Alea iacta est

Ich kann mich nicht erinnern, mich in meinem Leben mit einer Entscheidung – also: Kaufentscheidung – schon einmal so schwer getan zu haben, wie jetzt mit der Wahl der neuen Kamera. Was ich in den langen Nächten der vergangenen Wochen gelernt habe: Die Recherchemöglichkeiten im Netz sind mittlerweile schlicht umwerfend. Klar, ausführliche Tests, Erfahrungsberichte und Youtube-Videos gibt es zu jedem Modell en gros. Was ich dagegen bis dato noch nicht kannte, sind interaktive Vergleiche, etwa bei DPReview, wo man die Leistungen seiner Wunschkamera im Vergleich zu anderen Modellen in übersichtlichen Balkengrafiken präsentiert bekommt.

2013_07_28_DPReview Screenshot

Oder die Snapsort-Datenbank, wo die Vor- und Nachteile fast jeder aktuellen Kamera stichwortartig mit denen jeder anderen verglichen werden kann.

2013_07_28_Snapsort Screenshot

Und wenn es um die Jackentaschentauglichkeit geht, hilft Camerasize, wo alle Modelle aus jeder Perspektive nebeneinander gestellt werden können. Natürlich jeweils mit einer ganzen Palette passender Objektive, man will ja objektiv sein und nicht ein Tele mit einem Pancake vergleichen.

2013_07_28_Camerasize Screenshot

Es gibt also wirklich keine, aber auch gar keine Notwendigkeit mehr, sich vom heimischen Schreibtischstuhl zu erheben, um sich für eine Kamera zu entscheiden. Fehlt eigentlich nur noch ein Fotografiersimulator, mit dem man seine Wunschmotive in einem ausgesuchten Kameramodell künstlich erzeugen kann – dann bräuchte man seine Wohnung nicht mal mehr zum Knipsen zu verlassen.

Okay. Durchatmen. Also. Ich habe mich entschieden.

Earlier this year, I made a pretty drastic change in my camera set up. I left behind my trusty Canon DSLR, and the lenses and accessories that had served me well for six years, and I picked up a Sony NEX-5N mirrorless camera. (Dan Seifert, auf The Verge)

Zuerst mal: Es wird keine Spiegelreflexkamera.

Da ich die Sony NEX-6 zu meiner Hauptdigitalkamera zu adeln gedenke, (…) (Stephan Spiegelberg, in Nach einer Woche mit der Sony NEX-6)

Was mir bei der Entscheidung half, waren die diversen Statements von teils sehr bekannten Fotografen, die ihre Mittelklasse-DSLRS für Systemkameras aufgegeben haben. Gut, die High-End-Modelle mit Vollformatsensor bleiben eine Klasse für sich. Jedenfalls noch für eine Weile.

Is the Sony NEX-7 WAY better than the my previous camera, the Nikon D800? No. Is it better enough to switch? Definitely. (Trey Ratcliff, in Hello Sony. Goodbye Nikon. The story of why I am switching from Nikon to Sony.)

Aber dem Argument „die besten Fotos macht man mit der Kamera, die man mit hat“ können sich auch die besten Fotografen offenbar nicht verschließen.

„(…) the NEX-6 might be my favorite mirrorless camera yet. It’s certainly the first one I’ve tried that feels like it could replace my DSLR (…)“ (David Pierce, auf The Verge)

Vielleicht werde ich mir dann irgendwann auch noch eine Spiegelreflex zulegen. Wenn die NEX einmal meine Ansprüche nicht mehr erfüllt.

Die Nex hat auch mein fotografisches Leben total umgekrempelt. (…) Also 5N im Kit gekauft (…) Kurze Zeit später war alles Nikonequipment im Biete-Bereich zu finden. Das war zwar ein ziemlich harter Cut, aber ich würde es jederzeit wieder so machen. (User cp995 im DSLR-Forum)

Und wenn es dann noch Spiegelreflexkameras gibt. Wer weiß. Vor zehn Jahren haben ja auch die meisten von uns noch mit Rollenfilm fotografiert.

Nazijagd vorm Fußpflegesalon

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Werbung, die wach macht – jedenfalls mich beim morgendlichen Gang zum Bäcker am Südfriedhof. Bis zu 25.000 Euro bietet das Simon-Wiesenthal-Zentrum für Hinweise auf noch lebende Kriegsverbrecher. Nazijagd vor dem Fußpflegesalon im Rentnerviertel Raderthal – dahinter steckt bestimmt eine interessante Zielgruppenanalyse der Mediastrategen.

Nun ja, vielleicht ist ja wirklich für den einen oder anderen der hier auf den Bus Wartenden das Angebot attraktiv, Opa gegen einen Neuwagen einzutauschen.

Adieu

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Es war mein erstes Blog: Moorbraun.de beim Bloghoster Twoday.net. In den ersten Wochen des Jahres 2007 hatte ich es eingerichtet. Twoday war es geworden, weil der Blogger Don Dahlmann diesen Hoster in einem Vergleich für Turi2 als den besten in Deutschland empfohlen hatte.

Und in den ersten Jahren hat mir das Bloggen dort auch wirklich Spaß gemacht. Mit Begeisterung erzählte ich von meinen ersten Wochen und Monaten in Aachen und – rückwirkend – von der Restaurierung meines moorbraunen Dieselcoupés ab 2005. Fast täglich kam ein neuer Artikel dazu, manchmal sogar mehrere an einem Tag. Und ich freute mich über die vielen Kommentare. Auch wenn es zusehends nerviger wurde, dass man für große Bilder immer auf ein separates Foto bei Flickr verweisen musste. Trotzdem kamen in fünfeinhalb Jahren insgesamt 434 Beiträge zusammen, der letzte im August 2012. Aus der Auto-Biographie entwickelte sich mit der Zeit ein Blog über Mobilität und Reisen.

Was sich allerdings nicht weiterentwickelte, war Twoday. Das Interface blieb auf dem Stand von 2007. Noch heute steht auf einer Bezahlseite dieselbe Fehlermeldung wie damals („Dieses Weblog (Produkt: ‚<% param.product %>‚) ist derzeit nicht bezahlt!“). Irgendwann verlor ich immer mehr die Lust am mühseligen Herumgedoktore mit den parallelen Blog- und Bilder-Accounts. Irgendwann erschien auch etwas namens Facebook, war anders und aufregend und definierte das Social Web völlig neu. Die Abstände zwischen den Beiträgen auf Moorbraun wurden länger und länger. Auf große Bilder verzichtete ich schließlich ganz.

Erst nachdem ich in einigen warmen Wochen des Sommerurlaubs 2012 unter www.marc-heckert.de dieses WordPress-Blog hier eingerichtet hatte, kam der Spaß am Bloggen zurück. Und eine Mammutaufgabe auf mich zu: 434 Beiträge samt Bildern und Kommentaren wurden nach und nach von Twoday hier herüberkopiert. Dazu rund 60 Beiträge von Pilotblog.de und knapp 100 vom (inzwischen abgeschalteten) Blog „Moin Oche“ bei Aachener Zeitung/Aachener Nachrichten sowie einem Testblog namens Printenheim bei Blogger.com, mit dem ich anfangs etwas herumgespielt hatte.

Warum das Ganze? Ich hatte Angst, dass Twoday und die anderen eines Tages die Pforten schließen und meine ersten Schreibversuche im Netz dann weg sind. Das WordPress-Blog hier lässt sich mit ein paar Mausklicks komplett archivieren. Und die Plattform selbst dürfte so als führende Open-Source-Lösung so zukunftssicher sein, wie es nur geht.

An diesem sonnenheißen Julisamstagnachmittag heute, fast ein Jahr später, ist endlich der letzte Beitrag von Twoday.net nach hier umgezogen („Was vorher geschah„, die Geschichte des moorbraunen Coupés, ehe ich es 1993 kaufte). Alles, was ich bis heute im Netz gebloggt habe, steht jetzt hier. Inzwischen sind es mehr als 600 Beiträge.

Zeit, meinem ersten Blog Adieu zu sagen. Alle Beiträge dort sind jetzt offline geschaltet. Beim Umtopfen der alten Texte kam etwas Melancholie auf. Wie anders das Netz 2007 noch aussah. Wieviel sich in der Zwischenzeit verändert hat – und wieviel Unschuld das alte, idealistische und nerdige Internet auf dem Weg zum Milliardenmedium inzwischen verloren hat.

Egal, der Umzug ist geschafft – und ich hoffe, dass es für alle Zeiten der letzte ist. Obwohl man natürlich – also, eigentlich – auch all die Facebook-Einträge der letzten Jahre mal irgendwann irgendwie irgendwo archivieren müsste…

Ein unterirdisches Konzert

Wenn die Rheinischen Philharmoniker im Kölner Kronleuchtersaal auftreten, wird das kein Schlosskonzert. Sondern das genaue Gegenteil. Wer besagten Saal betreten will, stolziert keine barocke Prunktreppe hinauf. Er zwängt sich durch ein enges gemauertes Stiegenhaus, das sich unter einer gruftähnlichen Stahlklappe versteckt, die wiederum an einer Ecke der Grünanlage am Theodor-Heuss-Ring in der nördlichen Kölner Neustadt liegt. Und er nimmt sich besser einen der kleinen Pfefferminzstrauchzweige mit, die eine freundliche Dame mit den Empfehlungen der Kölner Stadtentwässerungsbetriebe am Eingang zum Orkus anreicht.

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Der gemauerte Saal am Ende des Ganges wurde 1890 eingeweiht. Eine verzierte Gedenktafel an der Stirnwand erinnert an die für den Bau verantwortlichen Stadtoberen. Zwei Abwassersammelkanäle treffen dort zusammen, um vereint in Richtung Klärwerk weiterzufließen. Auf einer kleinen, an einen Bahnsteig erinnernden Plattform in dem etwa viereinhalb Meter hohen Tonnengewölbe ist genug Platz für etwa fünf Dutzend Klappstühle und vier Musiker.

Kronleuchtersaal heißt diese Höhle, weil auch Wilhelm II. sich das brandmoderne Bauwerk im Jahr seiner Einweihung anschauen wollte und man aus diesem Anlass zwei Kronleuchter unter die gemauerte Decke hängte. Der Saal ist also einer der ganz wenigen Orte, die selbst ein Kaiser zu Fuß aufsucht.

Und er riecht auch ganz genau so. Die Abwässer fließen munter plätschernd in braunem Strome hinter einem etwa kniehohen Mäuerchen vorbei. Gelegentlich dringt lautes Wasserplatschen ans Ohr, wenn in einem der größeren Wohnblöcke in der Nachbarschaft ein Sammelbehälter seine Pforten öffnet. Ja, das ist alles live, meine Damen und Herren.

Warum um alles in der Welt finden an so einem Ort klassische Konzerte statt? Ganz einfach: Die Akustik in dem Raum mit den drei Röhren ist einzigartig. Und so sitzt an diesem schönen warmen Sommerabend ein etwas flach atmendes, festlich gekleidetes Publikum auf den Holzstühlen mehrere Meter unter dem Erdboden, lauscht Bach-Klängen und versucht gleichzeitig, so gut es eben geht, die Bach-Geräusche und -Gerüche zu ignorieren.

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Klassik in der Kanalisation. Samt einer Zugabe, die sich – mit Einverständnis des Publikums – nicht allzusehr in die Länge zog. Ein wahrlich unterirdisches Konzert. Musik, die man noch Tage später im Ohr hat, ist schon selten genug. Diese hier hatte man auch tagelang noch in der Nase.

Mit anderen Augen

Es ist Samstag, es ist früher Nachmittag, ich sitze wieder vor dem Bildschirm. Mal wieder. Seit geschätzten zwei Wochen schlage ich mich Tag für Tag, Nacht für Nacht mit einem der beliebtesten Luxusprobleme des frühen 21. Jahrhunderts herum: Was für eine neue Kamera soll ich mir nur kaufen?

Für einen mit der Bedienung des Internets vertrauten Menschen ist die Anschaffung eines neuen technischen Produkts normalerweise eine Sache von höchstens zwei, drei mehr oder weniger vergnüglichen Abenden am Rechner. In erster, grober Vorauswahl legt man sich auf eine Produktkategorie fest, definiert ein paar der wichtigsten Anforderungen und Must-Haves auf einer Stichpunktliste und stürzt sich alsdann mit Wonne in die schöne bunte Welt der Fachseiten, Testberichte und Amazon-Rezensionen. Schnell kristallisieren sich die ersten Favoriten heraus, die dann noch einmal einer genaueren Gegenüberstellung mit Hilfe einer Pro-und-Contra-Aufstellung unterzogen werden. Hat sich schließlich der Sieger herausgeschält, wirft man Idealo & Co an, um den günstigsten Preis herauszufinden und bestellt zuletzt beim Onlineversand seines Vertrauens oder schaut – wenn der örtliche Einzelhandel preislich halbwegs mithalten kann, was zu hoffen ist – im Fachgeschäft vorbei. Am Ende kommt der DHL-Mann, Zettel im Briefkasten („heute jedoch nicht!“), Abholakt auf dem Amt, fertig.

Nicht so ich, nicht so in puncto Kamera. Anlass der Kaufblockade ist eine bevorstehende Indonesienreise im Herbst, die ich zum Anlass genommen habe, meine bildtechnische Ausstattung einmal einer Revision zu unterziehen. Es folgt der Aufmarsch der Gladiatoren, symbolisiert durch Testbilder vom abendlichen Balkon:

Fotografiert mit Fuji Finepix S9500
Fotografiert mit Fuji Finepix S9500

Da wäre zum ersten die treue Bridgekamera Fuji S9500 von 2006. Jahrelang hat sie mir treu Tausende von Fotos für Zeitungen und mein Blog produziert. Ihr 10-Megapixel-Festobjektiv zoomt mit beeindruckenden 28 bis 300 Millimetern. Dank ihres ausklappbaren Displays habe ich als frischgebackener Jungredakteur zum ersten Mal Fotos aus ungewohnter Perspektive schießen können und die angenehme neue Erfahrung machen dürfen, statt „Herr Heckert hat ja manchmal ein bisschen Probleme mit dem Fotografieren“ hören zu dürfen: „hey, schönes Bild“. Aber die Bildqualität selbst hat mich noch nie wirklich umgehauen – ich fand die Fotos grundsätzlich zu verrauscht. Zehn Zentimeter weniger Zoom, dafür etwas mehr Lichtstärke wären fein gewesen.

Fotografiert Canon Powershot A2000 IS
Fotografiert Canon Powershot A2000 IS

Die handliche Pocket Canon A2000 IS, angeschafft 2008, hat sich vor allem auf Touren und als tägliche Alltagsknipse gut bewährt. Bei ihr und der Fuji war die Kaufvoraussetzung, dass sie mit handelsüblichen 1,5-Volt-AA-Batterien laufen – die man zur Not selbst in Timbuktu in jedem Gemischtwarenladen nachkaufen kann. Ihr Display ist allerdings nicht schwenkbar, was Aufnahmen über Kopf und aus der Froschperspektive erschwert. Außerdem haben sich auf dem Sensor offenbar Staubkörner abgesetzt, was bei geblitzten Aufnahmen im Dunklen arg stört. Die Bilder sind okay und deutlich lichtstärker als die der Fuji, wobei die A2000 IS einen gewissen Hang zu romantischer Verklärung hat. Siehe oben.

Fotografiert mit Canon EOS 300D
Fotografiert mit Canon EOS 300D

Der Dritte im Bunde ist eine Canon EOS 300D von 2003, meine erste digitale Spiegelreflex. Wunderbar geeignet zum Üben von Belichtung, Blende und ISO-Werten. Besonders schweres, wertiges Gehäuse. Liegt von allen dreien am besten in der Hand. Ihre Nachteile: Die Auflösung ist mit 6 Megapixeln eher gering. Das relativ kleine Display bietet keine LiveView-Vorschau und lässt sich ebenfalls nicht herausklappen oder -schwenken. Dafür sind die Bilder am besten. Hier noch ein zweites – man beachte, wie schön das Rot der Blumen im Vordergrund noch leuchtet:

Fotografiert mit Canon EOS 300D
Fotografiert mit Canon EOS 300D

Soweit der Ist-Zustand. Eigentlich sollte es doch nicht schwer sein, im selbstgesteckten Preisrahmen von 500 bis 800 Euro einen halbwegs geeigneten aktuellen Nachfolger zu finden. Zumal viele Versandhändler und Elektronikmärkte 0%-Finanzierungen anbieten und die beiden größten Hersteller Nikon und Canon im Juli mit Cashback-Aktionen den Käufern zwischen 50 und 80 Euro per Scheck zurückerstatten.

Doch schon bei der ersten grundsätzlichen Entscheidung für den Kameratypen drehe ich mich jetzt seit zwei Wochen im Kreis. Dann so alternativlos wie noch vor drei, vier Jahren sind die Einsteiger-Spiegelreflexkameras von Nikon, Canon & Co. gar nicht mehr. Die neue Klasse der Systemkameras macht ihnen ganz schön Dampf unter den Bodys. Und auch die High-End-Pocketkameras von Canon und Nikon kratzen an der Tür zur Oberstufe. Drei ganz verschiedene Kameraklassen stehen also zur Debatte.

Fangen wir mit den klassischen Kompakten an. Sagte nicht schon Konfuzius: „Die beste Kamera ist die, die man dabei hat“? Darum wollte ich mir schon vor Jahren eine Canon Powershot G12 als Universalknipse zulegen. „Built like a tank“ hieß es über ihre Verarbeitungsqualität gerne in amerikanischen Vergleichstests; mittlerweile ist sie allerdings unter anderem von der G1X mit einem größeren Sensor überholt worden (der direkte Nachfolger G15 hat kein Schwenkdisplay mehr und scheidet daher aus). Nikon schickt die P7700 ins Rennen, die im Gegensatz zum Vorgänger P7100 nun endlich auch ein bewegliches Display hat.

Reizvolle Alternativen sind die günstigeren Samsung-Modelle EX1 und vor allem EX2F: Die beiden Koreaner sind noch kompakter, aber ähnlich wertig verarbeitet wie die Platzhirsche aus Japan. Die EX2F bietet 12 Megapixel und ist mit Bord-WLAN und NFC besonders gut vernetzt.

Eins aber können alle Kompakten nicht: den Spiegelreflex- und Systemkameras das Wasser reichen. Alle Tester sind sich einig: Ganz oben auf der Qualitätsskala spielen die Fotos der Festobjektivkameras nicht mit. Die eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht. Wechselobjektive für verschiedene Motivanforderungen logischerweise auch nicht – one size fits all. Aber wenn wir schon 500 Euro und mehr ausgeben, sollte da nicht die Bildqualität eine der wichtigsten Anforderungen sein?

Was uns zur spannendsten der drei Geräteklassen bringt: den Systemkameras. Viele Vergleichsreihen bescheinigen etwa der NEX-Reihe von Sony deutlich bessere Bilder als mancher Mittelklasse-DSLR. Warum also noch einen voluminösen Klappspiegelmechanismus in einem noch voluminöseren Gehäuse mit sich herumschleppen, wenn am Ende das selbe 16 Megapixel-JPG herauskommt? Also überspringen einfach wir das Zeitalter der Dinosaurier mit ihren steinzeitlichen mechanischen Spiegeln! Denken wir in neuen Kategorien!

An der Spitze der Systemkamera-Bestenlisten stehen die Sonys NEX-Modelle. Die NEX-6 etwa war im Dezember 2012 „Editor’s Choice“ bei CNet. Die etwas günstigere NEX-5R ist mit ihrem 16-50er-Objektiv flach genug für jede Tasche und schon für knapp unter 600 Euro zu haben. Ihr Display ist wunschgemäß klappbar, sogar WLAN hat sie dabei. Bingo!

Bingo? Gegen die NEX-5 spricht, dass sie keinen eingebauten Blitz hat, nur einen zum Aufstecken. Die Kit-Objektive 18-55 und 16-50 mm bleiben, wie alle Kit-Scherben, hinter den Möglichkeiten der Kamera zurück. Wirklich viele Wechselobjektive gibt es für Sonys E-Bajonett auch noch nicht. Das Bedienmenü wird als arg unübersichtlich kritisiert.

Und noch ein Gedanke: Für die allermeisten Schnappschüsse ist doch eigentlich schon bei weitem ausreichend, was heute jedes moderne Smartphone an Bord hat. Braucht man da wirklich zwei Kameras in der Jackentasche? Schon beim vorletzten Segelfluglager in Feurs habe ich die Canon A2000 IS zu Hause gelassen und nur mit meinem iPhone 4 fotografiert. Die Fuji nehme ich schon seit Jahren nicht mehr auf Reisen mit: Der Qualitätsvorsprung gegenüber der kleinen Canon, soweit überhaupt vorhanden, rechtfertigt das Mehrgewicht und die störende große Kameratasche nicht.

Bleibt noch die gute, alte Königsklasse: die Spiegelreflexkamera. Angenehm schwer liegt sie in der Hand, das Gehäuse verträgt schon mal einen Schlag und leicht lassen sich mit so einem schwarzen Klotz in der Hand beim Pressetermin Bürgermeister, Geschäftsführer und Vereinsvorsitzender zum Klassenfoto herumscheuchen (was für einen Journalisten tatsächlich ein nicht von der Hand zu weisendes Kaufkriterium sein kann). Die Modelle der Marktführer sind um Dutzende von Objektiven und Blitzgeräten erweiterbar und erfreuen mit erwiesenermaßen hervorragender Bildqualität. DSLR: das ist zwar Technik aus dem 19. Jahrhundert, aber eben auch absolut ausgereift. Eine nachhaltige Entscheidung für viele Jahre – da weiß man, was man hat, guten Abend.

Oberhalb der absoluten Einsteigergeräte in diese Klasse liegen die beliebten EOS 700D von Canon und D5200 von Nikon. Die Nikon mit ihrem 24-Megapixel-Sensor liegt in allen Vergleichstests vorne, die Canon kann dafür als einzige DSLR mit einem Touch-Display beeindrucken – als Smartphone-Nutzer ahnt man, was das für den tatsächlichen Einsatz bedeutet. Ansonsten tun sich die beiden Standardkameras im unteren Preissegment im direkten Vergleich nicht viel. Zufriedenheit ist bei beiden quasi garantiert.

Aber: Nimmt man so ein schweres Teil denn auch wirklich noch mit auf Touren? Hat man nicht im Gedränge immer Angst um die Tasche mit ihrem teuren Inhalt? Olympus wirbt für seine PEN-Systemkameras mit der Aussage: „90,2% der Zeit bleiben DSLR-Kameras in der Schublade“.

Klares Patt also. Und dann waren da noch die Quereinsteiger im Spiel: Die Panasonic Lumix G6 etwa, eine neue Systemkamera mit hervorragender Bildqualität, WLAN und NFC. Kaum kleiner als eine Spiegelreflexkamera allerdings – dafür sicher gut zu handhaben. Oder die Spiegelreflex Sony Alpha SLT-A57, die mit ihrem halbtransparenten Spiegelsystem von der Bildqualität her ganz oben mitspielt.

Besuche im Elektronikmarkt sollten Klarheit bringen. Doch sie warfen nur alle Erkenntnisse wieder über den Haufen. Betrat ich das Gebäude mit der Nikon D5200 als Favoriten, verließ ich es mit der Canon EOS 700D im Kopf. Zu schlecht ließ sich das Nikon-Gehäuse mit der rechten Hand halten, vor allem die Auflagefläche für den Daumen ist viel zu klein. Die Systemkamera Sony NEX-5R wiederum, auf die ich besonders gespannt war, entpuppte sich als so zierlich und fragil, dass ich vor allem ihrem Klappdisplay jahrelangen härteren Einsatz nicht zutrauen mochte.

Dafür tauchten plötzlich völlig neue Sterne am Himmel auf: Die Canon EOS 60D zum Beispiel, eine schon etwas in die Jahre gekommene Mittelklasse-Spiegelreflex von 2010, deren 18-MP-Sensor aber noch bis in die aktuelle 700D hinein verbaut ist. Der Youngtimer kann mit einem spritzwassergeschützten Gehäuse aufwarten, das rechts auf der Oberseite über dem Handgriff eine klassische – und sogar beleuchtete – Digitalanzeige für die Kameraeinstellungen hat. WiFi, GPS, einen Touchscreen oder gar NFC sucht man dagegen vergebens.

Als ich sie in die Hand nahm, wusste ich: So muss sich eine Kamera anfühlen. Über den mit 799 Euro (inklusive 18-55er Kitobjektiv) erstaunlich günstigen Preis im Markt (die neue EOS 700D kostet dort, mit allerdings neuerem Objektiv, 719 Euro) wunderte ich mich nur so lange, bis Google mir zu Hause verriet, dass vor nicht einmal zwei Wochen der Nachfolger 70D vorgestellt worden ist. Worüber mich der freundliche Canon-Berater im Markt mit einem nebulösen „ein Nachfolgemodell wird natürlich in Vorbereitung sein, aber genaueres kann ich Ihnen auch nicht sagen“ klar im Unklaren gelassen hatte. Die 70D selbst fällt mit ihrem angekündigten Preis von 1200 bis 1500 Euro je nach Kit-Objektiv übrigens ebenso klar aus dem selbstgesteckten Preisrahmen heraus. Die 60D dagegen gibt’s im Zuge der aktuellen Cashback-Aktion schon ab 680 Euro mit dem 18-55er-Kit-Objektiv.

Und dann ist da noch die kleine Systemkamera Samsung NX300. Ein weiterer Überraschungsgast an der Spitze des Pelotons, der wie aus dem Nichts nach dem Gelben Trikot greift. Der Blick auf ein Samsung-Verkaufsdisplay im Laden mit mehreren Kameras und Tablet-PC war lohnend. Die NX300 besticht mit einem überaus edlen Gehäusefinish, liegt sehr angenehm in der Hand, hat ein durchaus solide wirkendes Klappdisplay und eine ganze Palette an Vernetzungsmöglichkeiten von WLAN über NFC bis zur direkten Anbindung von E-Mail- und Facebook-Account. Whow. Wenn Systemkamera, dann so, gerade wenn man gerne multimedial unterwegs ist.

Also immer noch keine Entscheidung, nicht einmal für die Kameraklasse. Wer weiß, welches Modell sich morgen in mein sehnendes Hirn schiebt? Die Panasonic Lumix G6? Die Olympus PEN E-PL5?

Geh mir weg mit deiner Lösung!
Sie wär der Tod für mein Problem.
Jetzt lass mich weiter drüber reden
– ist schließlich mein Problem
und nicht dein Problem. (Annett Louisan)

Es ist Sonntag, es ist drei Uhr nachts, ich sitze immer noch vor dem Bildschirm. Danke für Eure Aufmerksamkeit.