Driving home for Christmas

Hot ’n‘ spicy to go

Ende November war’s, ein erster weißer Gruß war in der Nacht auf Aachen herniedergefallen, da lag des Morgens, als ich frischen Mutes zur Arbeit schritt, diese scharfe vegetarische Warnung auf dem Bürgersteig. Da wusste ich: It will be a hot winter.

's wird allmählich Herbst
’s wird allmählich Herbst

Selber Ort, nur wenige Tage darauf. Da ist er auch schon, der Winter. Nun denn, wir sind gerüstet. Im Kofferraum des Golfs liegt ein Fünfkilopack Katzenstreu (Sand kann einfrieren, wegen der Feuchtigkeit darin), auf dem Rücksitz eine Wolldecke und eine Flasche Wasser, falls die Nacht mal länger wird. Zwei Handbürsten warten auf Fahrer und Beifahrer, um die weiße Pracht vom Lack zu fegen. Zwei Regenschirme ebenso, falls sich das mit dem Niederschlag zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz erledigt haben sollte. Zwei Eiskratzer, den Scheiben zu Durchsicht zu verhelfen. Zwei Handschuhe, die Finger des Fahrers dabei warm zu halten (der Co muss sehen, wie er zurechtkommt, um alles kann ich mich ja nun auch nicht kümmern). Im Tank schwappt eine Extraladung Sprit, im Scheibenwasserbehälter eine Extraladung Frostschutz. Die Wischerblätter sind neu. Golfi selber, der Treue, trägt mit Frontantrieb und Riesenbatterie das Seinige dazu bei, uns stets ans gewünschte Ziel zu bringen. Die Winterreifen sind zwar nicht mehr ganz fabrikfriscih, aber es sind immerhin Winterreifen. Noch einmal Neureifen zu kaufen, würde sich bei so einem alten Auto ja auch kaum noch lohnen.

Und jetzt auf nach Norden mit unserer Fuhre. Es ist der 23. Dezember, der weihnachtliche Elternbesuch steht an und im Radio spielen sie „Driving Home for Christmas“ von Chris Rea, das einzige erträgliche Weihnachtslied überhaupt, da stört uns auch der stockende Verkehr auf der A1 bei Hagen nicht.

Driving Home for Christmas
…yes I’m driving home for Christmas…

Es schneit ohne Ende, als wir nach über zwei Stunden auf der überfüllten Autobahn plus einer dreiviertelstündigen Schleichfahrt über die elende B64 endlich Zwischenstation im westälischen Warendorf machen, wo die Gasanlage von den netten Jungs von Klargas gecheckt wird. Für die läppischen 160 Kilometer von Köln hierher haben wir über drei Stunden gebraucht. Zwar nicht mit Ach und Krach, dafür aber mit reichlich Flitsch und Glitsch sind wir irgendwie durchgerutscht. Die Wischer sind im laufenden Betrieb auf der Scheibe eingefroren. Der Wagen trägt einen Panzer aus Eis, die Antenne einen regelrechten Bart. Egal, wir sind ja angekommen.

17 Uhr. Die Gasanlage ist neu eingestellt. Draußen ist es inzwischen dunkel. Es ist der 23. Dezember, der verkehrsreichste Tag des Jahres. Es wird immer kälter und es schneit immer weiter. Es wird das schneereichste Weihnachten seit mehr als 100 Jahren sein, aber das weiß ich um diese Zeit noch nicht. Das Radio läuft. Auf Nordrhein-Westfalens Straßen herrscht Alarmstufe Rot, die letzte Stufe vor Lila. Lila ist, wenn nichts mehr geht und nichts mehr fährt. Man glaubt zu spüren, wie der Blauanteil im Rot von Minute zu Minute steigt.

Die Verkehrsdurchsage beginnt mit gesperrten Bundesstraßen und Autobahnen, listet dann sämtliche größeren Staus auf, angefangen von mehreren 30- und 25-Kilometer-Monstern auf der A1 bei Bremen und der A2 bei Helmstedt, lässt die dringende Warnung folgen, auf alle nicht unbedingt notwendigen Fahrten zu verzichten, führt zwei Regierungsbezirke auf, in denen ein flächendeckendes Fahrverbot verhängt wurde, warnt vor Blitzeis und überfrierender Nässe und endet mit einer Aufzählung der Bahnstrecken in Norddeutschland, auf denen kein Zug mehr fährt und der Schienenersatzverkehr gestrichen wurde. Es ist die Mutter aller Verkehrsdurchsagen. Als sie endlich vorbei ist, ist es sechs Minuten später.

Habe ich vorhin 160 Kilometer läppisch genannt? Genauso viele sind es laut Navi noch bis Oldenburg. Kurzer Profilcheck: Die Hankooks auf der Vorderachse haben gerade mal drei, die ollen Vredestein Ganzjahresgummis auf der Hinterachse nur noch zwei Millimeter Profil. Schon beim Verlassen des Laternenparkplatzes hatte Golfi seine liebe Not, das Katzenstreu kam erstmals zum Einsatz.

Plötzlich geht es nicht mehr darum, ob es grundsätzlich sinnvoll ist, für so ein altes Auto – 15 Jahre, rund 325.000 Kilometer – noch einmal Geld in neue Winterreifen zu investieren. Es geht nicht einmal mehr um die Überlegung, ob man den Kaufzeitpunkt besser hinter die Feiertage verlegt, bis die Preislage sich beruhigt hat, die Lager wieder voll sind und es vielleicht sogar Sonderangebote gibt.

Plötzlich geht es nur noch darum, heil durch diese Nacht zu kommen. Durch den Schnee. Über die 160 tiefverschneiten Landstraßen- und Autobahnkilometer, die es noch bis Oldenburg sind.

Was sind 160 Kilometer wert?

Schneefräse
Schneefräse

24. Dezember 2010, Vormittag. Vor einer Doppelhaushälfte im Oldenburger Stadtteil Bürgerfelde steht ein VW Golf III. Auf dem Dach: in der Nacht gefallener Schnee. Auf der Vorderachse: zwei neue Winterreifen, Premium, Continental Winter Contact. Zu je knapp 100 Euro, inklusive Auswuchten und Montage, bei ATU in Warendorf. Fröhliche Weihnachten.

2 Antworten auf „Driving home for Christmas“

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