Ans Ende der Welt (2): Das Kind im Manne

In jedem Mann steckt ein Kind, um auch den zweiten Teil dieser Reihe mit einer Plattitüdemit einem klugen Spruch anzufangen. Da beim morgendlichen Rasieren gelegentlich graue Stoppeln in mein Waschbecken rieseln, muss ich mittlerweile im Mannesalter angekommen sein. Doch unter der angejahrten Hülle steckt definitiv noch ein Kind. Und das verlangt nach Spielzeugen. Mehr Spielzeug!So eine lange Reise ist natürlich eine ideale Gelegenheit, derlei Spieltrieb zu befriedigen. Ach was sag ich: eine Verpflichtung! Gut, dass wir im Zeitalter des Dispokredits leben.

Zu groß, zu klein, halbwegs passend: mein Hosentrio
Zu groß, zu klein, halbwegs passend: mein Hosentrio

Frisch ans Werk also. Erstmal eine neue Motorradhose angeschafft. Die alte, Größe XXXL (oben), die hatte ich vor zehn Jahren gekauft, als ich noch viele Kilos mehr zählte als heute, und seitdem schlackert sie um meine verschlankten Waden. Die zweite wiederum, Größe L (unten), die habe ich vor sechs Jahren gekauft, als ich einmal für kurze Zeit diverse Kilos weniger zählte als heute, und seitdem zieht sie im Schrank den Staub an. Die nunmehr dritte (Mitte), vor wenigen Tagen frisch Erworbene, die liegt größenmäßig irgendwo dazwischen. Dass beim Hinsetzen noch gerne mal der oberste Druckknopf aufspringt, nehme ich als Ansporn, demnächst wieder etwas konsequenter zu sein mit dem Salatessen. Demnächst.

Weiter auf der Einkaufsliste. Eine Regenkombi muss her, denn was ist, wenn es auf der Rückfahrt tagelang dauerschüttet, man aber einfach übermorgen wieder im Büro sein muss?

Intensives Prospektstudium klärt mich auf, dass neben den althergebrachten Regenpellerinen aus wasser- und luftdichtem Kunststoff (Nachteil: Man schwitzt von innen fleißig gegen die Feuchtigkeit von außen an) inzwischen auch Exemplare mit atmungsaktiver Membran auf dem Markt sind. Solche Membranen haben meine normalen Motorradklamotten allerdings auch, doch die Fahrten durch Skandinavien und Spanien haben mich gelehrt: Wenn man stundenlang mit aufrechtem Oberkörper durch den Regen knattert, kriecht einem die Dauerpfütze auf der Sitzbank doch irgendwann in die Unterwäsche. Sorry, Mister Goretex, ich wähle die Plastikhaut nach alter Väter Sitte.

Aber wo wir schon einmal die Kreditkarte gezückt in der Hand halten: wasserdichte Überschuhe brauche ich noch. Für zum über die Stiefel drüberziehen. Und ein spezielles, winddichtes Halskragentuch, soll ja schon mal was frischer werden da oben am Polarkreis. Jetzt darf es denn auch mal Goretex sein. Ach, und geben Sie mir bitte Ersatzhandgriffe für Kupplung und Bremse, falls die vollbeladene Maschine mal umkippt und so ein Hebelchen abbricht. Und neue Rückspiegel, wo wir schon mal im Katalog blättern. Gut, dass in Aachen sämtliche großen deutschen Motorradhändler Filialen haben.

Was noch? Brauch ich ein neues Zelt, oder reicht das alte noch? Ich vergaß zu erwähnen, dass sich mittlerweile über ein Motorradforum eine Mitfahrerin – sogar mit Nordkap-Erfahrung – gefunden hat. Die delikate Frage, ob ein großes Zelt oder viele zwei kleine mit sollen, bedarf noch einer diplomatischen Klärung.

Bis jetzt hielten sich die Ausgaben noch im Rahmen. Ein schicker neuer Helm sollte also noch drin sein. Ist ja schließlich ein nicht ganz unwichtiger Teil der Ausrüstung, und der alte – ebenfalls vor zehn Jahren angschafft, damals, während der ersten Fahrstunden – hat auch schon die eine oder andere Schramme. Also wieder intensiv das Angebot in Katalogen und Online-Shops gewälzt.

Für 150 bis 200 Euro sollte schon ein vernünftiger Klapphelm zu bekommen sein. Das Einsteigermodell von Probiker gibt’s schon für 119 Euro, das von MTR sogar nur für 99. Oder vielleicht ein Vorjahresmodell von Nolan für 169 Euro? Ein Caberg? Ein Airoh? Shark? Marushin? Ein Auslaufmodell von Shoei? Als mir die freundliche Verkäuferin mit den Worten „man hat schließlich nur einen Kopf, probier doch den hier mal“ das Spitzenmodell ihrer Kollektion nahebringen will, den Schuberth C3 für stolze 480 Euro, werde ich energisch: Alles hat seine Grenzen, auch und vor allem mein Dispo. Diese High-Tech-Haube ist etwas für pensionierte Sparkassenvorstände, die auf einer Harley oder dicken BMW-Boxer in den dritten Lebensabschnitt reiten wollen.

Doch so viele Helme ich auch auf mich stülpe, sie alle haben einen Nachteil: Keiner passt. Jedenfalls nicht richtig. Seit Vater Staat nach meinen Diensten verlangte und mich Helme in Olivgrün tragen hieß, weiß ich, dass mein Schädel nur mit Hutgröße 63 angemessen bedeckt ist. Das ist mindestens ein Zentimeter mehr als der deutsche Durchschnittsklotzkopf. Schon aus dem Styroporfutter des alten Helms musste ich ein Stück Stirnschutz heraussäbeln, damit er kopfschmerzfrei zu fahren war.

„Du kannst den Schuberth doch mal aufsetzen, dann weißt du wenigstens, dass selbst der nicht passt“, empfiehlt die hilfreiche Verkaufsfee. Na schön, was habe ich zu verlieren. Das silberne Spitzenmodell, garantiert Made in Germany, wird aus dem oberen Regal geholt. Klapp, sagt das Visier. Um mich herum wird es still.

„Verdammt“, sage ich.

Denn sonst gibt es auch nichts zu sagen. Er sitzt, er passt, er umschmeichelt meinen Schädel so perfekt, als hätte jemand heimlich einen Gipsabdruck genommen, damals im Kreiswehrersatzamt 1989.

„Das nehme ich dir jetzt ein kleines bisschen übel“, grummele ich die Fee an. „Weißt du eigentlich, dass wir gerade eine Zwanzig-Prozent-Rabattaktion haben?“, flötet sie siegessicher zurück.

Taa... tataaaaaa... taataaaaaaaaa ("Also sprach Zarathustra")
Taa… tataaaaaa… taataaaaaaaaa („Also sprach Zarathustra“)

Nun ja. Da ist er also. Doppelt so teuer wie einkalkuliert ist immerhin nicht dreimal so teuer. Außerdem, und letztlich kann man auch dieser Plattitüde diesem klugen Spruch nicht widersprechen: Außerdem hat man schließlich nur einen Kopf.

Ans Ende der Welt (1): Gedankenspiele

Auch die längste Reise, sagt ein sicherlich chinesisches Sprichwort, beginnt mit dem ersten Schritt. Das ist nur die halbe Wahrheit, denn bevor der erste Schritt getan werden kann, muss die Reise geplant werden. Die längste Reise beginnt also mit dem ersten Gedanken an sie. Einem Gedanken wie diesem: Wohin komme ich, wenn ich so weit fahre, wie es geht? Zum Beispiel: so weit nach Norden wie möglich?In Zeiten von Google Maps ist die Frage so einfach beantwortet wie nie. Man kommt an diesen Ort:

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Das Ende der Welt in nördlicher Richtung heißt Nordkapp, in der Landessprache mit doppeltem P, und liegt auf der Insel Magerøya in der Provinz Finnmark in Norwegen.Auch die nächste Frage ist dank Google einfach beantwortet. Vom Aachener Europaplatz aus sind es genau 3186 Kilometer bis dahin. Einfach auf die A4, am Kreuz Köln-West links abbiegen auf die A1, dann immer nach Nordwesten Richtung Bremen und Hamburg. Der kleine Fährhüpfer von Puttgarden nach Rødby über die Ostsee bleibt das einzige Mal, dass wir den festen Boden verlassen müssen. Schon sind wir in Skandinavien, der Rest ist ein Pappenstiel: Malmö – Kopenhagen – Stockholm – Uppsala. Da haben wir dann auch schon fast die Hälfte geschafft. Die restlichen 1670 Kilometer geht es einfach weiter den Bottnischen Meerbusen hoch, über den nördlichen Polarkreis, ein Stück durch Finnland, ein Stück durch Norwegen, durch einen fast sieben Kilometer langen (und furchtbar teuren) Mauttunnel auf die Nordkapinsel, et voilà. Da sind wir schon.Aber was heißt: schon? Dem ersten Gedanken folgen weitere. Denn laut Google schafft man die Fahrt durch fünf Länder und halb Europa (zum Vergleich: bis zum Capo Passero auf Sizilien sind es gerade einmal 2333 Kilometer) in nur einem Tag und 13 Stunden. Das dürfte nur zu machen sein, wenn man beim Tanken den Motor nicht abstellt und die Rentiere auf der Landstraße so zügig umkurvt wie Maria Riesch die Slalomstangen von Whistler.

Das Nordkap. Wer schon einmal da war, sagt oft: Ganz schön öde, die Fahrt. Und oben gibt es nichts zu sehen, außer einem Besucherzentrum und einer langen, langen Reihe von Wohnmobilen, fein säuberlich auf einen Sonnenuntergang ausgerichtet, der im Sommer nicht einmal stattfindet. Lohnt das die Fahrt? Die Mühe? Das Geld?

Der Weg ist das Ziel, sagt ein anderes Sprichwort. Vielleicht ist es besser, das Nordkap nicht als Höhepunkt, sondern als Anfang der eigentlichen Reise zu verstehen. Die fast 3200 endlosen Autobahn- und Landstraßenkilometer als Vorspiel. Die eigentliche Reise würde dann am Kap beginnen und nicht auf dem selben Weg zurückführen, sondern viel weiter westlich verlaufen: die norwegische Küste entlang. Atemberaubende Fjorde, steile Schluchten, Gletscher und Wasserfälle, Serpentinenstraßen, Meerblick. Vielleicht ein Abstecher auf die Lofoten? Wale beobachten? Das wäre eine Reise! Dafür könnte man sich auch gut und gerne zwei, drei Wochen Zeit lassen. Wann kann ich mir dieses Jahr eigentlich Urlaub nehmen?

Den ersten Überlegungen folgen Erinnerungen. An die Norwegenfahrt vom Juni 2008 (siehe 2008-06: Skandinavien).

Blick vom Preikestolen den Lysefjord hinauf
Blick vom Preikestolen den Lysefjord hinauf
Marc auf dem Preikestolen
Auf dem Preikestolen

Die Überlegungen verfestigen sich, werden von vagen Gedankenspielen zu konkreten Plänen. Mit dem Auto kann es jeder, wenn auch vielleicht nicht in einem Tag und 13 Stunden. Nein, es muss schon wieder mit der Freewind sein, wenn man dereinst am prasselnden Kamin die Enkelkinder beeindrucken will. Mit Zelt und Schlafsack. Durch Sonne und Regen. Den Wind spüren und mit der Nase das fremde Land erschnuppern. Schnell hin, gemütlich zurück.

Einmal ans Ende der Welt also. Der Gedanke ist gefasst. Die längste Reise hat begonnen.

Flieglinks

So, da bin ich mal wieder. Ahem. War nicht viel mit Fliegen in den letzten Monaten. Meine Ratings für Single Engine Land und Touring Motor Glider sind letztes Jahr abgelaufen – jetzt ist ein Skill Test fällig. Und auf den sollte man sich besser vorbereiten…

Für die Zwischenzeit gibt es hier etwas zu lesen.

Höllenritt auf der Holzrakete“ auf einestages.de beschreibt die kurze und wenig ruhmvolle Geschichte des Mehrweg-Raketenjägers Bachem „Natter“ kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs.

Im „Das Rätsel des Fliegenden Auges„, ebenfalls auf einestages.de, geht es um eine geheimnisvolle Bilderserie brillanter Fotos, ebenfalls aus dem Krieg. Zu sehen ist die Mannschaft eines Aufklärers vom Typ Focke-Wulf 189 „Uhu“ bei Einsätzen in der Ukraine etwa 1942.

Was es mit den Bildern auf sich hat und welches schreckliche Motiv der mittlerweile identifizierte Bordfotograf später noch vor die Linse bekommen sollte, wird in der Fortsetzung, „Das Geheimnis des fliegenden Auges„, aufgeklärt.

Nach so viel düsteren Meldungen noch ein positiver Ausblick nach vorne: So wie es derzeit aussieht, bin ich dieses Jahr doch zumindest für zwei, drei Tage beim Segelfluglager der FVA in Feurs dabei. (Jetzt muss ich auch noch Französisch üben…)