Kurzbesuch

Nach einem halben Jahr Auszeit, in der ich ziemlich viel mit dem Motorrad unterwegs war, geht es jetzt plötzlich wieder weiter mit dem Fliegen. Bei der FVA sammele ich weiter Baustunden (die haben sich jetzt eine DR 400 gekauft) und just auf dem Weg zum Fliegerarzt komme ich noch einmal hautnah selbst in Berührung mit dem Thema Luftfahrt.

Christoph Europa 1 vor dem Hirsch-Center in Aachen

Christoph Europa 1, der Rettungshubschrauber für die Euregio, landet vor dem Eingang des Hirsch-Centers, als ich gerade an Breslauer Straße vor der Ampel stehe. Wie oft sieht man schon eine EC 135 auf einem Supermarktparkplatz?

Lizenz zum Fliegen

Endlich. Ich bin wieder current. Nachdem mein Medical im Juli ausgelaufen war, habe ich mich jetzt endlich mal aufgerafft, zwei Tage Urlaub genommen, und habe den Termin beim Fliegerarzt angesetzt.

Was für ein schönes Gefühl. Der Doktor musste sich durch fünf Firewalls durchloggen, bis er meine neuen Daten ins JAR-System eingeben konnte. Der Vorteil ist, dass er mir das wertvolle Papier gleich ausdrucken konnte. Tataaa.

Und noch mehr gefreut hat mich, dass ich erst 2012 wieder hin muss. Piloten unter 40 müssen nur alle fünf Jahre hin – eine jüngst eingeführte Lockerung (dass ich sowas noch erleben darf…). Da ich jetzt 38 Jahre alt bin, komme ich zwar nicht mehr in den Genuss der vollen fünf Jahre, aber vier sind auch schon mal nicht schlecht. Wie außergewöhnlich bürgerfreundllich.

Lizenz zum Lesen

Der Lacher des Tages geht heute an die Zeitung mit den vier Buchstaben. Sie hatte über den Fall eine Copiloten berichtet, der im Cockpit einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte, weshalb eine Flugbegleiterin auf dem rechten Sitz einsprang. Die Dame konnte mehr als nur Saft schubsen: Sie hat eine Commercial Pilot License mit Multi-Engine-Rating sowie ein IFR-Rating, war bei letzterem allerdings nicht current.

Bei Bild liest sich das unter der Überschrift „Stewardess absolviert Notlandung“ so:

Schließlich meldete sich eine Flugbegleiterin: Sie habe eine Pilotenausbildung, allerdings sei ihre Lizenz zum Ablesen von Fluginstrumenten abgelaufen.

Den originalen Incident Report kann man übrigens hier bei der AAIU nachlesen. Darin heißt es, etwas nüchterner:

…one of the Cabin attendants held a Commercial Pilot’s Licence, with a Multi-engine Rating, and a non-current Instrument Rating. The Commander requested that the Flight Attendant occupy the right-hand (First Officers) seat for the remainder of the flight to assist as necessary. The Flight Attendant provided useful assistance to the Commander, who remarked in a statement to the Investigation that she was ‘not out of place’ while occupying the right-hand seat.

Nachtrag: Noch falscher steht’s hier:

Warum der Pilot die Maschine nicht alleine landen konnte, ist unklar. Normaler Weise werden Passagiermaschinen standartmäßig [sic!] mit zwei Piloten besetzt, um dem Ausfall einer Person vorzubeugen.

Baskenblog: Vitoria, nachts

Für die Fahrt nach Vitoria nehme ich natürlich nicht die gebührenpflichtige Autobahn A 804, sondern die kleine Landstraße, die sich neben, über und unter ihr langschlängelt. Hier kann man wenigstens mal ein Foto machen. Wieder bin ich überrascht, wie grün und waldig das Baskenland ist.

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Am frühen Abend erreiche ich die baskische Hautstadt, die offiziell Vitoria-Gasteiz (Gasteiz ist der baskische Name) heißt. Mit der 227.000-Einwohner-Stadt verbinde ich so gut wie nichts, so dass ich etwas überrascht bin, als ich durch Straßenschluchten mit siebenstöckigen, ziemlich mondänen Wohn- und Geschäftshäusern fahre. Die Jugendherberge liegt in einer Straße namens Escultor Isaac Diez, die mein Navi einfach nicht finden will. Immer und immer wieder kurve ich durch das in Frage kommende Viertel, finde das Straßenschild nicht, rufe in der Herberge an – doch die junge Dame an der Rezeption spricht kaum Englisch. Schließlich löst sich das Rätsel. Die Escultor Isaac Diez ist ein winziger Sackgassenstummel, kaum mehr als ein Wendehammer, an dessen Ende hinter einer Mauer das etwas zurückhaltend beschilderte Gebäude liegt.

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Genau, das ist das Jugendherbergs-Schild.

Aber das Zweibettzimmer (ich hab’s alleine) ist konkurrenzlos günstig und hat sogar ein komplettes Bad. Und das für 18 Euro oder so.

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Abends tigere ich noch ein wenig durch die Stadt. Hier der Plaza de la Virgen Blanca mit dem Denkmal für die Schlacht von Vitoria, in der 1813 Wellington die Truppen Napoleons besiegte. Im Hintergrund die Iglesia de San Miguel Arcángel, zu deutsch Kirche des Hl. Erzengels Michael.

Eine Kneipe und ein Internetcafé gegenüber machen mich zu einem glücklichen Menschen. Erst gönne ich mir ein fürstliches Geburtstagsmahl mit leckeren Pintxos und frischem kühlen Bier…

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…dann setze ich mich an den Rechner und blogge die nächsten Kapitel meiner Reise.

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Als man mich gegen 22 Uhr vor die Tür kehrt, ist es schon dunkel. Jetzt überrascht mich die Stadt mit diversen Lichteffekten wie den kleinen Springbrunnen auf dem Plaza de la Virgen Blanca, die ihren Farben wechseln…

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…und den futuristischen Straßenlampen dahinter.

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Auf dem Rathausplatz (?) überrascht mich dagegen wieder das „Eta-nein-danke“-Transparent. Ob es hier Demonstrationen gegeben hat? Vielleicht in Zusammenhang mit dem Bombenanschlag vor ein paar Tagen?

Neues aus Washington

Public Viewing, das wissen wir seit der Fußball-WM, bezeichnet das öffentliche Übertragen von Fernsehereignissen vor größeren Menschenansammlungen. So wie der Ansammlung im Pub „Papillon“ in Aachens Gastromeile Pontstraße, wo ich gerade sitze. Der ernst blickende Mann oben auf der Leinwand ist allerdings nicht Günther Netzer, sondern Wolf Blitzer, Nachrichtensprecher bei CNN. Es ist Dienstag, es ist 23 Uhr, es ist Wahlnacht in Amerika.

Die Frage, ob es sich in Aachen überhaupt jemand ansehen würde, wenn in einem doch recht weit entfernten Land ein neues Staatsoberhaupt gewählt wird, hat sich bereits beantwortet. Das Papillon ist gut gefüllt. Die größte Gruppe dürften die Aachener Jusos sein, die das Live-Event organisiert haben.

Mir sitzt noch ein wenig der Sport in den Knochen, von dem ich gerade komme, darum bin ich froh, dass mir meine Freunde noch einen Platz in der letzten Reihe des Geschehens frei gehalten haben. Jetzt ein kühles frisches Alster Radler (das mit Zitrone), und der Abend kann beginnen. Heute wird Geschichte geschrieben, so oder so.

23.30 Uhr. Tabellen, Statistiken, Prognosen. Die Kollegen vom Fernsehen sind nicht zu beneiden. Stundenlang reden zu müssen, während noch absolut nicht passiert, ist nicht leicht. An den Tischen wird genauso haltlos spekuliert wie da oben im Studio.

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23.55 Uhr. Ein Juso steht auf, begrüßt die Zuschauer und wünscht einen angenehmen Abend. Dass wir nicht gerade in einem Lager von McCain-Anhängern gelandet sind, davon zeugen die diversen Obama-Fanposter an den Wänden.

0.03 Uhr. Unglaublich, wieviele Statistiken man sich zu Wahlen ausdenken kann. Gerade erzählt man uns, dass für 9 Prozent der Wähler Gesundheit der wichtigste Faktor war. Dass Barack Obama, würde er denn gewählt, der 27. Jurist im Weißen Haus wäre. Dass Sarah Palin, würde McCain Präsident, die erste Vizepräsidentin aus Alaska sei. Und, und, und.

0.17 Uhr. Endlich Statistiken, wie wir sie kennen und lieben. Während auf den Diskussionstisch im Studio ein 3-D-Modell des Kongressgebäudes in Washington eingeblendet wird (was auch genau so lange überzeugend aussieht, wie die Kameras stillstehen, danach wirkt das ganze leider wie eine verwackelte Bildmontage), werden erste Hochrechnungen eingeblendet. Kentucky: McCain 59 Prozent, Obama 40 Prozent. Es folgt Indiana, wo es für Obama besser aussieht: 56 Prozent für ihn, 43 für McCain.

Wie es sich für Nachrichtensender gehört, verabschieden sich die Moderatoren alle paar Minuten für einen ultrakurzen Werbeblock. Und wer mag jetzt wohl werben, wenn der halbe Globus zuguckt und die Werbesekunde ein Vermögen kostet? Turkish Airlines zum Beispiel. Das Emirat Dubai. „India means business“ heißt es in einem eher schlicht gemachten Wirtschafts-Spot mit Mähdreschern und Bauarbeitern, in dem der Subkontinent in einer Bildergalerie vorgestellt wird.

Anschließend läuft CNN-Anchorman (was LEO mit „Hauptnachrichtenmoderator“ übersetzt) durch einen Urwald Zentralamerikas, um irgendwie für die Umwelt zu trommeln.

0.43 Uhr. Cooper steht wieder im Studio, gescheitelt und geschniegelt. Vor einem Riesenbildschirm, den Medienjournalist Stefan Niggemeier kürzlich „den feuchten Traum aller iPhone-Besitzer“ genannt hat. Auf ihm wedelt er virtuos Landkarten herbei, zoomt sie mit den Fingern groß, malt gelbe Linien darauf, schiebt sie hin und her und piekt einzelne Städte und rot oder blau. Wahlweise Wahlkreise. Was es alles gibt.

1.16 Uhr. Doch es kommt noch besser. Heute kriegt der Zuschauer alles geboten, was die CNN-Techies in der Trickkiste haben. CNN-Korrespondentin Jessica Yellin wird als Hologramm ins Studio gebeamt. Da steht sie nun etwas unterlebensgroß (es sei denn, sie ist kleinwüchsig) mit sanft leuchtendem blauem Rand vor Wolf Blitzer. Sieht aus wie der Auftritt des Imperator aus „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ von 1983, nur nicht so überzeugend.

1.20 Uhr. Hungergefühl kommt auf. Ein Teller Pommes Frittes Fritten schafft Abhilfe.

1.28 Uhr. Vom Nachbartisch fragt jemand rüber: „Ihr seid doch gut informierte Leute, oder? Wie ist denn das jetzt eigentlich mit dem Senat und dem Repräsentantenhaus und dem Kongress?“ Oh je. Ich krame mein Restwissen über das parlamentarisches System der USA zusammen, das noch aus Zeiten eines Schüleraustauschs stammt. Also: Der Kongress besteht aus zwei Kammern, Senat und Repräsentantenhaus. Im Repräsentantenhaus sitzen 435 Abgeordneten, die für jeweils einen US-Wahlkreis stehen. Im Senat sitzen dagegen pro Bundesstaat zwei Senatoren.

Für die Präsidentenwahl wiederum ist wichtig, dass jeder Bundesstaat eine bestimmte Anzahl von Wahlmännern hat. Der Kandidat, der in einem Staat die Mehrheit der abgegebenen Stimmen bekommt, schickt sämtliche dieser Wahlmänner in die Wahlversammlung. 270 Wahlmänner muss man so zusammenkriegen, damit man die Mehrheit hat.

1.45 Uhr. Neue Zahlen. Indiana: McCain 50, Obama 49 Prozent. Virginia: McCain 56, Obama 44 Prozent, Georgia McCain 60, Obama 39 Prozent.

Wie ein Erdrutschsieg für Obama sieht das nicht gerade aus. Entsprechend lautstark wird an den Tischen debattiert, über dem Lärm ist gerade noch zu verstehen, dass die Experten im Studio den „Bradley-Effekt“ diskutieren. Das ist das Phänomen, wonach Wähler in Umfragen angeben, für einen farbigen Kandidaten zu stimmen, an der Wahlurne dann aber den weißen Konkurrenten wählen. Passend dazu wird wieder mal eine Statistik serviert, wonach 84 Prozent aller Evangelikalen und/oder Wiedergeborenen Christen (das sind die Ultra-Religiösen) für McCain gestimmt haben. Ist die Obamania schon zu Ende?

In North Carolina liegt Obama dagegen mit 51:48 vorne, auch im heftig umkämpften „Battleground“-Staat Florida führt er.

2.10 Uhr. Neue Hochrechnungen. Im Senat führen die Demokraten inzwischen mit 27 : 41 Sitzen, 51 brauchen sie für die Mehrheit. „Everywhere we look, McCain is underperforming Bush, and that’s a problem“, erklärt Cooper mit Blick auf die vorangegangene Wahl 2004, als George W. Bush den Demokraten John Kerry geschlagen hat. Überall, wo wir hinschauen, schneidet McCain schlechter ab als Bush, und das ist ein Problem.

2.27 Uhr. Ein Blick auf’s Handy. Das Angebot von Spiegel Online – die abgespeckte Version für Handybrowser – ist ziemlich unaktuell und liegt deutlich zurück. Bei der New York Times dagegen ist sogar schon Texas hellblau markiert, also zu den Demokraten neigend. Texas? Demokratisch? Da wissen sie mehr als CNN.

2.43 Uhr. Für einen weiteren Battleground-State liegen jetzt Hochrechnungen vor: Pennsylvania. Wegen des knappen Ergebnisses wollten die Statistiker erst warten, bis gesicherte Ergebnisse vorlagen. Jetzt prophezeit CNN: „Obama wins Pennsylvania“.

2.55 Uhr. Mir tut der Hintern weh. Seit vier Stunden sitze ich schon auf diesem Holzstuhl. Gut, dass jetzt der Barkeeper gerade die Sitzkissen von draußen hereinholt. Darf ich…? Aaah, das ist besser. Und einen Kaffee, bitte.

2.59. Kaffee.

3.05 Uhr. Die nächsten Prognosen. Obama führt jetzt schon mit 174 zu 49 Wahlmännern. Im Senat haben die Demokraten bereits die Mehrheit – 51 zu 27 Senatoren.

3.10 Uhr. Das Ergebnis gewinnt Konturen. Es wird Obama. Die Spannung lässt entsprechend nach. Der Raum hat sich bereits sichtlich geleert. Auch die Jusos haben jetzt genug, rollen ihre Fahnen ein und kleben die Plakate ab. Von den wenigen übrigbleibenden Gästen ruft ihnen jemand spöttisch zu, ob ihr politisches Interesse denn nun erloschen sei. Es gibt eine längere, etwas hitzige Diskussion. Ich bin schon zu müde, um genau hinzuhören. Aber ich gehe hier nicht weg, bevor die Entscheidung sicher ist. Als ich mich 2004 schlafen legte, war John Kerry Präsident und als ich am Morgen aufwachte, war es George W. Bush. Ein paar Stimmen in Florida hatten den Ausschlag gegeben.

3.45 Uhr. Nachdem Anderson Cooper auf seinem Wunderschirm sämtliche noch nicht ausgezählten Staaten außer den todsicheren Obama-Hochburgen an der Westküste mal probeweise rot gepiekt hat und es für McCain trotzdem nicht mehr reichen würde, ist die Sache so gut wie klar. Der nächste Präsident der Vereinigten Staaten hat einen Vater aus Kenia, ist auf Hawaii und in Indonesien aufgewachsen und heißt mit zweitem Vornamen Hussein. Kann man anders als die Amerikaner dafür bewundern, dass so viele von ihnen sich frei machen konnten von Vorbehalten, Vorurteilen und Rassismus? Würden wir Deutsche einen gebürtigen Halb-Kenianer, und sei er noch so intelligent und integer, zum Bundeskanzler wählen?

3.47 Uhr. Feierabend. Das letzte Häuflein Wahlbeobachter steht frierend und mit verquollenen Augen in der Pontstraße. Kalter Nebel liegt über Aachen. Für die Jahreszeit ganz normal. Trotzdem: Die Welt ist plötzlich nicht mehr dieselbe wie noch vor vier Stunden.

Mal sehen, ob in der Nacht, in der Geschichte geschrieben wurde, auch noch ein kleines bisschen Schlaf zu bekommen ist.

Baskenblog: Bilbao, Museo Guggenheim

Dienstag, 30. September. Mein Geburtstag. Für heute habe ich mir etwas Besonderes vorgenommen: einen Besuch im Guggenheim-Museum.

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Das 1997 vom amerikanischen Stararchitekten Frank Gehry gebaute Museum ist das Highlight der Stadt.

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Wie eine Mischung aus Ozeandampfer und Zeppelin liegt es am Ufer des Nevión.

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Die große Straßenbrücke über den Fluss in das Gebäude zu integrieren, war für Gehry eine echte Herausforderung.

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Die Rückseite. Neben Titan bestehen die Wände aus Kalksandstein.

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Dieser blühende Blumenwelpe auf dem Platz vor dem Eingang heißt Puppy (ja, das ist das englische Wort für „Welpe“) und ist in seiner bunten Harmlosigkeit ein typisches Werk des amerikanischen Kitschkünstlers Jeff Koons. Eigentlich war er nur für die Eröffnungsausstellung gedacht, doch weil ihn die Bewohner der Stadt sofort ins Herz geschlossen hatten, steht er heute noch da. Was viel über die Anfälligkeit des modernen Menschen für Kitschkunst aussagt. Aber ist er nicht soooo süß, wie er so sitzt und guckt?

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Schon etwas schwerer zu verstehen sind die Skulpturen von Juan Muñoz auf der Eingangstreppe heißen „Thirteen Laughing at Each Other“.

Im Museum selber gibt’s dann leider eine kleine Enttäuschung, weil man im Gebäude nicht fotografieren darf. Meine Canon wird eigens in eine Plastiktüte eingesiegelt. Was das Innenleben und die Dauerausstellung angeht, kann ich darum nur auf die Wikipedia-Bildergalerie und Seiten wie Fernweh.de verweisen, wo mehr zu lesen und zu sehen steht. Etwa über die begehbaren rostigen Stahlellipsen von Richard Serra. Mit Muñoz dagegen, dessen Lebenswerk gerade im ersten Stock gewürdigt wird, kann ich dagegen nicht soviel anfangen. Ein leerer Raum mit schmiedeeisernen Balkonen an den Wänden – äh…?

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Geht man durch das zentrale Atrium des Museums, das ähnlich wie ein Herz gestaltet ist, gelangt man auf die hintere Besucherplattform. Hier ist Fotografieren wieder erlaubt. Gut, dass die Plastiktüte Grifföffnungen hat, durch die eine Powershot A 2000 IS gerade durchpasst. Die spinnen, die Spanier.

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Moderne Kunst: die tägliche Nebelinstallation von Fujiko Nakaya.

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„Maman“ von Louise Bourgois, eine fast zehn Meter hohe Bronzefigur in Spinnenform. Erstaunlicherweise wollte die Künstlerin ihrer Mutter mit diesem Werk ein liebevolles Denkmal setzen: Die Spinne ist für sie Symbol für das weise, hegende und webende Wesen der Mutter. Man darf halt nicht immer gleich an Tarantula denken.

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Mutter Natur hat’s lieber eine Nummer kleiner. Freifliegende Installation aus Chitin an der Außenwand. Deren Platten aus gewalztem Titan übrigens nur hauchdünn sind.

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Es ist quietschbunt, es ist irgendwie appetitlich… es ist natürlich ebenfalls von Jeff Koons.

Für das Museum sollte man sich ein paar Stunden Zeit nehmen – und einen Audioguide. Der ist nämlich sehr hilfreich beim Verständnis der Werke. Moderne Kunst, sage ich nur.

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Soviel Kreativität weckt den Wunsch des Betrachters, selbst zu schaffen, zu bauen und zum Leben zu erwecken. Hier seht Ihr die Installation „Freier Wind“ von Marc Heckert, September 2008, Material: Suzuki vor Titan.

Es ist Nachmittag und damit Zeit, Bilbao den Rücken zu kehren. Aber wohin? Weiter nach Westen, die Küste runter in Richtung Galizien? Vielleicht sogar nach Santiago de Compostela? Aber irgendwie habe ich keine Lust mehr, mich noch weiter von zu Hause zu entfernen. Schließlich muss ich die ganze Strecke auch wieder zurück. Also entscheide ich mich, wieder zurück nach Osten zu fahren, dafür aber weiter ins Landesinnere. In Vitoria, der Hauptstadt der autonomen Region Baskenland, gibt es eine Jugendherberge. Und sie hat ein Zimmer für mich.

Seitenblick über den großen Teich

„Meine Güte“, habe ich heute zweimal gedacht. Beide Male ging es um Videos, beide kamen aus den USA, beide drehten sich – natürlich – um die Präsidentenwahl. Eins war lang und bewegend, eins kurz und witzig. Aber seht selbst.

Dies ist der (Achtung!) 27-minütige Werbespot, den Barack Obama gestern Abend auf fast allen großen amerikanischen Fernsehkanälen laufen ließ. Zur besten Sendezeit. Für mehrere Millionen Dollar. So etwas gab es noch nie.

Ich hatte ein rot-weiß-blaues Füllhorn voll euphorischem Schwulst erwartet, jubelnde Mengen, Stars ’n‘ Stripes, einen strahlenden Kandidaten, das ganze garniert mit jeder Menge des üblichen God-bless-America sowie diversen Joe Sixpacks, die „we’re the greatest country in the world“ in diverse Kameras sagen.

Es ist aber ganz anders, und es lohnt die Mühe, sich ein halbes Stündchen Zeit für diesen Film zu nehmen, denn er hat bereits jetzt Mediengeschichte geschrieben. Da steht der Kandidat, eine professionelle Mischung aus Ruhe und Freundlichkeit ausstrahlend, und erklärt den Wählern, was er denn vorhat, wenn sie ihn im Januar ins Weiße Haus einziehen lassen.

Dann werden Geschichten erzählt, von ganz normalen Amerikanern. Wie dem Rentnerehepaar aus Ohio, das eine Hypothek auf ihr Haus aufnehmen muss, weil es die Rechnungen für Medikamente nicht mehr bezahlen kann. Die Frau öffnet mit sichtbar arthritischen Fingern die Pillendose, der Mann setzt sich die Dienstmütze auf und fährt wieder zur Arbeit im Wal-Mart. Mit 72 Jahren.

Oder der Mutter, die das Essen für ihre Kinder in getrennten Fächern im Kühlschrank aufbewahrt. Wenn dort nicht mehr viel liegt, weiß der Nachwuchs, dass er den Gürtel enger schnallen muss.

Oder dem Ford-Arbeiter, dessen Wochenarbeitszeit um die Hälfte reduziert und dessen Frau entlassen wurde. Der Lehrerin, die einen zweiten Job annehmen musste.

Es gäbe viel zu sagen über den Film. Wie geschickt die Betroffenen aus den Staaten ausgewählt wurden, in denen Obama und McCain Kopf an Kopf liegen. Dass viele Frauen zu Wort kommen, die offenbar als besonders spät entscheidende Wähler gelten. Über die Mischung aus persönlichen Bildern aus Obamas Biographie, von seiner (weißen) Mutter, die früh an Krebs starb bis zu seiner offiziellen Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten. Aber diese Dinge werden schon gerade von anderen Leuten analysiert – das Internet quillt geradezu über mit Artikeln über den Film. Googeln Sie einfach nach „Obama Fernsehen„.

Der Streifen unterscheidet sich fundamental von jedem Wahlwerbespot, den ich bis jetzt gesehen habe. Er ist sanft, gefühlvoll, geradezu melodisch. Der Gegner wird nicht attackiert, er wird im Gegenteil sogar ignoriert – was vielleicht sogar noch wirkungsvoller ist. Und er ist natürlich vor allem ein: perfekt inszeniert.

„Ich werde kein perfekter Präsident sein“, sagt Obama gegen Ende. Nun, wir werden sehen. Nach dem Film ist es jedenfalls ein bisschen wahrscheinlicher geworden.

Manchmal vergisst man als Europäer fast ein wenig, dass man mit dieser Wahl ja gar nichts zu tun hat. Wenn man denn doch beteiligt wäre, dann wäre das zweite Video des Tages wohl der ultimative Alptraum.

Ja, lieber Leser, ich war es, der die Wahl entschieden hat. Wegen mir ist John McCain am Ende doch noch Präsident geworden. Weil ich am Wahltag den Hintern nicht hochbekommen habe. Sehen Sie selbst:

Erstaunlich, was im Netz so alles möglich ist.

Wenn Sie auch das Gefühl haben möchten, einmal etwas von historischer Tragweite verbockt zu haben – hier ist der Link. Und: Gehen Sie wählen!

Was? Ach ja, ist bei uns erst 2009 soweit. Ob wir bis dahin auch so schöne Videos zustande kriegen? Eine emotionale halbe Stunde mit Frank-Walter Steinmeier, schluchzenden Rüsselsheimer Opel-Werkern und einem Rentnerehepaar aus Greifswald? Ja? Meine Güte.

Baskenblog: Marit geht in die Luft

Montag, 29. September. Der nächste Tag beginnt nicht gut. Ich wache gegen halb sieben auf, viel zu früh fürs Frühstück, das zwischen acht und neun Uhr serviert wird. Weil der Lärm der Schnellstraße vor dem Fenster mich nicht mehr einschlafen lässt, stecke ich mir die Stöpsel in die Ohren. Mit dem Resultat, dass ich erst um drei Minuten nach 9 Uhr wieder wach werde. Da sind die Rollläden der Frühstückstheke im Speisesaal tatsächlich schon wieder heruntergelassen. Gnadenlos. Mist!

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Doch die Lage bessert sich. Die nette und fließend Deutsch sprechende Dame am Empfang hat nicht nur einen Stadtplan für mich, sondern auch noch ein Breakfast-Bag, eine Frühstückstüte zum Mitnehmen. Als ich damit gemütlich vor der Jugendherberge sitze und das süße Buttersandwich futtere, komme ich mit einer deutschen Touristin ins Gespräch, die dort ihren Rucksack packt. Sie ist auf dem Jakobsweg – und das mit bestimmt 60 Jahren, Respekt. Sie gibt mir den Tipp, den Nevión hoch bis Portugalete zu fahren. Dort stünde eine einzigartige historische Hängebrücke aus Stahl, ein Unesco-Weltkulturerbe. Manchmal ist es auch ganz gut, nicht nur nach dem Reiseführer zu gehen. Solche Gespräche sind übrigens der Grund, weshalb ich Jugendherbergen mag: Man trifft immer interessante Leute und erfährt eine Menge.

Nach dem Frühstück fahre ich erst einmal durch die Stadt. Bilbao hat zwar den Ruf weg, eine gesichtslose und eher hässliche Hafenstadt zu sein, es gibt aber doch viele reizvolle und interessante Ecken. Das Highlight ist natürlich das Guggenheim-Museum, aber das spare ich mir absichtlich für morgen auf – meinen Geburtstag.

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Am Ufer des Nevión, der durch die Stadt fließt.

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Das Theater Arriaga am Rand der Innenstadt. Hier gönne ich mir in einem Straßencafé noch einen Kaffee und ein Sandwich und schmökere in meinem Vis-a-vis-Reiseführer. Über die Hängebrücke von Portugalete steht allerdings wirklich kaum etwas drin.

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Ein paar Schritte weiter leuchtet die buntbemalte Prachtfassade des alten Hauptbahnhofs.

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Die Hängebrücke möchte ich unbedingt sehen. Auf dem Weg das Nordufer des Nevión hinauf erinnern Fabrikruinen daran, dass Bilbao in den vergangenen Jahren einen Wandel weg von einer Schwerindustriestadt in der Strukturkrise zu einer modernen Metropole genommen hat.

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Und da ist sie: Die Puente de Vizcaya, Verzeihung: die Bizkaiko Zubia. Das 1893 fertiggestellte Bauwerk ist die älteste Schwebefähre der Welt und noch voll in Betrieb.

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Für 30 Cent werden wir übergesetzt – zum ersten Mal geht Marit buchstäblich in die Luft.

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Dann entschwebe ich alleine gen Himmel. Zu Fuß selber über die 160 Meter lange Hochbrücke zu laufen ist erstaunlicherweise teurer, als bequem mit der Gondel auf Straßenlevel über den Fluß zu schweben. Fünf Euro kostet das Vergnügen, sich von einem Fahrstuhlführer auf einen der 45 Meter hohen Stahltürme fahren zu lassen.

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Aber es ist das Geld wert. Whow, was für ein Bauwerk…

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…man darf nur nicht nach unten gucken, wo gerade die Gondel vorbeirauscht.

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Kein Problem eigentlich. Den Fluss hochzugucken ist ja auch viel schöner…

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…oder hinunter, in Richtung Stadt. Währenddessen schwärmt über die Lautsprecher ein euphorischer Kommentator auf Englisch in einer Art Hörspiel von der Geschichte dieses „großartigen Bauwerks“. Untermalt von Pferdegewieher und Kanonendonner.

Und so sieht die Brücke in Aktion aus.

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Zurück in die Stadt. Während es langsam dunkel wird, bummele ich durch die Gassen der Casco Viejo, der Altstadt.

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Hübsch: Einige der Straßen sind nach alten Sportarten benannt, wie hier nach dem Pelota-Ballspiel.

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Typisch für die Häuser hier sind die vorgesetzten verglasten Balkone an jeder Fassade.

Als es Nacht geworden ist, kaufe ich mir noch ein improvisiertes Abendbrot (noch einmal bei Lidl, wie schon auf dem Hinweg in Frankreich – da weiß man wenigstens, was man hat) und fahre zurück in die Herberge, wo ich in dieser Nacht leider das Zimmer mit einem Mitbewohner teilen muss. Da erwartet mich allerdings eine unangenehme Überraschung. Eine Riesenladung französischer Teenager tobt durch die Flure. Angeblich sind es mehr als hundert. An Schlaf ist nicht zu denken, die Kids johlen, knallen Türen, verschieben Möbelstücke. Bis halb drei liege ich wach, trotz Ohrenstöpseln. Verdammte Blagen.

Baskenblog: San Sebastián (4). Von oben.

Sonntag, 28. September. Mein letzter Tag in der Stadt bricht an, abends möchte ich schon in Bilbao sein. Vorher aber will ich noch einmal auf den Monte Igueldo. Ich treffe mich mit Stefan, einem deutschen Studenten, den ich – natürlich – über Couchsurfing kennengelernt habe. Er ist gerade in die Stadt gezogen. Wir fahren zusammen mit der Funicula-Standseilbahn auf den Berg.

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Die Aussicht vom Palastturm ist, wenn möglich, noch grandioser als vom gegenüberliegenden Monte Urgull. Von hier aus sieht man auch besonders gut, warum die kleine Insel Santa Clara „Schildkröte“ genannt wird.

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Für unsere Augen etwas befremdlich ist der Vergnügungspark auf dem Berg. Er wirkt neben den Mauern des Burgturms etwas bizarr, hat aber offenbar eine lange Tradition.

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Ja, es sind Espressotassen da auf dem Karussel. Nein, ich weiß nicht, warum. Daneben stehen überdimensionale Pilze mit etwas vergrumpften Gesichtern.

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Die Funicula auf dem Rückweg.

Stefan empfiehlt mir noch ein Internetcafé in der Nähe. Trotz des Tourismus in der Stadt sind solche Angebote überaus dünn gesät – er hat bis jetzt nur drei oder vier entdeckt. Insgesamt scheint Spanien kein Internetland zu sein, man erledigt die Dinge offenbar lieber im direkten Kontakt. Wieviel hier nachts noch auf den Straßen los ist, habe ich ja am Vorabend gesehen. Selbst um 22 Uhr spielten noch Kinder auf den Plätzen. Es herrschte ein Trubel wie bei uns, wenn Stadtfest ist.

Ich unterhalte mich mit dem Menschen hinter der Theke des Internetcafés. Er ist Südamerikaner und mag Deutschland. Freiburg hat es ihm besondes angetan. In San Sebastián ist er nicht allzu glücklich, er kommt mit den Menschen nicht zurecht. Und die Mieten sind hoch, sehr hoch: Er zeigt mir Wohnungsanzeigen für Zwei- bis Dreizimmerwohnungen, die fast alle mehr als 1000 Euro im Monat kosten. Soviel zu meinem heimlichen Plan, mir bei Eintritt späteren Reichtums in der Gegend ein Ferienhäuschen zuzulegen. Außerdem stellen wir fest, dass wir am selben Tag Geburtstag haben: am 30. September nämlich, übermorgen.

Als ich mich verabschiedet habe und vor dem Café meine Freewind aufschließe, bekomme ich eine SMS aus Deutschland aufs Handy: Alemannia Aachen hat den FC Freiburg besiegt. Was mag mir das Schicksal damit sagen wollen?

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Eine letzte Fahrt über die Uferpromenade, um das Gepäck abzuholen. Donostiarraks sonnen sich am Strand – ganz schön freizügig. Dann ist es Zeit, mich von der Stadt zu verabschieden, wegen der ich mehr als 1300 Kilometer weit gefahren bin.

Bis Zarautz nehme ich die Autobahn, das spart Zeit und Nerven. Von da an fahre ich aber über die kleine Küstenstraße N 634.

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Eine gute Wahl. Ich hätte nicht gedacht, dass die Gegend hier so schön ist.

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Getaria. Auch hier gibt es eine Bucht mit Sandstrand, natürlich in etwas kleinerem Maßstab.

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Kutter, Klippe, Kirche.

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Eine gute Gelegenheit, vor landschaftlich schönem Hintergrund einmal die treue Begleiterin abzulichten, die mich ohne zu Mucken bis hierher getragen hat: meine Suzuki, äh, Seewind.

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Im Nachbarort Zumaia begrüßt mich Politik. Baskisch ist eine der geheimnisvollsten Sprachen der Welt, mit keiner anderen Mundart verwandt. Doch das Wort rechts auf der Kaimauer verstehe sogar ich: Selbstbestimmung.

Und ein paar Kilometer weiter, die Straße windet sich inzwischen als GI 638 weiter nach Ondarroa, wird der Baskenkonflikt plötzlich sehr lebendig. Ich gerade in eine Polizeisperre der Guardia Civil. Schwerbewaffnete Soldaten mit Sturmgewehren prüfen jedes Fahrzeug, bevor sie es weiterfahren lassen.

Kriegsspiele, denke ich. Falsch: Vor wenigen Tagen, am 21. September, ist vor der Polizeiwache in Ondarroa eine Autobombe explodiert. Sieben Menschen wurden verletzt. Ganz so friedlich, wie es aussieht, ist das Baskenland nicht.

Im Dunkeln, gegen 20 Uhr, erreiche ich Bilbao. Dort erlebe ich es zum ersten Mal, dass mich das Navi komplett im Stich lässt. Ich habe die Adresse der Jugendherberge als Ziel eingegeben. Mitten auf einer Autobahnabfahrt behauptet das Gerät, ich sei am Ziel. Mutterseelenallein stehe ich in einem menschenleeren Industriegebiet. Ich spreche kein Spanisch, die Spanier kein Englisch, es ist zum Verzweifeln. Und in der Herberge geht niemand mehr ans Telefon. Irgendwann wird die Rezeption schließen, dann habe ich ein mittleres Problem.

Fast eine Stunde lang gurke ich hilflos durch Vororte der nächtlichen Hafenstadt, bis mir jemand endlich den Weg zur Herberge zeigen kann. Sie ist höllisch schwer zu finden: Mitten in einer Baustelle, nur von einer Seite aus zu erreichen, zweigt eine schmale Straße ab, die einen Berg hinauf führt.

Gegen 21.10 Uhr betrete ich die Herberge und habe Riesenglück, dass noch jemand hinter der Theke sitzt. Kurze Zeit später ist nur noch ein Wachdienst da. Gottseidank habe ich ein Einzelzimmer.

Zwischendurch: Neues vom Straßenrand (4)

Wir unterbrechen das Baskenblog für eine aktuelle Meldung.

Sport! Sport ist ja das Nonplusultra überhaupt. Wer Sport treibt, tut nicht nur seinen Muskeln Gutes, sondern labt Körper wie Geist. Sport ist Balsam für die Seele, Sport fördert Durchblutung, reinigt die Gefäße, steigert das Wohlbefinden. Und kann auch gut sein für’s Portemonnaie, aber das weiß ich erst seit heute Morgen.

Wäre ich gestern nämlich noch nach der Arbeit zum Joggen gegangen, wie ich es mir vor dem Feierabend fest vorgenommen hatte, dann wäre ich heute Nachmittag noch um rund 200 Euro reicher. Weil ich noch ein paar Runden auf der Uni-Finnbahn drehen wollte, parkte ich mein treues Gefährt nach Dienstschluss schräg gegenüber der Wohnung, vor einem Altenheim einer Seniorenresidenz. Dort ist zwar Halteverbot, aber nur vormittags von 7 bis 14 Uhr. Dann ging ich kurz ins Haus, um mich umzuziehen.

Hätt ich nur, wär ich doch.

Aber irgendwie bin ich hängengeblieben, anderes war zu erledigen, dann war der Hunger doch zu groß – und da voller Bauch nicht gerne joggt, blieb es am Ende beim festen Vorsatz „morgen aber wirklich“.

Das dicke Ende kam heute früh. Vor dem Seniorendings ist nämlich eine Ladezone, und die wollte man am Vormittag bestimmungsgemäß nutzen. So kam es, dass ich zum ersten Mal in 15 Jahren, die sich das moorbraune Mobil in meinem Besitz befindet, vor einem leeren Parkplatz stand.

Abgeschleppt.

abgeschleppt

Ein netter Kollege brachte mich zum Gelände, wo die verhafteten Fahrzeuge aus Aachen in Sicherungsverwahrung hinter Gittern festgehalten werden. 129 Euro durfte ich beim freundlichen Abschleppunternehmen löhnen, und das Autochen war wieder mein. Die Stadt wird, so kündigte man es an, wohl nochmal 70 Euro von mir haben wollen. Viel Geld für einmal Nichtjoggen. Das Demütigendste an so einem Erlebnis ist, dass man sich über niemanden wirklich ärgern kann als über sich selbst.

Professionell sind die Jungs schon, das muss man zugeben (wenn sie die Karre auch wenigstens mal durch die Waschanlage hätten ziehen können für das Geld). Während ich den Braunen vom Hof bugsierte, kam der Schleppi schon mit dem nächsten Opfer am Haken: Honda Civic, rückwärts gezogen, mit den Hinterrädern auf einer Art Hubgabel. Beeindruckt hat mich, wie der Fahrer die Fuhre rückwärts, die ungelenkten Vorderräder voran, in eine Parklücke geschoben hat.

In New York war ich dagegen mal Zeuge, wie ein vollverspoilerter Mazda-Sportwagen abgeschleppt wurde. Da haben sie ganz stumpf zwei Haken unten an der Front befestigt, und als sie die Kiste angehoben haben, ging der Frontspoiler an den entsprechenden Stellen zu Bruch.

Das war also der zweite Akt meines Einbürgerungsverfahrens. Teil 1 war mit 15 Euro deutlich billiger.

Vorsatz für den Herbst: Mehr Sport treiben. Unbedingt. Schon aus finanziellem Interesse. Denn merke: Ein volles Konto ist für das seelische Wohlbefinden mindestens doppelt so gut wie für den Körper ein ganzer Tag auf dem Sportplatz.