Nachtrag

Sorry. Nochmal. Auch wenn sich der Widerstand gegen die Internetsperren mittlerweile von der Katholischen Jungen Gemeinde bis zu großen Teilen der SPD (hier der offene Brief eines 22-jährigen SPD-Mitglieds kurz vor dem Parteiaustritt) erstreckt, wird das „Zugangserschwerungsgesetz“ kaum noch zu verhindern sein.

Ich habe in den Aachener Nachrichten vom 17. Juni einen größeren Hintergrundtext mit Kommentar zu dem Thema geschrieben.

Vielleicht am schönsten aber hat Ennomane in diesem fiktiven Interview erklärt, worum es dabei geht: Nämlich doch um Zensur.

So. Ich bitte um Entschuldigung, dass ich dieses Off-Topic-Thema in einem Motor- und Reiseblog behandele. Aber die Sache ist zu wichtig – und wofür sind Blogs schließlich da, wenn nicht zur Vernetzung?

Sie nennen sie Zensursula

Oder Ursula von den Laien. Mit nichts hat die Bundesfamilienministerin die internetaffine Bevölkerung dieses Landes so gegen sich aufgebracht wie mit ihrem Plan, den Zugang zu kinderpornografischen Webseiten durch Stoppschilder zu erschweren.

Das hört sich zunächst sinnvoll und unterstützenswert an (wer wäre schließlich nicht dafür, solche Widerlichkeiten zu blockieren?). Bei näherem Hingucken entpuppt sich das geplante Gesetz jedoch als bloße Alibipolitik – die Sperren können kinderleicht umgangen werden, die Pädophilenszene dürfte sich kaputtlachen – mit dahintersteckendem Einstieg in eine großräumige Überwachung des Surfverhaltens weiter Teile der Bevölkerung.

Im zweiten Schritt können mit der neu aufgebauten Filter-Infrastruktur dann weitere missliebige Internetangebote gesperrt werden, etwa Musiktauschbörsen, Glücksspielseiten oder extremistische politische Webseiten. Was auch bereits von ersten Politikern gefordert wird. Vorbei wäre es mit der Kultur eines freien Internets. China lässt grüßen.

Ich erspare es mir jetzt, die lange Liste der Unsinnigkeiten des geplanten Gesetzes zu erläutern. Wer es geschafft hat, die heißen Debatten der letzten Monate komplett zu verpassen, gebe einfach „Zensursula“ bei Google ein. Als einziger von unzähligen Artikeln zum Thema sei „Die Generation C64 schlägt zurück“ von Christian Stöcker auf Spiegel Online genannt.

Nur auf eines möchte ich denn doch noch hinweisen: Die Frist für die Unterzeichung der Online-Petition beim Deutschen Bundestag endet morgen, am 16. Juni. Bislang haben über 127.000 Menschen unterschrieben (auch ich). Damit ist die Petition ganz knapp die zweiterfolgreichste aller Zeiten – nur eine Initative für billiges Benzin fand bislang noch mehr Unterzeichner.

Wem es am Herzen liegt, dass auch künftige Generationen freien, ungefilterten Zugriff auf das Internet haben, der sollte sich überlegen, ob er seinen inneren Schweinehund jetzt überwindet. Und zwar schnell. Wer’s nicht über sich bringt, verliert automatisch das Recht, sich über internetfremde und inkompetente Politiker aufzuregen.

Ornbau 2009

Ach, Ornbau. Auch wenn ich im zweiten Jahr nicht mehr ganz so restlos erschlagen war von der schieren Wucht des Erlebten wie 2008, ein Erlebnis war es auch dieses Mal.

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Merken muss ich mir allerdings für 2010, dass man besser um 16 Uhr ankommen, als von zu Hause abfahren sollte.

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Sonst ist nämlich schon alles voll auf der Wiese…

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…auf der der Moorbraune dann aber doch noch sein Plätzchen fand. Sogar das Mammutzelt vom Sebastian – im Hintergrund zu sehen – ließ sich noch zwischen einem Wohnwagen und einer runtergerockten Pagode (O-Ton Kaype) unterbringen. Wenn auch zwischen dem Eingang des Leinwand-Eigenheims und der Seitenwand des Caravans nur etwa acht Zentimeter Platz waren.

Nach der Ankunft tat ich das, was ich letztes Jahr schon tat: Zur nächsten Waschanlage fahren und anschließend einige etwas ausgeblichene Lackpartien des Coupés mit é zu schokoladigem Strahlen polieren. Irgendwie kommt Ornabu jedes Jahr so plötzlich, dass dazu vorher keine Zeit mehr ist.

Jetzt aber auf, zu einem Rundgang!

Ornbau 2009 stand unter dem Zeichen des fünfzigjährigen Geburtstags der Heckflosse. Das Exemplar am Ortseingang sah allerdings so aus, als wäre es direkt aus dem Jahr 1959 nach heute und dann wieder zurückgefahren.

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Eine Leiche aus Portugal – in jeder Hinsicht.

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Den Portugiesen sagt man ja einen gewissen Hang zur Melancholie nach. Wäre ich ein Autorestaurateur von der Westkante der iberischen Halbinsel, wäre Trübsinn noch die mildeste meiner Auto-Emotionen.

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Nehmen und direktemang ab ins Museum damit. Meine Meinung. Gut, dass es nicht geregnet hat.

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Nein, da reckten sich doch weitaus schönere Flossen in den fränkischen Himmel.

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Diese hier hatte es mir mit ihrem betörenden Rotton angetan.

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Wobei auch ein sattes Grün entzücken kann. Agave nennt sich das hier wohl. Auf dem besten Weg, in Sachen Exclusivität in moorbraune Sphären vorzustoßen (und um die Frage gleich zu beantworten: Nein, ein zweiter Benz in Farbcode 479 war auch dieses Jahr nicht am Start).

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Ansonsten habe ich es mir geschenkt, wieder jedes halbwegs hübsche Fahrzeug abzulichten – zumal mir geschätzte 90 Prozent der Wagen eh noch vom letzten Jahr her bekannt vorkamen. Einige besonders ausgefallene Exemplare sollten allerdings nicht unabgelichtet bleiben.

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So wie dieses formal nicht ungelungene (sind doppelte Verneinungen nicht einfach unnegativ?) 190er-Cabrio. Gut, die mysteriösen Lackblasen unter den Türsicken darf man sich lieber nicht genauer angucken…

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Einen Blick wert waren dagegen die vielen Schilder und Embleme an den Exponaten, wie dieses seltene 220_Diesel-Schild, das angeblich in Großbritannien üblich war.

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Stilvoller Aufkleber zur Abwrackprämie im Achtziger-Jahre-Look.

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Hätte ich nur auf Mutti gehört, damals. Was sie gesagt hat? Keine Ahnung, hab ja nicht zugehört.

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W126 mit übertriebenem Hang zur Bescheidenheit. Immerhin: 190E, nicht 190 Vergaser.

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Auf der Wiese machen sich mittlerweile immer mehr Plastikbenze der Generationen W124 und W201 breit. Was die immer selbe Diskussion anfeuert, was denn nun der letzte wirklich echte Mercedes war. Die mehrheitsfähige Lösung verschiebt sich vermutlich jedes Jahr ein Stück weit nach hinten auf der Zeitachse. Die Frage, in welchem Modell man bequemer liegt, dürfte dagegen etwas einfacher zu klären sein.

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Eins ist mal sicher: Als Leiche würde man lieber hier aufgebahrt liegen, als im portugiesischen Todesmobil oben. Außerdem können sich hier die Trauergäste während der Fahrt gut an den Griffstangen festhalten.

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Was fällt uns an diesem Verblichenenveteran auf? Linke Seite…

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…rechte Seite? Eigentlich nichts – haben nicht die meisten Autos vier Türen?

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Eine weitere Variation zum Thema Tür und Tod.

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Aber dass Mercedesfahrer Humor haben, müssen sie natürlich an allen Ecken und Enden beweisen. Man lese den aufgeklebten kleinen Zusatz (die Bilder lassen sich übrigens großklicken).

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Überhaupt, der Flohmarkt. Was gab es nicht alles wieder zu Bestaunen und zu Ergattern.

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Ich gebe zu: Die schönsten Klorollenhäkelmützchen der Welt haben mich eine Sekunde lang gereizt. Waren nur die falschen Autochen drauf.

Ich hatte dann freilich mein ganz persönliches Schnäppchenjägererlebnis. Und davon will ich nun berichten.

Denn es begab sich zu Ornbau Anno Domini MMVIII (das war letztes Jahr, für die, die es mit römischen Zahlen nicht so haben), dass ich stand am Stand eines Teppichhändlers Teilehökers und ein Teil einen Teppich in der Hand hielt. Es war eine paßgenaue Fahrerfußraummatte für den W123, cremebeige, Zweitserienschlinge, mit originaler Passformunterschäumung. Hundert Gülden-Silberlinge verlangte der Händler dafür. Mit mir hadernd, wog ich das originalverpackte Stück synthetischen Bodenbelags in meinen Händen: Hatte ich nicht gerade erst ein vielfaches der geforderten Summe für Gummidichtungen und andere Kleinodien ausgegeben? Nein!, sprach ich schließlich zu mir selbst. Einmal muss es gut sein mit dem Geldverprassen! Schweren Herzens legte ich das verhüllte Utensil zurück an seinen Platz und warf dem Händler ein hastiges Lebewohl hin.

Doch kaum war ein Stündelein vergangen, da reute mich mein vorschnelles Tun. Du Tor!, schalt ich mich: Würde ich je im Leben wieder an einen originalverpackten Fahrerfußraumteppich für den W123, cremebeige, Zweitserienschlinge kommen? Flugs raffte ich meine Gewänder und eilte zurück zum Tisch des Händlers, doch siehe! Längst hatte er seine Zelte abgebrochen und war von hinnen gezogen. Betrübt ließ ich den Kopf hängen: Solch eine Gelegenheit, dessen war ich gewiss, würde nie wieder kommen.

Doch was tat das Schicksal? Es verschaffte mir ein Deschawüh. Denn als ich am Samstag, ein Jahr darauf, auf dem Flohmarkt am Ortseingang um eine Straßenecke bog, stand ein Teilemensch an derselben Stelle, an der im vergangenen Jahr der Teppichmann stund. Und auf dem Boden lag ein originalverpackter Fahrerfußraumteppich für den W123, immer noch cremebeige, immer noch in Zweitsellerieschlinge.

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Ich hab sogar noch zehn Euro Rabatt rausgeschunden. Jetzt aber schnell den dunkelbraunen Fußabstreifer draufgelegt, damit man nichts mehr von der beige Beauty sieht!

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Ornbau ist schon ein Phänomen. Die lockere Stimmung, das bunte Programm, die vielen lustigen Einfälle und Ideen – an der auf die Seite gelegten Flosse im Unterbodenworkshop war sogar der Stern auf der Kühlermaske abgekippt – sind einfach wunderbar. Auch wenn man nicht mehr ganz so erschlagen ist wie beim ersten Mal.

Zum Schluss noch ein Blick auf einen anderen Oldie, der einsam am Rande der „freien Wiese“ stand.

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…und erst der Aufkleber vom Schweden-TÜV im Fenster!

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Auch in Skandinavien haben sie eigenwillige Autos gebaut. Damals, als Volvo noch nicht zu Ford und Saab noch nicht zu General Motors gehörte.

Was für eigenwillige Mercedesse man dagegen in England zurechtgeschweißt hat, davon erzähle ich im nächsten Beitrag. Kann allerdings ein, zwei Tage dauern, denn der Verfasser dieser Zeilen hat derzeit kein funktionierendes DSL daheim.