Hemmungslos copiert

Automobilistisch gesehen bin ich ja eher ein Genießer. Ein Gleiter. Ein Ausfahrer. Sogar einen Cruiser mag man mich nennen. Gebt mir einen großvolumigen Diesel, einen ausreichend lang übersetzten fünften Gang, dazu eine baumbestandene Allee, vielleicht sogar irgendwo in Südfrankreich, und ich kann mit 90 Stundenkilometern der glücklichste Motorist der Welt sein. Da können sich all die V8er-BMWs, GTI-Gölfe und Turbo-Audis auf den Überholspuren dieser Welt ihre Zylinderkopfdichtungen herausblasen. Motorleistung, Beschleunigungswerte, Drehmoment – mir doch schnuppe.

Dachte ich jedenfalls immer.

Und dann drückt mir Otmar den Schlüssel für seinen Copen in die Hand. Der Copen – erinnert sich noch jemand an Daihatsu? – ist so etwas wie eine japanische Kopie des Audi TT. Vielleicht auch eine späte Antwort auf den Porsche 356. Dies alles allerdings im Maßstab 1:2.

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„Da soll ich reinpassen?“ fragt der Fast-1,90-Meter-Mann mit ungläubig hochgezogenen Augenbrauen angesichts von nicht mal 3,4 Metern „Länge“ und knapp 1,5 Metern „Breite“ des fernöstlichen Spielmobils. Ja, es passt – wenn man die Einbauanleitung befolgt: Rückwärts rein, Hintern auf den roten Ledersitz positionieren, rechtes Bein händisch unterm Lenkrad durchfädeln, linkes Bein nachheben, Klamotten geradeziehen, Gurt aus Halteöse herausfriemeln, anschnallen, Tür schließen, zuletzt Seitenscheibe hochfahren. Sitzt, passt, hat – naja – ein klitzekleinwenig Luft.

Den letzten Schritt mit den Scheiben kann man sich allerdings auch schenken, denn der Copen war 2001 das erste Cabrio mit hydraulisch versenkbarem Hardtop. Und da die Sonne gerade so prächtig vom Öcher Himmel lacht, gönnen wir uns als erstes das uhrwerkartige Dachwegklappritual. Plötzlich entsteht sogar so etwas wie Kopffreiheit.

Käppi auf und los geht’s. Mitfahrgelegenheit Reloaded. Otmar dokumentiert die Testfahrt mit der iFon-Kamera. Mal gucken, was die kleine Karre kann…

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Machen wir’s wie der Copen, kurz und schnell: Für die Art, wie das Teilchen abgeht, gibt es nur Schmitz‘ Katze als Vergleich. Die 87 PS des 1,3-Liter-Motörchens würden sich an jedem 123er-Mercedes die Turbozähnchen ausbeißen – beim nicht mal 850 Kilo schweren Mikro-Roadster müssen sie nicht mal richtig hochdrehen, um im Kreisel die Reifen kreischen zu lassen. Das leichte Teil klebt regelrecht auf dem Asphalt, fegt wie ein Go-Kart um die Kurve und lässt dabei jeden Achtzylinder alt aussehen.

Selbst so ein ruhiger Raumgleiterpilot wie ich kommt da sofort auf den Geschmack. Ich geb Gas! Ich will Spaß! Das Motörchen röhrt, die Räderchen quietschen – noch eine Runde um den Kreisverkehr! Und aus dem Ausgang herausbeschleunigen! Jiiiihaaa!

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Soviel Spaß habe ich schon lange nicht mehr mit einem fremden Auto gehabt. Als wir schließlich wieder vor der Otmars Haustür stehen, steht mir das Grinsen immer noch wie ins Gesicht getackert. Mama, ich will auch so ein Spielzeug haben!

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Ja, der Winzling sitzt eng wie eine Zwangsjacke; es gibt für größer gewachsene Menschen genau eine bequeme Fahrposition (vielleicht auch ein bisschen weniger als das). Er hat so gut wie keinerlei Nutzfläche (bei offenem Dach liegt das Kofferraumvolumen offiziell bei 14 Litern). Auf die Rückbank passt kein Kasten Wasser (es gibt keine). Und mit seinem Beifahrer muss man sich schon wirklich gut verstehen, weil man sich schon auf geraden Strecken nicht wirklich aus dem Weg gehen kann, in Kurven wird’s dann richtig schmusig.

Kurz: Für einen Klotz wie mich ist der Copen das vielleicht unpraktischste Auto, das Geld kaufen kann. Und trotzdem hätte ich gerade verdammt gerne die rund 7000 Euro übrig, die man für so ein Rennsemmelchen auf den Tisch legen muss. Kein Zweifel: Ich bin copiert.

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