalb ich wiederum glatt an der unscheinbaren Abzweigung vorbeigefahren bin. Auf meiner eher groben Straßenkarte ist der winzige Ort Kvitavatn gar nicht erst verzeichnet, auch das Navi kennt ihn nicht.

Der Abend wird trotzdem noch nett. Außer mir ist nur eine Gruppe von Deutschen im Hostel, die mich einladen, mich zu ihnen in die Gemeinschaftsstube zu setzen. „Wo kommt Ihr her?“ frage ich. „Düren!“ kommt als Antwort. Ich muss grinsen: „Aachen.“

Die Welt ist klein. Die Leute sind allerdings nicht zum Vergnügen hier, sondern beruflich. Sie arbeiten für eine deutsche Firma, die in Rjukan eine Niederlassung hat. Auch an Feiertagen. Norweger sind nämlich teurer als Deutsche. Noch eine ungewohnte Erfahrung.

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