Alle Beiträge von Marc-Alexander Heckert

Die Stadttwittererin

Sie das Herz und die Seele der Aachener Twitterszene zu nennen, ist keine Übertreibung. Sabine Nowak alias @missmarple76 war @wirlebenac, sie war ungezählte Burger-, Pizza-, Schnitzel– und sonstige Testessen Aachen und sie war der ebenso grandios komische wie historisch fundierte @Karl_derGrosse, der als Knochengerippe das Aachener Tagesgeschehen kommentierte, vom traditionellen Öcher Regen bis jüngst zur Durchfahrt der Tour de France.

Außerhalb von Twitter war sie der Gastroführer Aachen geht essen und gerade im Begriff, www.schlemmerbumms.de zu werden, was immer das auch sein sollte – sie wusste es anfangs selbst noch nicht genau, aber die Webadresse war zu schön, um sie nicht zu konnektieren. Und wahrscheinlich war sie noch ein paar Dutzend weitere Grundpfeiler im digitalen Weichbild Aachens, die mir gerade nicht in den Sinn kommen.

Nicht viele Menschen haben die Identität der Kaiserstadt im Internet so geprägt wie die Germanistin und gelernte Buchhändlerin Sabine Nowak. Zweimal hatte ich die Ehre, ihr Herzensprojekt Wirleben.ac jeweils eine Woche lang mit meiner persönlichen Sicht auf Aachen bespielen zu dürfen, im April 2013, und – das mit der Ehre meine ich ernst – als letzter Kurator des dritten Jahres, im August 2016. Voller Begeisterung hatte ich Wirleben.ac damals in Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten der nicht-twitternden Zeitungsleserschaft vorgestellt.

Über Jahre hat Sabine mit ihren Testessen-Treffen die lokale Internetszene zusammengeführt. Wenn sie eine Doodle-Liste für ein #teAC ins Netz stellte, führte das einige Wochen später dazu, dass Menschen ihr Essen in Restaurants fotografierten, die sie normalerweise nie einer Bestellung gewürdigt hätten. Freundschaften wurden geschlossen, Beziehungen entstanden, „Folgen“-Links wurden geklickt, Privatnachrichten und Handynummern ausgetauscht. Lebenswege änderten sich durch sie. Ihre Twitterstatistik weist seit ihrem ersten Tweet im Jahre 2009 rund 37.000 Beiträge auf – man kann wohl sagen, dass sie in ihrem geliebten Aachen wohnte, aber auf Twitter lebte.

In dem, was weniger digital-affine Menschen das „reale Leben“ nennen, trug Sabines Organisationstalent ihr den Spitznamen „Entenmama“ ein, was im Grunde mehr über die Küken aussagt als über deren Anführerin. Sabine war die, die machte. Die fragte, telefonierte, buchte und einlud. Als „Ordnende Hand und Projekt-Mama vom Dienst“ beschrieb sie selbst ihre Rolle auf ihrem Xing-Profil. Ohne sie hätte es die Testessen-Runde nicht gegeben. Dass nebenbei ein paar Restaurants auf der Strecke blieben, genauer gesagt: zufällig nur kurze Zeit nach einem #teAC-Treffen den Betrieb einstellten, wurde zum Running Gag. Leider ist nie etwas aus der Idee geworden, von örtlichen Gastronomen für einen Nicht-Besuch Geld zu kassieren. Wie viele Burger hätte man davon – aber lassen wir das.

Am Dienstag hat Sabine völlig überraschend alle irdischen Accounts schließen müssen. Vor ein paar Tagen erst hatte ich ihr noch zum Geburtstag gratuliert – es müsste der 41. gewesen sein, wenn sie ihrer Umwelt mit ihrem Twitternamen nicht einen Scherz gespielt hat (war ihr zuzutrauen gewesen wäre!). Und erst vor ein paar Wochen haben wir in netter Runde beim Twittagessen im Café Orient Expresso am Templergraben gesessen. Es sollte das letzte Treffen gewesen sein.

Auf Twitter breiteten sich in den Stunden nach Bekanntwerden der Nachricht von ihrem Tod Schockwellen der Fassungslosigkeit aus. Fast vier Jahre lang hat @wirlebenAC mit wohl mehr als 100 Kuratoren das Geschehen in der Stadt auf einzigartig vielfältige Weise begleitet, hat @Karl_derGrosse es auf seine ganz spezielle Weise aus 1200 Jahren Distanz kommentiert. Es ist ein bitterer Zufall, dass der letzte Eintrag auf Schlemmerbumms.de ausgerechnet ein Rezept für Aachener Beerdigungsfladen wurde.

Aachens vielleicht scharfsinnigste Stimme im schnellsten Sozialen Netzwerk der Welt schweigt. Noch kann niemand ahnen, wie sehr sie uns von nun an fehlen wird. Welche Bonmots nicht mehr verfasst, was für Pointen nicht mehr gesetzt, welche Restaurants nicht mehr von hungrigen Horden mit Smartphones heimgesucht werden. Wir ahnen nur: Aachen hat eine große Frau verloren. Gäbe es die Position einer Stadttwittererin, sie hätte sie ausgefüllt, mit Tiefgang, Humor und Bravour.

Lebe wohl, Sabine. Und: danke. Für alle Tweets, für alle Burger, für Karl und den ganzen Rest. Wir sind unendlich traurig.

Primadonna Primagon

Zu den schönsten Nebensächlichkeiten beim Sammeln der alten Objektve gehören die Namen. Und niemand benannte Objektive so schön und fantasievoll wie die altehrwürdige Görlitzer Linsenschmiede Meyer Optik. Zum Beispiel das Helioplan: War das nicht der griechische Gott der Überbelichtung? Domiplan und Domiron: die antiken Helden der In-Haus-Fotografie. Und dann das mächtige Geschlecht der Orestonen: Orestor, Oreston, Orestegor und Orestegon. Objektivnamen wie Donnerhall, da ahnt man die bildgewaltige Dramatik der damit gemachten Fotos schon, bevor man sie auch nur an die Kamera geschraubt hat.

Doch am schönsten klingen die P-Liner (Segelschiff-Fans verstehen die Anspielung). Carl Zeiss hatte Planar und Pancolar, doch Meyer hatte mehr. Da sind erst einmal die Primotare, Allzweckwaffen mit 50, 80, 135 und 180 Millimeter Brennweite. Dann natürlich die legendären Primoplane – Wunderlinsen mit eingebauten Aquarellhintergrund in 58 und 75 Millimeter Brennweite.

Und dann gab es das Primagon. Kein Wunderwerk, aber ein solides, erschwingliches Alltags-Weitwinkel für den Hobbyfotografen der späten 50er Jahre. Man darf nicht vergessen: Die heute ziemlich unspektakulären 35 Millimeter Brennweite galten damals als die Spitze des absolut technisch Machbaren, sie hatten gerade erst die 40 Millimeter des Tessars 4.5 40 von Zeiss und des ähnlichen Helioplans von Meyer abgelöst. Carl Zeiss war 1953 mit der ersten Generation des Flektogons 2.8 35 vorausgegangen – eine mit sechs Linsen in sechs Gruppen überaus aufwändige und entsprechend teure Konstruktion (die auch heute noch exzellente Schärfe und Kontrast liefern kann).

Meyer zog nach und präsentierte auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1956 das Weitwinkelobjektiv Primagon 4.5 35 mm, ausgerichtet auf ein preisbewussteres Kundenklientel. Den Ingenieuren gelang es, das Grundobjektiv aus nur drei Linsen aufzubauen, davor setzten sie noch eine große Zerstreuungslinse. Das ließ sich günstig produzieren und brachte – bei der nicht gerade überwältigenden weitesten Blende von 4.5 – erstaunlich gute Bildergebnisse. Denn: „(…) zwischen tiefem Blau und mittlerem Rot ist das Objektiv frei von chromatischer Aberration. Mit diesen Eigenschaften würden Werbestrategen einem solchen Objektiv heute das Attribut „Apo“ anhängen“, schreibt Marco Kröger auf der sehr lesenswerten Webseite Zeiss Ikon VEB.

Sagen wir es kurz: Für Indoor- und Available-Light-Fotografie, für Straßenszenen im Dämmerlicht und Partyfotografie ist das Primagon nicht wirklich etwas. Im Hellen produziert es dagegen Bilder, die sich immer noch sehen lassen können. Marco Kröger schreibt: „Es handelt sich auch nach heutigen Maßstäben um ein erstaunlich leistungsfähiges gemäßigtes Weitwinkelobjektiv, das sein Gütezechen damals nicht unverdient erhalten hat.“ Das Primagon wurde seinerzeit mit dem Qualitätssiegel Q1 ausgezeichnet, mit dem die DDR Produkte von Weltmarktniveau („oder besser“) kennzeichnete. Mit mancher heutigen Zoom-Kit-Linse könne es der Oldtimer durchaus aufnehmen, meint Altobjektiv-Experte „praktinafan“ im Digicamclub-Forum.

Heute brachte mir der Postbote ein solches Spitzenprodukt volkseigener Optikerzeugnisse. In blau-weißer Meyer-Originalschachtel, mit beiden Kappen. Es glänzt wie unbenutzt – es ist nach den Varianten mit Exa- und Altix-Bajonett mein drittes Primagon und das schönste.

Ganz einfach zu handhaben dürfte der Silberling nicht sein. Die schwache Lichtstärke ist bei allen anderen als guten Lichtverhältnissen so etwas wie ein eingebauter Unschärfegenerator. Und die exponierte übergroße Frontlinse dürfte trotz des roten „V“-Zeichens zur Kennzeichnung der Glasvergütung neben dem Licht auch die ungewollten Streulichteffekte wie Ghosts und Flares sammeln. Das Primagon ist wohl eine ganz schöne Primadonna, die in eine Gegenlichtblende gehüllt sein will, um strahlen zu können. Sie soll sie bekommen, in bestem zeitgenössischen Bakelit natürlich. Damit hoffe ich dann auf Bilder in typischem Meyer-Stil, mit weichem Hintergrund und schönen warmen Farben, nicht zuletzt dank der Blende mit zehn Lamellenblättern. Zeige sie uns, was sie kann, Primadonna!

Ach ja: Abgelöst wurde das Primagon im Jahre 1964 von dem Objektiv mit dem wohl schönsten Namen überhaupt – Lydith 3.5 30. Lydith – war das nicht diese hübsche junge Frau aus dem Alten Testament, die den obersten General des feindlichen Heeres beim Baden fotografierte?

Auf dem Ostfriedhof

Aachens Ostfriedhof zählt zu den schönsten der Stadt und ist zugleich der älteste. Wer den Adalbertsteinweg von St. Adalbert in Richtung Rothe Erde hinaufgeht, braucht sich nur vor der hoch aufragenden Josefskirche nach links zu wenden und steht schon fast vor den großen schmiedeeisernen Tor am Eingang. Seit 1803 werden hinter ihnen die Toten aus dem Aachener Osten bestattet.

Fast genau zehn Jahre ist es jetzt her, dass der Verfasser dieser Zeilen im August 2007 als frisch zugegzogener Neu-Aachener erstmals zwischen den zwei Jahrhunderte alten Gräbern herumwanderte. Einen der ersten Blogartikel hat er damals über diesen Spaziergang geschrieben. Die traumverlorene Wanderung endete abrupt in einer Begegnung mit zwei Polizisten, die fragten, ob man Metalldiebe zwischen den Gräbern gesehen habe.

Doch nun ist alles ruhig und still auf den Wegen. Außer dem einsamen Mann mit der Kamera ist jetzt, gegen 20 Uhr abends, niemand mehr hier. Es herrscht wortwörtlich Friedhofsruhe.

Heute, im Jahr 2017, ist der Friedhof noch so schön wie damals. Nur dem Verfasser dieser Zeilen, dem sieht man das vergangene Jahrzehnt hier und da an. Bizarrerweise fotografiert er heute zwar mit einer moderneren Kamera als damals, aber einem noch deutlich älteren Objektiv. Es ist ein weiteres Mal das Biotar 2 58 mm von Carl Zeiss Jena, das im Moment wieder einmal sein Liebling ist.

Die damit gemachten Fotos haben ihren eigenen Reiz. Die Motive in der Bildmitte werden gestochen scharf, aber bei weit geöffneter Blende – fast alle Bilder hier sind mit F2.4 bis F2.8 entstanden – wird der Hintergrund schnell zum berühmten „Schwurbel“. Wie eilig hingetuscht wirken Bäume, Büsche und Blattwerk.

Von ganz eigenem Reiz sind auch die Stimmung und das Licht zwischen den Gräbern und Bäumen. Braun, Grün, Schwarz und Grau sind vorherrschend. Nur hier und da beweisen Blumen und andere Beigaben auf einem frischen Grab, dass der Friedhof noch benutzt wird.

Doch die meisten der Grabstellen im vorderen Bereich des Geländes sind uralt. Moos wächst auf dem Marmor, Efeu rankt sich an Kreuzen hoch, verwitterte Engels- und Heiligenfiguren halten steinerne Arm- und Beinstümpfe in den abendlichen Himmel.

Wer die Augen etwas offen hält, stößt hier und da auf einen der großen Namen der Aachener Stadtgeschichte. Auf Franz Oppenhoff etwa, der erste von den Alliierten nach der Eroberung Aachens eingesetzte Bürgermeister, der 1945 von einem nationalsozialistischen Kommandotrupp ermordet wurde.

Und wer Pech hat, der steht nach dem Rundgang vor den beiden schweren und inzwischen geschlossenen Eisentoren. Und fragt sich, ob er jetzt zwischen den trauernden Damen mit ihren Urnen übernachten muss. Was tun, die Polizei rufen? Eine niedrige Stelle an der Friedhofsmauer suchen, drüberkraxeln und auf der anderen Seite herunterspringen?

Doch dann ist einer der Torflügel zum Glück nur angelehnt, nicht abgeschlossen. Der Verfasser dieser Zeilen drückt sich in die Freiheit. Irgendwann enden wir alle auf einem Friedhof, schießt es ihm durch den Kopf. Schön, dass es noch nicht heute sein muss.

Zeitgereister

Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Biotar 2 58, F2.4
Sony A7II mit Carl Zeiss Jena Biotar 2 58, F2.4

Es war kein DeLorean, der mir heute Abend auf dem Heimweg von meiner Garage das Gefühl eines plötzlichen Zeitsprungs verschaffte. In die 80er-Jahre, als man gegen Dinge protestierte, die Brokdorf, Pershing und Startbahn West hießen. Er schien auf seinen schmalen Rädchen – gehalten nur von je drei Radmuttern – direkt aus jenem Jahrzehnt ins Aachener Ostsviertel des Jahres 2017 gerollt zu sein, in dem die gelb-rote „Atomkraft? Nein danke!“-Sonne auf seine Heckscheibe geklebt wurde.

Reagan? Kohl? Honecker? Der Renault 4 am Straßenrand hat sie alle überlebt. Ich finde es passend, dass mit dem Carl Zeiss Jena Biotar 2 58 an meiner Kamera ein weiterer zeitgereister Oldtimer die lange Reise ins Heute festhalten durfte. Hach, die Oldtimer dieser Welt – wer ihren Charme nicht schätzen kann, der ist zu bedauern.

(Und nochmal: Ich mag den einzigartigen Bildcharakter der Biotare. So dreidimensional, so nachdrücklich, beinahe brennend.)

Von Biotaren und Biografien

Das Biotar 2 58 von Carl Zeiss Jena ist einer der Klassiker in der Geschichte der Fotografie. Schon 1946, gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ging das berühmte Standardobjektiv der Vorkriegszeit wieder in die Produktion. Die Konstruktion mit sechs Linsen erhielt eine neue Fassung und – je nach Ausführung – vergütete Gläser, die gegen Streulichteinfall immun machen sollten.

Mit einer Offenblende von f2.0 ist es für die 50er Jahre sehr lichtstark. Fotografen lieben den spiralförmigen Schwurbel-Effekt – auch „Swirly Bokeh“ genannt – bei unruhigem Hintergrund, etwa Baumkronen oder Gebüschen. Spitzlichter im Hintergrund werden zu Ellipsen – „Cat’s Eyes“ – und arrangieren sich in Kreisform um das Hauptmotiv. Könner können so regelrechte Heiligenscheine erzeugen.

Doch auch wenn gerade kein Frauenkopf vor Parklandschaft zur Hand ist: Mich fasziniert das nachdrückliche Rendering der Biotar-Bilder. Was für eine Schärfe, was für ein ganz eigener Charakter! Fast scheint mein Bengt aus den Bildern herausgefahren zu kommen.

Es ist ja Außenstehenden nicht leicht zu erklären, warum man alte Objektive sammelt. Und zwar gleich Dutzende, von jeder Brennweite mehrere Modelle und Ausführungen. Ich habe heute inzwischen alleine fünf 35-mm-Flektogone, (noch) sechs 135-mm-Sonnare ost- und westdeutscher Herkunft, eine Handvoll Tessare aller möglichen Brennweiten, fast alle erhältlichen Prakticare, mehrere Distagone, etliche Meyers, Rolleis und wie sie alle heißen.

Und wie sie heißen! Es gibt Primotare und Primagone, Primoplane, Pancolore und Planare, Pentacons und Prakticars, Orestors und Orestons, Orestegors und Orestegons, Tessare und Teletessare, Telemegore und Telefogare, Trioplans und Triotare. Und jedes macht andere Bilder, jedes hat seine Vorzüge und Schwächen. In den nächsten Jahren möchte ich sie alle nach und nach kennenlernen.

Das Zeiss-Biotar, mit dem am Sonntag diese Bilder von Bengt und der Schwurbelblume am Rande der Tihange-Menschenkette entstanden, ist so ein Vertreter für einen ganz eigenen Bildcharakter (alle JPGs direkt out of the cam, ohne Nachbearbeitung). Haben diese Fotos nicht etwas ganz Spezielles? Etwas geradezu brennend Nachdrückliches?

Aufgenommen mit fast ganz offener Blende 2.4, ist die Schärfe in der Bildmitte auch heute noch absolut ausreichend. Aber der Hintergrund! Den kriegt keine moderne Linse so hin. Diese Mischung aus Verschwommenheit, Sich-ums-Motiv-herum-Krümmen, von leichtem Schwurbel und dem ganz speziellen Kontrastbild der 50er-Jahre: Das kann nur ein Biotar (und natürlich seine russische Kopie, das Helios).

Mein Biotar mit M42-Gewinde war das erste historische Objektiv, dass ich mir vor einem Jahr von Foto Olbrich in Görlitz habe aufbereiten lassen. Es war ein Schlüsselerlebnis für mich, es danach wieder hin der Hand zu halten, vor knapp einem Jahr. Eine neue Welt tat sich auf.

Kann man von solchen Effekten genug kriegen? Heute kam ein neues Biotar mit der Post. Eine andere Ausführung, mit schnell wechselbarem Exakta-Bajonett statt des M42-Gewindes. Gut zwei Stunden habe ich heute Abend an dem anfangs eher unansehnlichen Alukorpus herumpoliert und -gewienert, bis er halbwegs vorzeigbar war. Man sieht ihm die rund 60 Jahre durchaus an, die er schon durch Fotografenhänden gewandert ist. Doch die Linsen sind klar und scharf wie am ersten Tag. Keine Kratzer, keine Schlieren, kein Nebel und kein Objektivpilz.

Ich habe mich entschieden: Auch wenn der Blendenring etwas verschrammelt und ein wenig schwergängig ist, der Fokusring ein bisschen trocken läuft, reichlich Staubflusen zwischen den Linsen sitzen und der eine oder anderer Kratzer den Tubus ziert, werde ich es behalten. Schon wegen des roten „T“ auf dem Zierring, der auf die aufpreispflichtige, begehrte Vergütung hinweist. Ich werde es bei Olbrich zerlegen, reinigen, neu justieren und zusammenbauen lassen. Und danach wird es ein samtiger Genuss sein, damit Bilder zu machen, so wie mit dem ersten Biotar oder seinem Bruder, dem Alu-Flektogon 2.8 35.

Da liegt es, mein neues Biotar. Bios heißt Leben. Der Name lässt Gedanken aufkommen – wenn Objektive Biografien hätten, was wäre darin zu lesen? Was für Bilder mag dieses Objektiv schon gemacht haben? Die volle Bezeichnung „Carl Zeiss Jena“ und das „T“ statt eines „V“ deutet auf einen Verkauf in der DDR hin. Hat man damit Menschenporträts gemacht, Landschaftsaufnahmen, Technisches oder Blumenbilder? Hat seinerzeit ein Profi dieses in der Nachkriegszeit extrem teure Hochleistungsobjektiv gekauft? Oder ein reicher Amateur, der es kaum benutzt hat?

Wie oft spiegelte sich wohl schon das Bild einer schönen Frau vor dieser Linse? Vielleicht sogar das eines Aktmodells? Oder das eines gutaussehenden Mannes, den eine der wenigen Fotografinnen der Nachkriegsjahrzehnte abgelichtet hat? Eher eines Malochers mit verwittertem Gesicht im Rahmen einer Sozialstudie? Bilder wie die von Gundula Schulze Eldowy? Oder war es eher Industrieromantik, das den Menschen am Auslöser faszinierte? Rauchende Dampflokomotiven, qualmende Fabrikschornsteine? Der Aufbau des Sozialismus in den Anfangsjahren der noch jungen DDR?

Und später dann, hat der Mensch hinter dem Objektiv den Verfall dokumentiert? Subversive Bilder gemacht, die nicht gezeigt werden durften? Von leeren Läden, abblätterndem Putz, gähnenden Fensterhöhlen? Bilder wie die von Siegfried Wittenburg, von Harald Hauswald oder von Gerd Danigel? Oder lagen die Fotos auf Systemlinie? Marschierende NVA-Soldaten im Stechschritt? Plattenbauten, Industriekombinate, davor Reihen ordentlich geparkter Wartburgs, Trabants und Ladas?

Der polierte Aluminiumzylinder erzählt seine Geschichte nicht. Kein Speicherchip lässt sich auslesen, kein Zählwerk verrät auch nur die Anzahl der Auslösungen, die Mechanik schweigt – und funktioniert. Es müssen viele Hundert oder Tausend Filme gewesen sein, die durch diese Glaslinsen Bild für Bild belichtet wurden. Und das Objektiv funktioniert immer noch, hätte nur allmählich gerne einmal etwas neues Schmierfett, dankeschön.

Was für Bilder wird es noch machen, in den kommenden Jahren an meiner Digitalkamera? Ich hoffe, nicht die schlimmsten seiner Karriere. Immerhin eines hat sich geändert im Jahr 2017: Alles ist transparent. Wie gut oder schlecht die Fotos sein mögen, die ich und andere nach mir mit diesem Biotar machen mögen, im Internetzeitalter müssen die Abzüge nicht in irgendwelchen Schubladen verschwinden. Wenn etwas Brauchbares dabei sein sollte: Ihr werdet es hoffentlich erfahren.

Willkommen, Biotar, in meiner Sammlung. Willkommen in meiner fotografischen Biografie.

Mit den Rolleis ins Wollgras

Geplant war es nicht, dass ich neulich mal wieder im Venn gelandet bin. Sonst wäre ich sicher nicht in meinen zweitbesten Schuhen (blaues Wildleder!) und im feinen Jackett angereist. Geplant war, dass ich die Vernissage einer Fotoausstellung besuchen wollte, in der unter anderem Bilder meines Freundes Andreas Gabbert hingen.

Von der aus er dann aber mit seinem Kompagnon Daniel Raab nahtlos weiter zu einem Workshop ins Venn fuhr, den die beiden unter dem Label Fotogara für Fotografie-Interessierte anboten. Ob ich mitwollte, fragte Andreas. Ein mehrstündiger Fotospaziergang durchs Venn, geleitet von zwei Auskennern der Gegend und des Fotografierens? Natürlich wollte ich – Wildleder hin oder her.

Das Venn und ich, das ist ja eine Liebe, die etwas Zeit brauchte, um zu wachsen. Wie verloren irrte ich damals, beim ersten fotografischen Vennspaziergang vor drei Jahren, durch die scheinbar leere Landschaft. Und wie viele Bilder mir heute ins Auge springen.

Plötzlich ist jedes Grasbüschel malerisch, ist jeder Strauch zum Niederknien schön, symbolisiert jedes gebrochene Brett im Holzsteg das dramatische Scheitern des Menschen in der Natur. Oder zumindest einen Investitionsstau im Naherholungsgebiet. Wieso habe ich das früher nicht gesehen?

Und wie vielfältig diese rauhe Natur sein kann. Saftig grünes Gewucher hier, sandfarben dürres Gestrüpp da; leuchtende Blätter und ein paar Schritte weiter verbrannte schwarze Äste. Und natürlich, als Sahnehäubchen an diesem Tag: die weißen Tupfer des Wollgrases. Mal wie Inseln im Grün, mal flächig verteilt als weißes Meer.

Zusammen mit einem Dutzend weiterer Venn- und Fotojünger krieche, recke, balanciere und krabbele ich den ganzen Nachmittag durch die Natur. Als einziger ohne Trekkingschuhe, ohne Gore-Tex-Jacke, ohne Stativ und ohne Kamerarucksack. Und ohne Mittagessen im Bauch – es war halt alles anders geplant gewesen. Aber, hey, die Schuhe haben es überlebt und so war ich am Abend, als wir drei noch zusammen in der „Bodega“ in Imgenbroich den Tag bei Schnitzel und Leffe Revue passieren ließen, mehr als nur etwas zufrieden. Hach, das Venn. Immer gerne hin, immer ein Gewinn.

Noch das übliche Wort zur Ausrüstung: Während der Venngang für mich eine Wiederholungstat war, war es für die Objektive in meiner Tasche (immerhin, eine Tasche mit Objektiven hatte ich schlauerweise noch eingepackt, man geht ja schließlich nicht nackt auf eine Vernissage) eine Premiere. Zum Einsatz kam nämlich – Trommelwirbel – erstmals Familie Rollei. Diese um 1970 für die Rolleiflex SL 35 vorgestellte Objektivserie fällt durch die ausgesprochen kompakten, fast zierlichen schwarzen Fassungen mit geriffelten Fokusringen auf.

Die sechs günstigsten Standardlinsen zwischen 25 und 200 Millimeter hatte ich mir in den vergangenen Monaten nach und nach ge-ebayt. Bevor sie erstmals das Haus verlassen durften, musste allerdings ein Fachmann das trockengelaufene 35er-Distagon neu schmieren und beim Planar 1.8 50 Nebel von der Austrittslinse entfernen.

Eine Familie mit Kompetenz: Da ist der einzigartig aufwendig konstruierte Siebenlinser Planar 1.8 50, der Nahbereichs-Experte Distagon 2.8 25, das ausgewogene Weitwinkel Distagon 2.8 35 und das fantastisch scharfe und kontrastreiche Sonnar 2.8 85, mit dem einfach jede Aufnahme gut wird. Sie wurden jahrzehntelang für mehrere Kamerasysteme weitergebaut, vor allem in der Contax-/Yashica-Version wurden sie weltweit Verkaufsschlager. Fast alle von ihnen sind heute noch für Canon- und Nikon-Kameras zu haben.

Für einen Nachmittag im Venn sind die Rolleis – die beiden größeren Tele-Tessare 4 135 und 4 200 hatte ich zu Hause gelassen – jedenfalls eine mehr als passable Ausstattung. Und darum bestimmt nicht zum letzten Mal dort gewesen – hoffentlich.

Meine blauen Wildlederschuhe allerdings schon. Hoffentlich.

Entzeitstimmung

Sony A7 mit Carl Zeiss Planar 1.4 85, F2, 1/400s, ISO 100
Sony A7 mit Carl Zeiss Planar 1.4 85, F2, 1/400s, ISO 100

Einigen Objektiven – vor allem denen von Zeiss – sagt man nach, sie hätten den „3D-Pop“. Dieser dreidimensionale Effekt – es handelt sich nicht um den üblichen Freistelleffekt bei geringer Tiefensschärfe – setzt sich meiner Meinung nach aus hohem Mikrokontrast und hoher Lichtstärke zusammen. Das Planar 1.4 85 von Carl Zeiss könnte zu diesen „Pop-„Linsen gehören – ob es letztlich poppt, hängt aber auch stark vom Motiv und vom Licht ab.

Rail Movie

Sony A7II mit Carl Zeiss Vario-Sonnar 28-85
Sony A7II mit Carl Zeiss Vario-Sonnar 28-85

Ein paar Deppen tappern hinter Köln über Eisenbahnschienen, ein ICE wird umgeleitet, ein Anschlusszug nicht bekommen, zwei Reisende nach Österreich stranden in München. Immerhin komfortabel dank Hotelgutschein der Bahn (dafür ein dickes Danke!).

Das Road Movie, äh, Rail Movie endet mit einer Sonnenuntergangszene im Abspann.