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Mit den Rolleis ins Wollgras

Geplant war es nicht, dass ich neulich mal wieder im Venn gelandet bin. Sonst wäre ich sicher nicht in meinen zweitbesten Schuhen (blaues Wildleder!) und im feinen Jackett angereist. Geplant war, dass ich die Vernissage einer Fotoausstellung besuchen wollte, in der unter anderem Bilder meines Freundes Andreas Gabbert hingen.

Von der aus er dann aber mit seinem Kompagnon Daniel Raab nahtlos weiter zu einem Workshop ins Venn fuhr, den die beiden unter dem Label Fotogara für Fotografie-Interessierte anboten. Ob ich mitwollte, fragte Andreas. Ein mehrstündiger Fotospaziergang durchs Venn, geleitet von zwei Auskennern der Gegend und des Fotografierens? Natürlich wollte ich – Wildleder hin oder her.

Das Venn und ich, das ist ja eine Liebe, die etwas Zeit brauchte, um zu wachsen. Wie verloren irrte ich damals, beim ersten fotografischen Vennspaziergang vor drei Jahren, durch die scheinbar leere Landschaft. Und wie viele Bilder mir heute ins Auge springen.

Plötzlich ist jedes Grasbüschel malerisch, ist jeder Strauch zum Niederknien schön, symbolisiert jedes gebrochene Brett im Holzsteg das dramatische Scheitern des Menschen in der Natur. Oder zumindest einen Investitionsstau im Naherholungsgebiet. Wieso habe ich das früher nicht gesehen?

Und wie vielfältig diese rauhe Natur sein kann. Saftig grünes Gewucher hier, sandfarben dürres Gestrüpp da; leuchtende Blätter und ein paar Schritte weiter verbrannte schwarze Äste. Und natürlich, als Sahnehäubchen an diesem Tag: die weißen Tupfer des Wollgrases. Mal wie Inseln im Grün, mal flächig verteilt als weißes Meer.

Zusammen mit einem Dutzend weiterer Venn- und Fotojünger krieche, recke, balanciere und krabbele ich den ganzen Nachmittag durch die Natur. Als einziger ohne Trekkingschuhe, ohne Gore-Tex-Jacke, ohne Stativ und ohne Kamerarucksack. Und ohne Mittagessen im Bauch – es war halt alles anders geplant gewesen. Aber, hey, die Schuhe haben es überlebt und so war ich am Abend, als wir drei noch zusammen in der „Bodega“ in Imgenbroich den Tag bei Schnitzel und Leffe Revue passieren ließen, mehr als nur etwas zufrieden. Hach, das Venn. Immer gerne hin, immer ein Gewinn.

Noch das übliche Wort zur Ausrüstung: Während der Venngang für mich eine Wiederholungstat war, war es für die Objektive in meiner Tasche (immerhin, eine Tasche mit Objektiven hatte ich schlauerweise noch eingepackt, man geht ja schließlich nicht nackt auf eine Vernissage) eine Premiere. Zum Einsatz kam nämlich – Trommelwirbel – erstmals Familie Rollei. Diese um 1970 für die Rolleiflex SL 35 vorgestellte Objektivserie fällt durch die ausgesprochen kompakten, fast zierlichen schwarzen Fassungen mit geriffelten Fokusringen auf.

Die sechs günstigsten Standardlinsen zwischen 25 und 200 Millimeter hatte ich mir in den vergangenen Monaten nach und nach ge-ebayt. Bevor sie erstmals das Haus verlassen durften, musste allerdings ein Fachmann das trockengelaufene 35er-Distagon neu schmieren und beim Planar 1.8 50 Nebel von der Austrittslinse entfernen.

Eine Familie mit Kompetenz: Da ist der einzigartig aufwendig konstruierte Siebenlinser Planar 1.8 50, der Nahbereichs-Experte Distagon 2.8 25, das ausgewogene Weitwinkel Distagon 2.8 35 und das fantastisch scharfe und kontrastreiche Sonnar 2.8 85, mit dem einfach jede Aufnahme gut wird. Sie wurden jahrzehntelang für mehrere Kamerasysteme weitergebaut, vor allem in der Contax-/Yashica-Version wurden sie weltweit Verkaufsschlager. Fast alle von ihnen sind heute noch für Canon- und Nikon-Kameras zu haben.

Für einen Nachmittag im Venn sind die Rolleis – die beiden größeren Tele-Tessare 4 135 und 4 200 hatte ich zu Hause gelassen – jedenfalls eine mehr als passable Ausstattung. Und darum bestimmt nicht zum letzten Mal dort gewesen – hoffentlich.

Meine blauen Wildlederschuhe allerdings schon. Hoffentlich.

Von Leere und von Lieblichkeit (Im Venn IV)

Es ist ein ruhiger Samstagnachmittag im Venn. Der Winter lastet noch schwer auf dem Hochmoor, die Nächte sind noch frostig, die Bäume noch kahl. Schwarz und blattlos ragen ihre Äste in den Himmel, braun und tot liegen Gras und Schilf am Boden. Aber zum ersten Mal seit vielen Tagen ist die Sonne herausgekommen, geht ein warmer Wind über die Ebene. Ein paar Halme, die sich nicht unter der Schneelast des zu Ende gehenden Winters weggeduckt haben, ragen mutig in den Wolkenhimmel. Es scheint, als ginge ein leichtes Beben des Erwachens durch die kahle Landschaft, als blinzele sie nach den Wintermonaten zum ersten Mal in etwas Wärme und Sonnenlicht.

Auch für die Besucher ist es der erste Spaziergang in etwas, das eine Ahnung von Frühling in sich trägt.

Was für eine stille, einsame Landschaft. Der Weg schlängelt sich durch niedrige Sträucher, immer wieder geht es lange Strecken über die typischen Holzstege. Die Landschaft ist in dunkle Braun- und Gelbtöne getaucht.

Allerdings: Wer ganz genau hinschaut, der sieht hier und da noch andere Farben.

Für den Spaziergang habe ich mir einen ganz besonderen Objektiv-Oldie aus der Vitrine geholt: ein Meyer Optik Primoplan 1.9 58, ein silbern glänzendes DDR-Spitzenobjektiv der 50er Jahre. Es ist sozusagen der Luxusbruder vom Brot-und-Butter-Primotar 3.5 50, das ich im letzten Beitrag vorgestellt hatte. (Das Personenbild und die Heideblüte habe ich allerdings mit dem Carl Zeiss Jena Prakticar 3.5 135 gemacht, alle anderen mit dem Primoplan.)

Das Primoplan ist legendär für sein Bokeh. Heute teste ich das zum ersten Mal, nachdem das Objektiv bei Foto Olbrich zum Reinigen und Justieren war. Und tatsächlich ist die Hintergrundunschärfe so cremig-künstlerisch wie bei einem Ölgemälde.

Scharf kann es allerdings auch (jedenfalls, seit Frau Schönfelder es gerichtet und feinjustiert hat).

Eigentlich hatte ich vor, mit dem Primoplan nur Detailaufnahmen mit verschwommenem Hintergrund zu machen und für alles andere das 30 Jahre jünger Prakticar zu nehmen, aber da der Oldtimer zumindest abgeblendet auch mit einer brauchbaren Randschärfe aufwartet, spare ich mir das Wechseln.

Die teilweise groteske Landschaft des Venns kommt jedenfalls gut zur Geltung…

…und die immer höher aufziehenden Wolken verstärken noch die dramatische Stimmung.

Was für eine Landschaft. Welche Worte passen da? Rauh? Romantisch? Öde? Leer? Lieblich?

Ja, es gibt Ecken im Venn, die wirken düster wie eine Mondlandschaft. Bevor hier Straßen gebaut wurden wie die in der Nähe verlaufende belgische Nationalstraße N67, war das Hochmoor südöstlich von Aachen gefürchtet. Menschen verirrten sich im Einerlei von Waldstücken und kahler Ebene, kamen von den schmalen Pfaden ab und landeten im Moor, erfroren im Winter in der windumtosten Eiseskälte. Die Glocke und das Leuchtfeuer von Baraque Michel sollten Wanderern Orientierung bieten. Mehr als 100 Menschen wurden so gerettet – wie viele im Venn ums Leben kamen, wird man nie wissen.

Heute machen asphaltierte Straßen, Holzstege, Wegweiser, Handy-Apps und GPS-Signale einen Ausflug ins Venn zu einem bequemen Wochenenderlebnis. Das schlimmste, was dem Ausflügler an so einem Tag drohen kann, ist ein Wolkenbruch. Der Spaziergang ist schon fast zu Ende, da fallen die ersten Tropfen. Schnell ins Auto – die Türen fallen zu, Minuten später öffnet der Himmel seine Schleusen. Während der Wagen über den rissigen Asphalt der N67 zhurück in Richtung Aachen fährt und die Scheibenwischer gegen den Wolkenbruch anpinseln, denkt der Besucher: Gut, dass ich jetzt nicht mehr draußen im Venn bin!

Im Brackvenn

Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Flektogon 2.8 20, ca. F22, 1/250s, ISO 160
Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Flektogon 2.8 20, ca. F22, 1/250s, ISO 160

Und wo wir gerade bei alten Weisheiten sind: Den Spruch, dass ein gutes Foto weh tun muss, kann ich seit gestern Abend um die Variante ergänzen, dass ein gutes Foto auch durchaus mal längere Zeit jucken und brennen kann. Von den Jungs vom Fotostammtisch Eifel hatte ich mich leichtsinnigerweise verleiten lassen, nach Feierabend nochmal ins Brackvenn zu stiefeln – Sonnenuntergang knipsen. Was als Idee auch toll gewesen wäre, wir hatten schönes Licht und einige Wolken, perfekte Voraussetzungen für einen dramatischen Himmel, wenn wir denn allein gewesen wären.

Waren wir aber nicht: Myriaden von Mücken (gibt es eigentlich eine andere Quantität für Mücken en gros? Und gibt es andere Dinge auf diesem Planeten, deren Zu-Vielzahl in Myriaden gemessen wird?) schwärmten geradezu für uns und unsere Arbeit. Es war zum Davonlaufen, was angesichts der bekannten Bohlenwege durchs Venn leider nur eingeschränkt möglich war. Es hatte etwas von Folter: Nebeneinander eingezwängt auf dem schmalen Holzsteg über den Teich mit den Armen wild um den Kopf zu wedeln, während man zur selben Zeit versuchte, weder das Stativ ins Wasser zu werfen, noch das Gleichgewicht auf den Planken zu verlieren. Es wären sicher noch mehr schöne Motive drin gewesen, aber wir alle waren froh, der ungewollten Schwärmerei entkommen zu können.

Immerhin: Der Himmel spielte mit. Und im Bild war das Gefleuch ja später dankenswerterweise auch nicht.

Im Venn am Ende

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Wolken stehen am Himmel über dem Venn, als ich hinter Andreas über die schmalen Wege und wippenden Holzstege herbalanciere. Auf meinem Rücken der Fotorucksack, im Anschlag die Sony Nex-6, denn dies ist so etwas wie eine Fotosafari. Andreas ist einer der besten Fotografen, die ich kenne, und er hat netterweise angeboten, mit mir auf Motivpirsch in seine heimatliche Eifel zu gehen. Also habe ich an Ausrüstung eingepackt, was ich an Wechselobjektiven (3) und Stativen (1) im Schrank habe und mich auf den Weg nach Imgenbroich gemacht. Das nahegelegene Steinley-Venn bei Konzen soll als Übungsgelände herhalten – und dass das belgische Militär gelegentlich Ähnliches vorhat, kann uns nicht von unseren Plänen abbringen.

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The spirits are high, sagt man auf Englisch so schön, während wir uns immer weiter von der Zivilisation entfernen. Nur die Sonne tut uns leider nicht den Gefallen, die Szenerie in güldene Strahlen zu tauchen. Der Himmel ist durchgängig bewolkendeckt, das Licht schwammig und indifferent. Macht eigentlich nichts – das Venn ist bei jedem Wetter malerisch, je nach Sonne und Jahreszeit sieht die Landschaft an keinen zwei Tagen gleich aus. Hier müssen sich doch Motive ohne Ende bieten!

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Doch je öfter ich aufs Display der Nex gucke, desto mehr wird mir klar, dass ich nichts sehe. Es liegt nicht an der Kamera: Das 30-mm-Objektiv von Sigma produziert bekanntlich knackscharfe Fotos, das 16-50-mm-Kitobjektiv sollte vom Weitwinkel bis zum Porträt brauchbare Bilder hinkriegen und als Geheimwaffe habe ich noch ein altes analoges 50-mm-Rokkor im Köcher, das mit seinem Adapter umgerechnet etwa 75 Millimeter Kleinbildäquivalent produziert. Dass bei alledem nichts Begeisterndes oder auch nur Befriedigendes rauskommt, liegt am Auge des Menschen, der durchguckt.

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Denn mal abgesehen von einigen wenigen offensichtlichen Eyecatchern wie diesem zerfratzten Balken an einem ausgemusterten Holzsteg springt mir nichts Fotografierenswertes ins Auge. Und während sich Andreas über den moosigen Boden an seelenvoll aus dem Sumpf ragende Schachtelhalme heranrobbt, bleibt mein Kameramonitor leer. Ich sehe einfach nicht, was das Fotografenauge sieht. Als ich später Andreas‘ Ausbeute anschaue, wird mein Gefühl nur noch bestätigt. Klar, er hat Ausrüstung für viele tausend Euro dabei, aber das alleine kann es nicht sein.

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Es wird ein schöner Spaziergang durch eine tolle Landschaft. Aber er lässt einen ratlosen Marc mit nassen Schuhen zurück. Wie trainiert man sich ein fotografisches Auge an? Eins ist offensichtlich, das traditionelle Rezept der Digitalfotografie – „hundertmal leicht unterschiedlich draufhalten, ein Schönes wird am Ende dabeisein“ – funktioniert nicht, wenn man wirklich etwas Spezielles produzieren will. Ich habe das Gefühl, bei Null anfangen zu müssen: Bildbeschnitt, Winkel, Licht und natürlich Brennweite, Blende und ISO-Zahl, das alles will beherrscht werden.

Hier im Venn bin ich nicht nur am Ende dessen angekommen, was die so geliebte Programmautomatik der Kamera hergibt, sondern auch am Ende dessen, was ich bis jetzt fotografisch auf die Beine gestellt habe. Es war ein Tag, der mir die Augen öffnete – und sie sahen, dass sie nichts sahen.